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Sanella-Album Afrika |
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Jürgen Hansen ist ein waschechter Hamburger Junge. An der Wasserkante groß geworden, spielt er am liebsten dort, wo die großen Dampfer aus aller Herren Länder festmachen. Da lagen Schiffe aus Amerika, China und Indien, Australien und Afrika. Sie löschen in der Elbestadt ihre kostbare Ladung. Und es wimmelt nur so von schwarzen und gelben Menschen, Negern und Chinesen, die Bananen und Apfelsinen, Jute und Holz ausladen. Dafür nehmen sie Maschinen, elektrische Geräte und Motoren aus Deutschland an Bord. Oft hörte Jürgen das ihm schon vertraute Kommando von der Schiffsbrücke: ,,Leinen los"! Die Schiffssirenen heulten auf und tuteten über die Stadt hinweg. Die fremden Schiffe nahmen Kurs Elbe, Kurs Cuxhaven, der offenen See, dem Meer zu. Es mußte herrlich sein, jede Woche in einer anderen Stadt, in einem anderen Land zu sein, wie die Schiffsbesatzungen. So ging es Jürgen Hansen durch den Kopf, In ihm reifte der Entschluß. Seemann zu werden. Er wollte die Meere befahren und ferne Länder kennenlernen. Eines Tages war es so weit.. Jürgen Hansen hatte gerade seinen 16. Geburtstag gefeiert. Da erfüllte ihm sein Vater, der alte Lotsenkapitän, den größten Wunsch. ,,Du kannst auf der ,Oldenburg´ als Schiffsjunge anmustern. Ich habe mit dem Kapitän gesprochen", sagte der Vater. Jürgen jubelte vor Freude darüber, daß er nun bald fremde Erdteile sehen sollte, von denen er bisher nur etwas aus Büchern wußte. Die erste Reise ging nach Algier, einer Hafenstadt in Nordafrika. Jürgen war glücklich, endlich selbst Schiffsplanken unter den Füßen zu bekommen. Als Schiffsjunge hatte auch sein Vater angefangen. Er wollte ein guter Seemann werden, versprach Jürgen dem Kapitän. So kam der Tag der Abreise. Die Familie stand am Kai, als die ,,Oldenburg" ablegte. Die Mutter weinte, aber Jürgen lockte die Fremde. Viel hatte sich Jürgen von der großen Welt erträumt, doch das, was er erlebte, ging über alle seine Erwartungen. Darüber erzählt nun Jürgen in diesem Buch.
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Afrika ist der zweitgrößte Erdteil der Alten Welt. Seine Gesamtfläche einschließlich der Inseln beträgt 30,2 Millionen Quadratkilometer. Dieses Gebiet, das fast gleichmäßig beiderseits des Äquators liegt, stellt ein Fünftel des festen Landes unserer Erde dar. Die Gesamteinwohnerzahl wird auf 198 Millionen geschätzt. Die höchste Erhebung des Landes sind: Kilimandscharo (6010 m), Kenia (5242 m), Ruwenzori (5119 m) sowie das Abessinische Hochland (4620 m) und der Atlas (4125 m). Die wichtigsten Flüsse sind: Nil (5920 km), Kongo (4650 km), Niger (4160 km), Sambesi (2660 km), Die größten Seen finden wir in Mittel und Ostafrika: Viktoriasee (68.000 qkm), Tanganyikasee (32.140 qkm), Njassasee (26.500 qkm), Tschadsee 25.000 qkm). An Wirtschaftsgütern liefert uns Afrika u. a.: Kaffee, Kakao, Palmöl, Bananen, Datteln, Erdnüsse, Sisalhanf, Baumwolle, Kautschuk. Das an Bodenschätzen reiche Südafrika besitzt die größten Gold und Diamantenlager der Erde, währen Mittel und Nordafrika über sehr bedeutende Kupfer-, Phosphat- und Salzlager verfügen. |
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Algier.
- Hier begann mein Reiseabenteuer, und wenn ich heute auf die vergangenen Monate zurückblicke, so kann ich nur mit dem Kopf schütteln. Es war eine waghalsige Reise, und immer wieder träume ich von dem Smutje meines Schiffes, der mir bei meinem ersten Landgang in Algier zugerufen hatte: "Wenn es dunkel wird, mußt du wieder zurück sein. Wir lichten gegen Mitternacht die Anker. Der Kapitän wartet nicht!" Na ja, dachte ich, da habe ich ja noch beinahe zwölf Stunden Zeit, mir Algier anzusehen. Wer weiß, wann hier die "0ldenburg" wieder mal vor Anker geht. Eine Barkasse brachte mich an Land. Vergnügt schlenderte ich in die Stadt. Hier hatte ich mir die Häuser und Straßen allerdings ganz anders vorgestellt. Die Geschäftshäuser, die ich sah, konnten ebensogut in Hamburg oder Bremen stehen. Die modernen mehrstöckigen Hochhäuser mit den davor parkenden schnittigen Autos erweckten in mir das Bild einer europäischen Stadt. Deshalb zog ich weiter über die breiten Straßen, die vom Hafen in die Altstadt führten. Mit einem Male zeigte sich mir das bunte Leben einer Seitenstraße, die in das Stadtviertel der Eingeborenen führte. Es war eine kleine Gasse, so dicht bevölkert, daß man kaum mit einem Handkarren hindurch kommen konnte. Ab und zu sah ich Häuserwinkel, in denen marokkanische Korbflechter an der Arbeit waren. Vor einem Verkaufsstand, an dem ein alter Marokkaner Tongefäße feilbot, hatten sich viele Eingeborene versammelt; aber sie kümmerten sich wenig um die Auslagen des Händlers, sondern beachteten mehr das beschauliche Treiben eines greisen Mannes, der seiner primitiven Palmholzflöte wundersame Töne entlockte. Vor ihm, in einem Korb, bewegte sich anscheinend im Rhythmus der eintönigen Melodie eine Schlange.
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Ich jedoch machte die Feststellung, daß diese nicht der Melodie, sondern vielmehr den schaukelnden Bewegungen des Mannes folgte. Es mußte eine große Sache sein, die der alte Marokkaner seinen Landsleuten vorführte, denn überall sah ich aufmerksame Gesichter. Die Sonne brannte so sehr, daß ich meinen Pullover auszog und nur mit einem Turnhemd bekleidet weiterging. Hier gab es schöne Teppiche zu bewundern, dort sah ich, wie Kinder einer alten Frau Melonen aus dem Korb stahlen. Ein paar Mark hatte ich noch in der Tasche. Dafür wollte ich mir einen kleinen Lederbeutel als Andenken anschaffen. Aber niemand kannte unser Geld, und kein Mensch wollte mir dafür etwas verkaufen. Die Sprache der Leute war mir fremd; ich hätte viel darum gegeben, sie zu verstehen. Ich kam nun bald wieder in die Hafengegend. In einer Kneipe, nahe dem Barkassenliegeplatz, schien es besonders lustig zuzugehen. Seeleute aus allen Nationen waren hier vertreten. Und als richtiger Seemann, so dachte ich mir, muß man wohl auch eine Kneipe in Algier besucht haben. So trat ich in einen halbdunklen Raum, der voller Tabaksqualm war. Es roch nach Fusel. Der Wirt stürzte sofort auf mich zu. "Oh - deutscher Seemann -, willkommen bei Hadschi Halem", so redete er mich an. Er hatte mich Seemann genannt. Darauf war ich natürlich sehr stolz. Hadschi Halem schob mir ein Glas Schnaps zu. Puh - das war ein Zeug, so scharf wie Knoblauch. Und ich bekam noch ein Glas und immer mehr von dem Schnaps. Bald hörte ich nur noch den Gesang der Seeleute. Als ich wieder zu mir kam, lag ich mit einem fürchterlich brummenden Schädel auf einem schmutzigen Hof.
Ich mußte lange gelegen haben, denn meine Glieder waren schon ganz steif. Was war passiert? In der Ecke sah ich meinen Pullover liegen, und sofort erinnerte ich mich wieder an alles. So schnell ich konnte, stürmte ich zur Barkasse, die mich zur "Oldenburg" bringen sollte. Aber das Rennen hätte ich mir ersparen können. Mein Schiff hatte ja um Mitternacht die Anker gelichtet und war nach Tripolis weitergefahren. Nun war guter Rat teuer. Auch keinen Pfennig Geld besaß ich mehr. Halem, dieser Schuft, hatte mich betrunken gemacht und mir dann mein ganzes Geld abgenommen. Ich erkundigte mich, wann das nächste deutsche Schiff in Algier eintreffen würde. Damit wollte ich dann der "Oldenburg" nachreisen. Auf der Heuerstelle am Hafen sagte mir der Heuerbaas: "Deutsches Schiff - in drei Wochen." So lange konnte ich nicht warten. Ich beschloß, auf eigene Faust nach Tripolis zu trampen. Es ist sehr schwer für mich zu berichten, was ich während der kommenden Stunden und Tage empfand. Ein gemischtes Gefühl von Heimweh und Abenteuerlust hatte mich gepackt. In der Heuerstelle fand ich eine Karte von Afrika, auf der die wichtigsten Eisenbahnlinien und Straßen eingezeichnet waren. Nachdem der Heuerbaas weggegangen war, riß ich kurzerhand die Karte von der Wand und steckte sie in meine Hosentasche. Bald stellte sich der Hunger ein, und ich marschierte zurück in die Stadt, ins Eingeborenen» viertel. Dort hatte ich bei meinem ersten Besuch einen Brunnen gesehen, den ich gegen Mittag wiederfand.
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Ein paar Frauen schöpften in großen Tonkrügen das Wasser mit einem Hebelarm aus der Tiefe. Ich trank an diesem Tag so viel Wasser, wie nie zuvor. Mein Rücken begann zu schmerzen. Er war am vergangenen Tage, als ich nur mit einem Turnhemd bekleidet durch die Straßen schlenderte, von der Sonne so verbrannt, daß sich die Haut löste. Dazu begann ich noch fürchterlich zu schwitzen. Mir wurde klar, daß ich eine große Dummheit gemacht hatte. Aber durch Schaden wird man ja bekanntlich klug. Schließlich müssen die Eingeborenen es ja besser wissen. Sie tragen zum Schutz gegen die Sonne lange überhängende Mäntel in verschiedenen Farben, sogenannte Burnusse. Zudem trinken sie nur mäßig, um nicht zu schwitzen.
Dort, wo das Eingeborenenviertel zu Ende war, dehnten sich riesige Grünflächen. Hier - an der Ausfallstraße nach Biskra im Atlas- Gebirge - betrieb ein Engländer eine Dattelhandlung. Mit ein paar englischen Brocken machte ich ihm verständlich, daß ich gern arbeiten wolle, um mir etwas Geld zu verdienen. Er sagte: "All right, boy", und dann erklärte er mir, daß ich gleich nach Biskra mit einer Autokarawane fahren könne, um eine Ladung Datteln zu holen. Biskra liegt ungefähr 400 Kilometer von Algier entfernt. Die Straße, auf der sich noch am gleichen Nachmittag unsere Autokolonne in südlicher Richtung bewegte, konnte kaum als Weg bezeichnet werden. Das Gebirge wurde immer steiler. Auf halbem Wege, mitten auf einem Hochplateau, hatte einer unserer Wagen plötzlich Reifenpanne. Die mußte also erst behoben werden. Die Reparatur nahm so viel Zeit in Anspruch, daß ich mich inzwischen genügend in der Gegend umsehen konnte. Auf keinen Fall aber wollte ich wieder den Anschluß verpassen, denn dann wäre mein Schicksal besiegelt gewesen.
Einige hundert Meter von unserer Reiseroute entfernt, führte ein steiler Abhang in ein Tal. Da entdeckte ich eine Höhle, die wildromantisch aussah und früher einmal ein Wohnraum gewesen sein mußte. Die Wände zeigten sonderbare, eingemeißelte Schriftzeichen, und am Boden lagen Steine, in denen trichterförmige Löcher eingehauen waren. Hier mußten einmal vor vielen tausend jähren die Vorfahren der Eingeborenen gelebt haben. Die Sahara, vor allem aber auch das Gebiet um Biskra, war vor ungefähr 6000 Jahren fruchtbares Land, auf dem Ackerbau und Viehzucht getrieben wurden. Das hatte ich schon in der Schule gelernt. Natürlich dachte ich in diesem Augenblick nicht daran. Mein Interesse galt vielmehr zwei Schlangen, die anscheinend einen kleinen Streit austrugen. Meine Betrachtungen wurden durch das Hupen der Wagen unterbrochen. Die Reparatur war also beendet und ich eilte schleunigst zurück. Die Nacht brach herein. Die Scheinwerfer unserer Autos gaben der wildzerklüfteten Landschaft ein gespenstisches Aussehen. Ich stellte mir vor, wie es sein würde, wenn plötzlich Räuber hinter Felsblöcken hervorgaloppierten, um unsere Kolonne gefangenzunehmen. Mein Chef, der Engländer, bei dem ich im Wagen saß, erzählte mir von einem Überfall, der sich erst kürzlich ereignet hatte. Zwei von seinen Leuten seien erschossen worden, sagte er mir. Man müsse immer auf der Hut sein. Ich hatte meinen Boß immer mit "Sir" angeredet. Aber bald sagte er mir:
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"Du kannst ruhig Tom zu mir sagen. Wir sind Europäer und müssen zusammenhalten. Bei den Marokkanern weiß man nie so recht, was sie im Schilde führen." Tom war ein famoser Kerl. Er gab mir einen Burnus, den ich von nun an immer trug. Dieser diente mir nachts als Decke und am Tage als Sonnenschutz. Wir näherten uns Biskra. Schon von weitem erkannte ich Lagerfeuer und die Silhouetten vieler Beduinenzelte. Als wir in Biskra ankamen, glaubte ich an einen Oberfall. Wie sich aber herausstellte, schössen die Eingeborenen zur Begrüßung nur mit ihren Gewehren in die Luft. Tom war hier sehr beliebt. Biskra ist ein kleiner Ort inmitten eines großen fruchtbaren Gebietes mit vielen Dattelbäumen. Ein kleiner See spendet Wasser für das Vieh und genügend Feuchtigkeit für den Acker. Einige aus Felsbrocken gebaute Häuser gehörten einem wohlhabenden Marokkaner. Auch der größte Teil der Dattelplantagen war sein Eigentum. Noch in der gleichen Nacht begannen die Eingeborenen die Wagenkolonne mit Früchten zu beladen, da schon am nächsten Mittag die Rückreise angetreten werden sollte. Tom und ich waren Gäste des steinreichen Marokkaners. Er hatte viele Frauen. Ich sah sie zufällig beim Nachtmahl.
Das war also ein Harem! An der Vielzahl der Frauen erkennt man den Reichtum eines Marokkaners, so sagte mir Tom. Ein paar Schritte hinter dem Harem lag die Moschee. Es war gerade Mitternacht, und vom hohen Minarett ertönte der Gebetsruf eines Muezzin. Die Mohammedaner warfen sich zum Gebet auf den Boden. Ich wollte die Andacht nicht stören und ging zurück zu Tom, der in einer riesigen Vorhalle vor herrlichen Speisen saß und tüchtig zulangte. Für mich war ein Kissen auf den Boden gelegt worden, und eine verschleierte Marokkanerin bedeutete mir, mich hinzuhocken. Stühle gab es hier nicht, und Tische waren ebenfalls nicht vorhanden. Vor mir standen auf großen Schalen verschiedene Gerichte: Hammel, Hühner und Tauben, dazu gab es Mandeln, Datteln und Nüsse. Ich aß, was ich nur schaffen konnte. Dann versteckte ich noch, ohne daß Tom etwas bemerkte, ein Stück Hammelfleisch in meinem Burnus. Für alle Fälle, dachte ich mir. Nachdem wir ausgiebig gegessen hatten, wurden wir in ein Schlafgemach geführt, in dem die kostbarsten Teppiche und viele Decken lagen, auf denen wir es uns bequem machen konnten. Ach, war das eine herrliche Nacht! Nur war sie leider zu kurz. Tom weckte mich, als die Sonne schon hoch am Horizont stand. Die Eingeborenen hatten die Kisten bereits auf die Wagen gepackt, und die Fahrt - zurück nach Algier - konnte beginnen. Bei Nacht war ich in Biskra angekommen, und bei Tage sah ich mit aller Deutlichkeit, wie schön dieser Ort war. Nicht nur Dattelplantagen, sondern auch große Olivenhaine und Palmen gab es dort. Tom und ich bedankten uns für die Gastfreundschaft. Ich murmelte ein paar englische Worte, die der Marokkaner sicher nicht verstanden hat. Nun begann die Rückreise. Erst jetzt konnte ich richtig ermessen, wie schwierig diese Strecke war. Tom sagte mir, gewöhnlich bediente man sich des Kamels als Reit- und Lastentier. Auch seine Handelsgesellschaft habe noch vor ein paar Jahren den Weg von Algier nach Biskra auf Kamelen zurückgelegt. Im Zeitalter der Technik aber bevorzuge er das Auto.
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In Algier angekommen, verabschiedete ich mich von Tom, der mir ein guter Boß war. Er gab mir einen Korb mit Fleisch, Nüssen und Datteln, dazu noch ein Paar neue Schuhe und etwas Geld. Von meinem Plan, nach Tripolis zu trampen, hatte ich ihm nichts gesagt. Bestimmt hätte er mir geholfen. Aber ich wollte allein durchkommen. Auf der Karte war eine Eisenbahnlinie eingezeichnet, die direkt von Algier nach Tunis und von dort zur libyschen Grenze führte. Von hier aber waren es nur noch etwa einhundert Kilometer bis zur Anschlußeisenbahnlinie nach Tripolis. Ich faßte den Plan, als blinder Passagier nach Tripolis zu fahren. Und das war leichter als ich es mir vorgestellt hatte. Während des Nachmittags sah ich mir den Bahnhof in Algier etwas genauer an. Da stand ein Güterzug, von dem ich durch einen glücklichen Zufall erfuhr, daß er nachts in Richtung Tunis abfahren sollte. Zwischen zwei Güterwagen legte ich meinen Burnus auf einen Puffer und verstaute meinen Korb mit Lebensmitteln. Im Schutze der Nacht konnte mich so schnell niemand entdecken, da der Bahnhof nicht erleuchtet war. Aber ganz wohl war mir dabei doch nicht. Einige Bahnarbeiter gingen oft so nahe an mir vorüber, daß ich deutlich ihre Stimmen hörte. Ich preßte mich dann dicht an die Stirnwand des Güterwagens, daß mir der Atem stockte.
Endlich ertönte der Pfiff der Lokomotive, und der Zug setzte sich in Bewegung. Weit über tausend Kilometer lagen vor mir, aber ich war voller Hoffnung, mein Schiff in Tripolis noch zu erreichen. Die Fahrt ging nun von Algier über Constantine nach Tunis, mal durch felsige Schluchten, mal auf dem Hochplateau, mal durch grünendes Weideland, auf dem Ziegenherden grasten. Als wir kurz vor Tunis auf freier Strecke hielten, setzte ich mich in ein Bremserhäuschen des Güterzuges. Da war ich vorerst sicher aufgehoben. Am Tage hätte man mich sehr leicht zwischen den Waggons erblicken können. So kam ich ungeschoren nach Gabes in Tunesien, nahe der libyschen Grenze. Hier war Endstation. Ich mußte mich beeilen, vom Bahnhofsgelände zu verschwinden. Wenn man mich hier gesehen hätte, wäre ich glatt ins Gefängnis gewandert. Und ich wollte doch unbedingt zu meinem Schiff nach Tripolis. Dorthin führte von Gabes nur eine Karawanenstraße. Diese Straße wurde aber auch von Autos befahren. Der nächste Autotransport ging jedoch erst in einigen Wochen nach Tripolis. Ein Kaufmann, bei dem ich mir eine Hanfschnur für mein Gepäck erstand, sagte mir in englischer Sprache, daß in den nächsten Tagen eine Kamelkarawane nach Tripolis ziehe. Diese bestände vor allem aus vielen jungen Kamelen, wofür der Besitzer noch einige Treiber suche. Ich suchte den Führer der Karawane auf und bewarb mich als Kameltreiber. Zuerst musterte er mich mißtrauisch. Schließlich war er ein Araber und ich ein Weißer. Aber bald waren wir uns einig: ich wurde angestellt! In drei Tagen sollte es losgehen.
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"Bis dahin kannst du bei mir arbeiten", sagte mir der Mann. Ich wunderte mich immer wieder über die Sprachgewandtheit der Eingeborenen. Sie erzählten mir, daß sie die englische Sprache von amerikanischen Soldaten erlernt hätten, die im Kriege durch Tunesien marschiert waren. Ich war sehr froh, in der Schule wenigstens im Englischen gut aufgepaßt zu haben.
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Mit der englischen Sprache, so hatte schon mein Lehrer gesagt, kommt man durch die ganze Welt. Gabes ist eine kleine Hafenstadt mit einem schönen breiten Strand. Ich hatte oft Gelegenheit, das Leben und Treiben der Eingeborenen zu beobachten. Es war stets ein neues Erlebnis für mich, zu sehen, wie die Kamele zum Tränken geführt wurden und wie die Frauen mit großen Körben auf dem Kopfe ihre Wäsche ans Meer trugen, um sie dort zu waschen. Besonders seltsam fand ich, daß inmitten des friedlichen Landes alle Männer ein Gewehr mit sich führten, vor allem die nomadisierenden Beduinen, die hoch auf ihren Kamelen mit dem Gewehr in der Hand durch die Gegend galoppierten. Nach drei Tagen brachen wir auf. Zu allem Unglück waren wir jetzt auch noch in einer trostlosen öden Gegend. |
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Ohne Burnus hätte ich diese beschwerliche Tour gar nicht unternehmen können. Als nach einer Stunde der starke Sturm nachließ, hatte ich die Spur Abd el Karis verloren. Er war wie vom Erdboden verschwunden. So weit mein Auge reichte, sah ich nur die Berge und Täler der Wüste. Dabei konnte ich höchstens zwei gute Tagereisen von Tripolis entfernt Mit einem Kamel hatte ich mich bereits angefreundet, und von Abd el Kari, so hieß unser Karawanenführer, lernte ich die Kunst des Kamelreitens Die etwa 300 Kilometer, die vor uns lagen, wollte Abd el Kari in vier Tagen zurücklegen. Am zweiten Tag unserer Reise aber ereignete sich ein Zwischenfall, der mir beinahe das Leben gekostet hätte. Ein leichter Wind machte sich plötzlich bemerkbar, und ehe ich mich versah, wurde er so heftig, daß ich mich nur mit Mühe im Sattel halten konnte. sein. Am Horizont tauchten Palmen auf. Dort mußte eine Oase sein. Ich spornte mein Kamel an. Aber was war das? Eben hatte ich die Palmen links von mir gesehen, jetzt aber standen sie auf der rechten Seite. Eine Sinnestäuschung, eine Fata Morgana? Ich konnte meinen Augen nicht mehr trauen. Und da bekam ich es mit der Angst zu tun.
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In der Wüste umherirren, kein Wasser finden, verdursten - Schlimmeres konnte ich mir nicht vorstellen. Da, plötzlich erschienen auf einem Sandhügel drei Kamelreiter! Sie ritten auf ein Autowrack zu. Das Wrack stammte noch aus dem letzten Kriege. Es war von den Truppen zurückgelassen worden. Als ich mich den drei Reitern näherte, riefen sie mir zu: "Minen - Attention - Minen!" Da mußte man also verdammt vorsichtig sein! Einer der Reiter zeigte mir die Richtung nach Tripolis, und ich erreichte die Stadt kurz vor Sonnenuntergang. Von Abd el Kari habe ich nie wieder etwas gehört. Die Kamelstute aber verkaufte ich für viel Geld, das ich sehr gut gebrauchen konnte! Denn in Tripolis muß sogar das Trinkwasser bezahlt werden. Ich eilte auf dem schnellsten Wege zum Hafen, hier wollte ich mich nach der "Oldenburg" erkundigen. Da mußte ich meine zweite große Enttäuschung einstecken. "Die ,0ldenburg' ist gestern wieder ausgelaufen nach Alexandrien", sagte mir der Heuerbaas. Und so ging ich, sehr traurig über diese Nachricht, zurück in die Stadt. Wieder kam ich an Hafenkneipen vorbei, in denen es hoch her ging. Aber das machte keinen Eindruck mehr auf mich. Das Beispiel Hadschi Halems in Algier hatte mich gründlich kuriert.
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Am anderen Tag ging ich wieder zum Hafen. Ich wollte versuchen, auf einem der ausländischen Schiffe anzumustern, um so nach Alexandrien zu kommen. Das war der einzige und letzte Ausweg. Zuerst hatte ich daran gedacht, mit einer Kamel= oder Autokarawane an der Küste entlang nach Tobruk zu reiten oder zu fahren, um von dort aus mit der Bahn Alexandrien zu erreichen. Das war immerhin ein Weg von zweitausend Kilometern. So sehr auch das Abenteuer einer solchen Landreise lockte - der Weg war zu beschwerlich. Deshalb heuerte ich kurzerhand auf einem schmutzigen alten Franzosen an, dessen Mannschaft aus einem bunten Völkergemisch bestand. Der Kapitän des Schiffes schickte mich gleich auf Bunkerstation, wo ich Kohlen trimmen mußte. Das war die schwerste Arbeit an Bord. Aber lange konnte ja diese Seereise nicht dauern. Hinzu kam, daß ich keine Ausweise hatte. Wenn einmal Kontrollen an Bord kamen, konnte ich mich wenigstens im Kohlenbunker einigermaßen verstecken. Ab und zu durfte ich auch an Deck, um mich von der schweren Arbeit des Kohlenschaufelns auszuruhen. Nach fünf Reisetagen erreichten wir den Hafen von Alexandrien. Wir mußten auf der Reede vor Anker gehen und die Zollkontrolle abwarten. Als wir diese glücklich überstanden hatten, tauchte plötzlich ein Polizeiboot auf, das an unserem Schiff festmachte. Sieben Polizisten sprangen an Bord, und ich flüchtete schnell in mein Versteck. Die Durchsuchung des Schiffes dauerte viele Stunden. Mich aber konnte keiner finden, denn ich hatte mich in den Kohlen vergraben.
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Als die Polizei wieder von Bord war, erfuhr ich den Grund ihrer Fahndung. Rauschgift! Über Alexandrien geht ein großer Teil des Rauschgiftschmuggels. Endlich durften nun einige Barkassen längsseits gehen, um Besatzungsmitglieder an Land zu bringen. Der Käpt'n gab mir einen Tag Urlaub. Hätte er gewußt, daß ich nie wiederkomme, wäre er kaum so freigebig gewesen. Als ich in Alexandrien an Land gesetzt wurde, ging ich zum Hafenbüro, um Erkundigungen über die "Oldenburg" einzuziehen. Aber die Beamten zuckten nur mit den Schultern: Das Schiff war in Alexandrien noch nicht gemeldet. Also mußte ich warten. In der Nähe des Hafenbüros fand ich Unterkunft. Für wenig Geld konnte man hier übernachten und dreimal am Tag essen.
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Tag für Tag wartete ich an
den Kaien von Alexandrien auf das Einlaufen der "Oldenburg". Die Umrisse des Schiffes waren mir so vertraut, daß ich es ohne Mühe schon auf hoher See erkannt hätte. Vier Tage wartete ich so vergeblich. Schließlich reichte das Geld nur noch für zwei Übernachtungen und vier Mahlzeiten. Da machte ich mich auf die Suche nach Arbeit.ETWAS GLÜCK MUSS MAN HABEN
Im Hafen gab es nichts zu tun. Ich ging zum Bahnhof, um mir dort einen Job als Gepäckträger zu suchen. Das war mein Glück. Drei Männer mit schweren Koffern kamen aus der Bahnhofshalle und riefen nach einem Gepäckträger.
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Schon war ich da und nahm ihnen die Koffer ab. Die Männer unterhielten sich in Englisch, und ich vermutete Engländer oder Amerikaner vor mir zu haben. Mein neues Abenteuer begann damit, daß ich mehr aus Versehen als aus Absicht ein paar deutsche Worte dahersagte. Die drei Männer machten erstaunte Gesichter: "Du bist Deutscher? Was machst du denn hier als Gepäckträger?", bestürmte man mich mit Fragen, zu meiner Überraschung ebenfalls in Deutsch. Ich erzählte ihnen meine Erlebnisse. Sie schüttelten mir die Hand und fragten mich, ob ich Lust hätte, an einer Filmexpedition ins Innere Afrikas teilzunehmen. Begeistert willigte ich ein. Das war natürlich eine Bombensache. Nachdem ich mich den Männern vorgestellt hatte, nannten auch sie ihre Namen. John Böhlau, Leiter der Expedition, Dr. Freytag, wissenschaftlicher Berater, und Günter Frank, Kameramann. Nun war ich Mitglied einer deutschen Kulturfilmexpedition. "Bist 'n strammer Kerl - denke, wir werden dich brauchen können", sagte John Böhlau. "Hast du Angst? Vor Krokodilen oder Löwen? - auch die Neger sind hier nicht alle zahm . . ."
Ich ließ mich nicht bange machen, und so zogen wir nun zu viert durch die Straßen von Alexandrien. Hinunterging's zum Fischereihafen, wo Böhlau ein Segelboot kaufte, einen primitiven alten Kahn. Aus einigen Zeltplanen nähten wir ein Segel. Böhlau meinte, seit 1000 Jahren verwendet man hier solche Segelboote. Das ist auch für uns das richtige, um auf dem Nil vorwärtszukommen.
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Die schweren Koffer wurden in den Laderaum des Bootes verstaut. Dann zog Böhlau mit seinen Leuten in die Stadt, um Proviant einzukaufen. Ich mußte auf das Boot aufpassen, vor allen Dingen aber auf die wertvolle Kamera und die anderen technischen Einrichtungen. Nach wenigen Stunden kamen die drei Männer zurück, bepackt mit Seesäcken voller Gemüse, Fleischkonserven und anderen Dingen. Als es dunkel wurde, warfen wir die Leinen los. Der Wind stand günstig für uns, und so fuhren wir mit vollen Segeln nilaufwärts. Der Strom war hier viele hundert Meter breit. Gegend Abend passierten wir Kairo. Von dieser Stadt sah ich nicht viel, da wir so schnell wie möglich in das eigentliche Filmgebiet kommen wollten. Hinter Kairo bot sich uns ein überwältigender Anblick. Vor uns aus der Wüste erhoben sich die massigen Steinkolosse der Pyramiden. Böhlau steuerte das Boot ans Ufer und wir gingen an Land. Von den Eingeborenen ließen wir uns zu den Pyramiden führen.
Dr. Freytag erzählte mir viele interessante Einzelheiten über diese gigantischen Bauwerke. Die Cheops-Pyramide ist 137 Meter hoch und am Fuße 227 Meter im Quadrat. Mehr als zwanzig Jahre dauerte der Bau einer solchen Pyramide. Damals gab es keine Maschinen, und Tausende von Menschen mußten in mühseliger Arbeit die riesigen Steinquadern auftürmen. Würde man die Steine der Pyramiden aneinanderfügen, so könnte man eine zwei Meter breite und ebenso hohe Mauer vom Nil bis zur Küste Kameruns bauen. Die ägyptischen Herrscher glaubten damals an ein richtiges Weiterleben nach dem Tode. Deshalb ließen sie sich einbalsamieren und ungeheure Schätze mit in das Grab legen, um nach dem Tode nicht auf ihre Reichtümer verzichten zu müssen. Gegen Abend kehrten wir auf unser Boot zurück.
FELLACHEN UND DINKA
Wir waren nun schon einige Tage stromaufwärts gesegelt. Längst waren die Pyramiden hinter uns am Horizont verschwunden, als sich in der Ferne immer deutlicher die kreideweißen libyschen und arabischen Gebirge abzeichneten. An den Ufern des Nil sahen wir Eingeborene arbeiten. Das sind Fellachen, erklärte mir Dr. Freytag, ein armes Völkchen, das schon die Pyramiden errichtet hat und die meisten Arbeitskräfte zum Bau des Suezkanals stellte. Heute wie vor tausend Jahren versorgen sie mit ihren Schöpfrädern das Land bis weit in die Wüste hinein mit Wasser. Ochsen müssen den ganzen Tag die Schöpfräder in Bewegung halten. Bei der Siedlung Abu Hamed, inmitten der Nubischen Wüste, machten wir unsere erste größere Rast. Schon mehr als drei Wochen waren wir auf dem Nil herumgesegelt, und jetzt sollten unsere ersten Filmaufnahmen steigen. Kaum waren am Ufer die Zelte errichtet, als auch schon die Dunkelheit hereinbrach. Ich konnte mich noch immer nicht daran gewöhnen, daß hier die Nacht unmittelbar auf den Tag folgt. Drei bis vier Stunden mochten vergangen sein. Plötzlich lärmte es so mächtig in unserem Vorratszelt, daß wir an einen Überfall glaubten. Ich rannte hinaus ins Freie.
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Böhlau hinter mir her, zwei entsicherte Pistolen in den Händen. Im Scheine der Taschenlampe sahen wir die Bescherung. Paviane hatten sich über unsere Mandeln und Nüsse hergemacht. Am Morgen überprüften wir zuerst unsere Geräte. Die Linse der Kamera war zerschlagen. Doch wir hatten Ersatz. So brachen wir auf zu den Nuba. Das war der erste Negerstamm, den ich in Afrika sehen sollte. Die Sonne brannte unbarmherzig auf uns nieder. Unser Thermometer zeigte im Schatten der Palmen 38 Grad. Nach einem langen Kamelritt trafen wir endlich auf Nuba. Sie liefen völlig unbekleidet herum. Die Nubafrauen hatten sich ihre Unterlippen durchbohrt und Schmuckstücke eingehängt. Es waren meist billige Glasperlen, wie man sie in Hamburg für wenige Pfennige kaufen kann. Die Nuba können große Schmerzen ertragen. Sie verwunden sich an vielen Körperteilen, damit die Narben dieser Wunden später ein Muster bilden. Böhlau gab einem Nubahäuptling zwei deutsche Markstücke. Der ganze Stamm, Männer, Frauen und Kinder veranstalteten daraufhin einen erregenden Freudentanz. Weiter ging es in südlicher Richtung. Der nächste Besuch galt den Dinka. Die Europäer nennen sie auch Storchmenschen, weil sie riesenlange Beine haben und wie die Störche in den Sümpfen leben. Der Weg führte uns durch weite ausgedorrte Steppen. Vereinzelt fanden wir kleine Oasen, deren Feuchtigkeit den Papyrusstauden Leben gibt. (Vor dreitausend Jahren hatten die alten Ägypter das erste Papier daraus gemacht.) Allmählich wurde das Gebiet, in das wir kamen, immer sumpfiger. Hier durchzogen verschiedene Nebenarme des Nil das Land. An den sumpfigen Ufern dieser Flüßchen hatten die Dinka ihre Pfahlbauten errichtet
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Ihre Hütten standen auf Pfählen, weil die Überschwemmungen in der Regenzeit oft alle Behausungen zu ebener Erde überfluteten. Die Dinka sind schlaue Kerle! Sie reiben ihre Haut mit der Asche von verbranntem Holz ein. Auf diese Weise schützen sie sich vor den Insekten, durch deren Stiche oft die gefährliche Malariakrankheit übertragen wird. Wir schützten uns durch Moskitonetze. In dieser Gegend wimmelt es von Krokodilen. Während Böhlau mit Dr. Freytag und Frank bei den Dinka filmte, schlich ich auf eigene Faust, mit einem langen Speer, einer kräftigen Schlinge und einer Pistole bewaffnet, durch dichtes Gestrüpp an einen Fluß. Ich wollte so gern ein Krokodil erlegen und aus der Haut eine Tasche basteln. Am Ufer entdeckte ich zwei Krokodileier. Ich legte schnell meine Schlinge darüber und band sie fest an einen dicken Baum. Dann schlug ich mit einem Knüppel wiederholt ins Wasser, um das alte Krokodil anzulocken. Ich hatte Glück. Zuerst tauchte nur ein Kopf mit langgezogenem Maul auf. Dann aber schob sich der wuchtige Körper schützend über die Eier. Jetzt war der Moment gekommen. Fiebernd vor Erregung saß ich in den Ästen und zog nun kräftig die Schlinge zu. Das Krokodil war gefangen. Aber das Tier hatte Riesenkräfte. Wild peitschte es das Wasser, und der Strick spannte sich bis zum Zerreißen. Erschreckt merkte ich, wie sich der Baum, auf dem ich saß, langsam in seinen Wurzeln löste. Nur noch wenige Sekunden und er mußte mit mir ins Wasser stürzen. Blitzschnell zog ich meine Pistole.
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Ich feuerte das ganze Magazin leer. Doch die Bestie tobte weiter. Im letzten Augenblick retteten mich einige Dinka, die in der Nähe gefischt hatten. Sie erledigten das wütende Tier mit wohlgezielten Speerwürfen und erlösten mich aus meiner verzweifelten Lage.
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FLIEGEN NACH KAIRO
Ein paar Tage darauf kam Günter Frank, unser Kameramann, mutlos aus seinem Zelt. "Aus ist es! Wir können nicht mehr filmen. Die Apparatur ist kaputt!" Wir sahen uns fassungslos an. Mit. langen Gesichtern saßen wir - 2500 Kilometer von Kairo entfernt - vor unseren Zelten und hielten Kriegsrat. Schließlich schlug Dr. Freytag vor, Frank mit der Kamera nach Kairo zu schicken. Ich sollte ihn begleiten. Von Kairo aus sollten wir nach Erledigung des Auftrages mit dem Schiff durch den Suezkanal und das Rote Meer nach Dschibuti fahren und von dort weiter mit der Eisenbahn durch Äthiopien nach Addis Abeba. Dies war unser Treffpunkt. Alle waren damit einverstanden. Man wünschte uns viel Erfolg, und ab ging es nach Khartum. Hier startete unsere Maschine. Es war meine erste Flugreise. Das war ein erhebendes Gefühl, so hoch über diesen fremden Erdteil zu fliegen, gespannt verfolgte ich die Landschaft unter mir. Am eindrucksvollsten erschienen mir die gewaltigen Staudämme von Assuan. Nach der Landung in Kairo gingen wir erst einmal in eine der typisch ägyptischen Basarstraßen. Dort kleidete ich mich von Kopf bis Fuß neu ein. Dann brachten wir unsere Kamera zur Reparatur. Man versprach uns, sie in drei Tagen in Ordnung zu bringen. Bis dahin hatten wir Zeit, uns Kairo anzusehen. Mein erster Weg führte zum Reisebüro. Ich hatte noch unsere Schiffskarten zu besorgen und erfuhr dort, daß wir an Bord eines italienischen Passagierdampfers von Port Said nach Dschibuti fahren könnten. Der Angestellte der Reederei behandelte mich Sehr höflich. Das gehörte sich auch so, denn schließlich war ich kein Schiffsjunge mehr, sondern ein richtiger Gentleman.
Während der drei Tage unseres Kairoer Aufenthaltes wohnten wir in einem Hotel. Jeden Morgen brachte man uns das Frühstück ans Bett, und während man mich bediente, dachte ich an die Zeit, wo ich auf dem französischen Dampfer als Kohlentrimmer arbeiten und auf Kohlen schlafen mußte. Das war kaum drei Monate her. Der Hoteldirektor redete mich mit "Sir" an. Ein Boy öffnete die Türen, wenn ich das Hotel verließ oder von einem Spaziergang zurückkam. Die Straßen Kairos waren prächtig. Vor großen Geschäften lagen wertvolle Teppiche ausgerollt, die die Händler zum Verkauf anboten. Daneben konnte man altägyptische Tonwaren und herrliche Lederarbeiten aus Affen-, Kamel- oder Krokodilhaut als Reiseandenken erwerben. Die Menschen gingen europäisch gekleidet, trugen aber keinen Hut, sondern einen Fes. Inzwischen war unsere Kamera wiederhergestellt, und wir konnten unsere Reise fortsetzen. Mit einem Schnellzug fuhren wir nach Port Said, wo uns eine Taxe zum Liegeplatz des italienischen Passagierdampfers brachte.
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FAHRT DURCH DEN SUEZKANAL
Die Fahrt durch den Suezkanal, durch das Rote Meer nach Dschibuti im Golf von Aden konnte beginnen. An Bord befanden sich unter anderem Techniker und Ingenieure, die der Kaiser von Äthiopien zum Aufbau seiner Industrie gerufen hatte. Während der Fahrt stand ich auf dem Oberdeck und betrachtete interessiert die Kanalanlagen, die der Franzose Ferdinand de Lesseps im Jahre 1869 fertiggestellt hatte. Zehn Jahre dauerte es bis zur Eröffnung dieses Meere verbindenden Schiffsweges. Die Kosten der Erbauung beliefen sich auf 640 Millionen Franken. Aber so groß auch die Anstrengungen zum Bau dieses Kanals waren und so hoch auch die Kosten dafür erscheinen mögen, so stehen sie doch in keinem Verhältnis zu dem Gewinn, der durch die Verkürzung des Seeweges nach Ostasien und Indien seit fast hundert Jahren erzielt wird. Schon im Altertum hatte der Perserkönig Darius I. die Vorzüge eines verkürzten Seeweges erkannt. Er ließ eine Verbindung vom Mittelmeer zum Roten Meer her« stellen, die aber später wieder verfiel.
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In der Schule mußte ich einmal einen Aufsatz darüber schreiben. Und nun konnte ich dieses weltberühmte Bauwerk mit eigenen Augen sehen. Etwa zwanzig Stunden dauerte die Fahrt durch den Suezkanal. Am Ufer ziehende Kamelkarawanen waren uns schon ein vertrauter Anblick geworden. Bald passierten wir die letzte Südschleuse und befanden uns im Golf von Suez. Kurz darauf tauchten zur Linken die wildzerklüfteten Berge Sinais auf. Dort soll einst Moses von Gott die Zehn Gebote erhalten und auf steinerne Tafeln geschrieben haben. Dann dampften wir ins Rote Meer. Natürlich war das Wasser nicht rot. Ein Schiffsoffizier erklärte uns, daß es verschiedene Deutungen dafür gäbe. Man sagt, daß Rot die heilige Farbe der Ägypter war und sie in uralten Zeiten ihrem Meer diesen Namen gaben. Einige versuchen eine Erklärung in der Tatsache zu finden, daß bei Sturm der rote Wüstensand über das weite Meer getrieben wird und dieses dann hellrot leuchtend bedeckt. Andere wiederum glauben, daß die Bezeichnung durch die vielen dicht unter der Wasser» Oberfläche liegenden Korallenriffe, die große Flächen des Meeres rot erscheinen lassen, entstanden sei. Gleichviel, die Fahrt machte uns viel Freude. Ab und zu tauchten silbergrau glänzende Haie auf. In Dschidda, unserem ersten Hafen, verließen viele Mohammedaner das Schiff, um nach Mekka, der heiligen Stadt, zu pilgern. Ich hörte zum erstenmal, daß sich dort die sogenannte "Kaaba", ein grauer, kastenförmiger Steinbau, befindet. In diesem ruht das größte Heiligtum des Islams, der "schwarze Stein", ein Meteorit. Die heilige Stadt darf von keinem Ungläubigen betreten werden. In der Nacht war es so warm, daß Frank und ich auf das Oberdeck gingen, um frische Luft zu schnappen. Plötzlich flammte in der Dunkelheit das grelle Licht eines Scheinwerfers auf und erfaßte eine Schute, wie sie die Eingeborenen benutzen. Da plumpsten auch schon einige Kisten aus der Schute ins Wasser. "Das sind sicher Haschischhändler", meinte Frank, "sie schmuggeln das gefährliche Rauschgift von Arabien nach Ägypten." Von Port Said und Alexandrien geht es in alle Länder der Welt. Dabei bedienen sich die Haschischhändler der raffiniertesten Methoden.
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Zum Beispiel werden Kamele mit kleinen Metallkapseln gefüttert, die das gefährliche Rauschgift enthalten. Am Ziel angekommen, schlachtet man die Kamele und befördert die Kapseln wieder ans Tageslicht. Aber auch die ägyptische Polizei ist gewitzt. Mit Radargeräten werden die Kamele an verschiedenen Knotenpunkten der Karawanenstraßen auf diese Rauschgifthülsen untersucht. Hier wird seit Jahrhunderten geschmuggelt. Gleich, ob Sklaven oder Rauschgift. Jedoch immer bringt dieser Handel unendliches Leid über viele Menschen. Am anderen Tage setzte unser Dampfer die Reise nach Dschibuti, der Hafenstadt in Französisch=Somaliland, fort. Von hier aus rühren wir mit einem "Bummelzug" 800 Kilometer ins Innere von Äthiopien. Diese Fahrt, die ganze drei Tage dauerte, war keineswegs ungefährlich. Auf den Puffern der Lokomotive saßen Eingeborene. Es waren nicht etwa blinde Passagiere, sondern sie hatten den Auftrag, die Strecke zu überwachen. Die Eisenbahn fährt dort nur am Tage, weil die kriegerischen Völker links und rechts der Strecke immer wieder einmal die Züge überfallen. Besonders gefährlich ist der Stamm der Danakil. Sie pflegen noch heute für Weiße nicht ungefährliche Bräuche. Als Hochzeitsgeschenk legt der Danakil seiner Frau zwei Männerköpfe zu Füßen. Frank hatte, von Dschibuti aus, Böhlau telegrafisch von unserer baldigen Ankunft unterrichtet. Wir waren daher sehr froh, als wir die Fahrt glücklich hinter uns hatten und auf dem Bahnhof von Addis Abeba mit großem Hallo von unseren Freunden empfangen wurden. Das Wiedersehen mußte natürlich gefeiert werden. Bis in die späte Nacht tauschten wir, auf dem Dachgarten des Hotels sitzend, unsere Erlebnisse während der Zeit der Trennung aus. Es war ein schönes Gefühl, wieder beim "alten Haufen" zu sein, und alle brannten darauf, bald an die Arbeit gehen zu können. Als wir uns zur Ruhe niederlegten, leuchtete über uns am nächtlichen Himmel noch immer das "Kreuz des Südens", jene auffallenden Sterne, die auf der südlichen Erdkugel die Nacht erhellen. Oft noch sah ich zu ihnen hinauf.
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. IN ADDIS ABEBA Unsere Expedition sollte drei Tage nach unserer Ankunft aufbrechen, um in die Savanne vorzustoßen. Ich hatte also noch genügend Zeit, mir die Stadt des Kaisers Haile Selassie anzusehen. Erstaunt war ich über den starken europäischen Einfluß bei den stattlichen hohen Geschäftsbauten im Zentrum der Stadt, auch der Palast des Herrschers gleicht einem europäischen Regierungsgebäude. Aber man braucht nicht weit zu gehen, um die armseligen Lehmhütten und primitiven Wellblechbaracken der Eingeborenen zu finden. Doch die Äthiopier sind mit ihrem Kaiser zufrieden. 1041 aus der Verbannung zurückgekehrt, hat er gezeigt, daß er die Fortschritte der Welt auch für sein Reich zu nutzen versteht. Seit Jahren bemüht er sich redlich, die Not zu lindern. Modernste Krankenhäuser und Schulen sind in kürzester Zeit gebaut worden, und der Radiosender strahlt seine Programme in den verschiedensten Sprachen aus. |
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Addis Abeba ist wirklich eine Stadt von Weltformat und Widerspruch, die ihre Vorbilder aus allen Teilen des Erdballes bezogen hat. Hier trifft alles zusammen. Modernster Fortschritt und dunkelste Vergangenheit, prächtige Bauten und Elendshütten, Schwarze und Weiße, Autos und Esel. Es war ein verwirrendes, aber farbenfreudiges Bild. Dabei empfand ich die wohltuende Frische der über 2000 Meter hoch liegenden Stadt besonders angenehm. Addis Abeba liegt mit seinem höchsten Teil 2800 Meter über dem Meerespiegel, und das ist fast so hoch wie die Zugspitze. Besonders imponierend war der prunkvolle und farbenprächtige Empfang eines äthiopischen Landesfürsten, der zur Audienz zum Kaiser von Äthiopien geladen war. Natürlich filmten wir dieses außergewöhnliche Schauspiel.
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EINE LÖWENJAGD IM REICHSTEN JAGDGEBIET DER ERDE
Der Tag des Aufbruchs kam. Wir stießen in die Savanne vor und hatten damit das reichste Jagdgebiet der Erde erreicht. Zebras, Gazellen, Antilopen und Büffel fanden wir hier in großen Rudeln und Herden zu vielen hundert Stück. Unsere Kamera surrte unaufhörlich. Eines Tages trafen wir auf Äthiopier, die uns baten, sie doch vor den Überfällen eines gefährlichen Löwen zu schützen. Diese Bestie hatte schon mehrere Menschen getötet und großen Schaden in den Herden der Eingeborenen angerichtet. Es mußte ein alter Löwe sein, denn nur solche greifen gewöhnlich Menschen an. Es war höchste Zeit, daß diesem gefährlichen Räuber das Handwerk gelegt wurde. Löwenjagd - das war etwas für uns! Sofort beratschlagten wir, wie man dem Burschen ans Leder gehen konnte. Dann gaben wir den Eingeborenen von unserem Plan Kenntnis, und sie waren gern bereit, alles zu tun, um ihren Todfeind vernichten zu helfen. Sie zeigten uns einen günstigen Platz, brachten ein Lamm und pflockten es als Köder an.
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Bei Einbruch der Dunkelheit waren alle Vorbereitungen zur Löwenjagd getroffen. Dr. Freytag und Frank hatten sich auf einer Akazie einen guten Schußplatz für ihre Kamera gesucht. Wir saßen mit entsichertem Gewehr auf einem anderen Baum. Das Jagdfieber hatte uns gepackt. Fahles Mondlicht beleuchtet gespenstisch die Umgebung. Das ängstliche Blöken des Lammes unter uns vereinigte sich mit den unheimlichen Stimmen der Savannennacht. Lange mußten wir warten, denn der Löwe kommt nicht vor der dritten Nachtstunde in die Nähe der Dörfer. Urplötzlich schien die Erde zu beben. Der König der Wüste hatte sein furchterregendes Gebrüll hören lassen. Die Wirkung war unbeschreiblich. Jetzt verstand ich, warum er auch "Essed", der Aufruhrerregende, genannt wird. Dieses Gebrüll ist einzig in seiner Art und wird von keiner Stimme eines anderen lebenden Wesens übertroffen. Wer einmal die fürchterlich dröhnende Stimme dieses Räubers gehört hat, kann verstehen, daß alle Tiere vor Entsetzen fast die Besinnung verlieren. Die Leoparden hören auf zu grunzen, die Affen beginnen laut zu gurgeln und steigen angsterfüllt zu den höchsten Zweigen empor. Die Antilopen brechen in rasender Flucht durch das Buschwerk, und die blökende Herde wird totenstill. Ich wagte kaum zu atmen. Gespannt starrte ich in die Nacht. Fest umklammerte ich mein Gewehr. Sekunden wurden zur Ewigkeit. Wann würde der Räuber hier sein? Wo würde er auftauchen? Immer wieder versuchte ich das Dunkel der Nacht zu durchdringen, um das anschleichende Tier auszumachen, doch nichts war zu sehen. Da - ein mächtiger grauer Schatten schnellt auf unseren Köder zu. In demselben Augenblick flammt die von Dr. Freytag entzündete Magnesiumfackel auf, und Frank filmt, was das Zeug hält. Mit seiner furchtbaren Pranke, die imstande ist, mit einem einzigen Schlag ein ausgewachsenes Rind zu fällen, hat der Löwe das Lamm zu einer blutigen Masse zerschmettert.
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Es ist ein grausiges, aber herrliches Bild, die kraftvolle Majestät der Wüste mit seiner mächtigen Mähne vom weißen kalten Licht der Magnesiumfackel überflutet zu sehen. Geblendet schreckt der Löwe zusammen. Wütend peitscht sein Schwanz durch die Luft. Für einige Sekunden starrt er mit funkelnden Raubtieraugen zu uns herauf. Böhlau geht mit seinem Gewehr in Anschlag, zielt in das faszinierende Glimmen der Lichter, krümmt durch, und im Aufpeitschen des Schusses bricht der Löwe tödlich getroffen zusammen. Mit großem Tamtam wurden wir daraufhin von den Eingeborenen als Helden geehrt und der Tod des Löwen gefeiert. Sie luden uns ein, noch ein paar Tage ihre Gäste zu bleiben, und wir nutzten die Gelegenheit, um einige Aufnahmen zu machen. Es war interessant, das Leben und Treiben im Dorf zu beobachten und die Frauen bei der Bereitung ihrer Mahlzeiten zu sehen. Die Art, wie sie das Getreide reinigten, war immer noch die gleiche wie vor vielen hundert Jahren. Das Korn wird in die Luft geworfen, und durch den Wind scheidet sich die Spreu.
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Nachdem wir viele schöne Aufnahmen gemacht hatten, mahnte Böhlau zum Aufbruch. Das ganze Dorf nahm unter vielem Lärmen herzlichen Abschied von uns. Der Stammeshäuptling hatte sogar vier junge muskulöse Burschen beauftragt, uns einige hundert Kilometer als Träger zu begleiten. Das war uns sehr angenehm. Der Weg zu dem etwa 1200 Meter über dem Meeresspiegel liegenden Victoria=See war beschwerlich und ging durch steinige Vulkanlandschaft. Es waren anstrengende Tage, doch nachts konnten wir ruhig schlafen, denn die Schwarzen bewachten unsere Zelte. Eines Abends wurden wir durch den Ruf: "Massa! Massa! - viele kleine Teufel!" aus dem Schlaf geschreckt. Entsetzt sprangen wir aus den Zelten. Vom flackernden Scheine unseres Lagerfeuers beleuchtet, rollte die breite Masse von Millionen Termiten an uns vorüber. Es hätte ein qualvolles Ende bedeutet, wenn wir von dieser Todeslawine erfaßt worden wären. Für die Termiten gibt es kaum ein Hindernis. Sie zerfressen sogar riesige Baumbestände der Urwälder, und selbst aus Holz gebaute Städte sind ihnen schon zum Opfer gefallen. Nur große Feuer bieten einigermaßen Schutz. Kahl, leer und ausgestorben ist die Spur, die diese kleinen, aber in ihrer Masse so unendlich gefährlichen Tiere hinterlassen. Am nächsten Morgen konnten wir einen Termitenhügel am Horizont ausmachen, den wir uns darauf näher betrachteten. Dabei erklärte uns Dr. Freytag, daß diese etwa zehn Meter hohen Bauten aus einer Mischung von Erde, Holz, Speichel und Kot der Tiere entstehen. Durch das Innere der Termitenhügel zieht sich ein Labyrinth von lichtlos gedeckten Gängen. In einer Kammer leben der König und die Königin, die pausenlos von ihren Arbeitern gefüttert werden. Dafür zeugen sie unablässig Eier, die ihre Untertanen im Bau verteilen. Luftkanäle sorgen dafür, daß die verbrauchte Luft innerhalb des Hügels ständig erneuert wird. Wir wollten weiter in südlicher Richtung und hatten im Augenblick nur den einen Wunsch: Weg von den Termiten! Die Hitze steigerte sich von Tag zu Tag. Wir hatten den Äquator erreicht und marschierten nunmehr auf der südlichen Halbkugel.
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IM RASENDEN SANDSTURM
Schon am Vormittag brannten die Sonnenstrahlen besonders sengend auf unsere Kolonne, und müde stapften wir durch Sand und Stein. Gegen Mittag wurde es fast unerträglich. Die Luft bewegte sich flimmernd über dem heißen Sand, der einmal schneeweiß, dann wieder rotleuchtend unsere Füße festzusaugen schien. Unsagbar anstrengend war es, und ständig nahm die Hitze zu, als wenn sie sich ins Unendliche steigern wollte. Immer schwüler, immer drückender wurde es. Unsere Kleidung knisterte - die Luft war bis zum Zerreißen von Elektrizität erfüllt. Wir waren alle äußerst gereizt, und unsere schwarzen Träger rollten ängstlich mit den Augen und benahmen sich auffallend unruhig. Es lag etwas in der Luft. Doch Böhlau drängte immer weiter, er suchte einen günstigen Rastplatz. Da erhob sich ein glutheißer Südwind. Erst leicht, dann an Heftigkeit ständig zunehmend. Jagende feine Sandschleier huschten über den Boden und drangen in unsere Kleider. Noch ehe wir unsere Sachen und Geräte richtig ablegen konnten, wurde es dunkel, und wir befanden uns mitten in einem quirlenden, heulenden Sandgebirge. Vergeblich versuchten wir unsere Zeltbahnen über die Packen zu decken, aber der Sandsturm riß und zerrte so sehr, daß wir uns nur mühsam nach Luft ringend fest an den Boden pressen konnten. So schnell wie der Sturm gekommen war, so brach er ab. Fast schmerzhaft drückte die plötzliche Stille. Ich wollte mich gerade erheben, da rief mir auch schon Dr. Freytag, der dicht neben mir lag zu: "Liegenbleiben! Gut zudecken! - Es geht gleich . . ." Der Rest des Satzes wurde ihm von dem wieder einsetzenden Sturm von den Lippen gerissen. Eben war es nur ein Vorspiel, jetzt war die Hölle los. Jaulend umheulte uns der Sturm. Durch die feinsten Ritzen wurde der Sand gepeitscht, und wie mit tausend Nadeln stach er auf der Haut. Meine Zunge war trocken und geschwollen, die Lippen geplatzt und rasselnd ging der Atem. Ich hatte rasende Kopfschmerzen und - Angst, ja, wirkliche Angst. Keinen richtigen Gedanken konnte ich mehr fassen, und blitzschnell wechselten die Bilder vor meinen Augen. Ich kann heute nicht mehr sagen, wie lange der Sandsturm damals gedauert hat. Mir schienen es jedenfalls Ewigkeiten zu sein. Doch trotz der Überraschung ging alles am Ende noch gut aus. Nachdem der Sturm abgeflaut, und die Sonne wieder zu sehen war, schüttelten wir den pulverfeinen Sand aus den Decken und Kleidern und rieben ihn uns aus Augen und Ohren. Lange dauerte es, bis wir alles wieder vom Sande befreit und in Ordnung gebracht hatten. Gerade nach den letzten bedrückenden und zermürbenden Belastungen fühlten wir uns wieder vollkommen frei. So schnell waren wir nicht klein zu kriegen. Von Stunde zu Stunde besserte sich unsere Laune, und mit dem frohen Lied "Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern" zogen wir neuen Erlebnissen entgegen.
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ANTILOPEN, FLUSSPFERDE UND ELEFANTEN
Die erste Bekanntschaft mit Nilpferden machten wir in Uganda. Böhlau hatte von Eingeborenen zwei Boote gekauft. Die Träger waren inzwischen umgekehrt, und wir fuhren durch viele Flüsse und Seen. In einer kleinen Bucht sahen wir eine Anzahl Flußpferde vor sich hindösen. Von einigen konnte man nur die massigen Köpfe sehen. Unter Wasser befindliche Tiere verrieten sich nur durch die ständig aufsteigenden Luftblasen. Frank brannte darauf, einige Filmaufnahmen davon zu machen. Böhlau feuerte auf einen dieser Kolosse. Anscheinend hatte er das Tier nur verwundet, denn es schnaubte wild auf, unerwartet ging die ganze Herde zum Angriff über. So schnell wie möglich ruderten wir dem Ufer zu, während die Kamera alle Einzelheiten der Verfolgung filmte. Es wurde brenzlig. Immer näher kamen die Flußpferde, selbst Frank mußte zum Ruder greifen. Nur mit Mühe erreichten wir rechtzeitig das Ufer und erkletterten schnell einige Bäume. Wir schossen, was die Gewehre hergaben. Es gelang uns dadurch, die Tiere zurückzujagen. Wir setzten unsere Bootsreise fort. "In den nächsten Tagen bekommen wir vielleicht schon Elefanten zu sehen", meinte Böhlau. "Nördlich vom Victoria=See soll es noch größere Elefantenherden geben. Leider sind diese Dickhäuter durch rücksichtslose Elfenbeinjäger fast ausgerottet worden." Am Rande des Victoria-Sees schlugen wir unsere Zelte auf. Ich war auf einen hohen schlanken Baum geklettert. Von hier aus konnte man weit ins Land schauen. Es war herrlich: die spiegelnde Fläche des Sees, unterbrochen von vielen kleinen Inseln. Aus einem nahe liegenden Negerkral waren zwei Eingeborene zu uns herübergekommen. Sie hatten unser Lagerfeuer gesehen. Wir gingen zu ihnen ins Dorf und sprachen mit dem Häuptling. Mißtrauisch blickte er uns an, und feindlich betrachtete er die surrende Kamera. Nachdem wir ihm einige Geschenke überreicht hatten, wurde er zugänglicher und erzählte uns schließlich von der nicht weit entfernten Elefantentränke und dem geheimnisvollen Elefantenfriedhof.
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Gespannt folgten wir dem Palaver des Häuptlings, aus dem hervorging, daß alte, kranke Elefanten sich durch weite einsame Sumpfgebiete schleppen sollten, um dann im Morast zu versinken. Immer wieder sucht man diese Elefantenfriedhöfe, aber bisher hat sie noch keiner gefunden. Um unsere Fleischbestände aufzufrischen, gingen Böhlau und ich am anderen Morgen in aller Frühe auf Jagd. Hinter einem kleinen Hügel legten wir uns auf die Lauer. Allzulange brauchten wir nicht zu warten, da sichteten wir ein Rudel Antilopen. Äsend kamen sie auf uns zu. Auf das prächtige Leittier deutend, gab mir Böhlau zu verstehen, daß ich schießen sollte. Das Herz schlug mir bis zum Halse, ich hatte Jagdfieber. Ich hob mein Gewehr, ruhig suchte ich mein Ziel, langsam krümmte ich durch, und im Feuer brach der Bock zusammen
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Aufgeschreckt raste das Rudel davon. Begeistert schlug mir Böhlau auf die Schulter. "Meine Anerkennung, Jürgen! Du bist ein wahrer Meisterschütze!" Dieses Lob werde ich so leicht nicht vergessen. Gemeinsam zerlegten wir das Wild und gingen ins Lager zurück. Dort gab es Antilope am Spieß, es schmeckte uns ausgezeichnet.
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ZEBRAS UND GNUS
Frank wollte unbedingt Zebras und Gnus mit der Kamera einfangen. Im Schutze dichten Gestrüpps wurde die Kamera in Stellung gebracht. Diesmal mußten wir lange warten. Erst abends näherten sich Zebras und Gnus unserem Standort an der Tränke. Ein prächtiges Bild boten diese gestreiften Zebras und eigenartigen Gnus, die man immer gemeinsam antrifft. Frank begann mit der Aufnahme. Die Leittiere wurden aufmerksam. Im Nu veränderte sich das bisher friedliche Bild. Ihre Unruhe sprang blitzartig auf die Herde über, und wie auf Kommando verschwanden alle in einem Hohlweg. Schade, aber unsere Aufnahmen waren trotzdem gelungen.
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DER TROMMELTELEGRAF
Ich hatte mich immer wieder gewundert, daß man uns längst erwartete, wenn wir uns einem Dorf näherten. Wer hatte das gemeldet, und wie war die Kunde vorausgeeilt? Bald aber kam ich hinter das Geheimnis.
Mit dem Trommeltelegrafen, dem geheimnisvollen Nachrichtenmittel Afrikas, unterrichteten sich die Eingeborenen. Es waren große, wuchtige, ausgehöhlte Baumstämme, die nach besonderen Takten geschlagen wurden. Hohe und tiefe, lange und kurze Töne wechseln dabei ähnlich wie beim Morsealphabet. Unendlich weit, bis zu fünfzig Kilometern, hört man diese Trommelsignale. Es ist erstaunlich, wie sich diese primitiven Völker mit den Trommeltelegrafen unterrichten. Trotz der mehr als zweihundert verschiedenen Negersprachen in Afrika klappt diese telegrafische Verständigung fehlerlos. Ich war von dieser Sache so begeistert, daß ich bei jeder Gelegenheit den Trommlern zusah. Bald hatte ich mir bekannte Zeichen gemerkt, und gegen ein kleines Geschenk durfte ich mich auch einmal als afrikanischer Nachrichtenmann betätigen. Das gab einen Heidenspaß, und ich trommelte lustig drauflos. Es sind nicht immer wichtige Nachrichten, die auf diese Weise verbreitet werden; auch scherzhafte Mitteilungen gibt man so weiter. Besonders eingeprägt hatte ich mir das Zeichen: "Bum dada bam, bum = die Sonne ist heiß", in unserem Sinne bedeutet es etwa: "Das Wetter bleibt schön." Einmal kam ich am Abend wieder an einer solchen Trommel vorbei, und schnell schlug ich aus Übermut ein paar Takte. Ei wei - da hatte ich etwas angerichtet, aus allen Hütten stürmten die Dorfbewohner, laut lärmend. Zuerst erschrak ich mächtig, doch nachher, als sich herausstellte, daß ich versehentlich das Signal "Die Steppe brennt!" getrommelt hatte, mußten wir alle herzlich lachen. Die Sache war also doch nicht so einfach wie sie aussah, und als afrikanischer Nachrichtenmann wäre ich sicher ungeeignet.
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EINE NASHORNJAGD
"Frank! Frank!", rief ich laut, während ich durch das Dorf rannte. Wo war er? Überall sah ich nur verständnislos grinsende Gesichter. Da - endlich, beim Häuptling traf ich ihn - er machte gerade eine Großaufnahme. Atemlos erzählte ich, daß Böhlau ein Nashorn ausgemacht hätte. Schnell rafften wir die Geräte zusammen. Durch Gestrüpp, Dornenbusch und Sumpflöcher bahnten wir uns einen Weg. Da bummert es einmal - noch einmal -, das kam von links. Ja, da saß Böhlau auf einem Baum und feuerte auf ein wild angreifendes Nashorn. Seine Lage schien ernst, doch Frank wollte sich diese Aufnahme nicht entgehen lassen. Die Knallerei hatte das Tier erschreckt. Es brach seitwärts aus. Doch erneut setzte der wutschnaubende, tonnenschwere Koloß zum Angriff an. Es war ein packendes Bild. Böhlau schoß noch einmal, und mitten im Angriff brach unter Krachen und Schnaufen das Nashorn zusammen. Vorsichtig näherten wir uns nach einiger Zeit dem Riesen. Donnerwetter, das war ein Brocken! Langsam kletterte Böhlau vom Baum herunter und wischte sich den Schweiß von der Stirn. "Das hätte schiefgehen können", sagte er, und suchte sachkundig nach den Einschüssen. Im Dorf hatte man das Schießen gehört.
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Dr. Freytag und einige Dorfbewohner kamen herbei, und in kurzer Zeit war das ganze Dorf versammelt. Als wir ihnen verständlich machten, daß sie das Nashorn nehmen könnten, dauerte es nur kurze Zeit, und von der tonnenschweren Beute waren nur noch einige Knochen übrig. Das war wirklich ein "gefundenes Fressen" für die Eingeborenen. Abends, als im Dorf die Lagerfeuer loderten und die großen Nashornfleischfetzen am Spieß gebraten wurden, da wollte das gierige Schmatzen und Schlecken kein Ende nehmen. Als ich sah, was sie alles behaglich grunzend in sich hineinstopften und welche enormen Mengen sie vertilgen konnten, kam ich aus dem Staunen nicht mehr heraus.
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TANGANYIKA
Noch befanden wir uns an den Ufern des Victoria=Sees. Wir waren etwa in der Höhe der großen Negersiedlung Karungu auf dem Wege nach Tanganyika. Böhlau und Dr. Freytag breiteten die Karte aus, nahmen den Kompaß und stellten die genaue Richtung zum Kilimandscharo fest. Dieser höchste Gebirgszug war unser nächstes Ziel. Noch einmal nutzten wir die Gelegenheit und badeten im Victoria« See, dann ging es südwestwärts. Fünf Tage lang bekamen wir keinen Eingeborenen zu Gesicht. Selten zeigten sich Zebras und andere Tiere, und nur in der Ferne jagten einige Giraffen über die Steppe. Es waren trostlose Tage für uns. Zudem war unser Wasservorrat völlig erschöpft, und wir mußten Trinkwasser finden. Die Sonne machte uns in diesen Tagen viel zu schaffen. Wir erreichten den Marasfluß. Um sein Wasser einigermaßen trinkbar zu machen, mußten wir es abkochen und filtern. Trotzdem war die Typhusgefahr so groß, daß wir nur mit nassen Taschentüchern unsere Lippen und die Mäuler der Pferde anfeuchteten.
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In der Ferne sahen wir eines Tages einen Höhenzug, den wir am nächsten Tage zu überqueren hatten. Am Fuß dieser Gebirgskette entdeckten wir eine kleine Plantage. Der Besitzer, ein alter Engländer, der uns freudig begrüßte, baute hier Zuckerrohr und Kokosnüsse an. Die Siedlungen der Eingeborenen, die für ihn arbeiteten, lagen in der Nähe der Blockhütte. Hier gab es sogar ein Radio. Der Engländer bot uns seine Gastfreundschaft an, und wir freuten uns mächtig, als wir nach langen Monaten der Abgeschiedenheit wieder einen deutschen Radiosender hören konnten. Nach den Entbehrungen der letzten Tage waren wir gern bereit, vor der Überquerung des Höhenzuges noch etwas auszuruhen. Jeder nutzte die Zeit auf seine Weise. Böhlau bemühte sich, vor dem Spiegel sitzend, das Gestrüpp seines Bartes zu beseitigen. Das schien gar nicht so leicht. Er schnitt furchtbare Grimassen, da und dort zeigten leichte Blutspuren die Härte des Kampfes. Dr. Freytag hatte sich in eine stille Ecke zurückgezogen und kaute nachdenklich auf seinem Bleistift. Er mußte die in den letzten Tagen vernachlässigten Aufzeichnungen nachholen. Frank dagegen saß lustig pfeifend auf einem umgekehrten Eimer, um ihn herum lagen die Bestandteile seiner geliebten Kamera, die er mit größter Sorgfalt putzte. Ich benutzte die Gelegenheit, die Plantage zu durchstöbern und unterhielt mich gern mit unserem Gastgeber. Dabei beklagte sich dieser, daß im vergangenen Jahr eine Herde von dreißig Elefanten seine Bananenplantage überrannt habe und die ganze Ernte vernichtete. Der Engländer interessierte sich sehr für unsere Arbeit, und bis in die frühen Morgenstunden hockten wir zusammen und berichteten von unseren Erlebnissen. Ein selbstgebrauter Zuckerrohrschnaps machte immer wieder die Runde. Dabei erhielten wir auch den Rat, Mtakayko, den stolzen, stattlichen Massaihäuptling, aufzusuchen
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BEI DEN KRIEGERISCHEN MASSAI
Der Marsch durch die nach den Massai genannte Steppe ging durch welliges Gelände. Täglich gegen Mittag niedergehende Regengüsse verwandelten die vielen Mulden in Morast. Eines Abends erstieg ich eine Felsspitze, von der man einen weiten Ausblick auf die Steppe genoß. Dunkle Schirmakazien und lichte Grasflächen harmonierten mit den scharfen Profilen der emporragenden Bergkuppen. Die wuchtige Pyramide des Meruberges und der schneegekrönte Kilimandscharo bildeten in der untergehenden Sonne einen großartigen Hintergrund. Vor mir lag die eigenwillige Form eines Massaikrals. Wir waren am Ziel. Bei Mtakayko fanden wir freundliche Aufnahme, nachdem wir unsere üblichen Geschenke verteilt hatten. Stolz zeigte uns der Häuptling sein Dorf. In der Mitte befand sich der Viehkral, um diesen herum gruppierten sich die vielen kuppelartigen Wohnhütten. Das ganze Dorf war von einem starken, dornigen, sehr hohen Zaun umgeben. Er schützte den Kral vor den Überfällen wilder Tiere. In den Höfen, die die niedrigen lederbedeckten Zelthütten umgaben, riefen die Elmoran, so heißen die Massaikrieger, ihren Sowei (Gruß) zu.
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Vor den Hütten kauerten Greise mit scharf geschnittenen Gesichtszügen, und Nditos (Mädchen) lugten neugierig mit glänzenden schwarzen Augen aus dem Innern hervor. Böhlau bat den Häuptling, daß seine Krieger ihren Schmuck an« legen und sich der Kamera stellen sollten. Es war ein imponierender Anblick, die sehnigen und schlanken Gestalten der Krieger mit ihren durchweg fein geschnittenen Gesichtern hatten volle Kriegsbemalung angelegt. In ihrem Waffendienst waren die Massai straff organisiert und hielten seit Jahrhunderten die benachbarten Volksstämme ständig in Schach. Sie gelten seit Urzeiten als ein stolzes kriegerisches Hirtenvolk. Gelehrte glauben, daß sie vor Jahrtausenden aus Asien nach Afrika eingewandert seien. Frank war begeistert, als die buntgeschmückten sehnigen Elmoran mit einem temperamentvollen Tanz erlebnisstarke Bilder für die Kamera lieferten. Bemerkenswert war die Kraft und Gewandtheit, mit der sie dabei ihre Körper oft meterhoch in die Luft schnellten. Das Klirren der zusammenschlagenden Schwerter, Speere und Keulen vermischte sich mit dem aufreizenden Gesang und Dröhnen der Trommeln. Als uns die vielen schnatternden Frauen auffielen, hörten wir, daß die Männer mehrere Frauen besitzen können. Der Massai bezahlt sie mit Fellen, und für eine Löwenhaut kann er drei Frauen erwerben. Sie schmücken sich mit großen Metallreifen und Spiralen, die Hals, Unter« und Oberarme zieren. Für europäische Begriffe bedeutet dies mehr eine Last als ein Schmuck. Mtakayko hatte zwanzig Frauen.
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KILIMANDSCHARO -BERG DES BÖSEN GEISTES
Schnell war eine Woche vergangen. Weiter ging es. Zwei Tage später standen wir an den Ufern des Magadsees, und die Umrisse des Kilimandscharo begannen sich am Horizont abzuzeichnen. Er ist der höchste Berg Afrikas und liegt etwa sechstausend Meter über dem Meeresspiegel. Die Eingeborenen nennen ihn den "Berg des bösen Geistes". Auf einem Gipfel des Berges, dem Kibo, liegt ewiger Schnee. Die Eingeborenen hassen den Berg. Wenn Hungersnot in das Land kommt, ist der böse Geist daran Schuld. Er hat bei jedem Unglück seine Hand im Spiel, und die Eingeborenen glauben daran, daß er im Kilimandscharo wohne. Für uns brachte die Nähe dieses Berges ein angenehmeres Klima. In den letzten Tagen hatten wir bis zu 45 Grad Hitze gemessen, und jetzt zeigte das Thermometer nur 30 Grad. Unterhalb des Kilimandscharo erstrecken sich riesige Kaffee« Pflanzungen. Sie gehören meistens Europäern. Mannshohe Kaffeesträucher sah ich, die die seltene Eigenschaft haben, Blüte und Frucht zu gleicher Zeit zu tragen. Der hier geerntete Kaffee zählt zu den besten Sorten der Welt. Das Gebiet, das wir auf dem Wege nach Usambara durchquerten, sah kultiviert aus. Es war ein fruchtbares Hochland. Das Klima war angenehm und es regnete auch häufiger. Dabei konnten alle Pflanzen und Früchte üppig gedeihen. Besonders fielen mir die hohen Stauden der Sisalagave auf. Sisal ist eine aus Mexiko eingeführte Pflanze, aus der eine hanfartige Faser gewonnen wird. In größeren Siedlungen entwickeln sich überall
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In größeren Siedlungen entwickeln sich überall Industrien, die Sisal zu Garnen, Teppichen und Läufern verarbeiten. Gern sah ich zu, wenn die scharfen Buschmesser in den Händen der muskulösen Schwarzen die harten Blätter der Stauden kappten.
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SCHNEEBALLSCHLACHT IN AFRIKA
Das gigantische Massiv des Kilimandscharo lockte uns mit seiner weißen im Sonnenlicht glänzenden Eishaube so sehr, daß wir uns entschlossen, ihn zu besteigen. Alle Vorbereitungen für eine Safari, d. h. eine Wanderfahrt, wurden getroffen. Die für diesen Zweck angeworbenen Träger bekamen wie wir warme Decken und Wollmützen, die man über die Ohren ziehen konnte, denn bei der Besteigung mußten wir alle Klimate passieren. Mit einigen Eseln, die unser Gepäck trugen, machten wir uns auf den Weg. Es war ein beschwerlicher Aufstieg. Durch dichtes Gestrüpp, aus dem wir das Orgeln der Affen hörten, vorbei an Gebirgsbächen, stiegen wir höher und höher. In den höheren Lagen trafen wir sogar auf mannshohe weiß= und rotblühende Erika. Die Luft wurde immer eisiger. Aufkommende Nebelschleier ließen uns frösteln. Nach tagelangen Anstrengungen erreichten wir in etwa viertausend Meter Höhe eine Höhle, in der wir uns häuslich niederließen und erst einmal ausruhten. Hier oben war schon starker Frost. Die Luft war dünn, unsere Pulse schlugen schneller, und der rasche Klimawechsel machte uns viel zu schaffen. Nach weiteren Tagen hatten wir endlich die Anfänge des Kibogletschers erreicht und befanden uns inmitten von Eisbergen. Als nun noch Neuschnee fiel, gab es viel, viel Freude, denn eine muntere Schneeballschlacht im heißen Afrika hätten wir uns nicht träumen lassen. Die Ausbeute für unsere Kamera war reichlich. Doch auch das wuchtige Massiv des Kilimandscharo konnte uns auf die Dauer nicht halten. Dem Plan unseres Expeditionsleiters folgend, strebten wir der Ostküste zu. 1400 Kilometer waren zu bewältigen, um nach Mozambique zu gelangen. Ursprünglich wollten wir von Usambara nach Daressalam fahren und von dort aus der Insel Sansibar einen Besuch abstatten.
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Diesen Umweg konnten wir uns nicht leisten, denn in zwei Wochen erwartete man den großen Regen im Hochland. Zu diesem Zeitpunkt mußten wir die Gegend von Njassa erreicht haben. In Usambara hatte Böhlau ein altes Auto gekauft, mit dem wir nach Mozambique fuhren. Das Fahrzeug war mehr als museumsreif. Ein gewaltiges, goldglänzendes Horn mit einem großen geflickten Gummiball zierte es. Wir amüsierten uns mächtig über diese Staatskarosse und trauten ihr nicht allzuviel zu. Aber der "rasende Roland", so nannten wir das Vehikel, schaukelte uns sicher an unser Ziel. Unterwegs begegneten wir einer Gruppe Neger, die Elfenbein transportierten. Sie zogen auf einem Trampelpfad entlang in Richtung der Küste. Sie fühlten sich überrascht und machten ängstliche Gesichter, als wir sie anhielten, um sie für fünf Minuten als Filmschauspieler zu beschäftigen. Gewiß vermuteten sie zunächst, daß wir sie um das "weiße Gold" erleichtern wollten, und ihr Gewissen schien nicht rein zu sein, denn es ist in Afrika verboten, Elefanten zu jagen. Woher hatten sie die Stoßzähne? Wir fragten nicht danach.
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Wir lagen vor Madagaskar
In Mozambique wollte Böhlau mit uns das afrikanische Festland verlassen und einen kurzen Abstecher nach Madagaskar machen. Wir gingen zum Hafen, um ein geeignetes Schiff für die Überfahrt nach Mayunga, einer Hafenstadt an der Westküste Madagaskars, zu finden. Erst in einer Woche fuhr ein Schiff. Es war ein französischer Küstendampfer. Sein Kapitän sagte uns, daß er in drei Tagen die 500 Kilometer breite Meerenge zwischen Madagaskar und dem Festland überqueren würde. Wir baten unseren Doktor, etwas von seinem umfangreichen Wissen über die Insel zum besten zu geben. Madagaskar, so führte er aus, gehöre eigentlich gar nicht zu Afrika, obwohl die Insel geographisch dem schwarzen Erdteil am nächsten liegt. Madagaskar ist die Heimat schönster Vertreter der Vogelwelt, buntester Schmetterlinge, großblütigster Orchideen und höchster Urwaldriesen. Aber auch die Gefahren sind dort größer als irgendwo. Mancher Forscher und Sammler, der in diese märchenschöne Welt vorstieß, um die buntschillernden Schmetterlinge, funkelnden Kolibris und anderen Ziervögel zu fangen oder auf die phantastischen Orchideenwunder mit ihrem süßen betäubenden Duft Jagd zu machen, wurde Opfer der tausendfältigen Gefahren. Die Bewohner von Madagaskar haben völlig andere Lebensgewohnheiten und nichts mit den Sitten und Gebräuchen der afrikanischen Neger zu tun.
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Man könnte eher davon sprechen, daß Madagaskar und die Inseln der Südsee zusammengehören. Sollte das stimmen, wäre das Rätsel um Madagaskar noch größer. Denn wie läßt sich die Verwandtschaft der Bewohner von Madagaskar mit den Eingeborenen der Südsee erklären? Über eine Karte gebeugt, schaute ich mir Madagaskar gut an. In der Schule hatte ich von dem venezianischen Weltenbummler Marco Polo gehört, der als erster Weißer seinen Fuß auf Madagaskar setzte. Ich wußte auch, daß das Klima der Insel das ungesündeste der ganzen Welt ist. Nach dreitägiger Dampferfahrt landeten wir in Mayunga. Die Behörden waren hier sehr freundlich. Man bewunderte unsere Filmgeräte, und ein hoher französischer Kolonialbeamter lud uns sogar in sein Haus. Er stammte aus Paris, und Dr. Freytag, der dort studiert hatte, konnte sich angeregt mit ihm unterhalten. Wir wollten nicht allzulange auf Madagaskar bleiben. Die Gefahr der Erkrankung war groß. Keiner von uns wollte sein Leben unnötig aufs Spiel setzen. Darum änderte Böhlau seinen Plan, die ganze Insel zu durchstreifen. Dafür sollte es in das Bongolavagebirge und von dort nach Morondawa gehen. Die Bucht von Mayunga überquerten wir in den eigenartigen Booten der Eingeborenen. Das waren Einbäume, die nach beiden Seiten Schwimmkörper ausgelegt hatten wie bei einem Wasserflugzeug, so daß ein Kentern unmöglich war. Wir nahmen uns jeder eines dieser Fahrzeuge, verstauten unsere Filmgeräte und Lebensmittelvorräte, und dann begann ein lustiges Wettrennen zwischen den vier Booten. Nach der Überfahrt zogen Böhlau und Dr. Freytag in ein Eingeborenendorf, um einige Träger für unsere Reise anzuwerben. Sie kamen mit sechs stämmigen Männern zurück, die von nun an unser Gepäck schleppten. Wir brachen noch am gleichen Tage auf und erreichten müde den Rand des Urwaldes.
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Die Luft war drückend, fast unerträglich wurde es. Tiefschwarze Wolken hatten sich zusammengeballt und türmten sich zu drohenden Ungeheuern. Dann zuckten, wie von Dämonenfäusten geschleudert, grelle Blitze ins Urwalddickicht und verwandelten die grüne Hölle des Urwaldes in ein flammendes Meer. Das Grollen und Krachen des Donners war so gewaltig, daß wir glaubten, die Welt müsse über uns zusammenstürzen. Ängstlich hatten sich unsere schwarzen Träger zusammengehockt, und mit riesigen Blättern versuchten sie sich vor dem unaufhörlich niederstürzenden Regen zu schützen. Zuckende Blitze, heulende Stürme, prasselnde Wassermassen, Krachen, Dröhnen und Bersten - das waren entfesselte Urgewalten. Schon nach wenigen Minuten war der Boden total aufgeweicht, und bis zu den Knien standen wir im Morast. Es regnete die ganze Nacht ununterbrochen in Strömen. Am anderen Morgen brannten die sengenden Strahlen der Sonne auf das Chaos ineinandergestürzter Urwaldriesen. Der durch die Hitze schnell verdunstende Morast erfüllte die Luft mit stickiger Feuchtigkeit und verseuchte sie mit Billionen von Bazillen und Bakterien. Wir standen noch lange unter dem Eindruck dieser unheilvollen Nacht. Zum Glück hatten wir sie alle gut überstanden. Doch am liebsten wären wir umgekehrt. Jeder von uns dachte nur daran, so schnell wie möglich aus dieser grünen Hölle zu kommen, aber dazu waren wir schon zu weit im Ambongogebiet. Bei unserem Weitermarsch kamen wir durch Dörfer, in denen das Gewitter furchtbare Verwüstungen angerichtet hatte Die aus Bambus- und Palmenblättern hergerichteten Hütten waren zusammengefallen. Der nahe gelegene Fluß war über seine Ufer getreten, hatte die Viehweiden überschwemmt und die Tiere mit sich gerissen. Wir hatten gehofft, alle gut weggekommen zu sein, aber Dr. Freytag klagte schon wenige Tage später über starke Kopfschmerzen und Ermattung. Schließlich wurde er vom tropischen Fieber gepackt, und wir mußten vier kräftige Träger für ihn anwerben. Wir waren daher gezwungen, durch den Urwald zur Küste nach Maintirano zu stoßen. Von hier aus erreichten wir in zwei Tagen mit einem kleinen Motorboot der französischen Küstenpolizei Morondawa.
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Dr. Freytag wurde sofort ins Krankenhaus gebracht. Als er wieder geheilt war, verließen wir Madagaskar und fuhren zurück auf das afrikanische Festland nach Beira. Wir waren heilfroh, Madagaskar hinter uns zu haben. Nur schade, daß wir von dieser gefährlichen Insel so wenig Aufnahmen machen konnten.
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VON NEGERN GEJAGT
Nach einigen Tagen wohlverdienter Ruhe ging es von Beira nach Chinde, von dort auf dem größten Strom Südafrikas, dem Sambesi, flußaufwärts. Eine gefahrvolle Fahrt durch ein Gebiet kriegerischer Negerstämme stand uns bevor. Vorsorglich hatten wir genügend Waffen und Munition mitgenommen. Von Böhlau bekam ich ein eigenes Gewehr, eine prima Winchesterbüchse. Ich war sehr stolz darauf. Daß ich schießen konnte, hatte ich ja schon bewiesen. Von Chinde fuhren wir über einen kleinen Nebenarm in den großen Sambesistrom. Dichter Urwald lag zu beiden Seiten. In Abständen von Tagen trafen wir auf verstreute Eingeborenensiedlungen. Nach zwei Wochen näherten wir uns der Stadt Tete. Der Urwald trat bis an das Ufer heran, so daß wir unser Boot bequem mit einer Leine an einem Mahagonibaum festmachen konnten. Böhlau und Frank gingen, nur mit ihren Gewehren bewaffnet, an Land. Sie wollten sich das Gebiet etwas näher ansehen, um weitere Motive für Aufnahmen zu finden und etwas Frischfleisch zu beschaffen. Dr. Freytag und ich blieben als Wache im Boot zurück. Viele Stunden warteten wir auf die Wiederkehr unserer Freunde. Bald mußte es dunkel werden. Immer unheimlicher wurde uns, wenn wir daran dachten, daß ihnen etwas zugestoßen sein könnte. Unsere Gewehre in der Hand, beobachteten wir angestrengt das Ufer. Auf einmal hörten wir schnell näher kommendes Lärmen, von vereinzelten Schüssen unterbrochen.
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Plötzlich
. Wurde auch schon das Buschwerk am Ufer auseinandergerissen. Mit langen Sätzen sprang Böhlau, völlig abgehetzt, auf das Boot. Danach jagte auch Frank, dicht verfolgt von wild aufheulenden Negern, heran. Ich schoß sofort auf die Verfolger. Dr. Freytag zerrte Frank schnell ins Boot und kappte das Haltetau. Böhlau warf gleich den Motor an. Wenige Sekunden später schwammen wir bereits mitten auf dem Strom.|
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Wir waren gerettet. "Das konnte schief gehen!", meinte Frank nach völlig außer Atem. Erst nachdem die beiden sich etwas gefaßt hatten, berichteten sie uns von ihrem letzten, nicht ungefährlichen Erlebnis. Sie waren weit in den Busch vorgedrungen. Dumpfes Trommelschlagen und lärmendes Stimmengekreisch hatte ihnen die Nähe eines Krals verraten. Sie schlichen heran. Da sahen sie durch grelle Farben dämonisch aufgeputzte Gestalten verzückt um ein Feuer tanzen. Die teuflisch grinsende Maske eines wild vermummten Medizinmannes zeigte ihnen, daß es sich wahrscheinlich um eine Geisterbeschwörung handele. |
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Böhlau war sofort klar, daß sie sich in höchster Gefahr befanden, wenn sie entdeckt wurden. Vorsichtig versuchten sie, sich zurückzuziehen. Da ertönte auf einmal ein schriller Schrei. Ein altes, dürres Weib hatte sie entdeckt. Sofort entstand ein riesiger Tumult. Böhlau und Frank flüchteten. Die in ihrer Beschwörung aufgescheuchten Eingeborenen stürmten laut lärmend hinter ihnen her. Der Abstand verringerte sich zusehends. Es wurde ein Rennen auf Leben und Tod. Ihre Rettung hatten sie nur dem Umstand zu verdanken, daß sie das Ufer in unmittelbarer Nähe des Bootes erreichten.
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"DAS DONNERNDE WASSER" DIE VICTORIA-FÄLLE
Einen Monat brauchten wir, um Livingstone zu erreichen. Unser Boot machten wir am Ufer des Sambesi fest und versteckten es unter dichtem Lianengewirr, das bis ins Wasser reichte. Dann nahmen wir das notwendigste Gepäck auf und zogen, mit unserer Kamera bewaffnet, zu den in der Nähe befindlichen Victoria=Fällen. Wir brauchten weder Kompaß noch Karte, um die Wasserfälle zu finden. Ihr urgewaltiges Rauschen und Dröhnen zeigte uns deutlich und sicher die Richtung an.
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Die Eingeborenen hatten vollkommen recht, wenn sie den Fällen den Namen Mosi oa tunya = Wasser, das donnert, gaben. Es war ein beschwerlicher Weg durch felsiges Gelände. Unsere Anstrengungen wurden aber dafür durch ein ungewöhnlich schönes Naturschauspiel von überragender Gewalt und Kraft reichlich belohnt. Fast unvermittelt standen wir vor den steil aufragenden Felsenwänden, von denen sich die Fluten des Sambesi in einer Breite von etwa 650 Metern laut donnernd und brausend 300 Meter in die Tiefe stürzten. Hier unten am Fuße der Victoria=FälIe kochte, brodelte und zischte das Wasser, und durch die Wucht des Aufpralls wurde es wieder in riesigen Fontänen in die Höhe geschossen. Wir mußten laut schreien, um uns verständigen zu können, so laut war das Toben. Das zerstiebende Wasser stieg in einer dicken weißen Dunstwolke wohl etwa 100 Meter hoch und ging dann als dichter Regen nieder, der uns bald bis auf die Haut durchnäßte. Unendlich klein und verloren standen wir vor diesem Giganten. Wir waren alle tief beeindruckt, Frank aber war völlig hingerissen. Hier boten sich ihm prächtige Motive für seine Kamera. Von unten, von oben, von allen Seiten, oft unter Lebensgefahr, nur an Felsgraten hängend, suchten wir Stellungen für die Kamera, um die schönsten Bilder wirkungsvoll einfangen zu können. Das ganze Panorama war ungewöhnlich reizvoll. Waldbäume in den verschiedensten Farben und Formen zierten die Ufer und schmückten die im Fluß verstreuten Inseln. Einige Tage nahmen die Aufnahmen in Anspruch. Der Aufenthalt war hier neben der Schönheit auch durch seine Frische und Kühle eine Erholung.
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EIN EI FÜR ZWANZIG PERSONEN
Unseren Motorsegler hatten wir in Livingstone gegen einige Esel eingetauscht, denn nun ging die Reise vom Sambesi südlich in Richtung Boana. Unterwegs kamen wir an einer Straußenfarm vorbei. Die hättet ihr einmal sehen müssen! Hunderte dieser drolligen Vögel stolzierten dort auf langen starken Beinen in der Gegend umher. Sie machten lange Hälse und dumme Gesichter, als sie uns kommen sahen. Es waren wirklich urkomische Viecher. Böhlau hatte sich mit dem Besitzer der Farm, einer alten freundlichen Dame, bekannt gemacht. Frank sollte einen Streifen von diesen häßlichen Vögeln mit den "goldenen" Federn drehen. Die Federn waren aber gar nicht aus Gold. Man sagt nur so, weil die schönen Straußenfedern in aller Welt gekauft werden und den Züchtern viel Geld einbringen. Wir blieben also einige Tage auf der Farm. Stundenlang konnte ich den Straußen zusehen. Es machte mir viel Spaß. Sie fraßen alles, was sie nur verschlingen konnten, auch Glassplitter und glitzernde Steine. Als ich sogar sah, daß eines der Tiere eine alte Konservendose verschlang und diese dann in dem langen, dürren Hals allmählich herunterrutschte, mußte ich laut auflachen. Das nahm mir der Strauß aber anscheinend sehr übel, denn von panischem Schrecken erfaßt, raste er wie ein wildgewordener Düsenjäger davon. Ich wartete immer darauf, daß einmal ein Strauß seinen Kopf in den Sand stecken würde. Doch das habe ich nie sehen können, und auch die Farmerin sagte mir, daß es so etwas nicht gäbe.
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Die oft gebrauchte Redewendung von dem Strauß, der seinen Kopf in den Sand steckt, ist frei erfunden. Wir rüsteten bereits zum Aufbruch, als uns die Besitzerin der Farm eine besondere Überraschung servierte. In einer riesigen Bratpfanne wurde ein etwa sechzig Zentimeter großer Eierkuchen auf den Tisch gestellt. Dieses ungewöhnliche Exemplar war ein echter Straußeneierkuchen, der für zwanzig Personen reicht und von nur einem einzigen Straußenei hergestellt wird. Voller Erwartung auf diesen ungewöhnlichen Genuß langten wir ordentlich zu und nahmen uns jeder eine reichliche Portion. Nach den ersten Happen aber wurden die Gesichter lang und länger. So schön wie der Eierkuchen auch aussah, er schmeckte wie angebranntes Rührei aus alten Enteneiern. Keiner von uns hatte jemals das Verlangen, diesen Genuß zu wiederholen.
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DAS GEHEIMNISVOLLE FERNGLAS
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BEI DEN ZULU
Weiter südlich erstreckt sich weites Urwald» und Steppengebiet, das von den Zulu beherrscht wird. Diese hatten bei der Erschließung Südafrikas stärksten Widerstand geleistet. Sie gehörten zweifellos früher zu den kampflustigsten Stämmen Afrikas. Natürlich wollten wir auch sie vor die Kamera haben. Das war aber gar nicht so einfach. Die Verhandlung zwischen dem Häuptling und Dr. Freytag war sehr schwierig. Wir erwarteten ungeduldig das Ergebnis. Die Männer, die in vollem Kriegsschmuck vor ihren Zelten standen, schauten böse drein und schienen bereit zu sein, sich auf ein Zeichen des Häuptlings auf uns zu stürzen. Endlich kam Dr. Freytag zurück. "Er läßt sich nicht filmen", rief er uns zu. "Er glaubt, unsere Kamera sei ein Kasten des ,bösen Geistes', der Unglück bringt. Er will uns gefangennehmen, wenn wir nicht bis Sonnenuntergang sein Gebiet verlassen hätten." Es war keine Zeit mehr zu verlieren. Aber Dr. Freytag setzte alles auf eine Karte. Er nahm ein Fernglas, ging nochmals zum Häuptling zurück und redete lebhaft auf ihn ein. Dieser war erst mißtrauisch, doch dann plagte ihn die Neugierde, und zögernd blickte er durch das Glas. Erstaunt sah er auf. Noch einmal guckte er durchs Fernglas. Er konnte es nicht fassen, daß alles groß und nah vor ihm stand. Dr. Freytag schmunzelte befriedigt, dann nahm er das Glas, drehte es um und hielt es dem Häuptling erneut hin. Erschreckt wich dieser zurück, er konnte es nicht begreifen, daß alles, was eben noch groß und nah vor ihm stand, nun klein und weit entfernt war. Doch bald hatte er sich gefaßt, nahm das Fernglas, drehte es einmal so und dann wieder so herum. Er blickte immer wieder durch die Linsen, sprang begeistert in die Höhe und tanzte freudig im Kreise herum.
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Dieses Theater mußten wir uns eine halbe Stunde lang mit ansehen. Dann begann erneut ein Feilschen und Handeln, und nach langem Hin und Her gab uns Freytag zu verstehen, daß der Häuptling nunmehr einverstanden war. Ein besonderer Genuß stand uns bevor. Um das Fernglas zu bekommen, hatte sich der Häuptling bereit erklärt, mit allen seinen Stammesangehörigen einen Kriegstanz vorzuführen. Sofort bauten wir die Kamera auf. Inzwischen rief der Häuptling seine Männer zusammen, und schon nach kurzer Zeit ertönten die dumpfen Klänge zahlreicher Kriegstrommeln. Die Krieger eilten mit ihren Schilden und Speeren herbei, hoben die Waffen in die Höhe und ließen sich vor ihrem Häuptling niederfallen, sprangen wieder auf und tanzten nach den immer schneller werdenden Trommelwirbeln. Die Frauen eilten mit ihren Kindern herbei, und der Medizinmann des Dorfes stimmte einen schaurigen Kriegsgesang an. Angelockt durch den Ruf der Trommeln, kamen immer mehr buntbemalte Zulukrieger hinzu. Frank war in seinem Element. Er kletterte mit seiner Kamera auf einen nahe gelegenen Baum und konnte so von oben das buntbewegte Bild des erregenden Zeremoniells festhalten. Ähnlich muß es gewesen sein, als die ersten Weißen ins Land kamen und die Zulu gegen die Eindringlinge in den Kampf zogen.
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EIN ALTER BURE ERZÄHLT...
Wir hatten das Burenhochland erreicht und dabei Gelegenheit, eine der alteingesessenen Burenfamilien kennenzulernen. Es waren prächtige Menschen, die sich über unser Kommen aufrichtig freuten und uns gastlich aufnahmen. Die Buren waren von jeher deutschfreundlich, und als sie hörten, daß wir ihr Leben und Treiben in einem Kulturfilm festhalten wollten, waren sie besonders aufgeschlossen. Abends saßen wir mit unseren Gastgebern und einigen aus der nächsten Umgebung hinzugekommenen Nachbarn zusammen. Das Fragen und Antworten wollte kein Ende nehmen. Es war gemütlich, bei einem Glas Wein mit diesen Menschen zusammenzusitzen und Gedanken auszutauschen. Die Buren waren in ihrer Haltung fromm und ehrerbietig, und auch in ihren Beziehungen zueinander zeigten sie viel Respekt vor dem Alter. So kam es, daß unser Gastgeber, der alte Bure, schließlich allein das Wort führte und uns viel Interessantes aus der Vergangenheit und Gegenwart der Burengeschichte zu erzählen wußte. In schlichten, aber um so eindrucksvolleren Worten schilderte er uns die Gründung der Südafrikanischen Union. Die "Ostindische Handelsgesellschaft", ein Handelsunternehmen der Niederlande, dem heutigen Holland, hatte schon früh die Wichtigkeit von Stützpunkten an der Südspitze Afrikas erkannt. Das "Kap der Guten Hoffnung" mit seinen Stürmen bildete schon immer eine große Gefahr für die Seeschiffahrt. Oft mußten die Schiffe tagelang gegen den Sturm ankämpfen, und die im Dienst der "Ostindischen Gesellschaft" fahrenden Besatzungen der Segelschiffe waren daher froh über die Gelegenheit, dort ihre Niederlassungen aufsuchen zu können. Hier konnten sie sich mit allen Materialien versehen, um die an den Schiffen entstandenen Schäden auszubessern. Mit neuem Proviant setzten sie von da ihre Reise fort.
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Der hohe Wert dieser Niederlassungen wurde von den Verwaltern schnell erkannt. Das Klima war für Weiße geeignet, und so rief man Europäer zur weiteren Erschließung des Landes. Besonders Niederländer, Hugenotten und auch deutschstämmige Menschen kamen so nach Südafrika. Es waren Bauern (holländisch = Buren), die durch ihre große Arbeitskraft und ihren außerordentlichen Fleiß das Land schnell kolonisierten. Der erste "Burenbrief", das war die Genehmigung zur Ansiedlung, wurde einem Kölner ausgehändigt. Die Buren fanden gute Siedlungsmöglichkeiten, und ihr Kinderreichtum bewirkte, daß sich immer wieder neue Familien bildeten, die weit ins Land vorstießen. Die Eingeborenen des Landes waren mit diesem steten Vordringen in ihr Reich keineswegs einverstanden. Erst nach blutigen Kämpfen mit den Kaffern wurden die Freistaaten Natal, Oranje und Transvaal gegründet. 1652 entstand die Kapkolonie der "Buren". Im Jahre 1910 wurde die Südafrikanische Union als britisches Dominion geschaffen. Die Buren stellen in diesem Staat noch heute die größte Anzahl der Weißen und sind politisch führend. Die Jahrzehnte schwerster Pionierarbeit liegen heute weit zurück, und wo einst blutige Kämpfe tobten, wird jetzt alle Kraft zum friedlichen Ausbau der Wirtschaft genutzt. Unser Gastgeber, der besonders stolz darauf war, daß seine Vorfahren zu den ersten Siedlern Südafrikas gehörten, hat das Land, auf dem er saß, noch selbst erschließen müssen. Als ich ihn neugierig nach der großen Narbe auf seinem Handrücken fragte, strich er sich nachdenklich über sein ergrautes Haar und schilderte uns, wie er als Fünfundzwanzigjähriger einen Kaffernbüffel mit dem Buschmesser tötete. Ein wütend schnaufender Bulle hatte ihn bei der Feldarbeit angegriffen. Dies geschah so plötzlich, daß er keine Zeit mehr fand, das Gewehr zu ergreifen. Mit dem blanken Buschmesser in der Hand mußte er sich zur Wehr setzen. Voller Zorn jagte er dieses tief in die Flanke des Tieres, das, schon stürzend, noch seinen Handrücken aufriß.
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EIN PARADIES DER TIERE DER KRÜGER-NATIONALPARK
Als wir zum Aufbruch rüsteten, bestand unser "alter Bure" darauf, uns unbedingt den größten Zoo der Welt zu zeigen. In seinem nicht mehr ganz neuen Ford fuhren wir in die Nordostecke der Südafrikanischen Union, um dieses einzigartige Paradies der Tiere zu erleben. Von der Größe dieser gewaltigen Anlage könnt ihr euch nur ein Bild machen, wenn ihr hört, daß das Areal 21 000 Quadratkilometer umfaßt - das ist halb so groß wie die Schweiz. Im Krüger=Nationalpark tummeln sich in freier Wildbahn Löwen, Elefanten, Giraffen, Zebras, Hyänen, Gnus, Schakale, Strauße und wie sie sonst alle heißen mögen. Während die Tiere dort völlig unbehindert sind, ist die Bewegungsfreiheit der Menschen in kluger Fürsorge eingeschränkt. Besucher dürfen während ihrer Fahrt durch den Krügerpark ihren Wagen nicht verlassen und natürlich auch von ihren Schußwaffen nur bei höchster Gefahr Gebrauch machen. Außerdem müssen sie spätestens eine halbe Stunde nach Sonnenuntergang in einem der fünfzehn Camps sein. Wie sehr sich all diese Maßnahmen bewähren, zeigt die Tatsache, daß es seit Eröffnung des Naturparks im Jahre 1929 noch keinen ernsten Unfall gegeben hat. Mit vielen Scherzen und Spaßen vertrieben wir uns die Fahrt, und ehe wir uns versahen, schaukelten wir bereits gemächlich mit unserem Fahrzeug auf den Straßen des Naturparkes. Wir wurden eigentlich erst aufmerksam, als wir Warnschilder an den Straßen fanden, die besonders auf die Tiere aufmerksam machten, wie z. B.: "Achtung! Autofahrer! Nicht näher als 40 Meter an Elefanten heranfahren!" Tiere waren für uns "alte" Afrikaner ja weiß Gott keine Neuigkeit mehr. Wir hatten sie schon oft und viel beobachtet, gejagt und auch erlegt. Trotzdem, oder gerade deswegen waren wir überrascht, in diesem gewaltigen Naturpark alles ganz anders als gewohnt vorzufinden.
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Während wir so dahinzuckelten, hörten wir plötzlich ein Krachen und Knacken. Rechts von der Straße wurden Bäume gebrochen und heraus trat ein riesiger Elefant, der sich seinen Weg durch das Dickicht bahnte. Ich war erstaunt, als das gewaltige Tier uns kaum eines Blickes würdigte und friedlich davonstampfend seinen Weg suchte. Ein anderes Mal wurden wir durch eine auf der Straße liegende Löwengruppe an der Weiterfahrt gehindert. Erschreckt fuhr ich von meinem Sitz hoch, und sofort hatte ich das Bild der Löwenjagd von damals vor Augen. Doch Böhlau drückte mich in meinen Sitz zurück und sagte mir: "Solange der Wagen geschlossen bleibt, tut dir hier kein Tier etwas zuleide." Die Löwengruppe ließ sich durch unser Erscheinen auch keineswegs in ihrer Ruhe stören. Gelangweilt blieben die Tiere
liegen, nur ein zottiger Löwenherr schien sich mehr für uns zu interessieren und spiegelte sich in den blanken Teilen des Wagens. Erst nach mehrmaligem Hupen bequemten sich die Löwen allmählich, den Weg zur Weiterfahrt freizugeben. Wir fuhren noch mehrere Tage kreuz und quer durch das Naturschutzgebiet. Trotz der Riesenausdehnung des Reservats kann man immer wieder genug Tiere beobachten.
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Die Steppe brennt
Der Besuch des Krüger-Nationalparks war ein Erlebnis eigener Art, und Frank hatte sich mit seiner Kamera die günstige Gelegenheit, den Besuch in Bildern festzuhalten, natürlich nicht entgehen lassen. Als sich unser "alter Bure" wieder von uns trennte, um zu seinem Besitz zurückzukehren, gab es einen feuchtfröhlichen Abschied. Die Stimmung war ausgesprochen heiter. Hundemüde hatte ich mich in meinem Schlafsack verkrochen und träumte vom Paradies - vom Paradies, wo Tiere und Menschen friedlich nebeneinander leben. Allzulange konnte ich noch nicht gelegen haben, als ich durch den alarmieren« den Ruf: "Die Steppe brennt!" aus dem Schlaf gerissen wurde. Im Nu war alle Müdigkeit verflogen, und es ging mir viel zu langsam, bis ich mich von meinem Nachtlager aufgerappelt hatte. Dann lag sie vor mir - die brennende Steppe. Vielleicht nur ein bis zwei Kilometer von uns entfernt fraß sich gierig eine langgezogene Feuerkette, prasselnd und fauchend, durch die ausgedörrte Landschaft. Mannshohes Steppengras, Kameldornbüsche und andere Pflanzen standen in hellen Flammen. Laut knatternd und prasselnd wurde alles, was dem feurigen Gluthauch im Wege stand, ein Opfer des Brandes. Pfeifend trieb der Wind diesen lodernden Hexenkessel zu immer neuer sengender Vernichtung an. Die Steppe hatte sich in eine riesige, flammende, zuckende Feuerglut verwandelt, die sich in die Unendlichkeit zu ergießen schien. Massen von Heuschrecken, Insekten und Vögeln, Scharen und Herden von großen und kleinen Tieren wurden aufgescheucht. In wilder Panik dahinstürmend, versuchten sie, in höchster Angst schreiend, dem Feuertode zu entkommen. Das Prasseln und Knacken des Brandes, das Heulen und Fauchen des Windes und die Schreie der gequälten Kreaturen vermischten sich zu einem grausigen Konzert. Darüber wälzten sich schwere dunkle Rauchwolken, in denen sich das blutigrote schaurige Drama widerspiegelte. Wir hatten Glück, daß der Wind das Feuer von uns wegtrieb. So konnten wir ungefährdet dieses gewaltige Schauspiel erleben.
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Es stand so ganz im Gegensatz zu dem kurz vorher gesehenen Tierparadies. Es war schaurig und doch - schön. Afrika, das Land mit den tausend Widersprüchen, hatte uns in den letzten Tagen zwei besonders krasse Beispiele gezeigt. Wir waren schon fast in Johannesburg, und noch immer gab uns dieses Thema Anlaß zu lebhaften Gesprächen.
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JOHANNESBURG
Gold - dieses kostbare gelbe, gleißende Metall -, hier wird es gesucht, hier wird es gefunden, hier wird es gefördert. Johannesburg lag wie eine große Stadtinsel in der weiten Steppenwildnis Südafrikas. Menschen aller Rassen, Schwarze, Weiße und Gelbe, bevölkerten sie. Das Geschäftsviertel war trotz vereinzelter moderner Hochbauten häßlich. Die hübschen Vorstadthäuser standen im krassen Gegensatz zu den fürchterlichsten Elends« quartieren, die ich je in einer Stadt gesehen habe. War das noch Afrika? Afrika, wie ich es bisher in seiner urwüchsigen Natürlichkeit kennen und lieben gelernt hatte?
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Nein - dieses Afrika war mir fremd. Der Abschied fiel mir daher nicht schwer, und froh packte ich meine Sachen für die Reise nach Kapstadt. Oft schon hatten wir unsere Transportmittel gewechselt. Jetzt führte uns der Schienenstrang 1500 Kilometer durch die Südafrikanische Union. Ich staunte über die Vielzahl der Städte. Darunter gab es sogar eine, die Heidelberg hieß. Fauchend brachte uns die Lokomotive dem südlichsten Landzipfel Afrikas näher.
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KAPSTADT -ABSCHIED VON DER FILMEXPEDITION
Als ich damals in Alexandrien durch Zufall Mitglied der Filmexpedition Böhlau wurde, trat eine große Wende für mich ein. Kapstadt sollte ein neuer Wendepunkt werden. Bei Dr. Freytag hatten sich in der letzten Zeit wiederholt leichte Fieberanfälle eingestellt. Sie waren nicht sonderlich schlimm, doch in Kapstadt packte es ihn richtig. Im Krankenhaus stellte man Tropenfieber fest. Das war der Tribut, den Madagaskar nachträglich forderte. Bis zu seiner Gesundung mußten wir eine unfreiwillige Pause einlegen. Ich ruhte mich erst einmal gründlich aus und machte ein paar faule Tage. Aber es war mir auf die Dauer zu langweilig. Die nahe gelegenen Berge zogen mich an. Am liebsten war ich auf dem Tafelberg, von hier blickte ich stundenlang über Kapstadt hinweg auf das weite Meer. Vom "Kap der Guten Hoffnung", dieser stürmischen und gefährlichen Ecke, wo sich der Atlantische und der Indische Ozean treffen, hatten mir schon oft die Matrosen erzählt. Ich mußte dabei an die "Oldenburg" denken. Wo mochte sie wohl schwimmen? Die vielen aufkreuzenden Schiffe lockten mich, denn schließlich war ich doch "Seemann". Daher faßte ich den Entschluß, mich von meinen Freunden zu trennen und wieder auf See zu gehen. Das war nicht ganz leicht. Erst in 24 Tagen sollte ein deutsches Schiff eintreffen. Als ich Böhlau dieses erzählte, sagte er mir, daß er einen neuen Job für mich hätte. Mister Brand, ein amerikanischer Journalist, der mit seinem Jeep Afrika bereiste und von meiner bisherigen Tätigkeit bei der Filmexpedition erfahren hatte, wollte mich anwerben. Wir wurden einig. Herzlich nahm ich von meinen drei großen Freunden Böhlau, Dr. Freytag und Frank, denen ich so viele unvergeßliche Erlebnisse zu danken hatte, Abschied.
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MIT DEM JEEP DURCHS DUNKLE AFRIKA
Mit viel Unternehmungslust, mein Bündel unter dem Arm, kreuzte ich bei Mister Brand, meinem neuen Boß, auf. Mister Brand, ein großer drahtiger Sportsmann, schlug mir zur Begrüßung auf die Schulter und sagte: "Okay, Jürgen, come on!" Gemütlich setzten wir uns dann in tiefe Klubsessel; er warf mir eine Packung "Maple leaf'-Kaugummi zu und erzählte dann von seinen Aufgaben. Eine große amerikanische Zeitung hatte ihm den Auftrag erteilt, mit dem Jeep Afrika zu bereisen und in spannenden Artikeln den Lesern vom "schwarzen Erdteil" zu berichten. Die Artikelserie lief unter dem Titel "Mit dem Jeep durchs dunkle Afrika". Die Leser erwarteten natürlich eine Menge interessanter und sensationeller Berichte, und wie sich schon nach kurzer Zeit herausstellte, hatte mein amerikanischer Boß den richtigen Riecher für solche Sachen. Lässig zog er einen großen Plan aus seiner Tasche und zeigte mir auf der Afrikakarte die vorgesehene Reiseroute. Der Weg ging von Kapstadt in die Kalahari. Von hier sollten die Diamantenfelder in der Namibwüste besucht und weiter über die portugiesische Kolonie Angola durch die Kongoprovinz Katanga nach Elisabethville vorgestoßen werden. Das nächste große Ziel sollte der Eduardsee sein. Von diesem wollten wir zurück durch das Kongogebiet nach Leopoldville. Nach dem Besuch bei dem weltbekannten Professor Dr. Albert Schweitzer in Lambarene sollte es in nördlicher Richtung zum Tschadsee und wieder zur Westküste nach Akkra zurückgehen. Timbuktu, den alten Treffpunkt der Karawanenstraßen, wollten wir ebenfalls sehen, um dann durch Liberia den Hafen Monrovia zu erreichen. Die Fahrt sollte dann mit dem Schiff nach Teneriffa, Madeira und Casablanca gehen. Marrakesch und Tanger waren die zuletzt genannten Stationen.
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Als wir wenig später in die Werkstatt gingen, konnte ich erstmalig unseren Jeep, der hier für die große Reise ausgerüstet wurde, bewundern. Es war ein Fahrzeug, wie ihr es ja kennt; aber eine besonders für die Tropen entwickelte Bereifung fiel sofort ins Auge. Auch ein Radioempfangsgerät und ein Kurzwellensender waren eingebaut, dazu eine besondere Ausrüstung mit Beilen, Schaufeln, Hebewerkzeugen, Tarnmatten und ähnlichem. Verschmitzt lächelnd wies Mr. Brand auf kleine Raffinessen, wie zum Beispiel einen elektrischen Rasierapparat, auf den er nicht verzichten wollte. Besonders stolz war er auf seine "Hausapotheke", eine Sammlung guter Brandys - amerikanischer Schnäpse. Auch meine Ausrüstung wurde nach den Wünschen Mr. Brands vervollständigt, dazu erhielt ich eine Mundharmonika, die ich mir schon lange gewünscht hatte. Nachdem die letzten Vorbereitungen getroffen waren, ging es auf in die Karrasberge. An den trockenen Gebirgshängen ragten aus dem felsigen Gesteinsboden ungewöhnlich dicke, bis zu zehn Meter hohe Stämme mit einer kleinen, eigenartig geformten Baumkrone in den Himmel. Das waren Köcherbäume, die der Landschaft einen seltsamen Charakter verleihen und aus deren Holz die Hottentotten Köcher für ihre Pfeile herstellen. Auch sonst haben diese Bäume mit einem Köcher viel Ähnlichkeit, sie sind innen hohl. Das Regenwasser sammelt sich darin, und in trockenen Zeiten lebt der Baum von dieser Wasserreserve.
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HOTTENTOTTEN, EIN AUSSTERBENDES VOLK
Südlich des Oranjeflusses trafen wir in der Nähe von Kakamas am Ufer eines träge dahinfließenden Wassers auf einen Hottentottenkral. Wie oft schon hatte ich die Bezeichnung: "Du Hottentotte" zum Scherz gebraucht. Nun standen wirkliche Hottentotten vor mir, und ich hatte Gelegenheit, sie zu beobachten. Es sind keine Neger, sondern kleine schmutziggelbe Kerle, mit platter Nase und dichtverfilztem Haar. Sie gehören zu den Hamiten, und ihre Zahl verringert sich von Jahr zu Jahr. Es ist ein aussterbendes Volk. In den Jahren 1904 bis 1905 wurden sie durch den Hottentottenaufstand in Deutsch=Südwestafrika in aller Welt bekannt. Damals waren sie noch recht kriegerisch, heute aber leben sie als Viehzüchter oder Arbeiter in den neugegründeten Industriebezirken und in den Städten.
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BEI DEN BUSCHMÄNNERN IN DER KALAHARI
Mr. Brand war schlechter Laune. Mürrisch kaute er seinen Kaugummi, denn für seine Leser brauchte er interessante Erlebnisse, und die friedlichen Hottentotten hatten ihm dazu wenig Gelegenheit gegeben. Wir waren bereits in der Kalaharisteppe. Brand suchte nach Buschmännern, doch bisher vergeblich. Ärgerlich nahm er einen kräftigen Schluck Brandy, schüttelte sich, fluchte - damned -, und weiter ging es. So sehr wir auch suchten, es war nichts zu sehen. Unser Jeep schaukelte an vereinzelten Felsblöcken vorbei durch die Steppe. Auf einmal hörten wir von allen Seiten Schreien und Lärmen. Ein flüchtiger Wasserbock schoß pfeilschnell an unserem Jeep vorüber. Sofort bremsten wir. Das Lärmen und Schreien wurde lauter. Da sahen wir den Wasserbock zurückrasen, und kurz darauf kreuzte er noch einmal auf. Das keuchende Tier wußte anscheinend nicht wohin, bald mußte es am Ende seiner Kräfte sein. Auf einmal sprangen kleine Männer aus dem Busch, die einen immer enger werdenden Kreis um das gehetzte Wild zogen. Aus nächster Nähe schössen sie mit ihren Pfeilen auf den Wasserbock, der tödlich getroffen zusammenbrach. Endlich! Hier waren die langgesuchten Buschmänner, die eine ihrer gewohnten Jagdmethoden, nämlich "die Tiere zu Tode zu hetzen", ausgeübt hatten. Wir fuhren nun zu der um das erlegte Tier versammelten Gruppe. Die Buschmänner nahmen sofort eine abwehrende Haltung ein und schienen keineswegs über unser Kommen erfreut. Wie ein Riese wirkte Brand, als er mit den nur 1,50 Meter großen Buschmännern verhandelte. Er wußte diese kleinwüchsigen Jäger aber doch umzustimmen, und schließlich zogen alle gemeinsam, wir mit unserem Jeep und sie mit ihrer Beute beladen, in das Dorf. Dort sah es aber ganz anders aus, als ich es bisher gewohnt war. Dieses Völkchen lebte nur in Höhlen oder einfachen Reisighütten und hinter dürftigen Windschirmen. Nach unserer Ankunft waren wir sofort Mittelpunkt des Interesses, und als ich unser Radio einschaltete und Musik ertönte, wurden wir von allen Dorfbewohnern mächtig bestaunt. Nur mit Fellen, Lederschurzen oder Umhängen bekleidet, umstanden sie unser Auto. Vom Wagen herab knipste Brand mit seiner Leica diese interessante Versammlung.
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DIE STRAUSSENJAGD
Brand wollte sich die günstige Gelegenheit einer Straußenjagd keinesfalls entgehen lassen und verabredete sich für den nächsten Morgen. Schon zeitig krochen wir aus den Schlafsäcken, schüttelten die Morgenkühle aus den Knochen, frühstückten und machten uns bereit. Ich hätte beinah laut gelacht, als ich am Sammelplatz angekommen, seltsam vermummte Gestalten herumhüpfen sah. Es waren Buschmänner, die sich zur Straußenjagd Straußenbälge umgehängt hatten. Der Führer der Jagdgruppe erteilte gerade seine Anweisungen. Die Männer gingen daraufhin weit auseinandergezogen in die Steppe. Lautlos bewegten wir uns vor, denn die Strauße sind sehr scheu und scharfsichtig.
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Mit erhobenem Kopf übersehen sie weithin die Umgebung. Der Führer deutete uns an, daß wir stehenbleiben sollten. Jetzt war es interessant zu sehen, wie geschickt die als Strauße verkleideten Buschmänner sich an die ausgemachte Herde heranschoben.
- Da ertönte ein lauter Schrei, ein altes Tier mußte etwas gemerkt haben. - Sofort kam Leben in die Jäger, und mit vergifteten Pfeilen schössen sie in die Herde. Einige Tiere wurden zur Strecke gebracht, andere liefen mit ausgebreiteten Flügeln, den Kopf weit vorgestreckt, auf ihren langen starken Beinen windschnell davon. Die Straußenjagd war zu Ende. Erfreut zogen die Buschmänner mit ihrer Beute davon. Wir bekamen als Jagdtrophäe einige besonders schöne Straußenfedern.
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SÜDWESTAFRIKA
Auf einem ausgefahrenen Trampelpfad am Rande der Kalahari fuhren wir in die ehemalige Kolonie Deutsch-Südwestafrika. Unterwegs begegneten wir friedlich grasenden Rinderherden. Es waren prächtige Tiere mit langgezogenen Hörnern. Sie sind der wertvollste Besitz der Hereros. Wir brauchten auch nicht mehr lange, um die eigenartigen Hütten der Hereros, die wie Bienenkörbe aussehen, zu entdecken. Die Hereros bauen ihre Behausungen aus verflochtenen Zweigen, die mit Kuhmist und Lehm beschmiert werden. Einstmals waren sie sehr kriegerisch, doch heute sehen sie ihre Aufgabe nur noch in der friedlichen Aufzucht von Nutzvieh, besonders den Langhornrindern. Sie sind so stolz auf diese Tiere, daß sie sie bei festlichen Gelegenheiten mit Bändern schmücken und nur zu kultischen Anlässen schlachten.
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WINDHUK
Bald fuhren wir in Windhuk, der ehemaligen Hauptstadt Deutsch-Südwestafrikas, ein. Früher war sie die Garnison der deutschen Schutztruppen. Obwohl inzwischen viele Jahre ins Land gegangen waren, konnte man doch noch immer Zeichen deutscher Kolonialarbeit finden. Bei unserem Eintreffen mit dem Jeep in der Stadt erregten wir durch unsere Ausrüstung überall Aufsehen. Wo wir auch nur einen kurzen Augenblick stehenblieben, sammelten sich sofort Menschen an, die uns nach unserer Herkunft und unserem Reiseziel fragten. Darunter waren auch Deutsche. Dabei entdeckte ich einen alten Hamburger. Die Freude war auf beiden Seiten groß. Auch Brand freute sich darüber, daß ich so weit von Deutschland entfernt einen Mann meiner Heimatstadt getroffen hatte. Er machte den Vorschlag, daß wir dieses unverhoffte Zusammentreffen abends im Hotel feiern sollten. Das war ein Vorschlag, dem nicht nur ich, sondern auch Krüger, so hieß der alte bärtige Landsmann, gerne zustimmte. Krüger, der schon über dreißig Jahre hier lebte, erzählte uns viele interessante Dinge aus alter und neuer Zeit.
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Brand konnte manche nette Story für seine Artikelserie verwenden. Besonders eindrucksvoll waren Krügers Berichte von den ersten Jahren seines Hierseins. Krüger hatte als Diamantenwäscher in der Namib angefangen und ungewöhnlich hart arbeiten müssen. Er erzählte uns, daß die Diamanten, die in der ganzen Welt begehrt und hoch bezahlt werden, hier in der Namibwüste, besonders aber südlich der Lüderitzbucht, oft nur zehn Zentimeter tief im Sande liegen. Die Art der Gewinnung ist erstaunlich primitiv, denn nur mittels Schüttelrosten und durch Waschen des Sandes werden die Edelsteine gefunden. Ist es nicht erstaunlich? Wertvolle Diamanten liegen im wertlosen Sand! - Krüger hatte damals Glück, er fand einige besonders schöne, große und lupenreine Steine, die ihm dazu verhalfen, seinen heutigen Besitz zu gründen. Eigentlich hätte ich ja Lust gehabt, mein Glück auch einmal zu versuchen, aber heute sind die Diamantenfelder unter staatlicher Kontrolle, und es ist keineswegs mehr so einfach, auf diese Weise reich zu werden. Das Erzählen nahm kein Ende, und erst in den Morgenstunden verabschiedeten wir uns voneinander.
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WIR KABELN NACH HAMBURG
Mr. Brand hatte sehr viel zu arbeiten. Er saß an seiner Schreibmaschine und tippte den lieben langen Tag die Berichte über unsere bisherige Fahrt. Wenn ich ihm ab und zu mal über die Schulter schielte und all das noch einmal las, was wir gemeinsam erlebt hatten, bekam ich Lust, auch so schöne Berichte zu schreiben. Mr. Brand freute sich über mein Interesse und schenkte mir ein Tagebuch, in dem ich von jetzt an meine eigenen Aufzeichnungen machen konnte. Mein Boß half mir dabei mit vielen Anregungen und manchem Tip. Ich habe erst dadurch gelernt, die vielen schönen Erinnerungen schriftlich festzuhalten. Heute ist dieses Tagebuch mein wertvollster Besitz. Brand hatte gehofft, in Windhuk auf dem Funkwege sehr schnell Verbindung mit den Leitstellen zu bekommen, die seine Berichte nach den USA. kabeln sollten.
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Doch Windhuk war keineswegs auf so ungewöhnliche Wünsche vorbereitet, und nur mit vieler Mühe und großem Organisationstalent gelang es uns, über Swakopmund, einem großen Hafen an der atlantischen Küste, die Verbindung herzustellen. Als Brand hörte, daß ich in der ganzen vergangenen Zeit erst einmal Gelegenheit hatte, eine Nachricht nach Hause zu schicken, kam er wieder auf eine seiner findigen Ideen. Er kabelte nach Hamburg an meine Eltern, daß ich sicher und wohlbehalten sei und mit ihm im Auto durch Afrika reisen würde. Meine Eltern waren sehr glücklich, nach langen Monaten bangen Wartens endlich wieder ein Lebenszeichen von mir zu erhalten.
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BRAND ALS WUNDERDOKTOR
Wir hatten die Tage der Ruhe genutzt, um alles wieder flottzukriegen. Unser Jeep funkelte, als wäre er gerade neu aus der Fabrik gekommen. Frisch und munter fuhren wir in Richtung Amboland. Der Weg war zwar beschwerlich, aber unser Wagen schaffte es spielend. So hatten wir auch keinen Grund, auch nur eine Sekunde unsere gute Stimmung zu verlieren. Ich spielte die neuesten Schlager auf meiner Mundharmonika, und Brand sang dazu. Die Zeit verging wie im Fluge. Wir hatten den Waterberg längst hinter uns gelassen, als wir auf ein Owambodorf stießen. Hier war große Aufregung. Tura-Wambo, der Häuptling, war krank. Seit Tagen klagte er über starke Leibschmerzen. Als despotischer Herrscher ließ er natürlich die schlechte Laune an seinen Untertanen aus, und wir sahen daher überall nur ängstlich dreinblickende Gesichter. Auch der Medizinmann war beinahe in Ungnade gefallen. Da merkte Brand sofort, daß er hier wieder einen seiner Spaße anbringen konnte.
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Er ließ Tura-Wambo erklären, daß er ein
großer weißer Medizinmann sei, der ihm helfen könne. Daraufhin wurden wir sofort von dem launenhaften Kranken empfangen. Unter Grunzen und Quieken versuchte er uns klarzumachen, wo es ihn schmerzte. Brand begann nun mit einer Krankenbehandlung, wie ich sie verrückter noch nie erlebt hatte. Er schob sich seine Autobrille ins Gesicht, nahm unseren Benzintrichter als Hörrohr, griff dann nach der Rizinusflasche und ließ den Häuptling eine ganze Menge von dem Zeug schlucken. Währenddessen mußte ich auf meiner Mundharmonika "Ich hab' mich ergeben" spielen. Der Erfolg dieser Beschwörung war jedenfalls durchschlagend. Noch tagelang wurden wir von dem geheilten Tura-Wambo und seinen Leuten als weiße Medizinmänner gefeiert.|
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GEHEIMNISVOLLES KONGO
Nach der kuriosen Heilung des "kranken" Owambohäuptlings setzten wir frohgelaunt unsere Fahrt durch Angola fort. Allmählich veränderte sich das Landschaftsbild, und aus der trockenen Steppe kamen wir in das Gebiet der Feuchtsteppen. Üppige Grasländer wechselten hier mit trockenem Hochwald. Anden Flüssen zogen sich Galeriewälder entlang. In Katanga erreichten wir den Südzipfel von Belg.= Kongo. Noch ehe wir in Elisabethville, dem industriellen Zentrum des wichtigsten Bergbaugebietes der Erde einfuhren, machten uns die Motorengeräusche startender und landender Flugzeuge auf die Wichtigkeit dieser afrikanischen Stadt aufmerksam. Elisabethville ist wirklich eine Stadt von täglich wachsender Bedeutung, denn das Katanga=Gebiet birgt Pechblende, welche das heute so unentbehrliche und kostbare Uran enthält. Außer Uranbergwerken gibt es noch große Kupfererzlager sowie Zinn, Kobalt und Kohle.
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Rund 70 000 Eingeborene arbeiten und schaffen in diesem reichen Industriegebiet des Kongo. So interessant wie alles war, wir wollten jedoch jenes geheimnisvolle Kongo kennenlernen, von dem wir schon so viel gehört hatten. Der Weg zum Eduardsee und von da den Kongofluß entlang nach Leopoldville führte uns mitten durch die geheimnisvolle Welt des vielleicht seltsamsten Landes Afrikas. Es war eine ungemein gefährliche, aber doch reizvolle Fahrt durch das schöne und fruchtbare Gebiet des Regenwaldes. Hier wuchs und grünte alles in bunter Fülle, und von den üppig behangenen Bananenstauden aß ich soviel ich nur konnte. Wild gab es in Überfluß. Auf den mit Gras bewachsenen Ebenen und in den dichten Wäldern sahen wir Elefanten, Büffel und Flußpferde, Antilopen und wilde Schweine, Perlhühner, rotbeinige Rebhühner, Wachteln und vieles andere. Die Menschen aber, die wir dort trafen, waren primitive Zwergvölker.
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DRÖHNENDE TROMMELN • TAUMELNDE TÄNZER
Hier, wie überall in Afrika, spielt natürlich Musik und Tanz eine wichtige Rolle. Bei den Bango-Bango hatten wir Gelegenheit, besonders urwüchsige, wilde, sich bis zur Ekstase steigernde Tänze zu erleben. Mr. Brand versuchte die afrikanischen Tänze näher zu erforschen. Er sah in ihnen den unverhüllten Ausdruck afrikanischer Urwüchsigkeit, den er seinem amerikanischen Leserkreis nicht vorenthalten wollte. Im Leben der Eingeborenen wird jedes Ereignis durch Feste und Tänze gefeiert. So verschieden wie die Stämme in Afrika, so verschieden sind auch die Sitten und Gebräuche, die Arten, Feste zu feiern und zu tanzen. Nur in einem sind sich alle gleich. Einen gemeinschaftlichen Tanz von Mann und Frau, wie wir ihn kennen, gibt es dort nicht. Am freiesten sind die Dorftänze, denen keine religiöse Zeremonie zugrunde liegt. Aus einem Gefühl überreicher Lebensfreude entspringt der Tanz. Die große Trommel wird in der Mitte des Dorfplatzes aufgestellt. Herum gruppieren sich die schwarzen Künstler mit ihren verschiedenen, oft sehr eigenartigen Instrumenten. Die große Trommel ist die Mutter der afrikanischen Musik. Die anderen vielen Instrumente, sei es die Flöte, die Gede, die Sehgura, die Rassel, die Zupfgeige, die Handtrommel, die Fußpauke oder das hölzerne Xylophon, auch Marimba genannt, geben immer nur die Begleitmusik. Helle Lebensfreude strahlt aus den dunklen Gesichtern, wenn sich die Tänzer im Kreis um ihre tüchtige Kapelle scharen. Weiß leuchten ihre Zähne beim frohen Lachen. Wiegende Körper, klatschende Hände begleiten die geräuschvolle Musik, die nur aus Rhythmus besteht. Junge Mädchen stehen, vor Erregung zitternd, eng umschlungen. Die Hand des jungen Kriegers hält den Stab fest, den er an Stelle des Speeres zum Dorftanz trägt. Dürre alte Weiber feuern durch schrille Schreie und groteske Sprünge die Jugend an. Einzelne Tänzer springen in den Kreis, wirbeln herum, um mit lautem Jauchzer unter dem Beifall der vielen Zuschauer ihren Platz wiedereinzunehmen, bis im wilden Trubel die schwarze schweißtriefende Menge wie toll auf dem Dorfplatz dahinrast.
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Nur Naturmenschen vermögen sich mit solcher Leidenschaft und ungezügelter Lebensfreude dem Tanz hinzugeben. So wild aber auch die Tänze den Zuschauern erscheinen, so bewegen sie sich doch immer in den alten ehrwürdigen Formen. Nur beim Dorftanz, dem Freudentanz, sind Männer und Frauen zusammen. Bei Kriegs= und Jagdtänzen vereinen sich nur die Männer, und den Frauen ist es lediglich gestattet, am Rande des Platzes als Zuschauer Aufstellung zu nehmen. So wie es nur Tänze für die Männer gibt, gibt es auch solche nur für Mädchen. In einer Vollmondnacht konnten wir einmal einen solchen Tanz der Mädchen sehen. Zuerst standen die weißgepuderten Tänzerinnen in gebückter Haltung, den Blick zur Erde gesenkt. Eine fettartige Masse hatte als Puder gedient. Mit trippelnden Schritten begann im Gänsemarsch der Tanz. Schneller und schneller bewegten sie sich im Kreise, um zum Schluß im tollen Wirbel auseinanderzustieben. Dann mischten sich ältere Frauen in den Tanz. Es war ein phantastisches Bild, im fahlen Licht des Vollmondes die weißen Mädchenkörper zwischen den ebenholzfarbenen der Frauen zu sehen.
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GRAUSAME SITTEN UND GEBRÄUCHE
Hatten uns im südlichen Industriegebiet Katanga die muskelbepackten Schwarzen als Industriearbeiter imponiert, so überraschten uns die kleinen wendigen Krieger und Jäger des Regenwaldes durch ihre grausamen Sitten und Gebräuche. Die Völker des Kongo sind als besonders grausam bekannt, und die Gerüchte von Kannibalismus, wonach Menschen getötet und verzehrt werden, verstummen nicht. Oft genug wurden wir vor einer Kongoreise gewarnt. Wir hatten gerade ein Dorf der Lolo=Mongo erreicht. Da flogen auch schon aus dem Hinterhalt unserem Wagen, den wir vorsorglich geschlossen hatten, Pfeile entgegen. Brand fuhr trotzdem laut hupend bis in die Mitte des Dorfes, das wie ausgestorben vor uns lag. Der Dauerton unseres Hornes schien die Bewohner doch erschreckt zu haben. Erst als wir einige Zeit in unserem Wagen verweilten und an Stelle der Hupe laute Radiomusik ertönen ließen, wagten sich vorsichtig einige Männer heran. Es dauerte dann nicht mehr lange, bis unser Fahrzeug von vielen kleinen, höchstens 1,50 Meter großen und mit Pfeil und Bogen bewehrten Kriegern umstellt war. In einem unendlich erregten und lauten Palaver wurde die Verhandlung zwischen Brand, dem Häuptling und seinen Beratern geführt. Ich muß ehrlich sagen, daß mir dabei keineswegs wohl zumute war. Brand schien jedenfalls auch nicht ganz sicher zu sein, und er rief mir zu: "Jürgen, den Burschen müssen wir anders beikommen! Reich mal das Päckchen herüber!" Nun wußte ich, was er wollte. Brand hatte sein listiges Lächeln wiedergewonnen, als er mit einem Streichholz den ihm gereichten Packen entzündete und in die Luft warf. Ein gewaltiger Knall zerriß die Mittagsstille, und heulend zischte eine Signalrakete in die Höhe. Das war zuviel für die feindlichgesinnten Männer, und ihre anfängliche Widerspenstigkeit verwandelte sich schnell in tiefe Ergebenheit. Als Brand dem Häuptling noch einige Geschenke machte, war der Bann restlos gebrochen, und wir genossen sein volles Vertrauen. Dadurch bekamen wir Gelegenheit, eine der sensationellsten Rechtsprechungen am Kongo zu erleben.
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GERICHTSSITZUNG AM KONGO
Schon am Tage vor der Gerichtssitzung spürten wir an der allgemeinen Unruhe, daß etwas Großes im Gange sein mußte. Als der Tag der Rechtsprechung kam, waren alle Eingeborenen auf dem Gerichtsplatz am Rande des Dorfes versammelt. Eine etwa kniehohe Lehmmauer trennte den Richter und seine Berater sowie den Kläger und Angeklagten von den Zuhörern. Interessiert umlagerten alt und jung den Platz, denn Rechtsfälle werden vom ganzen Volk entschieden. Zu unserer Linken stand der Kläger und nicht weit von ihm entfernt der Angeklagte, der sich der Hexerei schuldig gemacht haben sollte. Eine aufregende Verhandlung begann. Mit unglaublicher Beredsamkeit brachte der Kläger seine Beschuldigungen vor. Der Angeklagte versuchte darauf in einem ebenso lauten wie langwierigen Palaver seine Unschuld zu beteuern. In der Art, wie der Häuptling als Richter sich immer wieder einschaltete, konnte man erkennen, daß er mit viel List die Wahrheit zu finden versuchte. Stundenlang ging es so hin und her, und die Verhandlungen schienen kein Ende zu nehmen. Auf einmal wurde es ruhiger. Der Richter beriet mit seinen Vertrauten. Dann trat, gespenstisch aufgeputzt, der Oganga, das war der Zauberer, vor Kläger und Angeklagten und reichte jedem einen Becher mit Gift. Es war nun ganz still geworden. Das Rotholz=Ordal, so nannte man die Giftprobe, sollte die Entscheidung über Recht oder Unrecht bringen. Nur zögernd nahmen die beiden den tödlichen Trank. Kaum hatte der Angeklagte das Gift hinuntergeschluckt, mußte er heftig erbrechen. Dem Kläger aber traten in Todesangst die Augen stier aus den Höhlen, er griff sich an den Hals und brach unter heftigen Zuckungen zusammen. Sofort begann ein Lärmen und Schreien, denn nach dem Glauben der Eingeborenen war damit der Beweis von Schuld und Unschuld erbracht. Eine andere grausame Probe ist auch das Öl =Ordal, wobei allein der Angeklagte seine Hand in einen Topf mit kochendem Öl stecken muß. Kann er dies ohne Schmerzempfinden aushalten, ist er unschuldig. Im anderen Falle gilt seine Schuld als bewiesen.
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HEILIGE TIERE
So grausam und oft bestialisch wir die Kongoneger manchmal erlebt haben, so überraschten sie uns zuweilen durch eine ungewohnte Zärtlichkeit gegenüber Kindern oder Tieren, die heiliggesprochen waren. Der Häuptling der Lolo=Mongo führte uns auch zu Marba, einem heiligen Krokodil. Es war ein uraltes Tier, das man inbrünstig als heilig verehrte und dem wiederholt Opfer, sogar Menschenopfer, gebracht wurden. In den verschiedenen Teilen Afrikas findet man diese Tierkulte. So gibt es heilige Schlangen, heilige Flußpferde, auch heilige Ochsen, die besonders geschmückt und nur zu religiösen Festen geschlachtet werden.
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WIR SUCHEN EINOKAPI
Wir befanden uns nördlich des Eduardsees im Urwald von Ituri. Wir wollten natürlich versuchen, eines jener seltenen Tiere zu entdecken, die nur wenige Menschen bisher in der Freiheit zu Gesicht bekommen haben.
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Dieses Tier stellt eine kuriose Mischung von Zebra, Antilope und Giraffe dar. Im Jahre 1901 wurde es erstmalig den Zoologen bekannt. In kühnen Fahrten versuchten seither Forscher unter Einsatz ihres Lebens dieses Tier tot oder lebend zu fangen. Doch das Okapi weiß sich immer wieder geschickt seinen Verfolgern zu entziehen. Im dichtesten und tiefsten Urwald, wo kaum ein anderes Lebewesen hinkommt, verbirgt es sich. Der Londoner Zoo beherbergt zur Zeit als einziger Tiergarten der Welt ein lebendes Okapi. Ihr werdet daher verstehen, daß es uns besonders reizvoll erschien, hier im Heimatgebiet des Okapi nach ihm zu suchen. Unser Weg führte uns durch die märchenhafte Schönheit des Ituri= Urwaldes. Wir fanden leuchtende Blüten in bizarren Formen und winzige, kleine, buntschillernde Urwaldvögel, wie wir sie bisher noch nie gesehen hatten. Es schien, als wollte uns der Ituri-Wald all seinen Reichtum zeigen. Nur das, wonach wir so eifrig suchten, das fanden wir leider nicht.
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FISCHFANG IN REISSENDEN STROMSCHNELLEN
Auf unseren Streifzügen kamen wir oft an wildschäumenden Flüssen vorbei, in deren reißenden Stromschnellen sich die afrikanischen Fischer als wahre Artisten zeigten. Wir konnten beobachten, wie sie in langen schmalen Booten, die oft acht bis zehn Mann faßten, mit unglaublicher Geschicklichkeit in die gurgelnden Strudel der Stromschnellen stießen. Dort waren lange große Stangen, mit Tauwerk und Lianen verbunden, festgemacht. Die sehnigen Gestalten kletterten dann schnell an den Stangen hoch, hangelten sich an den Lianen weiter und leerten die zum Fang aufgestellten Reusen. Oft kamen dabei prächtige mannsgroße Fische zutage, und es war uns unerklärlich, wie sie mit diesen Lasten die gefährliche Kletterpartie noch einmal bewältigen konnten und wieder sicher ihre Boote erreichten. Doch nicht immer ging das Fischen glatt ab, und die reißenden Stromschnellen holten sich von Zeit zu Zeit ihre Opfer.
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GEFÄHRLICHE ZWERGE-PYGMÄEN
Der Verkehr mit den Schwarzen des Kongo war außerordentlich schwierig. Aber nach den Erfahrungen bei den Lolo=Mongo verstand es Mr. Brand sehr schnell, sich auf die Eigenarten dieser Stämme einzustellen. Wir wollten auf jeden Fall die Pygmäen, den Inbegriff der Zwergenvölker, kennenlernen.
Das war keineswegs sehr leicht, aber durch Vermittlung des Lolo=Mongo=Häuptlings konnten wir mit den Wambuti in Verbindung treten. Ein Bote, der uns zugleich als Dolmetscher diente, führte uns an einen verabredeten Punkt. Die Mittagssonne lastete über dem Busch. Da drang aus dem Wald ein eigenartig eintöniger Gesang, der von schrillen Frauenstimmen übertönt wurde und plötzlich abbrach. Gleich darauf schimmerten durch die Zweige funkelnde Speere, und kleine, nur mit Lendenschurzen bekleidete Gestalten standen uns gegenüber. Die Männer hielten Speere in den Händen, und die Frauen führten ihre Kinder mit sich.
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Wir begrüßten die Zwerge und fragten, wer ihr Häuptling sei. Die Verhandlung mit diesem verlief günstiger, als wir erwartet hatten. Wir verteilten Tabak an die Männer und Salz und Palmöl an die Frauen und Kinder. Das hättet ihr einmal sehen sollen, wie diese das pure Salz mit Öl aus muldenförmig gebogenen Blättern schlürften und schleckten. Wenn wir bei Torte und Schlagsahne sitzen, kann es uns sicher nicht besser schmecken. In Ruhe konnte ich einen nach dem anderen betrachten. Die Pygmäen sind keine reinen Neger, sondern fahlgelbe Zwerge mit dunklem krausen Haar. Der ganze Körper ist dicht behaart, und mit ihren großen Bärten, kulpigen Nasen und weit offenen Augen wirken sie wie Gnomen. So klein aber diese Zwergenvölker sind, so gefährlich können sie ihren Feinden und wilden Tieren werden. Flink und behende durchstreifen sie Busch und Wald, und ihre vergifteten Pfeile und Speere treffen mit erstaunlicher Sicherheit. Wir hatten bald Gelegenheit, ihre Geschicklichkeit bei der Jagd auf einen Gorilla zu beobachten.
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MIT DEN PYGMÄEN AUF GORILLAJAGD
Wir hatten mit den Wambuti bald gute Freundschaft geschlossen. Als uns eines Tages der Häuptling mitteilte, daß wir gemeinsam mit ihnen auf Gorillajagd gehen könnten, war die Freude groß. Brand nahm darauf vergnügt einen ordentlichen Schluck aus seiner "Hausapotheke", zündete sich eine Zigarette an und ordnete alles für den nächsten Tag. Auch ich bereitete mich für die Jagd vor. Am nächsten Morgen versammelte sich die Jagdgesellschaft. Nur ausgesuchte erfahrene Jäger waren gekommen, denn es galt einen Riesengorilla, einen griesgrämigen Einzelgänger, zu erlegen. Obwohl die Wambuti genau den Äsungsplatz wußten, dauerte es doch lange, bis wir diesen erreicht hatten. Es war nicht leicht, durch das Gewirr von Lianen, Schlingpflanzen und Schmarotzern einen Weg zu bahnen. Dann mußten wir warten, stundenlang warten.
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Die stickige Urwaldschwüle legte sich beklemmend auf Herz und Lunge. Ich schwitzte wie toll und war dabei von einem Jagdfieber erfaßt wie kaum zuvor. Einige Wambuti versuchten nun den Gorilla aufzuscheuchen. Fast
unvermittelt kam der riesige Koloß, auf allen vieren springend, in die Lichtung. Plötzlich hielt er an, richtete sich zu seiner ganzen imposanten Größe auf und suchte seine Feinde zu entdecken. Mir schlug vor Erregung das Herz bis zum Halse, als ich diesem häßlichen, aschgrauen Urwaldungeheuer in die tückisch funkelnden bösen Augen sehen konnte. Ein wütendes, scharfes, rauhes Bellen kam aus seinem weit aufgerissenen Rachen. Während das Ungetüm seine großen gelben Zähne fletschte, trommelte es sinnlos vor Wut mit den starken Fäusten auf seinen gewaltigen Brustkorb, daß es dröhnte. Im Nu waren die Wambuti auf die Lichtung getreten, und aus kurzer Entfernung schössen sie von allen Seiten ihre scharfen vergifteten Pfeile nach dem zornbebenden Riesen. Auch Mr. Brand richtete sich auf und gab dem Tier den Fangschuß. Der Riesengorilla war tot - von Zwergen erlegt.-
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BEI DEN BENIA.BONGO
Das Kongogebiet war dicht mit Pygmäenstämmen besiedelt. Trotz ihrer Zwergenverwandtschaft zeigten sie verschiedene Merkmale, Sitten und Gebräuche, welche durch Völker- und Stammesvermischungen im Laufe der Jahrhunderte entstanden sein mögen. Die Pygmäen sind Wildbeuter, das heißt Jäger. Wer das Glück hat, sie bei der Jagd zu beobachten, oder sogar mit ihnen zu jagen, wird eindrucksvolle Erlebnisse haben. Als wir auf die Benia=Bongo stießen, unterschied sich der Empfang bei diesen nicht viel von dem bei anderen Stämmen. Wie gewohnt, trafen wir erst auf Ablehnung, dann folgte die Geschenkübergabe, und nachher war das Verhältnis derart, daß wir ihr Leben und Treiben beobachten und auch daran teilnehmen konnten. So kam es, daß wir auch einmal bei einer der üblichen Besprechungen der Dorfältesten zugegen sein durften. Bei diesen Zusammenkünften werden ähnlich wie bei unseren Gemeindesitzungen oder Parlamenten die Fragen des Tages besprochen. Wir saßen inmitten der Männer, die durch ihr Alter und ihre Erfahrungen besonders geachtet waren, und deren Stimme Gewicht besaß.
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Sie verfügten über eine erstaunliche Redegewandtheit. Bei dem stundenlangen Palaver schlürften sie mit langen Röhren Mimbo, das ist Palmwein. Mr. Brand, der sich schon vorher dem Studium der afrikanischen Sprachen gewidmet hatte, konnte den Verhandlungen recht gut folgen. Mir aber blieben die vielen Sprachen und Dialekte Afrikas ein Wirrsal von unverständlichen Lauten. Um so interessanter war es für mich, den Sinn der endlosen Debatten aus dem Tonfall und dem Gebärdenspiel zu erraten. Die Eingeborenen haben eine sehr klangreiche Sprache, und ihr ausdrucksvolles Mienenspiel wird durch temperamentvolle Bewegungen der Arme und Beine unterstrichen. Bei einiger Aufmerksamkeit ist eine Deutung absolut möglich. Solche kleinen Beobachtungen am Rande der Geschehnisse hatte mir schon immer Spaß gemacht.
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CHUI-DER LEOPARD
Besonders fiel mir das Wort "Chui" auf, das immer wieder genannt wurde und starkes Interesse bei allen Beteiligten hervor« rief. In diesem Falle kam ich allerdings nicht so schnell dahinter, und erst Mr. Brand erklärte mir, daß mit "Chui" ein Leopard gemeint war, der in letzter Zeit durch dreiste Überfälle das Dorf beunruhigt hatte. Im Rat der Alten wurde daher der Beschluß gefaßt, den Burschen zu erlegen. Ich war sofort Feuer und Flamme, als ich hörte, daß wir zu dieser Jagd eingeladen waren. Der Chui, den es zu erlegen galt, schien ein besonders freches Exemplar seiner Gattung zu sein. Die Eingeborenen berichteten, daß er wiederholt aufgetaucht war, seine Opfer schlug und damit so schnell das Weite suchte, daß es oft wie ein Spuk wirkte. Am nächsten Morgen zogen wir mit unseren flinken naturhaften Jägern los. Viele Jagden hatte ich schon während meiner Afrika« reise erlebt, aber bei keiner war wohl das Ausmachen und Anpirschen so schwierig wie hier.
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Der Leopard ist überall und nirgends. Stunden und aber Stunden hatten wir bisher vergeblich den Wald durchstreift, und auch den scharfen Augen unserer Begleiter war es nicht gelungen, auch nur eine einzige Spur von dem gesuchten Tier zu finden. Stundenlanges vergebliches Umherstreifen in der feuchten, stickigen Luft der Regenwälder trägt bestimmt nicht zu guter Stimmung bei. Mr. Brand und ich waren daher einigermaßen mißmutig und bereiteten uns im stillen auf eine ergebnislose Jagd vor. Am frühen Nachmittag hörten wir aus der Ferne das wilde aufgeregte Orgeln einer Affenherde. Wir sahen darin keineswegs etwas Besonderes. Die kleinen Jäger aber waren sofort hellwach und zogen in die Richtung, aus der das Gekreisch kam. Beim Näherkommen wurde der Lärm immer heftiger, und es hörte sich an, als wenn die Tiere zornig schimpften und schrien. Der ganze Wald war in voller Aufregung, alles krächzte und zeterte, quietschte und piepste wild durcheinander. Die Affen sprangen aufgeregt in den Bäumen herum und schienen etwas zu verfolgen. Einige alte männliche Paviane tobten auf einem Affenbrotbaum herum mit allen Zeichen der Wut. Böse blickten sie in das Dickicht und ließen tiefe grollende Laute hören. Hier mußte etwas Besonderes los sein. Wir hatten uns herangeschlichen. Richtig! Da sahen wir auf einmal den Leoparden vor uns. Die Färbung seines Felles machte ihn fast unsichtbar. Chui hatte einen Pavian getötet und mitgeschleift. Über das wütende Lärmen der verfolgenden Affen schüttelte er nur unwillig den Kopf, so daß das tote Tier in seinem Rachen wie ein blutiger Fetzen hin und her geschleudert wurde.
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Aus unserem Versteck heraus konnten wir beobachten, wie er die Eingeweide aus dem blutigen Körper der Beute riß, gierig Herz und Leber fraß und die Reste des geschlagenen Tieres mit einem eleganten Sprung ins Astwerk der Bäume schleppte und dort verbarg. Die Mordlust des Leoparden hatte mich so ergrimmt, daß ich fast im Unterbewußtsein mein Gewehr anlegte und schoß. Das Peitschen des Schusses zerriß das Lärmen der Urwaldtragödie mit einem Schlag. Als mir darauf ein wütender, fauchender, katzenartiger Schrei anzeigte, daß der Räuber nur angeschweißt sein konnte, war ich zu Tode erschrocken. Wenn es auch vorkommt, daß Leoparden vor den Menschen flüchtig werden, so zählen sie angeschossen doch zu den gefährlichsten Gegnern. Da sprang auch schon das blutgezeichnete Raubtier aus der luftigen schattigen Höhe der Baumkrone auf die Erde. Einen Moment verhielt es und versuchte, das am rechten Hinterlauf herabrieselnde Blut abzulecken. Doch dann erklang wieder der gereizte, knurrende Ton dieser räuberischen Katze, die langsam auf mein Versteck zukam. Ich sah die mordgierig funkelnden Augen und das kräftige Raubtiergebiß des sich geschmeidig wiegenden Leoparden immer näher kommen. Ich war wie gelähmt. Keinen Finger konnte ich rühren. Ich wollte vor Angst laut schreien, doch wie ein Kloß saß es mir in der Kehle, und das Blut in den Schläfen hämmerte, als wenn es mir den Kopf zersprengen wollte. In höchster Todes« angst liefen mir in Sekundenschnelle die Erinnerungen wie ein Filmband vor den Augen ab: ich sah die Eltern, die Heimat, die "Oldenburg", die Erlebnisse mit der Filmexpedition und Brand. Ich glaube, mir wollten gerade die Sinne entschwinden, als ich die raubgierige Bestie wie vom Schlage getroffen zusammenzucken sah. Mit einem Hagel von vergifteten Pfeilen hatten unsere Begleiter gerade noch recht» zeitig das Tier überschüttet. Und noch ehe das Gift seine Wirkung getan hatte, trat ein besonders mutiger Benia« Bongo=Jäger aus dem Busch und warf einen blitzenden Speer mit so großer Wucht auf das Tier, daß es wie an den Boden geheftet schien, und der Schaft des Speeres zitterte. Das war Rettung in höchster Not. Diese kleinen, oft so gefährlichen Zwergmenschen hatten mir das Leben gerettet. Es dauerte einige Zeit, bis ich von dem Druck dieses Erlebnisses befreit war. Als die tüchtigen Jäger die Beute aufgenommen hatten und wir zum Kral zurückgingen, erklang wieder das Kreischen der Affen. Jetzt aber hörte es sich wie ein kicherndes Hohngelächter an. Noch lange saß ich an diesem Abend mit Mr. Brand in unserem Wagen. Immer wieder sprachen wir über das jüngste Erlebnis. Es wurde uns dabei so recht deutlich, wie sehr uns der dunkle Erdteil schon zu wirklichen Freunden zusammengeschweißt hatte. Mit einigen guten Tropfen aus Brands "Hausapotheke" besiegelten wir erneut unsere Freundschaft, und Brand bot mir an, ihn in Zukunft nur noch Bill zu nennen.
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BEIM WEISSEN OGANGA IN LAMBARENE
Unsere Fahrt durch das Kongogebiet war reich an Erlebnissen und Abenteuern. Viele Geheimnisse hatten sich uns offenbart, und vieles war uns verschlossen und rätselhaft geblieben. Was war an dem Geheimnis Kongo so überwältigend und betörend zugleich? War es die verschwenderische Fülle und der Reichtum, mit dem die Natur dieses fruchtbare Gebiet des Regenwaldes überschüttete? Waren es die Zwergenmenschen, die dieses Land bevölkerten, und die so hart und grausam und doch stark und gut sein konnten? Oder waren es die Ströme, die sich überreich in den Kongo ergossen und im wilden strudelnden
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Lauf über unzählige Stromschnellen und Wasserfälle dem Atlantischen Ozean zustrebten? Ich kann heute nur sagen, daß es alle diese Kräfte waren, die zusammenwirkend das Geheimnis Kongo bildeten. Für uns wurde dieses Gebiet zum rätselhaften Herzen Afrikas. Von Leopoldville steuerten wir mit unserem Jeep, der uns bisher, ohne zu versagen, von Erlebnis zu Erlebnis geführt hatte, Lambarene zu. Die Luft war sehr heiß und feucht wie im Treibhaus und machte uns das Atmen schwer. Der Weg führte durch dichtes Urwaldgebiet, vorbei an Palmbäumen, grünen Laubhölzern und großen Papyrusstauden mit fächerartigen Blättern. Dann waren wir in Lambarene, jener kleinen unbedeutenden
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Urwaldsiedlung, die durch das heroische Wirken Professor Albert Schweitzers weltberühmt geworden ist. Als wir den großen Helfer der Schwarzen nicht persönlich antrafen, waren wir sehr enttäuscht. Aber die Siedlung, die er geschaffen hatte, konnten wir besichtigen, und mit den Menschen, die ihm zur Seite standen, und den Kranken, die er heilte, konnten wir sprechen. Freundlich schaute sein schlichtes Wohnhaus von einer kleinen Anhöhe über Urwald und Ogoweniederung. Das Haus war ganz aus Holz gebaut und zum Schutz gegen Schlangen und andere unerbetene Gäste auf eisernen
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Pfählen errichtet worden. Nicht weit davon gruppierten sich die Hospitalgebäude, die eigentlichen Wirkungsstätten dieses hervorragenden Arztes. Erst als mich Bill genau und eingehend vom Lebenswerk Professor Albert Schweitzers unterrichtet hatte, konnte ich die Bedeutung unseres Besuches in Lambarene richtig ermessen.
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PROFESSOR ALBERT SCHWEITZER, SEIN WIRKEN UND SCHAFFEN
Professor Albert Schweitzer ist nicht nur ein großer Deutscher, sondern für alle Welt der Inbegriff eines wahren Menschenfreundes. Nachdem er von dem Elend und der Not der kranken Schwarzen in Afrika gelesen und gehört hatte, gab er noch als Dreißigjähriger seinen sicheren Lehrstuhl als hervorragender Theologe in Straßburg auf und studierte Medizin. Er wollte Arzt werden, um nicht nur die Religion der Liebe zu lehren, sondern um auch als Arzt tätige Hilfe geben zu können. Nach sechs anstrengenden arbeitsreichen Jahren hatte er das medizinische Staatsexamen geschafft. 1913 reiste er mit seiner Frau nach Lambarene. Hier gründete er in einzigartiger, beispielgebender Selbstaufopferung ganz allein und ohne irgendeine staatliche Hilfe inmitten dichten afrikanischen Urwaldes ein Hospital. Die Größe seines Entschlusses kann nur der ermessen, der einmal hier war und in dieser dumpfen, Stickigen Treibhausluft leben mußte. Das Klima ist für Weiße so ungünstig, daß sie unmöglich länger als zwei, höchstens drei Jahre hier leben können. Dann sind sie
wegen Ermüdung und Blutarmut zu richtiger Arbeit unfähig und müssen längere Zeit zur Erholung nach Europa. Von einem Hospital in unserem Sinne konnte natürlich am Anfang keine Rede sein.
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Untersucht und behandelt wurde zuerst im Freien vor dem Wohnhaus. Als das nicht mehr ging, benutzte Schweitzer einen leerstehenden Hühnerstall, den er notdürftig mit Kalklösung anstrich. Schon in den ersten Wochen kamen viele Leidende und Kranke, und Schweitzer mußte umfassende medizinische Kenntnisse haben, um bei all den Krankheiten helfen zu können. In der Hauptsache handelte es sich um Schlafkrankheit, Ruhr, Malaria, Lepra, eiternde Geschwüre, Herzkrankheiten und Elefantiasis, eine Krankheit, bei der die Gliedmaßen unförmig entstellt werden. Die primitiven Eingeborenen, die oft noch Menschenfresser sind, halten Dr. Schweitzer für einen großen Oganga, einen weißen Zauberer. Die Narkose vor den Operationen beeindruckt sie besonders, und sie suchen sich selbst eine Erklärung dafür zu geben. Sie sagen: "Der Oganga tötet zuerst die Kranken, dann heilt er sie, und nachher macht er sie wieder lebendig." Bald reichte der Betrieb im Hühnerstall=Hospital nicht aus, und Albert Schweitzer mußte unter erheblichen Schwierigkeiten eine größere Spitalbaracke bauen. Diese umfaßt dann einen Operationsraum, ein Untersuchungszimmer und andere kleine Räume, die als Apotheke und ähnliches verwendet werden. Das Vertrauen der Schwarzen zu ihrem Doktor ist so groß, daß oft ein richtiger Streit ausbricht, weil jeder zuerst operiert werden möchte. Als ein tüchtiger Helfer erwies sich sein Heilgehilfe Josef. Dieser konnte zwar weder lesen noch schreiben, aber er sprach ein gut verständliches Englisch und Französisch und acht verschiedene Eingeborenendialekte. Obgleich er die einzelnen Buchstaben nicht kannte, verwechselte er doch nie eine Arznei, die er aus dem Apothekenschrank holen sollte, denn er behielt immer das Wortbild der Beschriftung genau im Gedächtnis. Professor Albert Schweitzer muß leider immer wieder entsetzt feststellen, daß die Menschenfresserei und die Sklavenhaltung trotz schwerster Strafen noch nicht ausgerottet sind. Eines Tages brachte man ihm einen kleinen Jungen, der sich ängstlich wehrte und nur mit Gewalt ins Behandlungszimmer gebracht werden konnte. Es kostete den Doktor viel Mühe, das Kind zu beruhigen. Dann erfuhr Albert Schweitzer, daß der Kleine fürchtete, im Spital geschlachtet und aufgefressen zu werden, wie er es von zu Haus kannte.
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Gegen unendlich viel Sorgen, Nöte und Unbill muß Dr. Schweitzer immer wieder ankämpfen. Das ungesunde Klima, die äußerst primitiven Lebensbedingungen, Verwüstungen durch Tiere, Kriege und Unwetterkatastrophen fordern von diesem Mann und seinen Helfern ein aufopferndes Leben im Dienst der armen leidenden Menschen. Zwei Kriege bedrohten sein Lebenswerk.
Aber über alle Zerstörungen der Kriege und der entfesselten Naturgewalten hinweg ragt sein Werk als ein schlichtes, aber gigantisches Mahnmal wahren Christentums.|
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ZU GAST BEIM SCHWARZEN KÖNIG MUA-MINGO
Aus der Ogoweniederung führte uns unser Weg wieder durch bergiges Gelände in den Raum von Kamerun und weiter zum Tschadsee. Wie es Bill zuwege gebracht hatte, ist mir noch heute ein Rätsel. Fest steht jedenfalls, daß wir zu Gast bei einem schwarzen König in Westafrika geladen waren. Wir hatten den Stammsitz des Königs bereits erreicht, und erwartungsvoll sahen wir dem nächsten Morgen entgegen. Die Sonne schien vom strahlend blauen Himmel auf den großen roten Freiplatz am jenseitigen Berghang, wo sich auch die Hallen des Königs und die Behausungen seines Gesindes befanden. Es schien ein Festtag auch für die Schwarzen zu werden, denn farbenfreudig gekleidet und froh bewegten sich die Eingeborenen, und der dumpfe Schall rhythmischer Paukenschläge drang von verschiedenen Seiten an unser Ohr. Gespannt und aufmerksam erwarteten wir den Moment, wo uns seine Exzellenz, der schwarze König, zur Audienz rufen würde. Dieser hatte es aber anscheinend gar nicht eilig. Erst gegen Mittag erschien eine schwarze Leibgarde, die uns zum König führen sollte. Von unserem Lagerplatz brauchten wir etwa eine halbe Stunde bis zur Residenz. Im sanften Abstieg führte der Pfad zum waldumstandenen Bach.
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Dort ging es über eine aus tauähnlichen Lianen kunstvoll gespannte und geflochtene Brücke. Der Weg schlängelte sich weiter durch die verworrenen Dickichte der Niederungen und stieg auf der anderen Seite in mitten üppiger Pisangpflanzungen zu der großen Fläche des Freiplatzes an. Als wir uns diesem näherten, wurden die Trommeln gerührt. Die Leibgarde bahnte sich eine Gasse durch das zusammengelaufene Volk. Dann wurden wir in eine königliche Palasthalle geführt. Sie glich eher einem Schuppen als einem Palast und war an beiden Giebeln offen. Hunderte von Trabanten und Vornehmen in vollem Waffenschmuck füllten bereits den Raum und saßen genau ihrem Rang entsprechend auf Bänken. Der Thron des Königs war noch leer. In der Nähe hatte man Stühle für uns hingestellt, auf denen wir Platz nahmen. In der Halle wurde unter ohrenbetäubendem Lärm mit Kesselpauken und Hörnern Musik gemacht. Mit diesen "heiteren" Klängen versuchten sich die Versammelten die Zeit zu vertreiben. Es mochte wohl eine ganze Stunde gedauert haben, da kündigte sich das Nahen des Herrschers durch noch größeren Lärm, durch Hörnerklang, Trommelwirbel und Volksgeschrei an.
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Dann endlich schritt der lang erwartete König stolz und gravitätisch durch die Halle. Voran gingen Musikanten, die auf kunstvoll geschnittenen Elfenbeinhörnern bliesen oder plumpe, aus Eisenblech roh gehämmerte Glocken schwangen. Dem in Putz und Haltung wildromantisch bemalten Despoten folgte eine Schar seiner Lieblingsfrauen. "Seine Exzellenz" ging stolz an uns vorüber, würdigte uns noch keines Blickes und setzte sich dann auf den bereitgestellten Thron. Staunend betrachtete ich das ungewohnte Bild des Kannibalenkönigs, von dem man sich erzählte, daß er Menschenfleisch keineswegs verachtete. Er war von hoher Gestalt und von kräftigem Wuchs. Trotz seines nicht unschönen Aussehens wirkte er nicht sympathisch. In seinen Augen lauerte ein wildes Feuer, und um den Mund ging ein Zug, in dem Habsucht, Gewalttätigkeit und die Freude am Grausamen zum Ausdruck kamen. An Armen und Beinen, an Hals und Brust war er mit vielem fremdartig geformtem Schmuck mit Ringen und Ketten geradezu überladen. Auf seinem Kopf trug er einen imposanten Federhut. Dieser bestand aus einer schmalen Röhre von feinem Geflecht und war mit roten Papageienfedern und großen Federbüscheln geschmückt. Kaum hatte der König Platz genommen, da wurden ihm auch schon zur Rechten und Linken schöngeschnitzte Tische hingestellt. Darauf lagen, sorgfältig von Feigenrinde bedeckt, allerlei Näschereien. Von Zeit zu Zeit angelte er sich mit seinen schwarzen glänzenden Fingern einige besonders gute Bissen heraus. Die kunstvollen Flaschen aus porösem Ton, die Trinkwasser enthielten, ließ er dagegen unbeachtet. Das wilde Toben der Fanfaren verstummte sofort, als sich der König erhob. Wohlgefällig und von seiner Wichtigkeit überzeugt, stand er da und hielt eine lange Rede. Seine Untertanen folgten seinen Worten mit größter Aufmerksamkeit und brachen immer wieder in beifälliges Lärmen und Schreien aus. Bei seinen letzten Worten mußte er wohl auch von uns gesprochen haben, denn bald darauf waren wir Mittelpunkt des Interesses. Nachdem sich der König wieder gesetzt hatte, erhob sich Bill, um ihn zu begrüßen. Das ganze Theater hatte wohl wenig Eindruck auf ihn gemacht.
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Schon nach wenigen Worten überreichte er dem schwarzen Herrscher, freundlich lächelnd, ein Koffergrammophon als Geschenk. Obgleich sich der König darüber sehr zu freuen schien, merkte ich doch, wie sehr er sich bezwang, dieser Freude Ausdruck zu geben. Mit einer gewissen Selbstverständlichkeit nahm er das Geschenk hoheitsvoll entgegen. Die Umstehenden allerdings platzten fast vor Neugierde, und schon nach den ersten Takten folgten sie begeistert der Musik. Wir waren nun offiziell begrüßt und als Gäste anerkannt. Dann begann mit vielen Unterhaltungen und Darbietungen das eigentliche Fest. Hornbläser mit imposanten großen Instrumenten bliesen, daß die Wände wackelten. Ein Bläser verstand es sogar, auf einem gewaltigen Horn aus Elfenbein so zart zu trillern, als würde er auf einer kunstvollen Flöte spielen. Spaßmacher und Sänger wechselten sich ab, und sogar ein richtiger Hofnarr trat in Erscheinung. Natürlich war auch dieses Fest von wilden Tänzen umrahmt. Zwischendurch wurden uns immer wieder gehäufte Breiklumpen aus Bananenmehl und Papioka, Früchten und Fleisch gereicht, und auch der Mimbo schien stärker gebraut als sonst. Ich konnte in diesem tollen Rummel nicht recht warm werden, doch Bill schien sich köstlich zu amüsieren. Erst zu später Stunde wurden wir von dem schwarzen Herrscher gnädig entlassen, und selbst dann brachte er in seinem ganzen Benehmen noch seine Würde und Stellung hoheitsvoll zum Ausdruck.
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ZAUBERER UND HEXENMEISTER
So ein Besuch am Hofe eines schwarzen Königs war einmal eine ganz nette Abwechslung. Doch nicht überall ist die Macht der Häuptlinge, Fürsten und Könige gleich groß. Bei einigen Stämmen findet man despotische Herrscher, anderswo wieder Gemeinschaften, die beinahe demokratisch regiert werden. Da aber, wo Gewalttätige an der Macht sind, beherrschen sie brutal ihre Untertanen. Diese Macht teilen sie höchstens noch mit dem Oganga, dem Zauberer, Hexenmeister, oder wie man sie sonst nennen mag. Alle unglücklichen Ereignisse, die sich diese einfachen Menschen nicht erklären können, schreiben sie Dämonen zu. Sie glauben sogar, daß diese bösen Geister in Menschen hineinfahren können. Nur so ist es zu erklären, daß immer wieder Sdnwarze als von Dämonen Besessene der blinden Wut des Volkes zum Opfer fallen. Bei allen Unglücksfällen wendet man sich an den priesterlichen Oganga, denn die Hauptaufgabe dieser Zauberer ist es, die Dämonen zu suchen, unschädlich zu machen oder ihre Hilfe zu erbitten. Die Mittel, die sie dabei gebrauchen, um die schuldigen Dämonen zu finden, sind oft sehr grausam. Schon manch einer, dem der Zauberer nicht wohlgesinnt war, mußte als ein von Dämonen Befallener furchtbar zugrunde gehen. Wir hatten selbst einmal nach dem plötzlichen Tode eines angesehenen Mannes erlebt, wie der angebliche Dämon gesucht wurde. Der Oganga war erschienen. Feierlich band er dem Toten eine Perlenschnur um die Stirn. Dann beugte er sich über ihn und lauschte seinen Worten. Man glaubte fest, daß der Oganga auch die Sprache der Toten verstehe und man dadurch von diesen selbst erfahren könne, wer sie getötet hatte. Nach diesem Zeremoniell wurde die Leiche in eine Hängematte gelegt und von An» gehörigen getragen. Mit viel Tamtam zog man im Dorf und in den anliegenden Ortschaften um» her. Viele Neugierige folgten dieser Prozession. Auf einmal hielt die Kolonne vor einer Hütte. Der grausig vermummte Oganga beugte sich erneut über den Toten, stieß einen furchtbar gellenden Schrei aus und erklärte, der Tote habe ihm gesagt, daß hier der Mörder wohne. Was darauf folgte, war so furchtbar, daß wir es gar nicht richtig erfassen konnten. Kaum hatte der Zauberer das letzte Wort gesprochen, als die Eingeborenen auch schon wütend und brüllend in die bezeichnete Hütte stürzten.
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Dann hörte man Kreischen und Schreien, und nach wenigen Minuten zeugte nur noch ein furchtbar zugerichteter Leichnam und ein Haufen schwelender Asche der niedergebrannten Hütte von dem spukhaften Geschehen. Es war natürlich klar, daß diese Dämonenjagd nur zum Schein durchgeführt wurde und der Oganga auf diese Weise wieder einmal einen unliebsamen Menschen aus dem Wege geräumt hatte. Von einer anderen grausigen Form, den Schuldigen zu finden, dem Rotholz= und Ölordal, hatte ich euch ja schon bei der Gerichtssitzung der Lolo=Mongo erzählt. Dort mag es wohl so gewesen sein, daß derjenige, der den Oganga vorher am meisten bestochen hatte, den Becher mit dem geringsten und unschädlichsten Gift erhielt.
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GEPEINIGTE DÄMONEN
Die Schwarzen versuchten sich auch noch auf andere Weise vor den bösen Geistern zu schützen. Monströse Figuren aus Holz oder Ton, sogenannte Fetische, wurden angebetet, und man erwartete Wunder von ihnen. Natürlich konnten sie diese so wirksamen Schutzpatrone nur gegen entsprechende Bezahlung beim Oganga erwerben. Viele dieser Figuren hatten am Leib ein Stück Spiegelglas. In diesem Spiegel wollte der Oganga geheimnisvolle Hinweise erkennen, die dem Besitzer Schutz boten. Für jede Art von Verbrechen und Unglücksfällen gab es eine besondere Art von Fetisch. Um diese Schutzgeister in besonderen Fällen zu äußerster Aktivität anzuspornen, wurden glühende Nägel in die Fetische geschlagen. Die Neger wollten dadurch die Dämonen mit rasender Wut gegen denjenigen erfüllen, um dessentwillen sie diese Pein erleiden mußten. Wir konnten uns selbst einmal davon überzeugen, daß ein Dieb zitternd vor Angst das gestohlene Gut zurückbrachte, als er nur davon hörte, daß der Bestohlene dem Fetisch einen Nagel einschlagen lassen wollte. So fest auch die Neger an die Zauberkraft ihrer Fetische glauben und soviel sie sich von ihren Ogangas gefallen lassen, so finden doch diese gewitzten Burschen auch Auswege.
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Der Schwarze, der eine Schlechtigkeit vorbereitet, versucht sich oft dadurch ein gutes Gewissen zu verschaffen, daß er sein Fetisch=Idol einfach vor Begehung der Tat vergräbt. Natürlich spielen auch Talisman und Amulett im Leben der Neger eine wichtige Rolle. Ihre Wirksamkeit ist selbstverständlich davon abhängig, wieviel der einzelne beim Oganga dafür zu zahlen bereit ist. Wenn die Zauberer Medizin machten, so war das immer eine aufregende Handlung, bei der es nie ohne großes Tamtam abging. Sie verhüllten ihren Körper mit Fellen von Tigern, Affen oder Wildkatzen, entstellten ihr Gesicht, ihre Arme und Brust mit bizarren Zeichen aus weißer Farbe und zogen sich schließlich in ihre Hütten zurück. Wenn sie dann diese wieder mit der geschaffenen Medizin verließen, begannen mit Tamtambegleitung, Geschrei und Händeklatschen jene sinnverwirrenden, rituellen, ekstatischen Tänze, von denen so viele Umstehende erfaßt wurden. Bewundert von einer stumpfsinnigen Masse, rasten die Besessenen dann mit stieren Augen und geöffnetem Munde, bald sich im Kreis drehend, bald den Oberkörper heftig vor= und rückwärts biegend, wie toll herum, bis sie ihre Sinne verloren und zusammenbrachen.
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AN DER GOLDKOSTE
Die Fahrt vom Tschadsee führte uns am Hochland von Bauchi vorbei durch das Flußgebiet des Niger über die Bergketten von Oberguinea nach Akkra an der Goldküste. Diese Reise gab uns noch vielerlei Gelegenheit, die Betrachtungen über Könige, Häuptlinge und Medizinmänner fortzusetzen und zu vervollständigen. Der dauernde Klimawechsel, mal Feuchtsteppe, mal heiße Wüste, und immer wieder die stickige dumpfe Luft der Regenwälder hatte uns sehr angegriffen, und so wurde von uns die flache Lagunenküste bei Akkra mit ihrer frischeren atlantischen Luft (etwa um 25 Grad) besonders freudig begrüßt. Akkra ist die Hauptstadt der Goldküste, die ihren Namen von den Goldvorkommen in Küstennähe hat. Auch Manganerze und Diamanten sowie reiche Ernten von Palmfrüchten, Kakao, Kautschuk und Erdnüssen machen dieses Gebiet besonders wertvoll. Die Fanti, Aschanti und Ewe, die das Land bevölkern, sind fleißige Ackerbauer. Besonderen Spaß hatte ich, wenn ich ihnen bei der Palmfruchternte zusehen konnte. Es war eine tolle Sache, die schwarzen Kerle im wahrsten Sinne des Wortes auf die Palme steigen zu sehen. Einen vielleicht drei Meter langen Blattstengel legten sie zu einem steifen ovalen Rahmen zusammen, den sie mit einem leicht lösbaren Knoten schlossen. Dann schlüpften die Burschen in dieses Rahmenoval, und flink und gewandt stemmten sie sich ruckweise empor, wobei sie die früheren Blattansätze als Leitersprossen benutzten.
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Aus den Blätterkronen der schlanken hohen Palmen schlugen sie dann mit scharfen Buschmessern die schweren Fruchtbüschel ab. Die ganze Sache sah so einfach und schön aus, daß ich es mir nicht verkneifen. konnte, es auch einmal zu probieren. Bill lag am Ufer, blinzelte in die Sonne und verfolgte interessiert meine Bemühungen. Ein halbwüchsiger Aschanti half mir beim Umlegen der Schlinge. Dann begann ich meinen Aufstieg. Er unterschied sich aber von dem der Eingeborenen dadurch, daß ich nur langsam und mit sicher sehr komisch wirkenden Ruckbewegungen vorwärtskam. Unendlich hoch erschienen mir die Bäume, die oft eine Höhe bis zu 20 Metern erreichen. Die Hälfte mochte ich vielleicht hinter mir haben, als ich einen Moment verschnaufen mußte. Ich sah nach oben. Noch weit und entfernt, anscheinend unerreichbar, wirkte die Baumkrone. Dann wagte ich einen Blick nach unten - klein wirkte Bill, unser Jeep und der wartende Negerjunge. Hier oben, so allein zwischen Himmel und Erde, nur an einer Palmblattschlinge am Stamm hängend, war mir keineswegs ganz wohl. Gern wäre ich zurückgeklettert, aber ich wollte doch den beiden unten Wartenden beweisen, daß ich keine Bange hatte. So setzte ich keuchend und klopfenden Herzens meine Kletterpartie fort, Als ich dann aber oben wie ein Affe in den grünen Palmenwedeln saß, hatte ich einen herrlich schönen Ausblick auf die weite See. Trotzdem war ich wirklich froh, als ich wieder festen Boden unter den Füßen hatte. Stolz auf meine Leistung, versuchte ich Bill zu überreden, es auch einmal zu wagen. Doch dieser lachte nur, aalte sich wohlig im Sande und wollte nach den hinter uns liegenden Anstrengungen in seiner Ruhe nicht gestört werden.
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RÄUBERISCHE TUAREG
Nach den erholsamen Tagen an den Lagunen von Afrika fuhren wir nach Norden, vorbei an großen waldähnlichen Kakaopflanzungen, in denen auch Bananen= und Gummibäume wuchsen. So kamen wir in das Nigerbecken, einem wüsten Steppengebiet am Rande der großen Sahara. Timbuktu, der bedeutende Kreuzungspunkt alter Karawanenstraßen, war unser Ziel. Wir hatten schon viel von den hier wohnenden Berbern, den großen hellhäutigen Tuareg gehört. Zweierlei Auffassungen wurden dabei vertreten. Die einen meinten, daß die Tuareg räuberische, mißtrauisch=verschlagene, diebische Halunken seien, während die anderen von kühnen adeligen Rittergestalten, die noch im Glänze einer großen Vergangenheit lebten, sprachen. Bei unserer Fahrt durch sandige Hügel und Täler trafen wir eines Nachmittags am Steilabsturz eines Wadi auf eine Anzahl Kamele und ein Lager. Waren hier die gefürchteten Tuareg? Wir wußten es nicht. Bill konnte offensichtlich nur schwer einen Entschluß fassen. Doch im Lager hatte man uns schon bemerkt. Aus der bunten Gruppe von Menschen und Tieren kam ein Mann, anscheinend ein Führer, auf uns zu. Bald stand uns eine wahrhaft königliche Erscheinung, bekleidet mit einem weißen buntgestickten Mantel, gegenüber. Das stolze Haupt des Tuareg wurde von einem indigoblauen Tuch verhüllt. Wie ein Turban umgab es den Kopf und verdeckte zugleich die untere Hälfte des Gesichtes, so daß nur ein Teil der Nase und die Augen zu sehen waren. Dies war der Litham, der Gesichtsschleier der Tuareg, den nur die Männer tragen.
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Unter seinem Mantel lugte das lange Tuaregschwert hervor, dessen Scheide mit rotem und grünem Leder ein gefaßt war. Brand wechselte einige Worte mit dem Führer und ließ sich den Weg nach Timbuktu weisen. Daß dies sehr unklug war, sollte sich bald herausstellen. Inzwischen hatte ich Gelegenheit, das Zeltlager dieser Nomaden genauer zu betrachten. Ich entdeckte nur ein paar Männer, die sich vor den typischen, mit Decken und Lederfellen überzogenen Tuaregzelten aufhielten. Auch einige Frauen, die, unverschleiert, fast europäische Gesichter hatten, konnte ich sehen. Silberne Reifen und Ketten klingelten und klirrten an ihren Handgelenken und schmückten Hals und Haar. Kamele mit zusammengebundenen Vorderfüßen ruhten in der Nähe. Trotz des an und für sich ruhigen Bildes machte das Ganze jedoch keinen vertrauenerweckenden Eindruck. Auch die harten, mißtrauisch blickenden Augen der Männer und die Art, wie sie mit uns sprachen, waren so, daß wir erleichtert aufatmeten, als wir das Lager verließen. Nach etwa vier Stunden Fahrt machten wir halt, und im rotglühenden Licht der untergehenden Sonne schlugen wir unser Zelt für die Nachtruhe auf. Mitten im Schlaf weckte mich Brand, hielt mir jedoch gleichzeitig die Hand vor den Mund und deutete aufgeregt hinaus.
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Nachdem sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, entdeckte auch ich in der Ferne von allen Seiten
näher kommende Gestalten. Blitzschnell erkannten wir, daß die Tuareg, die unseren Weg ja wußten, einen Überfall auf uns planten. Wir beide allein konnten gegen diese Übermacht natürlich nichts ausrichten, und so sprangen wir schnell, nur das notwendigste Gepäck an uns reißend, auf unseren Jeep. Der Motor heulte auf, und mit einigen laut knallenden Fehlzündungen stoben wir durch die nun ihrerseits überraschten Angreifer. Es begann ein Wettrennen zwischen den Meharis, den schnellen Rennkamelen der Tuareg, und unserem braven Wagen. Doch bald gewannen wir Vorsprung. Wütend ballerten sie noch einige Schüsse hinter uns her. Dann waren wir außer Schußweite. Unser treuer Jeep ließ uns nicht im Stich. Wäre der Motor nicht sofort angesprungen, hätte dieser Überfall sicher keinen so glimpflichen Verlauf genommen. Nachdem die Nachtruhe unterbrochen worden war, fuhren wir weiter. Die Fahrt durch die nächtliche Steppe war keineswegs reizlos, wenn auch immer wieder Löcher und Steine unserem Wagen schwer zusetzten und wir mächtig durcheinandergerüttelt wurden. Als uns in den frühen Morgenstunden die Mauern der alten Karawanenstadt Timbuktu aufnahmen, fühlten wir uns nach der durchjagten Nacht müde und zerschlagen. Einen ganzen Tag legten wir uns aufs Ohr, um auszuruhen. Timbuktu, die alte Stadt am Rande der großen Wüste, zählte nur annähernd 6000 Einwohner. Trotzdem gab es dort einen Flughafen, und Bill hatte Gelegenheit, seine letzten Berichte durch Funk und Kabel aus Afrika über den großen Ozean nach Amerika zu senden.|
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GASTFREUNDLICHE BEDUINEN
Stunden um Stunden fuhren wir schon in südwestlicher Richtung durch die Dünen der Salzsteppe, und schon lange lagen die weiß leuchtenden Mauern Timbuktus hinter uns. Bald erreichten wir ein kleines Beduinendorf. Es waren vielleicht zehn Zelte, die dort zusammenstanden. Aus einem größeren Zelt traten uns einige Männer entgegen. Wir stiegen aus unserem Wagen um entboten den Friedensgruß. Nach den Begrüßungsförmlichkeiten setzten wir uns zusammen auf Teppiche, die vor dem Zeltlager Wir machten kleine Gastgeschenke unter den üblichen Segens wünschen und bekamen dafür ebensolche in Form von Hühnern und Eiern. Gastfreundlich wurde uns dann dampfender Pfefferminztee, auf dem Mandelstückchen schwammen, gereicht. Bald war eine angeregte Unterhaltung im Gange. "Des Manne Glück sind Gäste", sagte ein würdiger Beduine, und dabei ließ er seine Gebetskette langsam durch die Finger gleiten. Nach einiger Zeit wurde eine große flache Schüssel mit Kusgus, heiße Hammelbrühe mit Gerstenbrei, vor uns hingestellt. Dann hockten wir uns gemeinsam, wir, die geehrten Gäste, der Hausherr und die Vornehmen, um die Riesenschüssel. Für die dortigen Begriff aß ich natürlich viel zu langsam und verbrannte mir auch gehörig die Finger und den Mund. Doch durch eifriges Rülpsen und Stöhnen konnte ich meine Anerkennung zum Ausdruck bringen und damit die vorherigen Verstöße gegen die Tischsitten wieder wett machen. Nach der Mahlzeit wurden die Hände mit Wasser überspült und am Zelttuch getrocknet.
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Geheime Bünde und Orden
Als wir weiter in südwestlicher Richtung vordrangen und uns dem Gebiet von Sierra Leone und Liberia näherten, erreichten wir den Abschnitt eines Landes, der durch besonders krasse Formen von Mystizismus und Geheimbünden in aller Welt bekannt wurde. Der Poro, eine weitverbreitete, aber geheime Organisation der Schwarzen, ist seit Jahrhunderten ein bedeutender Machtfaktor. Tief im geheimnisvollen Busch versteckt, werden in besonders errichteten Lagern junge männliche Schwarze zusammengetrieben. Dort werden die Elf bis Fünfzehnjährigen unter ungewöhnlich harten und schmerzhaften Bedingungen zum Manne erzogen. Bald nach dem Eintritt ins Lager werden die Jungen gezeichnet. Der Neuling wird, über ein Kreuz gebeugt, an Händen und Füßen gefesselt. Mit oft mehr als hundert Stichen bekommt er das Zeichen der Poro mit scharfen Messern eingeschnitten. Damit die Schnitte sichtbar bleiben, reibt man Pflanzensäfte in die Wunden. Diese heilen dann unter Qualen zu großen Narbenmustern. Jahrelang dauert dann die weitere harte Ausbildung, bis später die mannbaren Knaben in besonders festlichen Riten ihren Stämmen wieder zugeführt werden. Ähnlich wie der Poro Bund bei den Männern, haben die geheimen Frauenbünde, sogenannte "Sande", die Erziehung der angehenden Frauen zur Aufgabe. Besonders gefährlich und gefürchtet aber sind die Geheimbünde der Panther-, Tiger- und Krokodilmenschen. Trotz schärfster Verfolgung von allen Regierungsseiten werden von diesen Bünden immer wieder geheimnisvolle rituelle Morde bekannt.
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LIBERIA- EIN PARADIES?
Bald hatten wir das Hinterland von Liberia erreicht. Von den bis zu 1000 Meter hohen Bergen neigte sich das Land terrassenförmig der Küste, dem weiten Meere, zu. Ein geradezu bezauberndes Bild paradiesischer Schönheit offenbarte sich uns. Elefanten, Antilopen, Büffel, Schweine, Affen, Riesenskorpione und Zwergflußpferde, gefährliche Reptilien und meterlange Riesenschlangen, Riesenschildkröten, Leoparden und Schimpansen gab es so zahlreich, daß sie eine wahre Landplage bildeten. Diese Tiere vernichten ganze Ernten. Die Früchte, die ich in Liberia aß, mundeten geradezu köstlich. Riesige Bananen, Melonen, Orangen, Ananas, Mangopflanzen und Avocados boten für Feinschmecker reiche Abwechslung. Auch das kleine Naturwunder der seltsamen Hibiskusblüte konnte ich in Liberia beobachten. Weiß strahlte sie in der Morgensonne, und in tiefes Rosa gefärbt, neigte sie sich in der Abenddämmerung. Die liebliche Mondblume aber blühte in der Nacht und schloß erst im Morgengrauen ihre Kelche. Orchideen, Poinsettia, Oleander, Alamander und Frangipanisträucher überboten sich in ihren berauschenden Düften.
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Auf den guten Straßen der weiten Kautschukpflanzungen konnten wir stundenlang gemütlich fahren, um dann plötzlich am Rande dieser Gebiete auf einem primitiven holperigen Lehmwege zu landen. So fuhren wir auch auf einer schlechten Straße, an einem schläfrigen Verkehrspolizisten vorbei, in das Zentrum der Hauptstadt von Liberia, Monrovia. Als wir die wilde Häufung primitiver Wellblechbaracken neben einigen ordentlichen Gebäuden entdeckten und nur zwei schlecht gepflasterte Straßen das Stadtbild zierten, waren wir tief erschüttert. Doch Monrovia hat - allerdings mit amerikanischem Geld gebaut - einen großen Flugplatz und einen ausgezeichneten modernen Hafen. Die Republik Liberia ist in ihrer ganzen Art ein Kuriosum. Sie wurde 1822 mit Hilfe der Vereinigten Staaten durch die befreiten amerikanischen Negersklaven gegründet. Heute wird sie von 15 000 amerikanischen Liberianern beherrscht, die als führende Schicht mit Verachtung auf die Eingeborenen herabsehen. Liberia ist ein traumhaft reiches Land. Eine beinahe unberührte Schatzkammer, gefüllt mit Gold, Diamanten, Perlen, reichen Eisenerzen und kostbaren Hölzern. Und doch - ist es ein Paradies?
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Die glücklichen Inseln
In Monrovia verluden wir unseren Jeep in einen Bananendampfer, der uns an der Westküste Nordafrikas entlang zu unserem nächsten Ziel, den Kanarischen Inseln, Madeira und dann nach Casablanca bringen sollte. Das Wetter war gut, und die Zeit verging wie im Fluge. Eines Tages zeichneten sich am Horizont kleine dunkle Streifen ab, die schnell größer wurden. Wir hatten die Kanarischen Inseln, die auch unter dem Namen "Die glücklichen Inseln" bekannt sind, erreicht. Auf Teneriffa thronte wie ein gewaltiger Gott der von schweren blaugrauen Wolken umgebene Pico de Teyde. In Santa Cruz de Tenerife gingen wir an Land, wo uns der ganze Zauber leuchtender Farben empfing. Vorbei an den gartenähnlichen in Terrassen aufgeteilten Feldern erstiegen wir eine romantisch gelegene Anhöhe, auf der kanarische Palmen, doppeltgefiederter Lavendel und Kakteen standen. Eine herrliche Stille umgab uns, und nur die Kanarienvögel, die hier ihre Heimat haben, rollten und zwitscherten. Am Fuße des Hanges lag das malerische Santa Cruz, umbrandet von den Wellen des Atlantischen Ozeans.
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MADEIRA-GARTEN IM MEER
Bald lagen auch die Kanaren, diese glücklichen Eilande, hinter uns, und unser Frachter steuerte auf Madeira zu. Mit großer Spannung und Neugierde erwartete ich diese Insel. Zu Hause hatte ich oft Zeitungsberichte über Madeira gelesen und auch schon einmal einen Reiseprospekt in der Hand gehabt. Die Bilder darin waren einfach märchenhaft. Es konnte sicher nur sehr wohlhabenden Leuten möglich sein, Madeira als Kur» und Erholungsort zu besuchen. Um so mehr freute ich mich, diese Insel ohne eigene Mittel erleben zu können. Als wir in Funchal, dem Hafen von Madeira, an Land gingen, befanden wir uns wirklich in einem "Garten im Meer". Ich wußte gar nicht, wohin ich zuerst sehen sollte, so schön war alles. Was des Menschen Herz begehrte, war hier vorhanden. Bizarre, gratige Felsen lagen, umtost von der Brandung, im blauleuchtenden Ozean. Wohin das Auge sah, erstreckten sich gepflegte Parkanlagen, Palmen und Eukalyptenhaine, und überall leuchteten die farbigen Tupfen blühender Mimosen, Rosen, Kallas und Magnolien. Wie verwunschene Schlösser standen prächtige Luxushotels im gleißenden Licht, der Sonne, und die kleinen sauberen Häuser der Einwohner klebten wie Schwalbennester an den Terrassen der Berghänge.
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EINE SAUSENDE SCHLITTENFAHRT -DOCH OHNE SCHNEE
Ich dachte an meine Entbehrungen während der Reise durch Afrika. Darum wollte ich in diesem weltberühmten Kurort das Leben auch einmal von der anderen Seite kennenlernen. Bill und ich nahmen daher jede Gelegenheit wahr, uns zu belustigen. Wir ritten vergnügt auf Eseln in die Berge, fuhren mit Booten wie flinke Piraten in kleine felsige Schlupfwinkel am Meer, badeten nach Herzenslust und erfrischten uns in dem klaren spiegelnden Wasser. Wir konnten auch stundenlang am schönen Strand liegen und uns die Sonne behaglich auf den Bauch scheinen lassen. Als Bill hörte, daß Torte mit Schlagsahne zu meiner Leib und Magenspeise gehörte, neckte er mich oft damit, daß er ohne mein Wissen wahre Riesenportionen da» von auffahren ließ. Das war ein Leben. Eine ganz prima Sache waren auch die berühmten Schlittenfahrten auf Madeira. Wir saßen dabei auf altmodischen Polstersofas in buntbemalten kastenartigen Schlitten. Zwei Männer trieben die Ochsen an, die unser malerisches Gefährt die steinige Straße den Berg hinaufzogen. Dann wurden alle Vorbereitungen für die Schlittenfahrt ohne Schnee getroffen. Wenn die hölzernen Kufen auf das glatte schwärzliche Pflaster geschoben wurden, und die Schlitten durch eine farbenfrohe Landschaft in lustiger, sausender Talfahrt nach unten stoben, gab es einen Mordsspaß.
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AUF ZUR LETZTEN ETAPPE
Aber auch diese schönen Ferientage gingen einmal zu Ende, und Madeira war ja doch nur eine Etappe der großen Reise. Unser Frachter hatte Ostkurs genommen, und in einer steifen Brise bahnte er sich seinen Weg durch die gurgelnden Wellen. Dann endlich kam der Augenblick, wo unser braver Jeep auf sein Element, die Erde, gesetzt wurde und wir in Casablanca wieder afrikanisches Festland betraten. Als wir von der Mole fuhren, trafen wir auf eine typisch marokkanische Musikantengruppe, die uns mit Quieken und Blasen willkommen hieß und dabei heftig mit den Augen rollte. Natürlich gab sie dieses Ständchen nicht, ohne uns um Münzen anzubetteln. In Casablanca, dem arabischen Dar=el=Beida, fiel uns besonders die krasse Scheidung der modernen Kolonialviertel von dem alten Stadtteil auf. Gerade noch fuhren klingelnde Straßenbahnen an uns vorüber und wir hatten vor europäisch anmutenden Schaufenstern gestanden, da befanden wir uns auch schon wenig später in einer völlig fremden Stadt, in der noch der ganze versponnene Reiz alter mohammedanischer Städte lebte.
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Dann starteten wir wieder in südlicher Richtung zur Fahrt in die Steppe. In der Nähe von Marrakesch, der südlichen Hauptstadt von Marokko, trafen wir auf Maultierkarawanen, die schwer beladen waren. In großen, grauen oder braunen Kapuzenmänteln, den sogenannten Dschellaba, schritten bärtige Bergberber nebenher. Sie wollten wohl die Holzkohle aus den Wäldern der Berge, die Erträge ihrer Gärten und Äcker, Geflügel und Eier zum Markt bringen. Als uns der Weg dann weiter durch reichbewässerte Oasen führte, wurde der Verkehr auf den Straßen immer lebhafter, und bald zeichneten sich die Konturen des Sultanspalastes, der Kasba und der Moscheen am Horizont ab. Marrakesch ist ein außerordentlich wichtiger Handelsplatz und militärischer Mittelpunkt des südlichen Marokko. Die Umrisse dieses Stadtbildes wirkten wie die Illustration eines orientalischen Märchens, doch als auch darüber die Propeller schwerer Flugmaschinen surrten, wußten wir, daß uns Marrakesch ein ähnliches Bild wie Casablanca bieten würde. Wir änderten in Marrakesch unsere Marschrichtung und fuhren nun nordostwärts. Jetzt mußte unser braver Jeep zeigen, was er zu schaffen vermochte. An den Westhängen des Atlas=Gebirges ging es über kahle Bergrücken an terrassenförmigen Steinhängen vorbei durch die flachen Geröllbetten fast ausgetrockneter Flüsse. Es ist still bei unserer Fahrt, und nur der emsig arbeitende Motor singt sein Lied. Als dann da und dort mächtige Steineichen mit ihren stechpalmenähnlichen Blättern, Oliven, Zedern und Haselnußbüsche auftauchen, wissen wir, daß es nicht mehr lange dauern kann, bis wir unseren letzten Stationspunkt erreichen. Immer fruchtbarer wird die Landschaft, und immer stärker wird der berauschende Duft von blühenden Kräutern. Schließlich roch es wie in einem Parfümladen. Die kleinen dornigen Zwergsträucher, wie Lavendel, Thymian, Rosmarin, sind die Spender dieser bekannten Wohlgerüche. Es machte mir viel Spaß, mich dadurch zu parfümieren, daß ich die Stengel der Pflanze brach und ihre Blätter zwischen den Fingern verrieb.
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MITTELMEER
Schließlich dauerte es nicht mehr lange, bis wir Tanger, die nördlichste Hafenstadt Afrikas, erreicht hatten. Die Stadt am Meer, wuchs aus der zerklüfteten Steilküste heraus und bildet mit der gegenüberliegenden Bergfeste von Gibraltar das imponierende Tor zum Mittelmeer. Auch in Tanger konnten wir die uns schon bekannte Zweiteilung der Städte feststellen. Unser Interesse galt aber nicht dem neuen luxuriösen und modernen Tanger, sondern Medina, seiner alten Eingeborenenstadt. Wir stiegen in einem Hotel der Altstadt ab. Die letzten Tage unseres Aufenthaltes in Afrika nutzten wir zu wiederholten sehr interessanten und aufschlußreichen Stadtbummeln. Mit Bill zusammen schlenderte ich durch die schmalen, oft dunklen Gassen, die rechts und links dicht mit Läden besetzt waren. Da gab es die Straßen der Metallarbeiter und Kupferschmiede, die wir gern bei ihrem Handwerk beobachteten. Die Männer hockten über ihre Arbeit gebeugt und hämmerten und klopften emsig drauflos. Dort wurde aus einem Stück Kupferblech eine kunstvolle Schale getrieben, an anderer Stelle wieder wurden Ornamente und Arabesken in schimmernde Messinggeräte graviert. Der beizende Geruch der Holzkohlenfeuer und des glühenden Metalls lag in der Luft. Sehr gern sahen wir auch den Juwelieren bei ihrer stillen Arbeit zu. Jungen bedienten die winzigen Blasebälge und entfachten kleine, rote, züngelnde Flammen. Aus winzigen Tiegeln rann das flüssige Edelmetall in die kunsthandwerklich hergestellten Formen. Silberne und goldene Drähte wurden gezogen, in Formen gebogen und kunstvoll verschlungen.
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Ringe, Armreifen, Gehänge, Halsketten und gefahrenbannende, mit Edelsteinen verzierte Amulette häuften sich zu funkelnder Pracht. So könnte ich euch noch die Straße der Lederarbeiter, der Töpfer, der Weber usw. beschreiben, doch ich will nicht vergessen, auch weniger schöne Situationen zu schildern. Wir sahen auf dem Markte die Stände der Schlachter. Blauschwarze Hammelköpfe, deren Zungen zwischen den blecken» den Zähnen hingen, waren oft schwarz von Fliegen, die sich in summenden Schwärmen erhoben, wenn man zu nahe trat. Auch die bunten Stände, mit orientalischen Süßigkeiten gefüllt, waren stets so sehr von Fliegen umschwärmt, daß man die roten und weißen, mit Mandeln gefüllten und aus zähem Honig gefertigten Näschereien kaum sehen konnte. Morgens, wenn die Kuppeln und weißen Dächer vom ersten funkelnden Licht getroffen wurden, weckte uns das langgezogene melodiöse Rufen des Muezzin. Wenn wir aus dem Fenster sahen, konnten wir ihn auf dem in der Nähe befindlichen Minarett stehen sehen. Nach den Vorschriften des Koran ruft er, die Hände an die Ohren gelegt, fünfmal am Tage in alle vier Himmelsrichtungen den Gebetsruf: "Kommt zum Gebet! Kommt zum Glück! Kommt zum Heil!" Durch diese gläubigen Weckrufe angeregt, hatten wir den Wunsch, uns einmal eine Moschee näher anzusehen. Still lag sie in der heißen Mittagssonne, und nur ein blinder Bettler stand zerlumpt in einer Ecke neben dem Heiligtum. Vorsichtig versuchten wir die Stufen zu erklimmen, um einen Blick ins Innere zu tun.
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Doch kaum waren wir wenige Schritte gegangen, trat uns ein würdiger bärtiger Mann entgegen. Es war der Moscheediener, stolz wie ein direkter Abkomme des Propheten. Ruhig, aber scharf und abweisend sagte er uns, daß der Eintritt in die Moschee jedem Rumi, das bedeutet Ungläubigen, verwehrt sei. Doch Bill wollte sich nicht bluffen lassen und bot ein hohes Trinkgeld an. Aber ohne ein Wort wendete sich der Moslem mit verächtlichem Blick ab und spie, um seine ganze Verachtung gegenüber den Ungläubigen zu zeigen, auf die Straße.
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FANTASIA
Unsere Reise "Mit dem Jeep durchs dunkle Afrika" ging nun allmählich ihrem Ende entgegen. Von Amdullah, unserem mohammedanischen Hoteldiener, erfuhren wir, daß eine große Fantasia in den nächsten Tagen am Rande der Stadt veranstaltet werden sollte. Wir freuten uns sehr, noch vor unserem Abschied an einem so großen Fest der Nordafrikaner teilnehmen zu können. Den Anlaß zu diesem bildete der Empfang eines hohen Gastes bei einem Fürsten. In diesem sogenannten "lab=el=barud" oder "Pulverspielen" kommt die ungezügelte Leidenschaft der Berbervölker zum Ausdruck. Als der lang ersehnte Tag herangekommen war, folgten wir einem Schwarm lebhaft gestikulierender Eingeborener. Wir merkten schon an der allgemeinen Aufregung, daß uns wirklich etwas Besonderes bevorstehen mußte. Bald befanden wir uns vor den Mauern der Stadt. Viele Menschen waren hierhergekommen. Angelockt von einer wilden erregenden Melodie fanden wir bald eine Gruppe von Musikanten, die mit Ballen und Fingern ihre Trommeln und riesigen Tamtams bearbeiteten. Dazwischen quiekten die eigenartig heiseren Töne der arabischen Flöte.
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DIE WILDEN REITERSPIELE
Eine reichliche Stunde mochte vergangen sein, da ertönte überlaute Musik von Blechinstrumenten. In die Menschen kam Bewegung. Sofort bildete sich eine breite Gasse, und ehrerbietig trat alles zurück. Dann erschien eine Anzahl eingeborener Soldaten zu Pferde. Ihnen folgten auf prächtigen Apfelschimmeln der Fürst und seine Gäste. Die leuchtenden Seidengewänder und kostbaren Burnusse der Vornehmen wetteiferten mit den blinkenden Waffen und dem glitzernden Sattelschmuck ihrer edlen Pferde. Während des Einmarsches der Gäste hatten hinten bei den Zelten eine Anzahl Beduinen Aufstellung genommen. Plötzlich bebte die Erde, und es erdröhnte der Boden. Eine Gruppe von Beduinen sprengte mit ihren prächtigen Pferden in weiten flatternden Mänteln und mit wehenden Kleidern heran. Nur in den Bügeln standen sie, und buntgesticktes und geziertes Zaumzeug und farbige wertvolle Schabracken leuchteten auf. Schon war die wilde Schar heran, und laut schreiend schwangen sie hoch über den Häuptern die langen Flinten. Bis zur Ekstase hatte sich die Musik gesteigert. Als die galoppierenden Reiter die Höhe der Edlen, die unbeweglich und stolz auf ihren Pferden saßen, erreicht hatten, rissen sie wie auf ein Kommando die Flinten zu gleicher Zeit hoch und schössen dann plötzlich auf den Boden herab. Rotgelbe Feuerstrahlen flammten auf.
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Der gelbe
trockene Sand spritzte vor unseren Füßen auf, und aus den Schwaden von Pulverdampf und Staub glühten die begeisterten Gesichter und blitzenden Augen der Reiter. Kurz darauf sprengte noch einmal, und noch einmal die wilde Jagd heran und das Spiel wiederholte sich. Dann zeigten einzelne Beduinen Kunststücke, wie z. B. Zielschießen vom galoppierenden Pferd. Die Sicherheit und Gewandtheit dieser Reiter war erstaunlich. Während sie sich an Wildheit zu überbieten suchten, wurden sie durch die gellenden Freudentriller der Frauen, die mit glänzenden Augen dem erregenden Spiel folgten, immer wieder angespornt. Nach dieser Vorstellung traten zwei Neger vor. Auch sie hielten lange Flinten in den Händen. Sie schritten und sprangen nach den Takten der Musik tanzend aufeinander zu. Sofort hatte sich ein Kreis um die Tänzer gebildet. Dann knieten die Schwarzen gleichzeitig nieder, sprangen auf, legten ihre langen Flinten aufeinander an, federten wieder zurück, rissen die Gewehre hoch über den Kopf und feuerten sie zu gleicher Zeit auf den Boden ab. Sie waren mit Begeisterung dabei. Weiß leuchteten ihre Zähne in den dunklen schweißtriefenden Gesichtern. Der Witz in diesem Spiel bestand darin, daß die Tänzer ihre Gewehre gleichzeitig abschießen mußten.|
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Wenn einer zu früh oder zu spät feuerte, gab es Spott und Gelächter. Nach Beendigung der Spiele zogen die Vornehmen mit ihren Truppen in die Stadt zurück. Bill versuchte den Sinn dieser Pulverspiele zu erforschen. Er glaubte eine Erklärung darin zu finden, daß die früher räuberischen Beduinen in diesem lab=el=barud einen harmlosen Ausgleich suchten. In den Bergen des Atlas wie in den Städten und Steppen bilden diese Spiele die Höhepunkte verschiedener festlicher Anlässe. In diesen Pulverspielen kann man deutlich den kühnen, leidenschaftlichen und kriegerischen Charakter dieser Stämme erkennen. Diese imponierende Fantasia kam uns vor wie ein großes Abschiedsfest unserer erlebnisreichen und interessanten Fahrt durch Afrika. Bei diesem Spiel grüßten uns noch einmal die Vornehmheit und Würde, die Schönheit und der Glanz, die Kühnheit und Wildheit der nordafrikanischen Landschaft. Die beiden dunkelhäutigen Tänzer waren gleichsam die Vertreter des schwarzen Afrikas, das uns damit den letzten Gruß entbot.
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ABSCHIED VON AFRIKA
Einen schöneren Abschied hätte es für uns nicht geben können. Die Stunde der Trennung rückte immer näher. Bill hatte sich eine Schiffskarte nach Amerika und für mich eine nach Deutschland beschafft. Bis zuletzt erinnerten wir uns an gemeinsame Erlebnisse und immer wieder hieß es "Weißt du noch - damals?" Mein Schiff fuhr einen Tag eher. Als ich dann an der Reeling stand und Bill mir noch einmal herzlich die Hand drückte, spürten wir erst, wie schwer uns der Abschied wurde. Bill sagte mir noch: "Du mußt einmal zu mir herüber in unser schönes Amerika kommen!" Dann heulten die Schiffssirenen auf, der Dampfer legte ab, und im brodelnden Kielwasser blieb "mein erlebnisreiches Afrika" zurück.
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