Sanella-Album China Tibet Japan

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Thomas Birkenfeld, den seine Freunde Tom nennen, ist ein Berliner Junge. Sein Vater ist Elektroingenieur, der für eine große deutsche Firma oft Auslandsreisen macht, um die Aufstellung gelieferter Maschinen zu überwachen. Gerade jetzt leitet der Vater den Aufbau einer großen Turbine in einem neuen Elektrizitätswerk in Schanghai (China). Das dauert monatelang, und so hat der Vater Tom eingeladen, ihm in Schanghai zu besuchen. Mit einem Frachter, der für die Firma des Vaters weitere Maschinenteile nach China bringt, ergab sich eine gute und billige Reisegelegenheit. Tom hat seine Mittelschulabschlußprüfung gut bestanden und will Zeitungsreporter werden. Da kann ihm eine solche Weltreise nur nützlich sein. Er soll auch Schanghai nicht warten, bis der Vater seinen Auftrag erledigt hat, sondern in China umherreisen und möglichst viel von diesem merkwürdigen Land kennenlernen. Vater und Sohn wollen dann gemeinsam nach Deutschland zurückfahren.

Vielleicht mit der Sibirienbahn, vielleicht auch über Japan und Amerika. Das hängt von den weiteren Aufträgen des Vaters ab ... und von diesem merkwürdigen Land, das einen Reisenden manchmal länger festhält, als ihm lieb ist. Vorerst ist Tom in Hongkong. Bis dahin hat ihm der Hamburger Frachter "Elbestrand" mitgenommen. Das Schiff wird von hier aus mit einer Ladung Kopra nach Hamburg zurückfahren. Mit Händedruck und vielen guten Wünschen verabschiedet sich Tom fast von der gesamten Mannschaft, von Kapitän Ohlsen, der ihm ein väterlicher Freund war, und nicht zuletzt von Hein, dem Leichtmatrosen, mit dem er sich auf der sechswöchigen Reise besonders angefreundet hat. Was hat Tom nicht alles schon gesehen, als er in Hongkong von Bord geht! Rotterdam und Gibraltar, das Mittelmeer und den Suezkanal, Aden, Kolombo, Singapore und Manila. Er fühlt sich schon gar nicht mehr fremd in dem Menschengetümmel der großen Häfen der Fernen Ostens. Er hätte es sich auch schon zugetraut, allein weiterzufahren von Hongkong nach Schanghai.

 

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China ist mit seinen Randländern Tibet, Sinkiang, Mongolei und Mandschurei der zweitgrößte Staat der Erde. Seine Fläche entspricht der Größe ganz Europas. Die Vereinigten Staaten von Amerika einschließlich Alaska sind etwas kleiner als China. 30 mal das Gebiet der Bundesrepublik würde die Fläche ausmachen, die das "Reich der Mitte" einnimmt. Mit 476 Millionen Einwohnern ist China bei weitem das dichtbevölkertste Land der Erde. Gesamteuropa mit 396 Millionen Einwohnern, Indien mit 357, die Sowjetunion mit 200 und die USA mit 150 Millionen folgen erst mit einigem Abstand. Der weitaus größte Teil der Menschen Chinas wohnt im eigentlichen China südlich der Großen Mauer, im Gebiet der Flüsse Hoangho (4150 km), Jangtsekiang (5200 km) und Sekiang (1250 km). Die Mongolei hat nur 2 Millionen Einwohner, Tibet 3 Millionen und Sinkiang 4 Millionen. Von den \ Randländern ist nur die Mandschurei dichter besiedelt (45 Millionen Einwohner). Korea ist in früheren Jahrhunderten mit China verbunden gewesen. Von 1910 bis 1945 war es eine japanische Kolonie, wurde dann frei und ist heute durch den 38. Breitengrad in eine russische und eine amerikanische Besatzungszone geteilt. Das Inselreich Japan ist etwa 11/2mal so groß wie die deutsche Bundesrepublik, aber mit 84 Millionen Einwohnern noch dichter besiedelt als Westdeutschland. Dabei ist Japan ein Bergland ohne größere Ebenen. Nur ein Siebtel des japanischen Bodens kann landwirtschaftlich genutzt werden. Doch hat Japan von allen Ländern Asiens die größte Industrie und nimmt damit in mancherlei Hinsicht eine Sonderstellung ein.

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Ein neuer Freund

Aber in Hongkong wird Tom abgeholt. Wang Tschi=ping, ein gleichalteriger chinesischer Junge, der Sohn eines Geschäftsfreundes von Vater Birkenfeldt, holt Tom von der "Elbestrand" ab. Wang hat schon die Fahrkarten besorgt, mit denen die beiden auf einen englischen Dampfer nach Schanghai fahren sollen. "Daß du aber Tom heil bei seinem Vater ablieferst!" sagt Kapitän Ohlsen auf Englisch zu Wang. Der aber antwortet in fließenden Deutsch: "darauf können sie sich verlassen, Herr Kapitän! Schon morgen geht ein Dampfer der China=Navigation=Linie nach Schanghai weiter, und bis dahin werden wir in Hongkong nicht allzuviel Unsinn anstellen!" Die "Elbestrand" liegt im Hafen vor Anker. Mit dem Motorboot des Frachtmaklers, mit dem Wang an Bord gekommen ist, fahren die Beiden zur Blake Landungsbrücke. Das ist eine von vielen Anlegestellen an der Connaught Road, der drei Kilometer langen Uferstraße der Millionenstadt Hongkong. In Wangs Gesellschaft fühlt Tom sich schon nach wenigen Minuten nicht mehr fremd. Es ist ihm, als ob er mit Hein in einem Hafen an Land ginge. Wang ist genauso gekleidet wie er selbst. Allerdings ist der Stoff seines Anzuges heller und leichter, und er trägt keine Mütze, sondern einen weißen Tropenhelm. Der gefällt Tom gut, und er beschließt sogleich, sich in Hongkong auch einen "Topi" zu kaufen. Der Zahlmeister der "Elbestrand" hat ihm den Rest seines Taschengeldes in Hongkong=Dollar umgewechselt. Wang bestätigt Tom, daß das Geld dafür reichen wird.. "Du sprichst wirklich ausgezeichnet Deutsch", lobt Tom Wang, und dieser erzählt ihm, daß er sechs Jahre die deutsche Schule in Schanghai besucht hat. Tom wünscht, daß sein Englisch ebenso gut wäre. Allerdings hat er in den Häfen unterwegs allerlei hinzugelernt. Schon in Port Said hat er sich in einem Restaurant eine Portion Fruchteis und eine Coca=Cola bestellt, ohne daß der eingeborene Ober ihm auf Deutsch antwortete, und in der Straßenbahn hat er sogar ohne Schwierigkeit eine Umsteigekarte gelöst.

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Tom freut sich auf Hongkong. Das soll nun die erste von vielen chinesischen Städten sein, die er kennenlernen wird. Chinesen gab es zu Hunderttausenden auch schon in Singapore, der englischen Kronkolonie an der Südspitze der malayischen Halbinsel. Dort hat Tom auch schon rein chinesische Straßen, chinesische Geschäfte und Restaurants, chinesische Theater und Tempel gesehen. Er erzählt Wang, daß Hein ihn in Singapore sogar vor eine chinesische Opiumhöhle geführt hat. Aber hineinzugehen hätten sie sich nicht getraut. Sie hätten an dem süßlichen Duft, der aus der perlenverhangenen Tür drang, bereits genug gehabt. "Auch Hongkong ist noch kein richtiges China", sagt Wang. "Es ist wie Singapore eine englische Kronkolonie. Dort drüben am Ufer unter den Palmen siehst du das Denkmal der englischen Königin Victoria. Nach ihr ist die vor uns liegende Inselstadt benannt. Morgen werde ich dir den Palast des britischen Gouverneurs zeigen, der in Hongkong über zwei Millionen Chinesen gebietet." Am Ufer warten Dutzende von Rikschas auf sie. Wang bringt mit wenigen, ganz leise gesprochenen chinesischen Worten das Geschrei der Rikschakulis zum Verstummen. Zwei fahren zum Einsteigen vor. Bis zum chinesischen YMCA (Vereinshaus christlicher junger Männer), wo Wang ein Doppelzimmer bestellt hat, ist nur ein kurzer Weg. In sausendem Galopp geht es um eine Ecke, an der unter einem Sonnenschirm ein baumlanger indischer Verkehrspolizist mit langem Bart steht. Die Rikschakulis machen einen respektvollen Bogen um ihn herum. Mit Wangs Hilfe füllt Tom in der riesigen Empfangshalle des YMCA sein Anmeldeformular aus. Der Empfangschef prüft, ob die Angaben über Geburtstag, Geburtsort, Paß= und Visanummer mit ihren Reisepässen übereinstimmen. Dann fährt ein kleiner, uniformierter chinesischer Liftboy sie im Fahrstuhl in den 7. Stock hinauf.

 

Im Zimmer schaltet Wang sofort die elektrischen Ventilatoren ein und zieht seine Jacke aus. Vom Balkon des Zimmers sehen sie auf eine Straße hinab, die links zum Hafen hinunterführt und rechts - stark ansteigend - den Blick freigibt auf den Peak, den 600 Meter hohen Gipfel des Inselberges. Fast bis zum Gipfel empor ziehen sich die Villenviertel der Stadt. Tom möchte gleich aufbrechen, die Wunder dieser eigenartigen Stadt aus der Nähe anzusehen. Wang schlägt vor, bis zum Dunkelwerden die Queens Road, die Hauptgeschäftsstraße von Viktoria, hinunterzubummeln, dort den Tropenhelm zu kaufen und dann in ein chinesisches Theater oder Kino zu gehen. Morgen können sie mit der Drahtseilelektrischen auf den Peak fahren. "Wenn du eine Badehose mitgebracht hast, können wir auch am Strand der Repulsebucht baden. Das Vergnügen eines Freibades wirst du im übrigen China nur selten haben. Die meisten Gewässer im Innern sind durch Hakenwürmer und gesundheitsschädliche Abwässer verunreinigt und deshalb lebensgefährlich." Tom hat seine Badehose natürlich im Koffer. Er ist mit allen Vorschlägen Wangs einverstanden. Er hat schon erkannt, daß dieser frische und kluge Chinesenjunge ihm ein guter Führer und Freund sein wird. Tom bittet Wang, daß sie gleich aufbrechen möchten. Aber Wang läßt ihn noch einen Augenblick warten. Er kramt in seinem Koffer und verschwindet im Badezimmer. Nur einen Augenblick! Dann steht Wang Tschi=ping in chinesischer Kleidung vor Tom, in einem langen weißseidenen Gewand. "Unser Ischang ist viel bequemer und luftiger als euer Anzug. Außerdem hat er keine einzige Außentasche. Ich brauche nicht wie du fünf Taschen vor Taschendieben in acht zu nehmen ... Als Chinese im Ischang kann ich deinen Tropenhelm vielleicht auch zu einem billigeren Preis erstehen."

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Bummel und Einkauf in der Queens Road

Die beiden schieben sich durch das Gedränge der Queens Road. Solch ein Menschengewimmel in einer Geschäftsstraße hat Tom noch nirgendwo gesehen. Wie auf einem Jahrmarkt drängen sich die Menschen nicht nur auf den

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Bürgersteigen, sondern auch auf der Fahrbahn. Autos kommen nur mit ohrenbetäubendem Gehupe schrittweise vorwärts. Aus den oberen Stockwerken der Geschäftshäuser hängen bunte Reklamefahnen mit riesigen chinesischen Schriftzeichen tief in die Straße hinab. Tom ist doch ein wenig besorgt, daß er Wang in diesem Gedränge verliere. Nur ab und zu taucht ein weißes Europäergesicht auf. Chinesen, Tausende von Chinesen, und fast alle im Ischang, Männer, Frauen, Alte, Junge, Kinder. Und alle Ischangs haben fast den gleichen Schnitt, die weißen, grauen, blauen, braunen und schwarzen Männerischangs und die prächtigen, farbenfrohen Frauenischangs in Gelb und Rot, Lila und Grün. In den Geschäftsstraßen wird alles angeboten, was es in irgendeiner Großstadt der Welt zu kaufen gibt. Was Tom hier besonders auffällt, sind die überladenen Schaufenster der großen Seiden=, Fächer=, Elfenbein=, Silberwaren= und Porzellangeschäfte. Dann die Läden mit chinesischen Kunstgegenständen: auf Seide gemalte, geschnitzte, bronzene, silberne, goldene und aus Porzellan gefertigte Buddhafiguren, Drachen, Tiger, Elefanten. Eine Hand hat Tom immer an seiner Geldbörse. Eine halbe Stunde später ist das Gedränge nicht mehr ganz so schlimm. Der Strom der Angestellten aus den Büros, die nach zweistündiger Nachmittagsarbeit um fünf Uhr schließen, hat sich verlaufen. Sie blicken in Seitenstraßen, die als Treppenstraßen den Inselberg hinanführen. Tom tritt mit Wang in ein Hutgeschäft ein. Bis unter die Decke türmen sich ineinandergestülpte Chinesenkappen. Die Maotse, die krempenlose Kopfbedeckung der chinesischen Männer, ist immer schwarz. Nur der kleine Stoffknopf obendrauf hat drei verschiedene Farben, schwarz für den Alltag, weiß für Trauer und rot als Zeichen der Freude. Auf der andern Ladenseite sind auch Tropenhelme in allen Farben und Formen: rundliche, längliche, weiße, graue und khakifarbene. Der chinesische Verkäufer fragt nach Toms Hutnummer. Als Tom auf englisch "57" sagt, schüttelt sich der Verkäufer vor Lachen. "Fi=f=t=y=s=e=v=e=n?" fragt er lustig und so laut, daß die zwanzig anderen Verkäufer im Laden mitlachen.

 

Tom wird rot. Wang wird rot. Wang sagt schnell ein paar Worte auf chinesisch. Dann legt der Verkäufer Tom ein Maßband um den Kopf und verkündet "221/4 ". Nun ist ein passender und auch der von Tom gewünschte Hut bald gefunden. Tom bekommt auf seinen 10=Dollar=Schein noch 21/2 Hongkong = Dollar zurück, zwei 1=Dollar=Scheine und fünf silberne 10=Cent=Stücke. Als er mit seinem neuen schneeweißen Topi den Laden verläßt, machen 21 Ladenangestellte lächelnd eine Verbeugung. Die Dunkelheit bricht früh und schnell herein. Tom wundert sich nicht mehr darüber, seitdem Kapitän Ohlsen ihm erklärt hat, warum die Tage in den Tropen kurz und fast ohne Dämmerung sind. Jetzt leuchten an allen Geschäften und in allen Farben die Neonröhren auf. "Da kommt selbst unser Kurfürstendamm nicht mit", gesteht Tom. Am grellsten sind die Eingänge der Kinos und Theater beleuchtet. Die Titel der Filme und Theaterstücke werden durch laufende Lichterschrift in Englisch und Chinesisch angekündigt. "Der Tod des Tigergenerals" - "Die gute Erde" - "Die Dame mit der roten Hand" - "Der Richter mit dem eisernen Gesicht".

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"Der Tod des Tigergenerals"

Tom möchte den Tod des Tigergenerals sehen und dabei ein chinesisches Theater kennenlernen. Wang warnt ihn: "Das Spiel wird ungefähr fünf Stunden dauern, und von der gesungenen chinesischen Sprache wirst du so gut wie gar nichts verstehen." Tom ist trotzdem entschlossen. Er weiß schon, daß man im chinesischen Theater während der Vorstellung zu Abend essen kann und jederzeit aufbrechen darf, wenn es einem nicht mehr gefällt. An der Kasse im Vorraum hören sie schon den Lärm der Musik. Schrille Geigen, Flöten, Trommeln, Pauken, Lauten, Schlaghölzer und Schellen. Besucher kommen und gehen, während das Spiel bereits in Gang ist.

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Quer durch die Sitzreihen führen fünf breite Gänge und der Abstand zwischen den Sitzreihen ist so groß, daß Eßwarenhändler mit ihren dampfenden tragbaren Garküchen dazwischen herumspazieren können. Sie verwehren niemandem die Sicht auf die Bühne, weil jede vordere Sitzreihe - ähnlich wie im Zirkus - etwas tiefer aufgestellt ist und die Bühne selbst sehr hoch liegt. Zwischen Bühne und Zuschauerraum gibt es keinen Vorhang. Bühnenaufbau und Umbau gehen vor den Augen aller Zuschauer vor sich. Oft kleiden sich die Schauspieler sogar auf offener Bühne um. Die Musiker sitzen seitwärts oben auf der Bühne. Sie rekeln sich auf ihren Sitzen, wenn

sie müde sind, und trinken zwischendurch ihren Tee, gerade so wie die Zuschauer. Zur Erfrischung waschen sie sich auch ab und zu, gleichfalls wie die Zuschauer. Dafür werden von Waschmännern, die mit dampfenden Kübeln durch die Reihen gehen, heiße, nasse Handtücher gereicht. Als Wang und Tom am Mittelgang zwei gute Plätze gefunden haben, erhebt sich im Zuschauerraum ein ohrenbetäubender Lärm. Wie der Ruf "Tor!" in einem Fußballstadion braust es auf "Hao!" - "Hao!" Das heißt "Gut!" - "Gut". Mit dem Gedröhn der Pauken und dem Gebell der Schellen ist der Tigergeneral auf die Bühne getreten. Und dann ist atemlose Stille! Der Tigergeneral! Da steht er, wie ein zum Sprung bereiter Tiger. Sein Gesicht ist wie das Fell eines Tigers gestreift, schwarz und weiß, aber auch rot und blau. Die Schlitzaugen sind in den Gesichtsstreifen kaum zu erkennen. Ein breiter schwarzer Vollbart hängt bis über die Hüften hinab. Sein Gewand ist ein Krieger=Ischang, rot, schwarz und golden getigert. Auf dem Kopf trägt er eine Sonnenhaube mit einem Dutzend runder, goldener Spiegel, die bei jeder Bewegung das Licht aufblitzen lassen. Aber er verharrt jetzt ganz still. Wie ein Tiger vorm Sprung. Kinder schreien auf. Unheimlich! Ganz leicht nur zucken die kleinen Finger seiner Hände. Die eine streicht den Bart, die andere liegt an der Lanze. Dann schiebt er seinen linken, dick mit Filz besohlten Fuß drohend vor und wirft ruckartig seine Hüften halb herum. Vier auf seinen Rücken wie Flügel befestigte Fahnen erzittern.

 

Nun schreitet er mit langsamen, gesetzten Schritten hin und her. Die Schellen bellen wieder. Die Schlaghölzer trommeln wild. Wang kann Tom, ohne einen Zuschauer zu stören, laut die Geschichte erzählen. "Der Tigergeneral ist ein Gefolgsmann des Verrätergenerals Li. Dieser hat den Mingkaiser Tschung in den Tod getrieben. Auf dem Kohlenhügel in Peking hat sich der Kaiser erhängt. Prinzessin Feh, die Geliebte des Kaisers, aber hat dem Verräter Li Rache geschworen. Sie begibt sich in seine Gewalt und hofft auf eine Gelegenheit, Li zu ermorden. Doch Li ahnt Böses, und er beschließt, Feh mit dem furchtlosen Tigergeneral zu vermählen..." Wang hält inne im Erzählen. Süße Töne der Bambusflöte künden das Nahen der Prinzessin Feh an. In prächtigen Gewändern treten drei Frauen vor den Tigergeneral hin: Feh und die beiden Kammerzofen, die der Verrätergeneral Li ihr beigegeben hat. Sie sind wie die Stimmen von Meisen, traurige und verführerische Lieder. Der Tigergeneral ist von den Reizen der Prinzessin überwältigt. Er läßt sich von ihrer zarten Hand ein Glas Reiswein nach dem andern einschenken. Sie plaudern und scherzen, und als er vom Wein schon berauscht ist, bittet sie ihn, doch sein Schwert und die Lanze abzulegen und den schweren Panzer, den er unter dem Tiger-Ischang trägt. Er gesteht ihr, daß er im Kampfe eine gefährliche Wunde am Arm davongetragen hat. Feh bittet ihn mit ihrer zarten Meisenstimme, seine Wunde pflegen zu dürfen. Er willigt ein, und wie ein Lamm läßt sich der berauschte Tiger von den Zofen zu Bett bringen. Als es Nacht ist, löscht Prinzessin Feh die Kerzen aus und stößt ihm den Dolch in die Brust, den sie in dem weiten Ärmel ihres Ischangs verborgen gehalten hat. Er springt auf und versucht, sein Schwert zu ergreifen. Im Dunkeln gibt es ein wildes Kampfgetümmel zwischen den beiden, bis er - durch das eigene Schwert geschlagen - sein Leben verröchelt. Die Kammerzofen eilen herbei und klagen Feh des ruchlosen Mordes an. Sie sieht ein, daß sie unrecht gehandelt hat, und gibt sich selbst den Tod.

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Mit ihrem eigenen Dolch im Herzen klagt sie, daß es ihr nicht vergönnt war, den Tod des Kaisers an dem schuldigen General zu rächen. Tom hat die gesprochenen und gesungenen Worte nicht verstanden. Aber er hat alles so sehr miterlebt, daß er darüber das Essen ganz vergessen hat. Wang zeigt auf seine Armbanduhr. Nach zehn Uhr ist es schon. "Wir werden in der Snack=Bar des YMCA noch etwas zu essen bekommen!" - "O ja, Bratkartoffeln mit Garnelen, die habe ich auch einmal in Singapore in einer Snack=Bar gegessen . . ." Sie machen sich schnell auf den Heimweg. Die Straßen sind fast leer. Nur vor den englischen Klubs parken lange Autoreihen.

Chinesisches Frühstück mit Stäbchen gegessen

Am andern Morgen ist Tom früh wach. Der Lärm der Straße dringt bis in das Zimmer hinauf. Die Schlaghölzer der Straßenhändler erinnern Tom an die Geschichte von dem Tigergeneral. Er wundert sich, nicht davon geträumt zu haben. Die Jungen beschließen, chinesisch zu frühstücken. Jede chinesische Stadt hat ihre eigenen Gerichte, und jeder Chinese ißt am liebsten die Gerichte seiner Heimat. In jeder Großstadt gibt es Restaurants für alle Geschmäcker. Die Familie Wang stammt aus Kanton. Obwohl Wangs Vater schon zehn Jahre in Schanghai ansässig ist, ißt die Familie Wang immer noch nach kantonesischer Art. In Schanghai haben sie einen kantonesischen Koch, und wenn sie auf Reisen sind, gehen sie in ein kantonesisches Restaurant. So führt Wang seinen Freund nun auch in ein kantonesisches Restaurant neben dem YMCA. Der Boy legt jedem ein Paar Eßstäbchen und eine Speisekarte vor. "Versuche, ob du damit fertig wirst!" fordert Wang Tom auf. Die Speisekarte ist ein Büchlein mit 22 Seiten. Auf jeder Seite stehen zehn bis zwanzig Gerichte. "Das alles kannst du in einem kantonesischen Restaurant zu jeder Tageszeit haben!"

 

Die Karte nennt die Namen der Gerichte in Englisch und Chinesisch und gibt für jedes Gericht eine Bestellnummer an. Die Preise sind erstaunlich niedrig. Reis wird allein in neun verschiedenen Zubereitungsarten angeboten, aber Milchreis ist nicht dabei! Eine Portion Reis, einfach gekocht, kostet 6 Cents (=5 Pf), gebratener Reis "ä la Canton" 30 Cents, Reis mit zerkleinertem Rind= oder Schweinefleisch 40 Cents, Reis mit gewürztem Hühnerfleisch 50 Cents. Wang rät, die Seite 7 der Karte aufzuschlagen und unter "Zeitsparenden Gerichten" (Time=Saving-Meals) eine Nummer zu wählen. ",Specially recommended' heißt ja wohl besonders empfohlen. .., ich nehme Nr. 150", sagt Tom. Wang wählt Nr. 146, gebratenen Reis mit Suppe. Das ist von frühester Kindheit an sein Lieblingsgericht gewesen. Dann übt Tom erst mal, wie man die Eßstäbchen handhabt. Wang macht es ihm vor. "Man muß die Stäbchen so zwischen Daumen, Zeige= und Mittelfinger der rechten Hand nehmen, daß sie eine Art Pinzette bilden. Die Hauptsache ist, daß die vorderen Enden der Stäbchen genau aufeinanderliegen. Am besten stellst du sie beim Ergreifen senkrecht auf den Tisch, dann wird es schon gehen." Tatsächlich, es geht! In wenigen Minuten sind die Gerichte serviert. Nicht auf Tellern, sondern in Schalen, die etwa so groß sind wie zwei hohle Männerhände. Außerdem stellt der Boy vor jeden eine Teetasse ohne Henkel, in der ein paar grüne Teeblätter liegen. Das Wasser dazu bringt ein besonderer Boy in einem dampfenden Wasserkessel. Der Tee kostet im Restaurant nur 10 Cents für jede Person, einerlei ob man eine Tasse trinkt oder zehn. Mit seiner Stäbchenpinzette führt Tom die Hühnerfleischstückchen seines Reisgerichtes tadellos von der Schale in den Mund. Allerdings verkürzt er den Weg, indem er sich tief über die Schale beugt. Aber soll er auch die einzelnen Reiskörnchen so mühsam zum Mund befördern? Wang lächelt. "Das geht viel einfacher! Sieh her!" Er hebt seine Schale mit Reissuppe an den Mund, saugt die Suppe ein und schiebt die Reiskörner mit dem Doppelstäbchen nach. Im Nu ist die Schale leer.

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"So kann ich das auch", meint Tom. "Nun also, so machen es alle Chinesen." , Der Preis für das Frühstück der beiden Jungen beträgt 1,10 Hongkong»DolIar einschließlich Trinkgeld. "Billig", meint Tom, "und da» bei bin ich ganz satt!"

Mit der Drahtseilbahn auf den Peak

Vom Palast des britischen Gouverneurs ist Tom enttäuscht. Es ist ein altmodischer, zweistöckiger Bau, der hinter hohen eisernen Gittern inmitten weiter, herrlich grüner Rasenflächen und roter Tennisplatze liegt. Das sechzehnstöckige Hochhaus der Hongkongbank, ein blendendweißer Betonbau, macht auf ihn einen imposanten Eindruck. Mit der Drahtseilelektrischen fahren sie in zehn Minuten zum Peak hinauf. 600 Meter! Immer weiter wird die Aussicht: auf den Gouverneursgarten, die Marinewerft, das Hafenviertel, den Hafen, ganz Viktoria und auf den gegenüberliegenden Festlandstadtteil Kaulun. Herrlich! Wie angenehm die Luft hier oben ist nach der Treibhaushitze da unten! An den Endstationen der Drahtseilbahn sind große Thermometer angebracht. Unten zeigte es 450 C, oben 370 C! Kein Wunder, daß der Gouverneur von Mai bis Oktober in seiner Sommerresidenz auf dem Peak wohnt. Vom Bahnhof bis zum höchsten Gipfel sind nur noch zehn Minuten Weges. Sie sehen Kasernen, Befestigungsanlagen und große Wassertanks für die Trinkwasserversorgung der Stadt. Von einer Ruhebank der Aussichtsterrasse halten sie lange Ausschau nach allen Seiten. Wie ein Spielzeug liegt da auch die "Elbestrand" - Tom erkennt ihren rotweißgestrichenen Schornstein. Wang zeigt über Kaulun hinweg in nordwestliche Richtung. "Dort hinter den Bergen liegt Kanton, die Stadt meiner Väter. Sie ist mehr als zweitausend Jahre alt, Hongkong dagegen nur gut hundert Jahre." Bevor die Engländer nach Hongkong kamen, war Kanton der große Hafen Südchinas. Als der Tigergeneral dem Mingkaiser Tschung in den Tod folgte (1644), gab es auf der ganzen Hongkonginsel noch kein einziges europäisches Haus. Viktoria ist erst nach 1842 von den Briten aufgebaut worden.

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Der "Opiumkrieg"

Damals verwehrte das kaiserliche China europäischen Schiffen das Anlaufen des Kantoner Hafens. China, das "Reich der Mitte", wollte sich in seiner Abgeschlossenheit nicht stören lassen. Die Chinesen mit ihrer tausendjährigen Kultur schauten auf die Europäer herab und nannten sie Barbaren. Als der kaiserlich=chinesische Machthaber in Kanton, ein Vizekönig, englischen Kaufleuten die Einfuhr von indischem Opium verbot, kam " es zum Opiumkrieg. Das war im Juli 1839. "In den Gewässern dort unten", erzählt Wang, "standen britische Fregatten und chinesische Kriegsdschunken im Kampf. Mittelalterliche Vorderladekanonen aus Bronze feuerten gegen moderne Stahlkanonen." Das Ende war eine Niederlage Chinas. Am 29-Mai 1842 wurde die Insel Hongkong "für ewige Zeiten" an Großbritannien abgetreten . .. Wie klein die Insel ist, erkennt Tom, als sie eine Stunde später im Autobus an die Inselküste fahren, die der offenen See zugekehrt ist. Hier ist der herrliche Sandstrand der Tiefwasserbucht mit einem Strandhotel, das aussieht wie ein Märchenschloß. In der prallen Mittagssonne badet natürlich kein Mensch. Nur früh morgens und abends und in Mondnächten ist der Strand belebt, zu Weihnachten und Ostern ebenso wie im Sommer. Nie sinkt das

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- Deck. Durch die Nähe der Maschine wird es dort noch heißer sein als in allen anderen Kabinen. Die Schutzventilatoren laufen erst, wenn das Schiff Fahrt macht. Bis zur Abfahrt sehen sie an Deck zu, wie das Schiff beladen wird. An jedem Mast sind zwei Ladebäume wie schräg hochstehende Äste beweglich angebracht.

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Dar über laufen Ladetrossen wie bei einem Kran. Die Ladebäume schwingen in großen Netzen jedesmal 40 Kisten Apfelsinen aus den Bäuchen der Dschunken in die Ladeluken der "Suiwo". Einmal schlägt eine Kiste hart gegen den meterhohen Lukenrand und zerbricht. Da regnet es Apfelsinen auf das Deck. Die Jungen stürzen sich darüber her. Nicht jeder hat eine abbekommen. Nun warten sie darauf, daß sich das Spiel wiederholen soll. Die Besatzung der "Suiwo" besteht aus Chinesen. Nur der Kapitän, der Steuermann und der erste Ingenieur sind Europäer. Sie freuen sich über ihre "Ladung" Jungen und geben auf alle Fragen freundlichen Bescheid. Wozu die Deckaufbauten mit der Kommandobrücke gegen das Vorder= und Hinterdeck mit eisernen Palisadengittern, Stacheldraht und Stahltüren gesichert seien, will einer wissen, den sie Billy nennen. Der Kapitän lächelt sauersüß. Die andern Jungen lachen ihn aus. "So ein Greenhorn hat noch nichts von der Biasbucht gehört?!" - "Nur fünfzig Meilen von Hongkong entfernt, und beinahe in der ganzen Welt bekannt!" - "Seit Hunderten von Jahren betreiben die Männer von der Biasbucht das Seeräuberhandwerk, und noch kein Kaiser und kein Präsident von China hat die daran hindern können!" - "Sie haben schon viele große und kleine Handelsschiffe mit ihrer gesamten Ladung und Besatzung in die Schlupfwinkel ihrer Felsenküste entführt. Vor allem haben sie es auf reiche Passagiere abgesehen. Sie halten sie so lange gefangen, bis die Angehörigen ein hohes Lösegeld zahlen. "Und wenn die Angehörigen das nicht tun?" fragt Billy. - "Dann wird ihnen erst ein Finger, einige Tage später noch ein Finger und endlich ein Ohr zugeschickt - dann zahlen sie schon", antwortet der Steuermann. Als Billy ein bedenkliches Gesicht macht, sagt der Kapitän: "Für diese Reise ist nichts zu befürchten. An der Biasbucht wachsen auch Apfelsinen, und Jungen sind bekanntlich keine Millionäre." Außerdem seien er und der chinesische Zahlmeister des Schiffes eingetragene Mitglieder des Seeräuberklubs und mit ihren Monatsbeiträgen nicht im Rückstand. Billy starrt den Kapitän an. "S-s-sind Sie denn auch ein Seeräuber?" Der Kapitän schüttelt lachend den Kopf. "Durch unsere monatlichen Zahlungen an den Geheimklub der Seeräuber machen wir nur den

 

CHINESISCHER HOTELPROSPEKT

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Versuch, die Gesellschaft gegen die ,Suiwo' günstig zu stimmen." Das Schiff sei bis jetzt noch nie überfallen worden, und es würde bestimmt auch diesmal gut gehen. - Die Ladearbeit ist beendet. Das Rattern der Winden und das Geschrei der Ladekulis und Aufseher verstummt. Die Deckluken werden geschlossen und mit Segeltuch überzogen. Glutrot sinkt die Sonne hinter den Inselbergen. Es hat leider nicht noch einmal Apfelsinen geregnet. Zum Trost für die hungrigen Jungen läutet der Gong zum Abendessen. "Gut, daß der Preis für das Essen in das Fahrgeld eingeschlossen ist", sagt Wang zu Tom, als sie in den Speiseraum gehen. Die "Suiwo" beginnt mit einem langgezogenen Wu=u=u der Schiffssirene ihre Fahrt. Dschunken und Sampans sollen sich in acht nehmen. Bevor das Fallreep hochgezogen wurde, sind noch sechs mit Maschinenpistolen bewaffnete englische Soldaten an Bord gekommen. Sie sollen die "Suiwo" - wie jedes englische Schiff im Chinaküstendienst - bewachen. Die Soldaten haben die höchsten Deckkabinen neben der Kapitänskajüte bezogen. Billy kann nun beruhigt essen. - Tom und Wang lassen sich nicht viel Zeit für das Diner. Sie stehen bald wieder an der Reling und schauen. Es wird schnell dunkel. Das Lichtermeer von Vikt'oria leuchtet auf. Ein Lichterband ist auch die Straße, die zum Peak hinaufführt. "Der ganz helle Punkt oben muß die Endstation der Drahtseilelektrischen sein", sagt Wang. Die andern Jungen streiten sich darum, ob Hongkong oder Rio de Janeiro als Lichterstadt den schöneren Anblick bieten. - Bald hat die "Suiwo" den inselgeschützten Hafen hinter sich gelassen und stampft und rollt nun in einen Sturm hinein. "Hoffentlich kommen wir nicht in einen Taifun", meint Billy, der neben Tom und Wang an der Reling steht. Taifune haben im süd= und ostchinesischen Meer schon viel größere Schiffe zerbrochen, als es die "Suiwo" mit ihren 3000 BRT ist. ___ Der Wind und das Schlingern des Schiffes werden den Jungen bald zu ungemütlich. Sie ziehen sich in ihre Kabinen zurück. Da ist es noch scheußlich heiß. Nackt und ohne Decke liegen sie auf ihren Betten. Die Ventilatoren summen sie bald in tiefen Schlaf.

 

Nächtlicher Überfall

Was war das? Tom ist wach geworden. Vor dem Bullauge ist bereits grauer Tag. Die Schiffssirene tutet dumpf. Wang im unteren Bett scheint nichts gehört zu haben. Sein Atem geht ruhig und tief. "Fischerboote in der Fahrtrichtung", denkt Tom und dreht sich um. Er möchte noch ein paar Stunden schlafen. Aber gleich darauf klingelt der Maschinentelegraph aufgeregt. "Stopp!" "Volle Fahrt zurück!" Die Maschine stampft im Gegentakt. Dann bummst es heftig gegen die Backbordwand. "Wang, hörst du?" Ehe er in den Hosen ist, wird ihre Kabinentür aufgerissen. Eine Sekunde lang starren Tom und Wang in das finster blickende Gesicht eines Seeräubers. Dann knallt die Tür wieder ins Schloß. "Tufei" flüstert Wang zitternd, und dieses chinesische Wort versteht auch Tom schon, "Räuber!". Sie horchen hinter ihrer Kabinentür. Es ist kein Schuß gefallen. Es sind nur ein paar aufgeregte Worte gewechselt worden. Wieder einmal ist es den Bias="Fischern" in Zusammenarbeit mit Komplizen unter der Mannschaft gelungen, ein Schiff in ihre Gewalt zu bringen. Die beiden wachthabenden englischen Soldaten sind als erste überrumpelt worden. Als das Schiff seine Fahrt verlangsamte, haben zwei Dutzend verwegene Tufeis die "Suiwo" geentert. Gleichzeitig mit den Wachen ist das Gerät des Bordfunkers ausgeschaltet worden. Den Steuermann haben sie mit einer vorgehaltenen Pistole gezwungen, den Kurs zu ändern und in Richtung Biasbucht zu steuern. Es wird noch Stunden dauern, bis die Seefahrtssicherung der britischen Regierung in Hongkong die Kursänderung bemerkt.

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Bis dahin aber wird die Lösegeldforderung der Seeräuber in Hongkong bekannt sein: "Für jeden Jungen 10 000 Hongkong=Dollars Lösegeld. Die Summe ist bei der portugiesischen Bank in Macao zu hinterlegen." Wang hat ähnliche Geschichten oft genug in Schanghai in der Zeitung gelesen. Er erzählt Tom, daß es nur dann blutig zugeht, wenn sich jemand wehrt. Das wissen auch die andern Jungen, und darum bleibt alles ganz still. Auch die Heimleiter werden die Anweisungen der Seeräuber befolgt haben, andernfalls sind sie geknebelt und an Händen und Füßen gefesselt worden. Wang steht ein Bild vor Augen, das er kürzlich in einer Schanghaier Zeitung gesehen hat. Da liegen zwei Gefesselte neben den Bordkanonen einer Seeräuberdschunke. Die beiden Jungen legen sich wieder auf ihre Betten und beraten. "Wir gehören ja gar nicht zu dieser Schule, und unsere Eltern wohnen auch nicht in Hongkong", sagt Wang. "Ob die Seeräuber die Passagierliste durchgesehen haben? Vielleicht stehen unsere Namen gar nicht in der Liste. Wir bekamen ja erst wenige Stunden vor der Abfahrt der "Suiwo" die Erlaubnis, dieses Schiff der Reederei benutzen zu dürfen, weil zwei andere Fahrgäste ihre Fahrkarten zurückgegeben hatten. "Zu dumm, daß ich noch telegraphiert und die ,Suiwo' erwähnt habe", antwortet Tom. "Mit den Radionachrichten zu Mittag werden nun auch unsere Väter und deine Mutter in Schanghai in derselben Sorge sein wie die Eltern all der anderen Jungen." Wang holt tief Atem und pfeift ausatmend die Luft durch die Zähne "s=s=s=s=a=a!" Das tun die Chinesen immer dann, wenn sie weder ein noch aus wissen. Tom sagt nach einer Weile: "Kannst du nicht den Zahlmeister bitten, daß er uns als Schiffsjungen ausgibt? Dann kommen wir mit dem Schiff wieder frei, und unsere Väter haben überhaupt kein Lösegeld zu zahlen." Wang glaubt nicht, daß dies ein Ausweg ist. "Bei den Zahlmeistern weiß man nie, ob sie zu den Seeräubern oder zu den Passagieren halten. Aber ich will es versuchen, wenn sich eine Gelegenheit bietet." Um 7 Uhr ruft der Gong die Jungen zum Frühstück, als ob nichts geschehen wäre. Einigen Jungen stehen Tränen in den Augen. Sie haben bis jetzt gar nicht gemerkt, was vor sich gegangen ist, und eben erst davon erfahren. Billy setzt sich neben Tom an den Frühstückstisch und fragt ihn im Flüsterton: "Werden sie uns nun auf Dschunken packen und in ihren armseligen Fischerhütten gefangenhalten oder gar in die Berge verschleppen!?" Wang tröstet ihn. "Dir und mir und den andern wird nichts geschehen, wenn wir uns nur ruhig verhalten. Wenn du schon etwas länger in China gelebt hättest, dann wüßtest du, daß in China das Sprichwort gilt: ,Abwarten und Teetrinken'. Mir machen nur meine und eure Eltern Sorge." Billy schluchzt und rührt den Porridge nicht an, den der Boy vor ihn auf den Tisch gestellt hat. Er horcht auf die Gespräche der andern Jungen. Die Tischplätze der beiden Heimleiter sind leer.

 

In Hongkong werden die Eltern vielleicht schon beim 0=Uhr=Frühstück durch das Radio hören, daß ihre Söhne entführt worden sind. Wie ein Lauffeuer wird die Nachricht durch Hongkong gehen: ,"Suiwo' mit 50 Jungen gekidnappt." Die britische Regierung in Hongkong wird natürlich Gegenmaßnahmen ergreifen. Sie wird Kanonenboote und die schnellen Zerstörer aufbieten, die gekaperte "Suiwo" zu verfolgen. Sie wird Aufklärer und vielleicht Bomber der RAF einsetzen, um die Seeräuber zur Vernunft zu bringen. Es wird auch einige Väter und Mütter geben, deren Nerven stark genug sind, auf die Wirkung solcher Gegenmaßnahmen zu hoffen. Viele aber werden das Lösegeld telegraphisch an die Bank in Macao überweisen. Und dann wird das geschehen, was die meisten Jungen erhoffen: Die Seeräuber werden, ohne einen Jungen mitzunehmen, die "Suiwo" wieder verlassen und den Kapitän die geplante Reise fortsetzen lassen. Als Billy halbwegs getröstet seinen Löffel ergreift, verstummen die Gespräche der Jungen. Ein Mann in ärmlicher Chinesenkleidung ist an den Tisch getreten, an dem gestern beim Abendbrot die Heimleiter saßen.

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Er bleibt dort einen Augenblick stehen, bis lautlose Stille herrscht, dann hält er in fließendem Englisch eine Rede. "Ihr Jungen habt euch gut gehalten und nicht durch unnötige Aufregung unseren Plan gestört. Zum Dank dafür bekommt jeder von euch sofort eine Kiste Apfelsinen und als Nachtisch zum Mittagessen eine halbe Apfeltorte. Auch sonst steht euch alles zur Verfügung, was der Koch in seiner Kombüse hat. Ihr könnt an eure Eltern telegraphieren, wenn ihr sie um eine Beschleunigung der Überweisung eines kleinen Lösegeldes bitten wollt. Eure Heimleiter dürft ihr darum nicht befragen. Sie sind im Zwischendeck in Haft gesetzt." Er verbeugt sich und geht wieder hinaus. Die Jungen sind jetzt allein im Speiseraum. Wang flüstert Tom zu: "Die haben gar nicht gemerkt, daß wir nicht zu der Schule gehören." Der Sprecher der 6. Klasse nimmt das Wort: "Was sollen wir tun?" Smith aus der 5. und der dicke Jonny aus der 6. Klasse schlagen vor, ein Telegramm an die Handelskammer in Hongkong zu richten, weil die meisten Väter ihr angehören. Black, der Kapitän der Fußballmannschaft, aber spricht gegen jedes Telegraphieren und erntet starken Beifall. Sie gehen auseinander mit dem Beschluß, daß jeder einzelne tun soll, was er für richtig hält. Indessen ist der Anker der "Suiwo" in die Tiefe gerasselt. In einer Felsenbucht, die von unbewohnten grünen Berginseln gegen die See geschlossen ist, liegt das Schiff still. Die Feuer unterm Kessel sind erloschen. Keine Rauchfahne soll das Schiff verraten. Es ist unerträglich heiß an Deck, aber noch heißer in den Kabinen. Mit Tropenhelmen und Sonnenbrillen angetan, machen die Jungen es sich in den Deckliegestühlen so angenehm wie möglich. Wang und Tom beobachten genau, ob einer der Jungen sich an den Tufei wendet, der ihnen die Rede gehalten hat. Er geht jetzt ab und zu über das Deck, scheinbar ganz uninteressiert. Keiner der Jungen meldet sich. Die meisten lesen die Reisebücher, die sie sich für Regentage in Japan mitgenommen haben. Der Tag schleicht entsetzlich langsam dahin. Zum Mittagessen gehen einige überhaupt nicht in den Speiseraum. Sie haben zu viele Apfelsinen gegessen. Mit der halben Apfeltorte wird nur Jonny ganz fertig. Nach Mittag ist die schwüle Hitze unter und über den eisernen Deckplatten unvorstellbar.

 

Niemand hat den Jungen Ruhe geboten, aber sie sind so still geworden wie die Natur rundum. Über den Gräsern und dem Bambusdickicht auf den Berghängen flimmert die Luft. Das Schiff dreht sich mit dem Gezeitenstrom allmählich um den Anker, und der Schatten der Sonnensegel rückt langsam wie der Schatten einer Sonnenuhr weiter vor. Spätnachmittags hat Wang eine Idee. Er leiht von dem Quartiermeister für sich und Tom je eine Hängematte aus. Die hängen sie so auf, daß sie bei jeder Drehung des Schiffes etwas von dem abendlichen Seewind abbekommen. In den Hängematten wollen sie die Nacht verbringen. Ein Teil der Jungen macht ihnen das nach. Beim Abendessen kommt der Tufeisprecher wieder in den Speiseraum und fragt, ob sich jemand zum Telegraphieren entschlossen habe. Keiner meldet sich. Danach liegen sie wieder alle in den Hängematten und den Liegestühlen. In die Abendbrise mischt sich das ferne Zirpen von Millionen Grillen. Auch einzelne Moskitos tauchen auf. Die Jungen horchen auf ein leises Rollen fernen Donners. "Hoffentlich kommt kein Unwetter!" Das würde sie in die heißen Kabinen treiben und doch keine richtige Abkühlung bringen. Plötzlich hat Billy einen anderen Ton entdeckt: "Ein Flugzeug?" Eine Maschine der RAF, ausgesandt, sie zu suchen? Das Motorengesumm kommt näher. Eine Maschine zieht zwei Schleifen um die "Suiwo". Alle Jungen stehen an der Reling und recken die Hälse. "Wollen wir alle fünfzig schreien und winken?" fragt Jonny. Aber plötzlich sind fast ebenso viele mit Flinten und Maschinenpistolen bewaffnete Tufeis zwischen ihnen. - Die Maschine braust was wieder davon. Jetzt wispern die Jungen wie die Grillen:

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"Haben sie uns entdeckt?" - "Ja" - "Nein!" "Ich glaube nicht" - "Hast du die Bomben unter der Tragfläche gesehen?" - "Die RAF wird doch auf uns keine Bomben werfen!" Das Unwetter bleibt aus. Nach Sonnenuntergang sind die Jungen teils in fröhlicher, teils in ängstlicher Stimmung. Nachts dreht sich die "Suiwo" weiter um ihren Anker, und die Jungen wälzen sich unruhig auf ihrer Schlafstelle. Hin und wieder klatscht eine Hand nach einem Moskito. Am nächsten Morgen jagt ein Motorboot vom Ufer des Festlandes auf die "Suiwo" zu. Unter den Seeräubern an Bord herrscht große Aufregung. Wang versteht wenig von dem Dialekt, den die Tufeis sprechen. Aber soviel errät er: Die Flugzeugbesatzung hat den Seeräubern durch Funkspruch mitteilen lassen, daß sie das Schiff und den Fischerort an der Küste bombardieren werden, wenn die "Suiwo" nicht innerhalb 12 Stunden wieder ihren alten Kurs aufgenommen hat. Gleichzeitig hat der Anführer der Tufeis nun aus Macao erfahren, daß bereits 320 000 Dollar Lösegeld überwiesen worden sind. - Das ist mehr, als die Bande erwartet hatte. Der Anführer befiehlt, daß seine Leute die "Suiwo" zu verlassen haben, ohne sich an Gepäck, Uhren und Taschengeld der Jungen zu vergreifen. Sie sollen die Jungen freundlich und höflich behandeln. Der Reederei will er die 52 Kisten Apfelsinen bezahlen. Nur eine Forderung hat der Räuberhauptmann an den Kapitän: "Die beiden Jungen, deren Namen nicht mit in der Passagierliste stehen, müssen mit an Land!" Der Kapitän weigert sich. "Die Jungen haben niemandem irgendein Unrecht getan. Sie sind die Söhne von Leuten, die ihr Geld hart verdienen!" Der Räuberhauptmann besteht auf seiner Forderung. "Auch wir wollen ihnen nichts zuleide tun, wenn das wahr ist, was Sie sagen. Aber das müssen wir erst noch feststellen. Wir vermuten, daß die beiden Jungen Angehörige des Multimillionärs sind, der zuerst die zwei Kabinenkarten bestellt hatte. Wenn das nicht der Fall ist, werden die Jungen sofort freigegeben. - Ich werde dann dafür sorgen, daß sie heil zu ihren Vätern nach Schanghai kommen." Unter diesen Umständen willigt der Kapitän ein.

 

Er ist überzeugt, daß der Tufei sein Wort halten wird. Ebenso sicher weiß er aber auch daß die Jungen mit dem Multimillionär gar nichts zu tun haben. Nun läßt der Kapitän Tom und Wang zu sich in seine Kajüte kommen. Sie ahnen nichts Gutes. Er blickt ihnen scharf in die Augen und fragt, ob sie irgend etwas mit einem Millionär zu tun hätten, der ursprünglich ihre Kabine belegt hatte. "Nein? - Dann gebe ich euch hiermit das Fahrgeld nach Schanghai zurück!" 75 Dollar für eine einfache Fahrkarte an Tom und 57 1/2 Dollar für eine halbe Rückfahrkarte an Wang! Sie staunen. "Es tut mir leid, daß ihr Unbequemlichkeiten habt, aber ihr müßt noch einen oder zwei Tage in dem Küstenort hier bleiben. Wenn ihr die Wahrheit gesagt habt, wird man euch sicher nach Schanghai geleiten. Euren Vätern werde ich Nachricht schicken, sobald mein Funker wieder senden kann. - Wenn ich selbst noch ein Junge wäre, würde ich mich auf das Abenteuer freuen, das euch jetzt bevorsteht." Er drückt beiden die Hand, dann werden sie in das Motorboot der Seeräuber geführt. Ihr Gepäck steht schon auf dem Tisch der kleinen Kabine. Wieder stehen fünfzig Jungen an der Reling. Aber sie jubeln nicht. Viele haben Tränen in den Augen. Billy schluchzt laut.

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In unbekanntes Land entführt

Der Bandenführer heißt sie in der Kabine des Motorbootes Platz nehmen und verbindet ihre Augen. Ihre Uhren bittet er für einige Zeit in Verwahrung nehmen zu dürfen. Mit ratterndem Motor fährt das Boot ein paar Kreise, dann wissen Tom und Wang nicht mehr, wo sie sind. Mit ihnen sitzt ein bewaffneter Tufei in der Kabine. Glücklicherweise klopft der Motor lauter als ihr Herz. "Wird das gut ausgehen?" fragt Tom. "Ich hoffe", antwortet Wang, aber seine Stimme ist nicht so frisch wie sonst. - Wang versucht sich auszudenken, wie man wohl aus dem Küstenort wieder fortkommt.

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Dampferverbindung gibt es nicht. Bestimmt auch keine Eisenbahnverbindung. In ganz China gibt es ja nur ein paar große Eisenbahnlinien. Die kann jeder chinesische Junge aus dem Kopf hersagen. Kaulun-Kanton, Kanton-Hankau, Hankau-Peking, Tientsin-Nanking, Nanking-Schanghai, die Lunghaibahn - Wenn sie in irgendeinem Küstenort der Biasbucht gebracht werden, müssen sie mindestens 250 Li (125 km) von irgendeiner Station der Kaulun-Kantonbahn entfernt sein. Auch von Autostraßen in diesem Teil der Kwangtungprovinz hat Wang nie etwas gehört. Er sieht die Karte seiner Heimatprovinz vor sich, wie sie damals vor ihnen hing, als er noch in Kanton in eine chinesische Schule ging. An der Küste zieht sich eine Bergkette entlang. Kailungschan, das heißt das Drachentorgebirge! Es wird in vielen Geschichten genannt. Von dort kommen die Bergräuber, die die kantonesischen Reisdschunken auf dem Ostfluß überfallen. Auch Tom denkt an die Weiterreise nach Schanghai. Ihm ist es klar, daß das Seeräuberboot sie nicht nach Hongkong zurückbringen wird, damit sie dort einen andern Dampfer nach Schanghai besteigen können. "Können wir nicht auch mit der Eisenbahn bis Freitag in Schanghai sein?" fragt er, "vorausgesetzt, daß diese Herren uns nicht länger als einen Tag festhalten .. ." Wang muß lachen, obgleich er keineswegs in freudiger Stimmung ist. "Nein, Tom, du hast von den Verkehrsverhältnissen und der Weite Chinas noch keine rechte Vorstellung. Die Provinz Kwangtung allein ist ungefähr so groß wie Deutschland, sie hat 40 Millionen Einwohner, aber nicht mehr als 400 Kilometer Eisenbahnen. Die Bahnfahrt nach Schanghai, über 1500 Kilometer durch fünf Provinzen, dauert mindestens 72 Stunden. Das ist schon mehr als die planmäßige Fahrzeit der "Suiwo". Bis wir aber eine Bahnstation erreichen, werden mindestens drei weitere Tage vergehen. Auf schmalen Bergpfaden werden wir über 100 Kilometer zu Fuß gehen müssen. Denn unser Geld wird für eine Sänfte kaum reichen. .." "Eine Sänfte? So etwas hat es in Deutschland im Mittelalter gegeben." - "In China ist sie noch heute allenthalben in Gebrauch. Die Bergpfade und die Wege zwischen den Reisfeldern sind so schmal, daß keine Wagen darauf fahren können. Wer es sich leisten kann, nimmt eine Sänfte mit zwei oder vier Trägern. Sie laufen bis zu fünfzig Kilometer am Tag. - "Merkwürdiges Land", denkt Tom. Seine Neugier, es kennenzulernen, ist größer als die Furcht vor dem Ungewissen.

 

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Im Seeräuberdorf

Jetzt übertönt ein Ruf des Bandenführers den Motorenlärm. "Lauda, haula!" - "Bootsführer, anhalten", übersetzt Wang. Das Boot legt an. Die Jungen werden an Land geführt. Tom erkennt unter seiner Binde den schmalen Steg. Es riecht nach Seetang, Fischernetzen und Opiumrauch. Hunde kläffen. Einer jault auf. Jemand wird einen Stein auf ihn geworfen haben. "Versucht nicht, eure Binden zu lockern!" warnt sie der englischsprechende Anführer, "in einigen Minuten werde ich sie euch selbst abnehmen." Tom wird auf einen Sitz gedrückt, dann angehoben. Er greift unwillkürlich nach einem Halt. Seine Finger umklammern eine Bambuslehne. Dann bewegt sich der Sitz rhythmisch schwingend vorwärts. Ein komisches Gefühl! So ähnlich war es, als Tom in Berlin im Hippodrom zum erstenmal auf einem Pferderücken saß. "Aha", denkt er, "eine Sänfte!" Schon stimmen die Träger ihr Traberlied an. "Hä, ho, hä, ho, hä, ho..." Dazwischen knarren die Bambusstangen, an denen sein Stuhl getragen wird. "Nicht übel", denkt Tom, aber plötzlich hat er das Gefühl, in einer Luftschaukel zu sitzen. "Wang!!" schreit er. Als Wang antwortet, ist alles wieder gut. Eine Weile später hört das rhythmische Schwingen ruckartig auf. Toms Füße stehen wieder auf festem Boden. Seine Augenbinde ist naß von Schweiß. Lautes Rufen und Klopfen an einem Tor, das sich knarrend öffnet. Tom. wird hineingeführt. Wieder Knarren und das Bumsen eines schweren Riegels. Unter seinem Tropenhelm wird es Tom unerträglich heiß. Er nimmt den Hut ab und fächelt sich damit Luft zu. Im selben Augenblick wird ihm auch die Binde abgenommen. Da ist Wang, Gott sei Dank! Auch er ist von seiner Binde befreit, auch er hat einen hochroten Kopf. Ein alter Chinese in grauem Ischang verbeugt sich tief vor ihnen. "Ich bin der Kaimendi, der Pförtner. Mein Gebieter heißt die jungen Herren herzlich willkommen. In einer Viertelstunde erwartet er die ehrenwerten Gäste im Empfangszimmer. Wollen Sie es sich bis dahin in unserem bescheidenen Gastzimmer bequem machen!" Er verbeugt sich wieder und geht nach dem Gastzimmer voran. Tom kommt aus dem Staunen nicht heraus. Das ist keine Räuberhöhle, sondern eine neue Art von Märchenschloß, ein Märchengarten mit Wohnzimmern ringsum. Orangenbäume mit Blüten und goldgelben Früchten im Außenhof - ein sechseckiges Tor -, dann die Blütenpracht des Innenhofes, blühende Bäume, Palmen, Ziersträucher in kostbaren Steintöpfen, Lotosblüten auf einem Goldfischteich, grünglasierte Dachziegel über roten Säulen, goldene chinesische Schriftzeichen über allen Eingangstüren. Für Wang ist das alles nichts Neues. Ganz ähnlich ist das Haus seiner Väter in Kanton, in dem jetzt sein Onkel wohnt.

 

Ähnlich sehen die Wohnanlagen aller reichen Chinesen aus. Im Gastzimmer, gleich links am Innenhof, stehen ihre Koffer vor diwanartigen Ruhelagern. Auf der roten Marmorplatte des Ebenholztisches prangt eine kostbare gelbe Vase. Der Wohlgeruch von Blüten erfüllt das Zimmer. Der Pförtner klatscht in die Hände und ruft "Lo!" Darauf erscheint ein Diener und bringt ihnen duftende heiße Handtücher zum Waschen. Als die heiße Feuchtigkeit auf ihrer Haut trocknet, empfinden sie eine angenehme Kühle. Die Türen aller Räume am Innenhof stehen offen, gegenüber sind Schreib= und Arbeitszimmer. "In diesem Gefängnis werde ich es schon einige Tage aushalten", sagt Tom zu Wang. Am meisten interessiert ihn die geschlossene große Tür gegenüber dem sechseckigen Durchgang. "Das ist die Ahnenhalle der Familie. Dahinter ist der Hinterhof mit Küche und ..." In diesem Augenblick kommt der Hausherr, der Bandenführer, mit einem himmelblauen Ischang angetan, aus der Tür der Ahnenhalle. Seine Augen sind von einer großen Hornbrille mit dunklen Gläsern verdeckt, aber sein Mund lächelt freundlich. "Ich hoffe, daß ihr euch in meinem armseligen Haus wohl fühlt", sagt er, wie es die chinesische Sitte vorschreibt. Er bittet sie, in das Empfangszimmer einzutreten. Hier stehen um einen großen runden Ebenholztisch ein halbes Dutzend Hocker, wie Tom sie noch nie gesehen hat: blaue Porzellantonnen mit Drachenmustern. Er setzt sich nur zögernd darauf nieder, empfindet aber bald die angenehme Kühle auf dem Sitz.

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Diener bringen Tee und einen großen Lackholzkasten, der viele Fächer hat. Darin sind Süßigkeiten, kandierte Früchte, Ingwer und Leitschies. An der Decke bewegt sich geheimnisvoll ein großes Tuch hin und her und erfüllt den Raum mit einem angenehmen Luftzug. Sie trinken ihren Tee und unterhalten sich mehr mit Verbeugungen und freundlichen Mienen als mit Worten. Ob Tom wohl die Leitschies möge, die es nur in der Provinz Kwangtung gibt, und ob er schon mit Stäbchen essen könne, fragt der Hausherr Wang auf Chinesisch. "Frag ihn, wann wir Weiterreisen können", bittet Tom, aber darauf geht Wang überhaupt nicht ein. Der Hausherr entschuldigte sich, daß er dringender Geschäfte wegen nicht mit ihnen essen könne. Er steht auf und zieht sich in das Arbeitszimmer zurück. Ein Diener folgt ihm. Andere Diener tragen nun auf dem großen runden Tisch das Essen auf, viele, viele kleine Schüsseln mit Suppen, Fisch=, Fleisch= und Gemüsegerichten. Zuletzt stellen sie vor Wang und Tom je eine Schale Reis und legen Porzellanlöffel für die Suppe und Stäbchen aus Elfenbein daneben. Nur ein Diener bleibt im Raum. Er ist bereit, aus einem dampfenden Holzkübel Reis nachzufüllen. Die Jungen langen tüchtig zu, mit dem Eßlöffel in die Suppenschüsseln und mit den Stäbchen in vierundzwanzig andere Gerichte. Die Schüssel mit Hummerfleisch wird halb geleert, aus den andern nehmen sie nur einige Häppchen. Sie haben Mühe, ihre Reisschale zu leeren, wie es die Höflichkeit verlangt. Die Schüsseln mit den Resten gehen in die Küche zurück. In den 13 Räumen des Hauses gibt es ja auch noch andere Esser. Nun ist der letzte Diener hinausgegangen. Tom schaut sich nach allen Seiten um, bevor er Wang leise fragt: "Warum hast du ihn nicht nach der Weiterreise gefragt?" Wang antwortet ernst: "In China ist es sehr unhöflich, jemand zur Eile zu drängen." Dann setzen sie sich im Innenhof auf die Mauer, die den Goldfischteich umgibt. Die dicken Goldkarpfen schwimmen träge darin herum oder stehen regungslos im Schatten der großen Lotosblätter. "Man sagt in China, solche Goldfische würden über hundert Jahre alt", erzählt Wang. Aber er scheint selbst nicht recht daran zu glauben. Tom möchte lieber frei wie ein Seefisch sein. Er schaut sehnsüchtig über die Dächer des Innenhofes. Nur an einer Seite ragen die Dächer von Nachbargebäuden herüber. Sonst ist nur ein viereckiges Stück Himmel zu sehen. Die ganze Wohnanlage ist von einer hohen Mauer umgeben. Kein einziges Zimmer hat ein Fenster, welches nach außen führt. Es gibt nur eine Tür, und die bewacht der Kaimendi.

 

Langeweile und Zeitvertreib

Der Hausherr läßt sich nicht wieder sehen. Keine Frau, keine Kinder scheinen hier zu leben. Tom möchte weitere Räume des Hauses kennenlernen, will aber nicht wieder unhöflich sein. Als Gäste des Hauses können sie die Ahnenhalle jederzeit betreten. Sie ist ein Durchgangsraum zum hinteren Hof. Aber sie enttäuscht Tom. Sie ist ein Raum wie Gast= und Empfangszimmer auch, nur größer und höher, dunkler und -leerer. Sie enthält nichts als den Altar, einen schlichten Tisch, auf dem die Ahnentäfelchen aufgestellt sind, schlichte Holzbrettchen mit den Namen teurer Verstorbener. An der Wand dahinter hängt ein auf Seide gemaltes Bild eines erlauchten Ahnen, rechts und links davon Spruchbilder: je vier chinesische Schriftzeichen, mit schwarzer Tusche auf rote Seide gemalt. "Kannst du das lesen?" fragt Tom. Wang zeigt mit dem Finger auf die einzelnen Bildzeichen und liest: Kin yü man tang Goldfische füllen den Teich Kin yü man tang Gold, Edelsteine füllen die Halle. "Bitte, noch mal!" sagt Tom. Wang liest noch mal. "Aber du sprichst zweimal dieselben Wörter, und die Bildzeichen rechts und links sind verschieden!" "Das ist das Geheimnis der chinesischen Sprache. Dasselbe Wort, mit einem andern Ton gesprochen, hat eine andere Bedeutung. Die Nordchinesen haben vier, wir Kantonesen neun verschiedene Töne. Yü kann Fisch heißen; mit einem leicht veränderten Ton gesprochen bedeutet es aber auch Edelstein oder Edelsteine. Tang heißt - mit verschiedenem Ton gesprochen - entweder Teich oder Halle!" "Wer das lernen will, muß wohl sehr musikalisch sein", meint Tom. "Anders ist es mit unserer Schrift. Ihre Zeichen sind eindeutig. Es sind Bilder. Sieh her! Dieses Zeichen Tang ist eine Halle = der Fußboden, das Zimmer und ein Dach." Tom staunt. Solange er nichts Besseres zu tun hat, will er diese beiden Sprüche lernen. Die Aussprache und die Schrift. Kin yü man tang. Kin yü man tang. Er läßt sie sich von Wang so oft vorsprechen und vorschreiben, bis er sie kann. Nicht nur mit Bleistift, zuletzt auch mit Pinsel und Tusche, die sie im Schreibzimmer finden. Der Hausherr ist nicht mehr in diesem Zimmer. Ob er das Haus verlassen hat? Als sie in ihr Zimmer zurückkehren, liegen ihre Uhren auf ihren Betten. Es ist schon nach 17 Uhr. Bald wird es dunkel werden. "Und dann...?" fragt Tom. "Dann werden wir mit den Hühnern zu Bett gehen. Elektrisches Licht gibt es in chinesischen Dörfern nicht. Die Öllampen brennen allzu trübe ..." Der Diener ruft sie in den Speiseraum an den gedeckten Tisch. Nun sind es dreißig Gerichte. Das leckerste sind Bambusschößlinge und gebratene Haut vom Spanferkel. Sie trinken einige Gläschen lauwarmen Reiswein dazu. Um halb sieben liegen sie auf den Bambusmatten ihrer Diwane. Der Mond scheint in den Innenhof. Ab und zu bellt in der Ferne ein Hund. Sonst ist es ganz still. Tom sagt noch immer die Sprüche vor sich hin. Kin yü man tang. Kin yü man tang. Wenig später liegen beide Jungen in tiefem Schlaf.

 

Nächtliche Überraschung

Heftiges Klopfen an der Außentür und laute Rufe "Kaimendi! Kaimendi!" bringen die Dienerschaft des ganzen Hauses auf die Beine. Auch Tom und Wang liegen horchend wach. Jemand eilt mit einer Sturmlaterne über den Innenhof, in den der Mond noch lange Schatten wirft. "Ich glaube", sagt Wang freudig erregt, "wir werden..." "Ihr seid frei!" Der Hausherr steht plötzlich mitten in ihrem Zimmer. Die Sturmlaterne des nachfolgenden Dieners wirft gespenstische Schatten auf sein Gesicht. Auch zu dieser nächtlichen Stunde trägt er seine dunkle Brille. "Ihr müßt sofort aufbrechen! Meine Sänftenträger sollen euch an den Ostfluß bringen. Von dort könnt ihr mit einem Flußboot bequem Weiterreisen." Die Jungen springen von ihren Betten auf. "Nun paßt gut auf, was ich euch sage! Wenn ihr bis an den Fluß mit keinem Menschen sprecht, niemanden fragt, wie die Orte am Wege heißen und niemandem sagt, woher ihr kommt, so sollt ihr für eure Unbequemlichkeiten jeder 300 Dollar haben. Nur eine Bedingung müßt ihr noch erfüllen: Bis der Tag anbricht, müßt ihr wieder eine Augenbinde tragen. Ich werde sie euch selbst anlegen.

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Der Vormann der Träger wird sie euch beim fünften Trägerwechsel wieder abnehmen." Tom weiß nicht, worüber er sich mehr freuen soll, über die schnelle Befreiung, oder über die 300 Dollar. Vor Freude kneift er Wang in den Arm. Willig lassen sie sich die Binden wieder anlegen. - Vor dem Tor besteigen sie bereitstehende Sänften. Die Träger laufen Trapp. Hä ho, hä ho. Manchmal lehnt Tom schwer gegen die Rücklehne der Sänfte, manchmal rutscht er nach vorn fast vom Sitz. Es geht bergauf und bergab. Die Nacht ist warm. Tom riecht den Schweiß der Träger. An ihren Stimmen erkennt er, daß die Sänfte vorn und hinten von je zwei Mann getragen wird. Andere laufen ohne Last nebenher oder tragen das Gepäck. Alle zehn Li, d. h. nach etwa einer Stunde Weges, ist Trägerwechsel. Dabei wird die Sänfte nicht einmal abgesetzt. Aber Tom spürt, wie die Bambustragstangen auf andere Schultern gelegt werden. Er zählt die Wechsel. Nach dem dritten wird es kühler. Sind sie höher in die Berge gekommen, oder ist es die Kühle vor der Morgendämmerung? Tom denkt an nächtliche Zeltfahrten in der Heimat. Dabei muß er eingenickt sein. Beim Stolpern eines Trägers wacht er wieder auf. Hat er einen Wechsel verschlafen? Plötzlich lautes Rufen "Haula, tschifandi!" Das Wort hat Tom gestern beim Essen gehört. Die Sänfte wird abgesetzt. Tom streckt seine Beine. Ihm schmerzen die Knie. Der Vormann nimmt ihm die Binde ab. Wang sitzt in seiner Sänfte neben ihm. Sie lächeln sich an, aber sie sagen kein Wort.

 

Mit der Sänfte auf Bergpfaden

Es ist halb sechs. Die Sonne muß eben aufgegangen sein. Wie ein glutroter Ball steht sie rechts über den Bergen. Nur der Vormann bleibt bei den Jungen. Die Träger eilen in eine einsame Herberge am Bergweg. Sie haben ihren Reis und eine Schale Tee wohl verdient. Ein Träger bringt Reis und Tee für Tom und Wang an die Sänfte. Nach zehn Minuten geht es schon weiter. Toms Sänfte ist vorn, Wangs Träger folgen etwa fünfzig Meter hinterher. Der Bergpfad ist nicht mehr als einen Männerfuß breit. Wenn er besonders steil ist, sind die Felsplatten zu Stufen geordnet. Die Träger haben nur Strohsandalen unter den bloßen Füßen. Ihre kurzen grauen Jacken kleben

auf den schweißtriefenden Rücken. Sie tragen unter dem Strohhut ein Schweißtuch um die Stirn, damit der salzige Schweiß nicht in die Augen rinnt. Beim zweiten Trägerwechsel nach dem Frühstück ziehen sie die Jacken aus. Tom staunt über ihre wohlgeformten braunen Rücken. An einem Bergbach setzen sie die Sänften einmal wieder auf den Boden. Schlürfend trinken sie das kühle Naß aus hohlen Händen. Der Vormann nutzt die Unterbrechung, um ein Sonnendach auf die Sänften zu zaubern. Mit geübten Händen befestigt er ein weißes Stück Tuch an schnell geschnittenen Bambusstäben. Tom holt sich indessen seine Sonnenbrille aus seinem Koffer. Später umgehen sie ein größeres Dorf auf Seitenpfaden. Hier sind nasse Reisfelder, die für die zweite Ernte mit Büffeln gepflegt werden. Fast bis zum Bauch versinken die Büffel im Schlamm. - Um die Mittagszeit machen die Träger eine mehrstündige Pause. An einem Bergpaß steht einsam eine Wohnanlage, die ähnlich wie das Haus des Bandenführers gebaut ist. Erst im Innenhof werden die Sänften abgesetzt, das Außentor wird wieder geschlossen. Nachdem die Träger ihren Reis mit etwas Gemüse und Sojasoße gegessen haben, ziehen sie sich in die Schlafräume am Außenhof zurück. Für Tom und Wang trägt der Vormann das Essen im Gastzimmer auf. Hier strecken sie auf Bambusbänken ihre Beine. Tom rechnet nach, wieviel Li sie schon gemacht haben mögen; etwa fünfzig waren es bis zum Frühstück, weitere 60 bis zur Mittagspause. Ob sie wohl bald an dem Fluß sind und ihre 300 Dollar bekommen werden? Spät nachmittags endet der Weg an einem Fluß. Aber die Sänftenreise ist noch nicht zu Ende! Der Fluß hat keine Brücke. Ein flaches Fährboot liegt am Ufer, ein Fährmann ist nirgends zu sehen. In ihren Tragstühlen werden die Jungen auf das Boot gesetzt; der Vormann stakt es mit einer langen Stange auf die andere Seite. Dann geht es wieder im Trab über schmale, mit Felsenplatten belegte Pfade.

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Erst nach Dunkelwerden erreichen sie einen größeren Ort. Nur aus der Tiefe einiger offener Läden dringt trübes Licht. Hunde bellen. Der Vormann klopft bei einer Herberge an. Wieder werden sie in den Hof getragen. Tom taumelt, als er Wang und dem Vormann in das Gastzimmer folgt. Eine blakende Öllampe steht auf einem staubigen Tisch. Er ist so müde, als ob er selber 100 Li gelaufen wäre. Ihm schmeckt nur die Suppe und der Tee, den Reis rührt er nicht an.

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Für jeden 300 Dollar

Als Tom wieder erwacht, ist es Morgen. Ein nasses, schwarzes Borstenschwein reibt sich an seiner Bambuspritsche und jagt ihm einen jähen Schreck ein. Wang ist schon auf. Er wäscht sich mit dem heißen Handtuch, das der Vormann gebracht hat. "Guten Morgen, Tom!" sagt Wang, "das Flußboot Richtung Kanton geht in einer halben Stunde!" Draußen ist alles regennaß. Der Vormann bringt sie unter einem großen Ölpapierschirm an den Anleger. Da hocken bereits ein Dutzend Landleute, die ihre Erzeugnisse in die nächste Stadt bringen wollen, unter ihren Regenschirmen und warten auf das Boot. Von Tom, dem einzigen Weißen, nehmen sie kaum Notiz. Das kleine Fischerboot ist schon überladen, als es angedampft kommt. Niemand steigt aus, aber viele wollen noch mit. Unter großem Geschrei und Gedränge werden auch noch die Bambuskörbe der Wartenden verstaut. Jeder setzt sich oben auf irgendwelches Gepäck. Tom hat glücklicherweise einen festen Koffer. Gut, daß er sich auch schon in Singapore auf Heins Rat einen Brustbeutel gekauft hat, in dem nun seine 75 Dollar sicher verwahrt sind. Der Vormann ist mit an Bord gekommen, aber in dem Augenblick, wo das Boot ablegt, springt er auf den Anleger zurück. Soll Tom jetzt "Tufei!" schreien und die versprochenen 300 Dollar fordern? Wang legt nur einen Finger auf den Mund. "Keine Aufregung! Sonst sind wir es, die festgenommen werden. Ich habe die 600 Dollar in der Tasche!" - Merkwürdiges Land, denkt Tom. "Ich hatte mir vorgenommen, wenigstens den Sänftenträgern ein reichliches Trinkgeld zu geben." - Trotz der Enge an Bord, die bei jeder Haltestelle noch schlimmer wird, klettert auch hier ein Eßwarenhändler zwischen den Körben herum. Sie essen Reis und Leberpasteten, kaufen sich Leitschies und Sonnenblumenkerne. Und acht Stunden später sind sie in Kanton, der Millionenstadt im Perlflußdelta, wo der Ostfluß (Tungkiang) mit Nord= und Westfluß (Pehkiang und Sikiang) zusammenfließt.

 

In Kanton

Wangs Onkel ist gar nicht überrascht, als die Jungen in seinem Hause ankommen. Er hatte am Donnerstag in der Zeitung gelesen, daß sein Neffe zusammen mit einem deutschen Jungen von Piraten der Biasbucht verschleppt worden war. Aber er hatte keine Lösegeldforderung bekommen und das von Anfang an als ein gutes Zeichen angesehen. Freitag sei dann ein Telegramm von Wangs Vater aus Schanghai angekommen. "Wang und Tom frei. Rückreise Zeit lassen." - Darüber sind die Jungen sehr froh. Sie beschließen, sich einige Tage Kanton anzusehen und dann mit der Bahn nach Schanghai zu fahren. Tom ist erstaunt, wieviel Ähnlichkeit die Wohnung des Onkels mit dem Haus an der Biasbucht hat. Dieselbe Anordnung der Höfe und Zimmer! Nur gibt es hier elektrisches Licht, elektrische Ventilatoren und fließendes Wasser. Der Abort ist nicht in der äußersten Ecke des Hinterhofes neben der Küche. Wangs Tante ist eine freundliche Frau, die gut Englisch spricht. Sie hat drei Söhne und zwei Töchter. So sitzen sie bei jeder Mahlzeit zu neun um den großen runden Tisch im Speisezimmer. Dabei geht es lustiger zu als im Tufeihaus. Zum Abendessen, zwei Stunden nach ihrer Ankunft, hat der Koch bereits 40 Gerichte auf dem Tisch. Haifischflossensuppe, Vogelnestersuppe, Lotoskernsuppe, Hummern, Mandarinfisch, geröstetes Huhn, geröstete Ente, geröstete Tauben, Schinken aus Sojabohnenmehl, Ananas, kandierte Datteln, getrocknete Leitschies und daneben all die andern Gerichte, die Tom schon kennt.

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- "Die Rückkehr eines Sohnes ist ein Fest wie die " Geburt eines Sohnes", sagt Onkel Wang. Er legt Tom, der neben ihm sitzen darf, die schönsten Leckerbissen in die Reisschale. Das gilt in China als eine besondere Ehrung. Jedes Familienmitglied hat am Tisch seinen festen Platz, rechts vom Onkel die Söhne dem Alter nach, links von ihm Frau und Töchter. Die Küchenhilfe, die den Reis nachfüllt, sitzt nicht mit am Tisch. Der Koch selbst erscheint nur einmal im Speisezimmer. Auf einer großen Schüssel trägt er ein am Spieß gebratenes ganzes Spanferkel herein. Das Fleisch ist so zart, daß jeder mit den Stäbchen Stücke herauspicken kann. Zwischendurch wird erzählt. Die Mädchen schaudern, als Wang von dem nächtlichen Überfall und von der nächtlichen Sänftenreise berichtet. Als Beamter der Provinzregierung ist Onkel Wang sehr stolz auf die Veränderungen, die Kanton in den letzten dreißig Jahren durchgemacht hat. "Wir haben jetzt breitere und prächtigere Straßen als Hongkong. Als ich so alt war wie Tom und Wang, waren alle Straßen in Kanton noch so eng, daß es außer Fußverkehr nur Sänften= und Trägerverkehr gab, auch eine Einradschiebkarre, aber keine Wagen. Als ich 1919 Beamter wurde, gab es in Kanton nur sechs Kilometer befahrbarer Straßen, heute sind es viele hundert Kilometer. Mit modernen Autobussen könnt ihr schnell und billig in alle Teile der Stadt fahren."

 

Dr. Sun Yatsen, der "Vater der chinesischen Revolution"

Den Anstoß zur Modernisierung gab Dr. Sun Yatsen, der in der ganzen Welt als "Vater der chinesischen Revolution" bekannt ist. Er wurde 1866 in der Nähe von Kanton geboren. Solange China ein Kaiserreich war, verbrachte er viele Jahre im Ausland. 1911 wurde er zum ersten Präsidenten der Republik China gewählt. Tom hat sein Bild sicher auf chinesischen Briefmarken gesehen. Dr. Sun ist 1925 - leider ohne seine Pläne verwirklicht zu haben - gestorben. Ihm zu Ehren haben wir in Kanton die Sun=Yatsen=Gedächtnishalle gebaut, in der zehntausend Menschen Platz finden. Montag morgen müßt ihr dahin gehen. Jeden Montagmorgen ist eine Gedächtnisfeier, bei der Dr. Suns Vermächtnis an das chinesische Volk verlesen wird: China, sei einig! China, sei stark! China, modernisiere dich! Nach dem Essen spielt die Familie Mah=Jongg, ein Kartenspiel mit 132 Karten. Aber die "Karten" braucht man nicht in der Hand zu halten, man stellt sie vor sich auf den Tisch. Sie haben die Größe von Dominosteinen und bestehen aus Elfenbein. Am schönsten findet Tom das Mischen der Steine. Dabei werden sie mitten auf dem Tisch von 8 Händen durcheinander gemischt. Das gibt ein lustiges Geklapper. Als Tom ein heißes Bad genommen hat, ist die Familie in der Ahnenhalle versammelt. Vater Wang schlägt einen Gong, dann zündet jedes Familienmitglied ein Bündel Räucherkerzen an und steckt es in das bronzene Räuchergefäß, das vor dem Altar steht.

 

Flug zu den Zuckerhutbergen?

Tom und Wang sind in dem Gastzimmer links am Innenhof untergebracht. Großartig sind die vielen auf Seide gemalten Bilder, die an den Wänden hängen. Nicht wie unsere gerahmten Bilder - jahraus, jahrein an derselben Stelle. Chinesische Rollbilder werden oft ausgewechselt, im Frühling und Sommer, Herbst und Winter, bei Freude und Leid, Fest und Feier. Ein hölzerner Rollstab in der unteren Kante der Seidenbahn strafft die Bilder, wenn sie hängen. Um die Rolle kann das Bild schnell und ohne Schaden zu nehmen aufgerollt werden, wenn es im Schrank aufbewahrt werden soll. Wangs Onkel hat besonders Landschaftsbilder aus allen Teilen Chinas gesammelt. Da hängen Bilder mit Bambuswäldern und Apfelsinenbäumen aus dem Süden und Landschaften mit Kiefern und Schnee aus dem Norden. Merkwürdig ist die Art, wie chinesische Maler Wellen und Wolken, Tiere und Menschen, Geister und Götter darstellen.- Was Tom am meisten auffällt, ist die Form, die die Berge auf vielen Bildern haben.

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"Die sehen ja aus wie grüne Zuckerhüte!", sagt er, "gibt es in China wirklich solche Berge?" Onkel Wang lächelt. "Solange du das Tschektaigebirge nicht gesehen hast, wirst du es nicht glauben... Aber vielleicht läßt sich das möglich machen! Unsere Provinzregierung läßt an der Grenze gegen die Nachbarprovinz Kwangsi gerade Luftbildaufnahmen für eine neue Landkarte machen... Wollt ihr es euch einige Dollars kosten lassen, wenn eine Maschine euch auf einen Flug dahin mitnimmt?" Tom und Wang sind Feuer und Flamme für den Plan, auch Wang Tschi=ping hat den Tschektaischan noch nicht gesehen. "Ein Flug über den Tschektaischan! Das wäre eine Sache!" Vor Erregung können sie kaum einschlafen.

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Tom schreibt an Vater und Mutter über Kanton

Von ihrer Stadtrundfahrt am nächsten Tag kehren sie so zeitig zurück, daß Tom noch einen langen Brief schreiben kann, bevor der Onkel mit der sehnlichst erwarteten Nachricht heimkommt.. . Frau Wang erlaubt ihm, die Schreibmaschine zu benutzen, die im Schreibzimmer steht. So kann Tom einen Durchschlag an seinen Vater und einen an seine Mutter schicken. Leider hat die englische Schreibmaschine kein ä und ü und ö.... und nach unserer Befreiung hat Wangs Onkel in Kanton uns freundlich aufgenommen. Heute habe ich mit Wang Tschi=ping und einem seiner Vettern, Wang Hsi=ling, Kanton angesehen. Wir waren in der alten Chinesenstadt Saikwan, auf der Insel Schamin (dem frueheren Fremdenviertel) und in dem modernen Wohnviertel Tungschan. Im buddhistischen Walamtempel, der schon im fahre 518 n. Chr. gegruendet wurde, sitzen 500 ueberlebensgroße vergoldete Nachbildungen von Schuelern des großen Buddha. Unter ihnen ist auch Marco Polo, der erste Europaeer, der nach China kam.

 

Dieser Reisende aus Venedig war von 1275 bis 1292 am Hofe des Mongolenherrschers Kublai Khan, der damals ueber China regierte. Man kann Marco Polo leicht herausfinden aus den 500 Buddhaschuelern. Alle andern haben Schlitzaugen und bartlose Gesichter. Er hat als einziger runde Augen und einen Bart. Ich habe ein Photo von ihm gemacht. Hoffentlich ist es gelungen, in der Halle war es ziemlich dunkel. In der alten Chinesenstadt hat die Geschicklichkeit chinesischer Handwerker großen Eindruck auf mich gemacht. Sie arbeiten in Laeden, die nach der Straße ganz offen sind. Ich haette den Schirm= und Faechermachern, den Holz= und Elfenbeinschnitzern, den Silber= und Goldschmieden stundenlang zusehen koennen! Unerklaerlich ist es mir, warum Handwerker des gleichen Gewerbes oft straßenweise zusammenwohnen. In einer Straße Haus an Haus nur Elfenbeinschnitzer, in einer anderen nur Faechermacher oder nur Silberschmiede. Ob sie gar keine Furcht vor gegenseitiger Konkurrenz haben? Bei uns wuerden sie moeglichst weit auseinander ziehen. Die kleine kuenstlich aufgeschwemmte Insel Schamin war nach 1859 fast hundert Jahre lang das Fremdenviertel von Kanton. Sie hat am Perlflußufer eine herrliche Promenade mit knorrigen alten indischen Feigenbaeumen. In fast jedem Garten sind Tennisplaetze fuer die Angestellten der fremden Konsulate und Firmen. Wang hat mir das Gebaeude gezeigt, in dem bis 1945 das deutsche Generalkonsulat war. Zu Schamin gibt es nur zwei Zugaenge, zwei Bruecken ueber den Kanal, der die Insel von der uebrigen Stadt abtrennt. Auf dem Kanal liegen Hunderte von den beruehmten Kantoner "Blumenbooten". Das sind schwimmende Restaurants mit Singsongmaedchen und Zauberkuenstlern, in denen sich reiche Kaufleute nachts amuesieren. Die 200 Meter lange Perlflußbruecke aus Stahl und Beton sahen wir vom Autobus aus, als wir nach Tungschan fuhren. Hier ist nach Sun Yatsens Tod ein neues Regierungs- und Wohnviertel aufgebaut worden. Das Ministerialgebaeude, in dem Wangs Onkel arbeitet, ist im Stil alter chinesischer Tempel gebaut. Wir wollten mit Onkel Wang im Auto zurueckfahren - leider war er schon weg. In Tungschan haben wir auch einen Blick in ein Heim fuer Aussaetzige getan. Welch schrecklicher Anblick! Waehrend den Leprakranken die Glieder abfaulen, schwillt ihr Kopf dick auf.

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Mutter braucht keine Angst zu haben, daß ich nicht vorsichtig bin. Ich habe mich schon in respektvoller Entfernung gehalten. Die europäischen Missionare in dem Heim schuetzen sich durch aeußerste Sauberkeit. Waehrend ich dies schreibe, warten wir immer noch auf die Heimkunft von Onkel Wang. Wir sind sehr begierig zu hoeren, ob er uns eine freudige Nachricht bringt. Vielleicht duerfen wir morgen einen Flugtrip ueber das Tschektaigebirge (200 km von Kanton!) machen. Uebermorgen wollen wir dann mit der Kanton-Hankau=Bahn nach Schanghai fahren. Ich hoffe, daß es Euch ebenso gut geht wie mir! Viele herzliche Grüße Euer Tom PS. Wir fliegen morgen!!!

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Toms erster Flug

Eine halbe Stunde vor der festgesetzten Zeit sind Tom und Wang am Tor des Scheh=Peh=Flugplatzes. Davor stehen zwei chinesische Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett Wache. Onkel Wangs Empfehlungsschreiben wird eingehend geprüft . .. Sie dürfen passieren. Ihre Maschine steht schon auf der Rollbahn. Der chinesische Pilot macht eine Motorprobe. Hut festhalten! Sonst kommt er in den Sog. Nach einer Runde über der Stadt folgt die Maschine dem Nordfluß. Auf seinem Silberband blähen sich die Segel von tausend Dschunken. Beiderseits sind Reisfelder. Reisfelder aller Größen und Formen, in den Tälern und auf den Berghängen. Ein riesiges unregelmäßiges Mosaik, eingefaßt von den grünen Streifen der Bewässerungsdämme. Dazwischen Dörfer in Bambushainen. Da ist die Bahn, mit der sie morgen nach Norden fahren werden. Der Pilot geht ganz tief herunter. Auf Bahnhöfen können sie wartende Menschen erkennen. Dann steigt die Maschine. Tom hält sich fest, wenn sie in eine Lufttasche sackt. Nun folgen sie einem Nebenfluß nach Westen. Bald tauchen zwischen den Reisfelderebenen die Zuckerhutberge auf. Ihr schwarzes Felsgestein ist teilweise von Bambusdickicht überwuchert. Der Höhenmesser zeigt jetzt 500 Meter. Die Bergkegel müssen bis 300 Meter hoch sein. "Genau wie auf den Bildern!" sagt Tom, "aber noch viel großartiger, als ich gedacht hatte." Nun macht der Photomann seine Aufnahmen. Die Maschine fliegt auf genau bestimmtem Kurs hin und her. Sie können die Tschektaiberge von allen Seiten beobachten. Auch Tom macht aus einem Seitenfenster eine Aufnahme.

 

Mit der Bahn nach Norden

Zwölf Stunden nach ihrer Landung sitzen sie in einem Schlafwagenabteil der Kanton-Hankau=Eisenbahn. Die ganze Familie Wang steht auf dem Bahnsteig, sie zu verabschieden. Die Eßkörbe, die ihnen mitgegeben worden sind, füllen ein ganzes Bett. Vetter Hsi=ling reicht noch einen Bambuskorb mit Früchten zum Fenster herein. Sie werden kaum alles aufessen können, auch wenn die Fahrt nach Schanghai 72 Stunden dauert. Überdies ist ein Speisewagen im Zug, und der Teeboy des Schlafwagens serviert den Tee bereits, bevor sie Abschied gewinkt haben. Gott sei Dank sind sie in dem Abteil allein. Die oberen Betten bleiben frei. Sie durchfahren die Reisfelderlandschaft, die sie gestern überflogen haben. Gut, daß in jedem Eßkorb auch ein großer, fester Bambusfächer steckt, mit dem sie sich Luft zufächeln können! Alle Fenster bleiben weit offen. Von Pahongkau ab folgt die Bahn 10 Stunden lang dem linken Ufer des Nordflusses. Die Reisfelderebenen an beiden Ufern werden immer schmäler, bis die Berge direkt an den Fluß herantreten. Jetzt gibt es lange Tunnels und viele Brücken über Nebenflüsse.

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- Und dann wiederholt er mit derselben gespenstisehen Stimme die Worte des Fremdlings auf Deutsch: "Wer am fünften Tag des fünften Monats durch das Mondtor des Höngschanberges schaut, der wird auch das Goldstaubland sehen." - Wang glaubt, daß der Eindringling ein Mönch vom Höngschanberge gewesen sei, der auf Wallfahrten die Künste indischer Fakire gelernt hat. "Das Goldstaubland ist Osttibet, und der fünfte Tag des fünften Monats, nach dem altchinesischen Mondkalender gerechnet ist... ,Wang kriegt plötzlich selbst einen Schreck'... ist morgen!" Jetzt kommen sie noch lange nicht zum Schlafen. Wang muß Tom noch vieles erzählen. Von den fünf heiligen Bergen der Buddhisten in China.

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EMPFEHLUNGSBRIEF EINES HOHEN WÜRDENTRÄGERS

 

 

 

Von Buddha, dem indischen Prinzen, der 500 Jahre vor Christus Jünger um sich sammelte und eine neue Religion lehrte. Von dem heiligen Berge Höngschan, der 1000 Meter hoch ist und nicht weit von der Bahnstation Höngschanhsien entfernt ist, wo ihr Zug morgen früh um 8 Uhr halten wird. Tom ist sofort entschlossen, die Eisenbahnfahrt zu unterbrechen und den Tempel mit dem Mondtor zu besuchen. Er ist nicht abergläubisch, aber die Aussicht, später auch nach Tibet zu kommen, ist gar zu verlockend. Wang willigt nur zögernd ein. "Unsere Eltern in Schanghai werden noch einen Tag länger warten müssen .. ."

 

Auf den heiligen Berg Höngschan

In Höngschanhsien steigen sie nicht allein aus. Etwa ein Dutzend Männer und Frauen wollen die Pilgerfahrt auf den Höngschan machen. An der Bahnhofssperre schreien Sänftenträger auf sie ein, die sie den 35 Kilometer langen Weg hin= und zurücktragen wollen. Wang wird mit einer Trägergruppe von zehn Mann schnell handelseinig. "Übernachtung im Mondtempel und morgen so zeitige Rückkehr, daß wir mit dem Zug um 8 Uhr weiterfahren können." Am Pilgerweg sind zahlreiche Tempel. Große Anlagen mit vielen Mönchen und Gebäuden und einsame

 

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Bergklausen mit Eremiten (Einsiedlern). Bei jedem Tempel setzen die Träger ab. Die Pilger machen ihre Kotaus (tiefe Verbeugungen) vor den Götterbildern, verbrennen Räucherkerzen und lassen sich von den Mönchen Tee servieren. Dumpf tönen Gongs in die wundersame Ruhe der Tempelhöfe. Leise plätschert kühles Bergwasser aus Bambusleitungen in mächtige, steingefaßte Wasserbecken. In der Sonne leuchten die gelbglasierten Ziegel der mächtigen, geschwungenen Dächer wie Gold durch das dunkle Grün der Tempelhaine. Die meisten Tempel sind aus Holz gebaut. Bei einem aber ruht das Dach auf mächtigen Steinsäulen. So hat Tom sich griechische Tempel vorgestellt. Der mit Felsplatten belegte Pilgerpfad führt immer nach Westen, aber nicht geradewegs. Stundenlang sehen sie den Mondtempel auf dem Gipfel des Höngschanberges vor sich, in Serpentinen windet sich der Pilgerweg bergan. Genau 2000 Kilometer weiter nach Westen liegt Lhasa, die heilige Stadt von Tibet. .. Die Sänftenträger schwitzen und stöhnen in der Hitze des Mittags. Gequält klingt ihr Hä ho. Hä ho. Tom und Wang gehen lieber zu Fuß nebenher. Herunterkommende Pilger nicken ihnen freundlich zu. Bettelmönche in zerlumpten Gewändern halten ihnen ihre Bettelschalen entgegen und verbeugen sich tief, wenn sie eine Kupfermünze bekommen. Am Tor des Mondtempels begrüßt sie ein Mönchschüler, der höchstens 10 Jahre alt ist. In seinem kahlgeschorenen Haar sind die sechs Brandmale der Weihe. Die älteren Mönche tragen hohe Filzmützen. Im Wirtschaftshof bekommen Tom und Wang Tee und Reis mit Bohnenkuchen. Fleisch wird in buddhistischen Tempeln nicht gegessen. Denn Buddha hat gelehrt, daß kein lebendes Wesen getötet werden darf - auch kein Moskito. Zur Übernachtung wird ihnen eine leere Mönchszelle zugewiesen.

 

Auf dem Wege dahin begrüßt sie der Abt mit einer stummen Verbeugung. Vom Fenster der Zelle haben sie eine großartige Aussicht nach Westen auf die Berge von Hunan. Bei Sonnenuntergang schwillt das Gedröhn der Gongs zu einem dumpfen Brausen an. Die Mönche hocken in langen Reihen vor der großen goldenen Buddhafigur und sprechen murmelnd das große Gebet: "O mi to fo, O mi to fo, O mi to fo", "O du großer Gott der Barmherzigkeit". Dabei gleiten die Kugeln ihrer langen Gebetsketten durch ihre Finger. Tom und Wang haben stumm im Hintergrund der großen Gebetshalle gestanden. Plötzlich zupft ein Mönch an ihren Ärmeln und bedeutet ihnen, ihm zu folgen. Sie kommen in einen inneren, bisher verschlossenen Hof. Das Mondtor! In dem Augenblick, wo alle Gongs schweigen und das Gemurmel der Mönche aufhört, steht der rote Feuerball der Sonne mitten im runden Tor und füllt ihn ganz aus. Ein unvergleichliches Schauspiel! Stumm schauen sie zu, bis die Sonne ganz versunken ist. Schnell wird es dunkel und kühl. Das Gedröhn der Gongs und das Gemurmel der Betenden setzt wieder ein. "O mi to fo! O mi to fo!" Sie schlagen nach keinem Moskito. - Es ist noch kühle Nacht, als der Trägervormann an ihre Zellentür klopft und sie weckt. Stumm führt er sie noch einmal an das Mondtor, in dem jetzt der volle Mond steht. Dann geht es in rasendem Tempo den Berg hinab. Tom und Wang laufen wieder, aber sie können den Trägern mit den leeren Sänften kaum folgen. Um 8 Uhr sitzen sie wieder im Zug. Niemand hat mehr von Goldstaubland gesprochen. Aber die Jungen ahnen, was für eine ferne fremde Welt Tibet ist. Ihr Wunsch, dahin zu kommen, ist nicht schwächer geworden.

 

Reiches China, armes China

Die Bahnlinie, über die der Zug jetzt rollt, ist erst 1937 fertig geworden. Vierzig Jahre hat man an der Kanton=Hankau=Bahn gebaut. Wang erzählt, daß die Schienen zum Teil aus Deutschland gekommen sind. China hat kein einziges Stahlwerk, das Schienen herstellen kann. Die Kaiser von China wollten keine Modernisierung des Landes. Nach 1911 wurde der Bau von Fabriken und Bahnen durch einen 40jährigen Bürgerkrieg aufgehalten. "Dabei hat China reiche Bodenschätze. Die Kohlen= und Eisenerzlager des Landes gehören zu den reichsten der Welt. Im Höngschangebiet findet man Wolfram und Antimon. Von diesen beiden Metallen, die für die Herstellung von Glühbirnen und Drucklettern und für die Härtung von Stahl so wichtig sind, fördert China mehr als irgendein anderes Land der Welt."

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Auf dem Bahnhof von Tschutschau, wo sie umsteigen, steht ein Güterzug. Sechzig Wagen mit Kohle, Eisenerz, Reis in Säcken, Tee und Porzellan in Kisten, Tabak und Baumwolle in Ballen, Reiswein und Kamillenöl in großen Steintöpfen. Bei Pingsiang in der Provinz Kiangsi ("westlich vom Kiangfiuß") sehen sie eine der großen Kohlenminen Chinas: Fördertürme, Kokereiöfen, Eisenhütten, Wohnungen für 10 000 Bergarbeiter in chinesischer und europäischer Bauart. Nantschang, die Provinzhauptstadt von Kiangsi, war im Bürgerkrieg jahrelang das Hauptquartier von General Tschiangkeischek. Von hier aus unternahm er viele Feldzüge gegen Mao Tsetung, den Führer der chinesischen Kommunisten, der anfangs in den Bergen von Südkiangsi seinen Machtbereich hatte. Die Provinz Kiangsi hat im Bürgerkrieg schwer gelitten. Allenthalben auf den Bergen sehen Tom und Wang noch die Felsenfestungen der Bürgerkriegsgenerale. - In der Provinz Tschekiang gibt es kaum Spuren des Bürgerkrieges. Hier ist alles friedlich und lieblich. Reisfelder, Teegärten, Plantagen von Maulbeersträuchern für die Seidenraupenzucht, Hügelhänge mit Bambus und wilden Azaleen. Viele Kanäle mit Kamelrückenbrücken, Tempel, Pagoden und Dörfer mit weißgekalkten Lehm= und Steinmauern.

 

Hangtschau

Von Hangtschau, der Provinzhauptstadt, sagen die Chinesen, daß sie die schönste Stadt Chinas sei. "Wer Hangtschau gesehen hat, kann ruhig sterben", heißt ein chinesisches Sprichwort. Über den hier vier Kilometer breiten Tsientangfluß führt keine Brücke. Auf der Bootsfähre beschließen Tom und Wang, noch einmal einen Zug zu überschlagen und sich Hangtschau anzusehen. Die Fahrkarte von Kanton bis Schanghai hat nur 42 Dollar und 60 Cents gekostet. Sie haben noch viel Geld! Riesige, wohlerhaltene Steinmauern umgeben die Stadt Hangtschau an vier Seiten. Sie stammen aus der Zeit, als sie Hauptstadt des ganzen chinesischen Reiches war. Unter der östlichen Stadtmauer liegen auf dem Kaiserkanal Tausende von Sampans und Dschunken. Auf dem Kanal können sie vom Tsientangfluß bis nach Peking segeln oder getreidelt werden. 1500 Kilometer! Das ist zehnmal die Länge vom Suezkanal, zwanzigmal die Länge des Panamakanals! Das Stück des Kaiserkanals zwischen Hangtschau und dem Jangtsekiang wurde schon in den Jahren 615-18 n. Chr. gebaut. Am Westtor, dem "Tor des aufquellenden Goldes", mieten Tom und Wang sich ein Ruderboot für eine Rundfahrt auf dem Westsee. Hier ist auch Marco Polo von kaiserlichen Dienern herumgerudert worden, nach Tempeln und Pagoden, Inseln und Pavillons, Gärten und Brücken, Lotoslagunen und Goldfischteichen. Von den drei Pagoden in der Mitte des Sees können sie sieben Pagoden auf Uferbergen sehen. Sie haben keine Zeit, die 72 Sehenswürdigkeiten anzusehen, die Marco Polo gepriesen hat. Nur den Bergtempel "Kühler Strom" besuchen sie noch. Hier photographieren sie sich gegenseitig vor dem Felsenbild des lächelnden Buddha. Bevor sie den Hangtschau-Schanghai=Expreßzug besteigen, der sie zu ihren Vätern bringen wird, schicken sie noch ein Telegramm:

ANKOMMEN SCHANGHAI NORDBAHNHOF 20.35

 

Fünfmillionenstadt Schanghai

Zwischen Hangtschau und Schanghai verliert sich das Bergland Südchinas in einer großen Ebene. Im Mündungsgebiet des Jangtsekiang liegt die Fünfmillionenstadt Schanghai in einer Landschaft, die so flach wie ein Tisch ist. Viele Kanäle durchziehen das fruchtbare Schwemmland, und hohe Deiche schützen es vor Überflutungen durch Flüsse und Meer. Reisfelder wechseln mit Bohnen= und Gemüse=, Hanf= und Baumwollfeldern ab. Dazwischen sind Gärten mit Maulbeersträuchern und Pfirsichbäumen und unzählige Dörfer und Städte. Nirgendwo in China wohnt die bäuerliche Bevölkerung so dicht wie in der 

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Umgebung von Schanghai. 400 Menschen kommen auf den Quadratkilometer! Dreimal im Jahr bringen die Felder eine Ernte hervor, wenn sie genügend gedüngt und bewässert werden. Bei jedem Blick aus dem Fenster sieht Tom Männer und Knaben, die Wasserschöpfräder treten. Bis zum Dunkelwerden hat Tom am Zugfenster gestanden und geschaut. Danach kann er vor Aufregung nicht sitzen. Fast ein Jahr hat er seinen Vater nicht gesehen, und gleich werden sie sich treffen, in fremdem Land. Die Lichterflut der Millionenstadt wird am nördlichen Abendhimmel schon eine Stunde vor ihrer Ankunft sichtbar. Die ersten Wahrzeichen von Schanghai sind die siebenstöckige Lungwhapagode ("die von Blumen überwachsene") und die Zikaweikathedrale, die von französischen Jesuitenmissionaren erbaut wurde. Dunkel heben sich ihre Türme vor dem Lichterschein der Stadt ab. "Von hier bis zum Stadtzentrum zieht sich die Französische Konzession hin", erklärt Wang. "Die Avenue Joffre, die schnurgerade Prachtstraße des französischen Stadtviertels, reicht von hier bis an den Rand der südlichen Chinesenstadt. Sieben Kilometer! Anderthalb Stunden zu laufen, falls du bei der Hitze Lust dazu hast."

 

Am Westbahnhof am Jeßfieldpark steigen ein paar Europäer aus, die hier am Westrande der Internationalen Niederlassung ihre Wohnungen haben. Auch Tom drängt mit seinem Koffer zur Wagentür. Wang hält ihn am Arm. "Noch 15 Minuten mußt du dich gedulden .. ." Durch das dunkle Industrieviertel der nordwestlichen Chinesenstadt rollt der Zug endlich in den Nordbahnhof ein. Auf dem Bahnsteig ist entsetzliches Geschrei und Gedränge. Gepäckträger, die ihre Dienste anbieten. Hotelportiers, die freie Zimmer ausrufen. Ein Gewimmel von Chinesen, die ankommende Familienangehörige abholen wollen. Geschiebe und Gestoße. Plötzlich ein Freudenruf von Wang. Seine ganze Familie ist auf dem Bahnsteig! Vater, Mutter, Tante, drei Brüder, eine Schwester, der Chauffeur und ein Hausboy. Alle sind freudig erregt, aber niemand umarmt Wang und niemand schüttelt ihm die Hand. Tom ist verwundert... "Ist Toms Vater nicht da?" fragt Wang. Nein, der mußte gestern zu dringenden geschäftlichen Besprechungen nach Nanking fahren. Tom ist plötzlich ganz traurig. Aber auf dem Bahnhof der Millionenstadt ist dafür kein Platz. Er muß achtgeben, daß er die Familie Wang nicht verliert. Mit dem Gepäck finden sie nicht alle im Familienauto Platz. Die beiden jüngeren Brüder, die Schwester und der Boy fahren in einer Taxe hinterher. Tom darf im Familienwagen neben dem Chauffeur sitzen. Das Gewimmel auf den Straßen läßt Tom seine Traurigkeit vergessen. Alle Augenblicke quietschen die Bremsen, daß es ihm kalt über den Rücken läuft. Um Haaresbreite entgehen Fußgänger und Rikschas einem Unfall. Einradschiebkarren und Lastenträger zu Hunderten auch auf der Großstadtstraße. Autos in Doppelströmen rechts und links. Überholen und Einbiegen in rasendem Tempo. Dazwischen klappernde Straßenbahnen und ihr Geklingel. Quietschende Bremsen bei jeder Querstraße, wenn plötzlich das rote Licht aufleuchtet. Geschrei der Rikschakulis, die sich zwischen den wartenden Autos nach vorn schlängeln. Das Hä ho, Hä ho der Lastenträger dazwischen. Immer größer wird die Helligkeit der Lichtreklame, je näher sie dem Stadtzentrum kommen. Kaufhäuser, Restaurants, Kinos, Theater. Die Ecke Tschekiang Road/Nanking Road ist ein Teufelsspuk von Licht, Lärm und Leben. Der Pferderennplatz mitten in der Stadt liegt wie eine dunkle Oase des Schweigens mitten in diesem Getümmel. Aber das Auge kriegt auch hier keine Ruhe. Die Hochhäuser rundum sind voll unruhiger Lichtreklame. Blau und gelb, rot, lila und grün blitzt es abwechselnd auf, und Lichtschriftzeichen wechseln ohne Ende.

 

Im Hause Wangs

An der Avenue Road, einer etwas ruhigeren Seitenstraße der Internationalen Niederlassung, haben die Wangs ein zweistöckiges europäisches Haus mitten in einem großen Garten. Von der Straße sieht man nur eine fast doppelt mannshohe graue Steinmauer und ein ebenso hohes schmiedeeisernes Tor. Vergoldete Drachen beiderseits der Torlaterne und buddhistische

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Lebenszeichen zeugen von dem Reichtum des Erbauers. Als die Hupe des Familienautos dreimal in kurzen Abständen ertönt, stürzt der Kaimendi aus seinem Wärterhäuschen hervor. Erst als er im Scheine des inneren Wagenlichtes die Familie erkannt hat, öffnet er schnell das Tor. Nach der Durchfahrt wird es noch schneller wieder geschlossen. Auch auf den Straßen von Schanghai gibt es Kidnapperbanden! Oft liegen sie vor den Häusern wohlhabender Geschäftsleute auf der Lauer und holen aus wartenden oder langsam fahrenden Wagen ihre Opfer heraus. So geschah es dem Eigentümer des Hauses, in dem die Wangs jetzt billig zur Miete wohnen, weil kein Reicher mehr hineinzuziehen wagt. Vater Birkenfeldt und Herr Wang haben verabredet, daß Tom solange im Hause Wang in Schanghai bleiben soll, bis der Geschäftsauftrag in Nanking erledigt ist. Wie lange das dauert, weiß kein Mensch, denn wer mit Chinesen Geschäfte machen will, darf sie nicht zur Eile drängen. Vater Wang wird von seinem Chauffeur morgens und nachmittags ins Büro gefahren und zum Mittag= und Abendessen wieder heimgeholt. Zwischendurch steht der Wagen Tom und Wang zur Verfügung. Sie können sich fahren lassen, wohin sie wollen. Der Chauffeur ist ein freundlicher Mann. Auf wenig belebten Straßen läßt er auch einen Jungen mal ans Steuer. Wang ist schon so sicher im Fahren, daß er jederzeit seine Fahrerprüfung machen könnte. So kommt Tom um so häufiger dran. Gelegentlich fahren sie auch mit einem Autobus oder mit einer Familienrikscha in die Stadt. Zu Fuß gehen ist kein Vergnügen. Im Juli und August zeigt das Thermometer fast mehr als 300. Die Schuhe der Fußgänger bleiben nicht selten im weichgewordenen Asphalt stecken. Mindestens zweimal am Tage nehmen Tom und Wang ein Brausebad und wechseln die verschwitzten Hemden. Am angenehmsten sind die Abendstunden zwischen 9 Uhr und Mitternacht. Bis dahin sind ganze Familien mit ihren Kindern auf den Straßen und in den Parks. Eines Mittags bringt Vater Wang aus seinem Büro die Nachricht heim, daß Tom am Abend zu Hause bleiben soll. Herr Birkenfeldt will aus Nanking anrufen und Tom wenigstens telephonisch begrüßen. Das ist für Tom eine große Freude. Ihm verschlägt es fast die Stimme, als das

 

Telephon einige Minuten nach der verabredeten Zeit klingelt. Bei der Entfernung von mehr als 300 Kilometern ist die Verständigung gut, nur sind manchmal merkwürdige chinesische Sprechlaute in der Leitung. Tom berichtet seinem Vater über die Fahrt von Kanton und was er indessen in Schanghai alles schon gesehen hat: die Hochhäuser der City, den "Bund", d. h. die berühmte Hafenuferstraße am Wangpufluß, das Teehaus mit der siebenzackigen Geisterbrücke in Nantao und das neue Rathaus von Großschanghai in Kiangwan. "Heute nachmittag haben wir am Bund eine große Polizeirazzia auf Opiumschmuggler miterlebt. Ein am Ufer festmachender Jangtsedampfer war von Hunderten von Polizisten umringt. Polizei am Pier und Polizei in Hafenbooten. Alle Polizisten hatten kugelsichere Westen an und Maschinenpistolen in den Händen. Mehrere Schmuggler wurden gefesselt abgeführt und viele Kisten mit Opium auf Polizeilastwagen verladen. Wir glaubten, jeden Augenblick würde die Knallerei losgehen. Wir hatten hinter dem Denkmal des britischen Zolldirektors Robert Hart schon Deckung bezogen." Tom verschweigt seinem Vater auch nicht, daß er Autofahren lernt und daß ihm das eigentlich am meisten Spaß macht. Vater Kleinermann hat nichts dagegen. "Wenn du versprichst vorsichtig zu sein, darfst du auch deine Führerscheinprüfung machen. Damit kannst du mir später einen chinesischen Chauffeur ersetzen!"

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Freudig gibt Tom das Versprechen und wünscht seinem Vater eine baldige Rückkehr nach Schanghai. "Gute Nacht, Vater!" - "Gute Nacht, Tom!"

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Das Abenteuer mit dem Opiumschmuggler

Tom macht seine Fahrversuche am liebsten in Kiangwan. Da sind von einem geplanten neuen Stadtteil vorerst nur die Straßen gebaut worden, schöne, breite, gerade Betonstraßen. Außer dem neuen Rathaus und einigen öffentlichen Gebäuden, Hospital und Museum, Bibliothek und Stadion, sind nur wenige Häuser da. Alle Straßen sind übersichtlich und nur wenig belebt. Nur selten taucht eine Polizeistreife auf. Vom "Straßenschachbrett" führt eine zehn Kilometer lange, schnurgerade Straße mitten durch grüne Felder in das Ostende der Internationalen Niederlassung am Hafenfluß. Hier besuchen Tom und Wang nach einer "Fahrschule" das Elektrizitätswerk, in dem Vater Birkenfeldt die neue Turbine aufgebaut hat. Sechs Kohlenschiffe werden gleichzeitig entladen. Mehr als ein Dutzend mächtiger Schlote verdunkeln die Gegend mit ihrem Rauch. In der Turbinenhalle kann Tom nun einmal seinem Freund die Erklärungen geben. Als Sohn eines Elektroingenieurs ist er nicht zum erstenmal in einem solchen technischen Wunderwerk. Hinterher sitzen sie eine Zeitlang an der Steinböschung des Hafenflusses und beobachten den Schiffsverkehr. Der Wangpufluß ist hier, 15 Kilometer vor seiner Mündüng in den Jangtsekiang, etwa 800 Meter breit. Ganze Flotten von Dschunken kreuzen darauf herum. Dazwischen flußauf und flußab Fracht= und Passagierdampfer, Hafen= und Fährboote, Barkassen, Sampans, Kanonenboote, Zollkreuzer und die schnellen Boote der Wasserpolizei. Ein stadtwärts fahrender Jangtsedampfer warnt die Dschunken vor seinem Bug mit einem langgezogenen Wu=u=u. Er muß seine Fahrt verlangsamen. In diesem Augenblick stürzt aus der Seitenluke des Dampfers ein Mann mit einem großen Koffer in den Fluß. An Bord werden sie es gar nicht bemerkt haben. Aber Tom und Wang haben es genau gesehen. Der Mann schwimmt, ebenso sein hölzerner Koffer, an dem er sich festhält. "Er hat Glück", sagt Wang, "daß in dieser Stunde zwischen Ebbe und Flut die Strömung nicht so stark ist." Nicht weit von den Jungen erreicht der Schwimmer das Ufer. Ganz erschöpft. Tom und Wang ziehen ihn mit seinem Koffer anLand. Ohne ein Wort zu sagen, holt der Gerettete ein Stück Papier aus der Innentasche seines Ischangs und gibt es Wang. Dann bricht er halb bewußtlos zusammen. Mit Mühe entziffert Wang die verlaufene Tuschschrift auf dem Zettel "Tschien Kiang Lu, Nummer 13". Wang ruft seinen Chauffeur heran. Der kennt wie alle Chauffeure alle Straßen in der Millionenstadt. "Die Tschien Kiang Road ist eine Seitenstraße von der Tschun Kung Road, nicht weit von hier, hinter der Schule der Baptistenmission." Sie tragen den Mann und seinen Koffer in das Auto. Der Chauffeur gibt Gas. Vier Minuten später sind sie vor dem Haus Nr. 13 auf der

 

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Tschien Kang Lu. Es ist das letzte Haus an einem Feldweg, der sich in nassen Reisfeldern totläuft. Ein einsames Haus, rundum von einem hohen, aus Bambuszweigen geflochtenen Zaun umgeben. Der vom Wangpuwasser noch triefende Mann ist wieder ganz zu sich gekommen. Er will Wang und Tom, die hinten im Auto sitzen, ein Trinkgeld geben. Sie sollen ihm nicht weiter behilflich sein. Nur der Chauffeur darf seinen Koffer ins Haus tragen. Indessen wendet Wang mit Mühe den Wagen um. Fast wäre er dabei in einen tiefen Graben geraten. - Der Chauffeur kommt immer noch nicht wieder. Plötzlich ein lauter Schrei aus dem Haus. Beide Jungen rennen auf die Tür zu. Aber Wang hält Tom zurück. "Hier stimmt etwas nicht! - Ich gehe allein! - Wenn ich in einer Minute nicht wieder draußen bin, holst du Hilfe!" Tom klopft das Herz. Er horcht... Noch ein Schrei? Wang? Tom wirft sich ans Steuer und jagt auf die Tschun Kung Road zurück. Ein Schuß knallt hinter ihm her. Soll er den Pförtner der Baptistenschule alarmieren oder gleich zur Polizeistation an der Grenze der Internationalen Niederlassung fahren? Der Kilometerzähler zeigt 80. Er jagt an dem Tor des Schulparks vorbei. 85! In der Kurve der Hauptstraße ein Gefährt mitten auf der Straße. Tom tritt auf den Bremshebel, daß er fast durch die Scheibe fliegt. Polizeistreife!! Drei chinesische Polizisten mit Panzerwesten und Maschinenpistolen auf Motorrad mit Beiwagen. "Tufei", schreit Tom, "Tschien Kang Lu". Er klettert einfach zu dem Mann in den Beiwagen. Mit 90 geht es zur Ecke des Feldweges zurück.

 

Dann schleichen sie sich mit entsicherten MP.s an. "I ko tufei", flüsterte Tom und hebt dabei den Daumen hoch. "Nur ein Tufei!" Tom und zwei Polizisten nehmen hinter dicken Weidenbäumen Deckung. Der dritte geht auf die Haustür zu. Da wird sie aufgerissen, der Chinese mit dem Koffer will sich davonmachen. So schnell hat er keine Polizei erwartet. Als er drei Pistolenläufe auf sich gerichtet sieht, läßt er den Koffer fallen und hebt beide Hände. Zwei Polizisten fesseln ihn, der dritte untersucht den Koffer. Dreißig Pfd. Opium, pfundweise in Ölpapier verpackt! Das Haus scheint unbewohnt zu sein. Zimmer ohne Möbel. Im Keller liegt der Chauffeur, in der Küche Wang auf dem Boden. Beide gefesselt und geknebelt, aber beide unverletzt. Zehn Minuten später fahren das Polizeikraftrad und der wieder vom Chauffeur gesteuerte Wagen bei der Polizeistation vor. Der Tufeischmuggler wird eingeliefert. Der Chauffeur und die Jungen müssen ein Polizeiprotokoll unterschreiben. Davon, daß Tom mit 80 und ohne Führerschein die Schun Kung Road entlangbrauste, ist gar nicht die Rede. Im Gegenteil. Tom erhält von dem Polizeioffizier ein hohes Lob. Am nächsten Morgen steht die Geschichte unter dicken Überschriften in allen Zeitungen Schanghais. Chinesisch, englisch und französisch:

DEUTSCHER JUNGE ENTLARVT OPIUMSCHMUGGLER, RETTET CHINESISCHEN FREUND UND CHAUFFEUR.

Am Abend ruft Vater Birkenfeldt unerwartet wieder aus Nanking an. Auch er hat die Geschichte in der Zeitung gelesen. Er gratuliert Tom und Wang und dem Chauffeur, aber er rät Tom noch einmal, vorsichtig zu sein. "Mach schnell die Fahrerprüfung und komm dann zu mir nach Nanking!"

 

Letzte Tage in Schanghai

Schon am nächsten Tage lassen Tom und Wang sich an das Südende der Route Ghizi fahren. Dort ist das Büro der chinesischen Stadtverwaltung, das für Führerscheine zuständig ist. Sie melden sich für einen der nächsten Tage an und sehen dann im Hof eine Weile zu, wie andere Anwärter im "Irrgarten" ihre Prüfung versuchen. Das Schwierigste ist eine Durchfahrt durch ein enges "Tor", das durch zwei gewöhnliche Literflaschen angedeutet ist. Fällt eine der Flaschen bei der Durchfahrt um, so ist der Prüfling durchgefallen. Er darf sich aber gleich für eine neue Prüfung anmelden. Die aufgestellten chinesischen Verkehrszeichen gleichen größtenteils den international üblichen. Anders sind nur ein Zeichen für Brücke sowie die für Parken und Parkverbot. Zwei Tage später bestehen beide Jungen ihre Prüfung ohne Schwierigkeiten. Die Durchfahrt durch das Flaschentor haben sie in Kiangwan bei jedem Tempo geübt. Gegen acht Dollar Vergütung können sie ihren neuen Führerschein gleich mit nach Hause nehmen. Tom steuert den Wagen zurück, quer durch die Französische Konzession und ein Stück über die Avenue Joffre. Es ist seine zweitletzte Fahrt mit dem Wangschen Familienwagen. Morgen fährt er zu seinem

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Vater nach Nanking. - Lange hat er mit den Wangs überlegt, ob er besser einen Dampfer oder die Eisenbahn nimmt. "Denke an die "Suiwo!" warnt Frau Wang. Auch Herr Wang rät zur Bahnfahrt. "Vom Zug aus kannst du über 100 Kilometer lang das Leben und Treiben auf dem Kaiserkanal beobachten!" - "Und Sutschau sehen!" ruft Hsi=ping dazwischen, "Sutschau, das vielleicht noch schöner als Hangtschau ist." - So entscheidet sich Tom für die Bahnfahrt. Wenn er den frühen Morgenzug nimmt, kann er die Fahrt in Sutschau drei Stunden unterbrechen und doch noch bei Tage in Nanking sein. Nach einem großartigen Abschiedsessen im Hause Wang verbringen die Freunde den letzten Abend im Freilichtkino im Jeßfield=Park. Dort läuft ein abenteuerlicher Film, eine Darstellung aus der chinesischen Geschichte. Tom ist überrascht, wieviel besser er nun schon das fremdartige chinesische Leben versteht als damals in Hongkong, wo er den Tigergeneral sah. Hung Hsiu Tschüan, der Titelheld dieses Films, ist auch ein chinesischer General. Er war der Anführer der "Haarrebellen", die 1851 gegen die Mandschukaiser in Peking aufstanden und nicht länger den verhaßten Zopf tragen wollten. Er gründete in Nanking ein Königreich des "Großen Friedens" ("Tai Ping"), das sich zeitweise über 16 Provinzen ausbreitete und 11 Jahre lang dem Ansturm der Mandschuheere widerstand. Hung Hsiu Tschüan nannte sich selbst den zweiten Sohn Gottes und einen jüngeren Bruder Christi. Was er aber dem Lande brachte, war kein großer Friede, sondern furchtbare Verheerungen und Metzeleien. In Hangtschau wurden 600 000, in Nanking 100 000 Menschen erschlagen. Da der Film auf und vor den Mauern von Nanking aufgenommen ist, hat Tom die Stadt schon kennengelernt, bevor er dahin gekommen ist. "Den Spuren der Taipingrebellion wirst du in Sutschau und Nanking noch oftmals begegnen", sagt Wang, als sie in der kühlen Nachtluft langsam nach Hause schlendern. "Schade, daß ich nicht mit dir fahren kann." Eines aber versprechen sie sich ganz fest, bevor sie sich gute Nacht sagen. Mit den 600 Dollars wollen sie gemeinsam eine Flußreise auf dem Jangtsekiang machen. "Bis an den Rand von Tibet!!"

 

Nach Nanking!

In dem guten alten Familienauto haben Wang und der Chauffeur Tom zum Nordbahnhof gebracht. Sie haben sein Gepäck und den Eßkorb über einem guten Fensterplatz verstaut und lange Abschied gewinkt. Tom fährt nun zum erstenmal allein! Er sitzt in dem Zug, den er in dem Film "Schanghai=Expreß" in Berlin schon einmal gesehen hat. Aber jetzt erscheint ihm alles ganz anders als damals. Tom ist der einzige Fremde in einem Zug voller Chinesen. Die Mitreisenden in seinem Abteil werfen ihm freundliche Blicke zu, aber unterhalten kann er sich mit ihnen kaum. In wenigen Wochen ist die chinesische Sprache nicht zu erlernen. Die Mitreisenden sprechen durch ihre Augen und Gebärden zu ihm. Sie machen ihn auf manche Sehenswürdigkeit aufmerksam. Dort sind die hohen Stahlmasten des Großsenders Tschenju, der Schanghai mit der Welt verbindet. Da ist wieder die fruchtbare Ebene mit ihren Feldern und Kanälen, Dschunkensegeln und Wasserschöpfrädern. Wo diese nicht von Menschen getreten werden, besorgen Göpelräder, von Büffeln gezogen, den Betrieb. Mit verbundenen Augen trotten die Büffel ohne Treiber rundum.

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Nicht alle Bauern haben ihnen ein Sonnenschutzdach gebaut. Zweimal kreuzt die Bahn den Sutschau=Creek, auf dem Tausende von Dschunken und Sampans die Erzeugnisse dieses fruchtbarsten chinesischen Landes nach Schanghai bringen. Auf spiegelglatten weiten Seenflächen glitzert die Morgensonne. Fischer mit Netzen und abgerichteten Kormoranvögeln gehen ihrem friedlichen Handwerk nach.

Sutschau. Vor dem Bahnhof von Sutschau wird Tom von Rikschakulis und Eseltreibern umdrängt. Er mietet sich zur Abwechselung einen Reitesel, der ihn in schnellem Zuckeltrab an sein Ziel, die 80 Meter hohe Poh=Sz=Pagode trägt. Dreißig Schellen klingeln am Halse des Esels. Der Treiberjunge mit der Peitsche rennt zu Fuß hinterher. Wie bei den meisten chinesischen Städten liegt der Bahnhof außerhalb der Stadtmauern. Durch das "Himmelstor" geht es in die rechteckig ummauerte Stadt hinein. Sutschau wird auch das "Venedig Chinas" genannt, weil viele Kanäle alle Teile der Stadt durchziehen. Neben sechs Straßentoren gibt es auch fünf Schleusentore in der 20 Kilometer langen Stadtmauer. Vor 2500 Jahren wurde die Stadt gegründet. Mehr als achtzig Generationen von Chinesen haben das holperige Kopfsteinpflaster schon getreten. Stadtgründer war der General und spätere König Sun. Er hat auch den Tempel bei der Poh=Sz=Pagode gegründet und ihn der Amme, die ihn säugte, geweiht. Er ehrte das Alter, wie es der große Sittenlehrer der Chinesen Kungtse (Konfuzius), fünfhundert Jahre vor Christus gelehrt hat, - Mit dem Treiberjungen steigt Tom bis zum neunten Stockwerk der steinernen Pagode hinauf. Da jedes Stockwerk einen äußeren Umgang mit einem hölzernen Geländer hat, kann Tom ohne schwindelig zu werden, die Aussicht nach allen Seiten genießen, auf die Ebene im Osten, den hügelumrahmten "Großen See" (Tai Hu) im Westen und das Stadtviereck im Süden.

 

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Alle Straßen und Kanäle sind schachbrettartig angelegt, die meisten Häuser nur einstöckig. Auf den blaugrauen Ziegeldächern gibt es keine Schornsteine. Der Rauch der Essensfeuer steigt durch offene Türen über den Straßen auf. Eine schnurgerade, sehr enge Straße läuft genau nach Süden bis an die Südmauer. Dort liegt neben einer andern Pagode, in einem dunklen Hain, der Konfuziustempel der Stadt. Unten frißt der Esel das spärliche Gras, das zwischen verfallenen Häusern auf Ruinengrundstücken wächst. Das sind hundertjährige Ruinen, Spuren der Taipingrebellion. Tom hat keine Lust, den vier Kilometer entfernten Konfuziustempel auch noch anzureiten. In den Schachbrettstraßen kann er sich auch ohne Führer zurechtfinden. Er entlohnt den Eseljungen und bummelt zu Fuß zum Bahnhof zurück. In vielen der offenen Häuser sitzen Frauen und Mädchen in haushohen Heimwebstühlen. Laut tönt das Geklapper der Weberbäume. Wenn Tom stehenbleibt, ergreifen die Weberinnen meist die Flucht. Der Eseljunge, der ihm immer noch folgt, photographiert Tom auf einer Weberbank.

Nanking. Zu guter Letzt hätte Tom beinahe noch den Zug verpaßt. Die Rückgabe seines Gepäcks bei der Aufbewahrung dauerte Ewigkeiten. Das wäre eine schöne Geschichte gewesen, sein Vater zum verabredeten Zug auf dem Bahnsteig, und Tom noch einmal verlorengegangen. Er schwitzt nicht wenig, als er wieder einen Platz gefunden hat und sich über seinen Eßkorb hermacht. Drei Stunden am Kaiserkanal entlang. Oft trennt nur der mit Steinplatten belegte Treidelpfad den Wasser= und den Schienenweg. Weiß leuchtende und zerrissene schmutzige Dschunkensegel blähen sich im Wind.

 

Meisterwerke uralter Baukunst sind die Granitbrücken, die den Kanal überspannen und den Schiffen halbmondförmige Durchfahrten freilassen. Allerdings haben die alten Brückenbauer noch nicht an beräderte Fahrzeuge gedacht. Über die Stufen der Brückenbögen gingen Jahrhunderte lang nur Fußgänger, Träger trugen Sänften hinüber. Jetzt versuchen auch Rikschas hinüberzufahren. Für Autos müssen breitere Brücken gebaut werden. Tom sieht immer häufiger auf seine Uhr. Zwei Stunden vor Nanking biegt der Kanal zum Jangtse hin ab. Die Landschaft wird wieder hügelig. Auf dem Gipfel fast jedes Hügels ist ein Familiengrab. Viele noch nicht beigesetzte Särge stehen dazwischen an den Hängen. Die Chinesen lieben es, auf eigenem Grund und Boden begraben zu werden. Zweimal sieht Tom, wie rotlackierte Särge, unter einer langen Bambusstange hängend, über schmale Feldwege getragen werden. Den einen Sarg tragen acht, den anderen sechzehn buntuniformierte Träger. Weißgekleidete Trauernde folgen im Gänsemarsch hinterher. - 17 Uhr! Noch eine Stunde! Für einen Augenblick gibt das hügelige Gelände den Blick auf den mächtigen Jangtsekiang frei. Tom weiß, daß der Fluß bei Nanking noch mehr als fünf Kilometer breit ist. Schon zwanzig Minuten vor der

Ankunft wird die fünfzehn Meter hohe Stadtmauer der Millionenstadt sichtbar. Nanking ist eine der wenigen Städte Chinas, deren Mauer keine regelmäßig rechteckige Form hat. Die Mauer folgt See= und Flußufern, schließt Hügel ein oder läuft über Hügelkämme. Auf diese Weise hat Nanking die längste Stadtmauer in China. Mehr als fünfzig Kilometer ist sie lang! Der Hauptbahnhof liegt unmittelbar unter der Mauer am Löwenhügel. Als Tom und sein Vater sich auf dem Bahnsteig umarmen, vergoldet die Abendsonne die wehrhaften Zinnen. Mit einem Autobus fahren Vater und Sohn zum Hotel International. Es liegt ungefähr in der Mitte der Stadt an der Sun=Yatsen= Straße, einer breiten, doppelbahnigen Autostraße, die quer durch die ganze Stadt führt. Tom wundert sich, daß innerhalb der Mauern soviel freies Feld ist. "Hat man hier früher in Zeiten der Belagerung Reis gebaut oder sind die Häuser alle von den Taipings zerstört worden?" fragt er seinen Vater. "Darauf wird dir Herr Lebetanz, ein deutscher Journalist, nach dem Abendessen die Antwort geben. Ich habe ihn zum Essen eingeladen, und er hat mir versprochen, dir von der Geschichte Nankings zu erzählen. Rechts kommt gleich das Hotel. Wenn du Lust hast, fahren wir mit diesem Bus noch bis an den Ostrand der Stadt und zurück. Dann siehst du auch gleich das engbebaute Geschäftsviertel und den Palastgarten der alten Mingkaiser.

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Tom ist gerne einverstanden. Um den Paukenturm, von dem mit dröhnenden Paukenschlägen die Tagesstunden verkündet werden, macht die Straße ein Karussell. "Potsdamer Platz" nennen die Deutschen in Nanking den Verkehrsknotenpunkt, bei dem die Sun=Yatsen=Straße zum Sun=Yatsen=Tor abbiegt. Welcher Gegensatz zum engen Sutschau! Auch hier niedrige chinesische Häuser, aber welche Weite und Großartigkeit der Stadtplanung. Hinter den Zinnen der Mauer ragen die Gipfel der Purpurberge auf, an deren Fuß das Grabmal von Sun Yatsen neben den Mingkaisergräbern liegt. Tom sieht die Purpurberge gleich im richtigen Licht. Purpurn, rosa und goldgelb leuchtet der Himmel dahinter auf. Als der Autobus zurückfährt, erstrahlen im Geschäftsviertel bereits die Neonlichter.

Herr Lebetanz erzählt.

Das Hotel International ist innen wie außen ein moderner Luxusbau nach amerikanischem Geschmack. Dicke Teppiche mit Drachenmustern verschlingen jedes Geräusch auf den Gängen und im Speisesaal. Blütenweiß gekleidete Boys servieren lautlos die Speisen. Tom hat sich Eisbein mit Sauerkraut gewünscht und ein helles Bier dazu. Herr Lebetanz ist schon viele Jahre in China. Er hat Sun Yatsen noch persönlich kennengelernt und war bei seiner Beisetzung im Mausoleum am Purpurberg dabei. Mit Dutzenden von chinesischen Bürgerkriegsgeneralen und Politikern hat er gegessen und getrunken, in Nanking und Peking, in Kanton und Tschungking. Er hat die chinesisch=japanischen Kriege von 1931 und 1937 bis 1945 miterlebt und den Kampf um die Macht in China zwischen Tschiangkaischek und Mao Tse=tung. Nach dem Essen setzen sie sich zu einer Tasse Kaffee gemütlich in tiefe Stahlrohrsessel. In diesem Hotel mit Klimaanlage summt nicht einmal ein Ventilator. Nur das Gemurmel leiser Unterhaltung ist von den Nebentischen zu hören. Zuerst muß Tom berichten, von der Fahrt mit der "Elbestrand", von Hongkong und der "Suiwo", von dem Haus an der Biasbucht und dem Opiumschmuggler in Schanghai. "Trotz allem scheinst du ebensogern in diesem Land zu sein wie ich", sagt Herr Lebetanz. "Es ist ein merkwürdiges Land, wo es jeden Tag etwas Neues, Unerwartetes zu erleben gibt. Wie anders sah dieses Nanking aus, als ich 1927 zum erstenmal hierher kam. Damals standen die Mauern wie heute. Wie sie der Mingkaiser Hung Wu hatte erbauen lassen, um die gleiche Zeit, als Klaus Störtebeker und die Hansestädte Krieg führten. Aber innerhalb der Mauern sah 1927 alles ganz anders aus als heute. Der Nachfolger von Hung Wu hatte 1409 Peking zur Hauptstadt des Reiches gemacht, und Nanking war zu einer Provinzstadt herabgesunken. Die verheerende Taipingzeit und die Stürme der chinesischen Revolution von 1911 waren darüber hinweggefegt

 

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Als China Republik wurde und der Mandschukaiser in Peking stürzte, brannten die Revolutionäre in Nanking den Mandschupalast und das Mandschuviertel nieder. 1927 waren die Trümmer von 1862 und 1911 noch nicht restlos fortgeräumt. Da brachte der Kampf Tschiangkaischeks gegen die Nordgenerale neue Trümmer. Aber Tschiangkaischek siegte und machte Nanking wieder zur Hauptstadt Chinas. Sun Yatsen, der 1925 in Peking gestorben war, wurde hier 1927 mit großem Pomp beigesetzt. Sein Grabmal war das erste große Bauwerk des neuen Nanking. 1928 wurde der Bau der Sun=Yatsen=Straße begonnen, die von den Chinesen Tschung=Schan=Straße genannt wird. Denn die Ostasiaten geben ihren Kaisern und Staatsmännern nach dem Tode andere Namen. Tschung Schan heißt ,mittlerer Berg'. Das ist ein hoher Ehrenname für Dr. Sun, dessen Familienname ,Enkel' bedeutet. An der Tschung=Schan=Straße wurden dann zwischen 1928 und 1937 alle die großen Gebäude errichtet, die Tom heute gesehen hat, das Hauptpostamt, das Eisenbahn= und das Verkehrsministerium, das Auswärtige Amt, das Hospital und andere, teilweise im alten chinesischen Tempelstil, teilweise modern amerikanisch wie dieses Hotel. Dann brach wieder der Krieg aus. Im Dezember 1937 wurde Nanking von den Japanern erobert und schwer mitgenommen. Tschiangkaischek entfloh mit seiner Regierung nach Tschungking. Im August 1945, nach dem Zusammenbruch Japans, zog die Tschiangkaischekregierung wieder in Nanking ein. Aber nur kurze Zeit. Vier Jahre später mußte sie den Truppen Mao Tse=tungs weichen. Mao machte Peking wieder zur Hauptstadt des Reiches, und Nanking ist in Gefahr, erneut zu einer Provinzstadt abzusinken. Es ist ein ewiges Auf und Ab in dieser Stadt, die schon 722 v. Chr., ein Menschenalter vor Rom, gegründet wurde."

 

Sun Yatsens Grabmal. An einem der nächsten Tage fährt Tom mit Herrn Lebetanz zum Grabmal Sun Yatsens hinaus. Gleich außerhalb des Tschung=Schan=Tores sehen sie die gewaltigen Anlagen vor sich liegen, obgleich der Weg dahin noch fast fünf Kilometer lang ist. Hell heben sich das Mausoleum mit dem geschwungenen Dach, betonierte Terrassen und Böschungen, riesige Freitreppen, Tore, Wege und der Ehrenbogen von dem hellen Grün gepflegter Rasen und den dunklen Kiefernpflanzungen der Umgebung ab. Eine Weihestätte des ganzen chinesischen Volkes ist diese Anlage.

Herr Lebetanz stellt die Beisetzungsfeierlichkeiten so eindrucksvoll dar, daß Tom glauben kann, er wäre selber dabeigewesen. Vor dem Ehrenbogen am Eingang sitzen sie eine Weile auf einer Ruhebank. Hier wurde der Sarg, der mit einem über und überbekränzten Schiff nach Nanking gebracht worden war, aus einem weißgeschmückten Leichenauto in eine Leichensänfte übernommen. Sie hatte ein silbernes Dach; auf beiden Seiten prangte die weiße Sonne der chinesischen Revolutionsfahne auf blauem Seidentuch. Vierundsechzig in Blau und Weiß gekleidete Träger hoben die Tragstangen auf ihre Schultern und trugen den Toten den Ehrenweg entlang und die Stufen empor. In den Anlagen rechts und links standen Zehntausende von Menschen. Musikkapellen und Militär in Weiß marschierten auf. Abordnungen ausländischer Diplomaten, fremder Heeres= und Marinekräfte folgten. Sun Yatsens Gefolgsmänner von der Kuomintangpartei trugen über weißen Trauerischangs schwarze Jacken mit weißen Trauerabzeichen und flache weiße Strohhüte. Die Sonne brannte an jenem Tage ebenso heiß wie heute. Langsamen Schrittes ist auch Tom mit seinem Begleiter die Stufen bis zum Mausoleum emporgestiegen. Wie die anwesenden Chinesen verneigen sie sich vor der Ruhestätte des großen Toten.

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Vom Mausoleum zurückblickend, sehen sie das kiefernbestandene Hügelgelände des Nationalparks. Dort ist neben dem 50 000 Besucher fassenden Stadion auch ein Schwimmbad, in dem Tom ohne Gefahr baden kann. Er läßt Herrn Lebetanz, der zu einer Pressekonferenz muß, allein zurückfahren und mischt sich unter die chinesische Jugend, die es im Schwimmen den Japanern gleichzutun versucht. Wirklich gute Schwimmer tummeln sich in die» sehr herrlichen Bad. Kristallklares Wasser über weißen Kacheln. Umkleidezellen mit grünglasierten Ziegeldächern auf rotlackierten Säulen. Ein wahres Märchenbad! Mit dieser Badgelegenheit in der Nähe gefällt es Tom in Nanking noch besser. Zwar hat sein Vater wenig Zeit für ihn, aber mit einem Stadtplan als Führer und Herrn Lebetanz als Ratgeber ist Tom den ganzen Tag beschäftigt. Spätnachmittags läßt er sich gewöhnlich in einer Rikscha zum Freibad hinausfahren. Abends muß er achtgeben, daß er nicht zu spät zurückkehrt. Kurz nach Eintritt der Dunkelheit werden die Tore geschlossen, und dann nützt kein Rütteln und Rufen. Die Tore werden vorm Morgen* grauen nicht wieder aufgemacht. In vierzehn Tagen lernt Tom Nanking besser kennen als mancher fremde Geschäftsmann, der sich jahrelang hier aufgehalten hat. Er ist immer unterwegs: auf der Mauer und an den Toren, bei Tempeln und Pagoden, in Hsiakwan, der Ufervorstadt, wo die Eisenbahnfähre die Expreßzüge nach dem Norden übersetzt, bei den Mingkaisergräbern und in den Purpurbergen. Vor dem jetzt so friedlichen Taipingtor rudert er auf dem Lotosteich zu den fünf Inseln, die launiger» weise die "Fünf Erdteile" genannt werden. Ein anderer berühmter Lotosteich liegt zwischen tief herabhängenden Weidenbäumen vor dem Wassertor. im Südwesten der Stadt. Mo Tsu ("Ohne Sorge") ist sein Name. In dem Teehaus an seinem Ufer trinkt Tom ein Schälchen Reiswein, wie es vor 1200 Jahren Chinas berühmtester Dichter Li Tai=po oftmals getan hat. Tom hat sich ein Gedicht von ihm aufgeschrieben: Der Lotos blüht, und die Sonne lacht. Ich wate hinein in den Teich. Der roten Blumen frischblühende Pracht hat rings um mich her ihre Gluten entfacht. Ich schwinge sie hin, und ich schwinge sie her und tauche sie tief in die Flut. Dann tragen sie Perlen vieltausend und mehr; und ich schwinge sie hin, und ich schwinge sie her, damit ich den Perlen das Rundsein verwehr: Nur die langen gefallen mir gut. Ohne Sorge kehrt er von solchen Ausflügen und vom Baden heim. Um so mehr fällt es ihm auf, daß sein Vater keineswegs ohne Sorgen ist. Die Geschäftsverhandlungen kommen nicht voran. Eines Mittags kommt Vater Birkenfeldt sehr verspätet zum Essen ins Hotel. Er ist ärgerlich. "Nun muß ich wegen der Turbine auch noch nach Peking!" Tom tut es leid um seinen Vater. Für sich selbst hat er schon lange den Wunsch gehabt, neben Nanking, der "südlichen Hauptstadt", auch Peking, die "nördliche Hauptstadt", kennenzulernen.

 

Mit dem Vater Richtung Peking

Tom nimmt seinem Vater die Gänge zum Reisebüro ab. Täglich gehen zwei durchgehende Expreßzüge mit Schlafwagen. Ab Nanking Dienstag früh, an Peking Mittwoch nachmittag. Oder ab Nanking Dienstag nachmittag, an Peking Mittwoch gegen Mitternacht. Tom rechnet nach. Rund dreißig Stunden Fahrt bei 1150 Kilometer Entfernung. Wahrlich kein übermäßiges Tempo! Neben» bei (und ohne väterlichen Auf» trag) erkundigt er sich auch, wann diese Züge in Taian und in Küfu halten. Taian, das ist die Station für einen Aufstieg auf Chinas berühmtesten heiligen Berg Taischan. In Küfu, dem Mekka der Konfuzianer, leben noch heute direkte Nachkommen des alten Weisen, dessen 2500. Geburtstag man 1949 in der ganzen Welt gedachte. An den beiden heiligen Orten möchte Tom nicht vorüberfahren. Auch wenn sein Vater keine Zeit hat. Der Nachmittagszug ab Nanking eignet sich viel besser für seinen Plan. Mit dem Frühzug käme er mitten in der Nacht in Küfu an. Vater Birkenfeldt hat viele Bedenken gegen Toms Pläne. Er möchte zu seinem geschäftlichen Ärger nicht auch noch neue Sorgen um Tom haben.

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Aber Herr Lebetanz ist auf Toms Seite. Er schenkt Tom zum Abschied einen deutschgeschriebenen Reiseführer von Küfu und dem Taischan. Das Übersetzen des Schanghai-Pekinge=Expreßzuges mit der Eisenbahnfähre ist bei dem ewig wechselnden Wasserstand des Jangtsekiang eine langwierige Angelegenheit. Vater Birkenfeldt und Sohn lassen sich lieber mit einem Motorboot übersetzen und besteigen den Zug erst am andern Ufer in Pukau. Wieder beginnt für Tom eine Reise durch vier Provinzen: Anhui, Nordkiangsu, Schantung und Hopeh. Nördlich des Jangtse ändert sich das Landschaftsbild schnell. Das trockenere Klima läßt nur eine, höchstens zwei jährliche Ernten zu. Bambus ist nirgends mehr zu sehen. Überhaupt ist die Landschaft arm an Bäumen und Grün. Auf breiten, staubigen Feldwegen fahren Pony- und Eselkarren. Nasse Reisfelder sind selten. Sesampflanzen mit ihren fingerhutähnlichen roten Blüten, Hanf und Baumwolle, Hirse, Mais und Erdnüsse wachsen auf den Feldern.

 

Gerade sind die kürbisgroßen Wassermelonen reif. Auf allen Bahnhöfen, die der Expreß durch» eilt, hocken Reisende, die auf Bummelzüge warten; sie lutschen das leuchtend rote Fleisch der Melonen und spucken die großen schwarzen Kerne in die Gegend. In Mingkwang nimmt die Lokomotive Wasser. 15 Minuten Aufenthalt. Schon ist Tom auf dem Bahnsteig und hat ein paar Kupfermünzen in der Hand, um sich auch ein Stück Wassermelone zu kaufen. Aber sein Vater verwehrt es ihm. "Morgen hast du Typhus oder Cholera!" Im Speisewagen bekommt Tom ein Stück Wassermelone zum Nachtisch. Das ist mit Wasserstoffsuperoxyd von Bakterien befreit. - Der Mond ist aufgegangen. Silbern glitzert das Wasser des breiten Hanflusses. Keine Dschunke segelt bei Nacht. Friedlich schaukeln kahle Masten am Ufer. Gespenstisch ragen die Stadtmauern von Pengpu über der Bahn auf. Plötzlich fährt es Tom durch alle Glieder.

 

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An einem Galgen oben auf der Stadtmauer baumelt ein Gehängter im Wind. Eine Mahnung für die Bösen. "Mord kann nur durch Tod gesühnt werden", hat Konfuzius gelehrt.

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Küfu

In Küfu hält der Zug nur zwei Minuten. Vom Bahnsteig ruft Tom seinem Vater zu: "Treffpunkt Peking!" und "auf ein heiles Wiedersehen!" Dann pufft der Expreßzug weiter. Ohne alles Gepäck kommt Tom sich sehr leicht vor. "Du bist unser Mann!" begrüßt ihn plötzlich auf Englisch ein Chinese in europäischer Kleidung und schüttelt ihm die Hand. Vier andere, gleichgekleidete, junge Chinesen tun ein gleiches. "Wir sind Auslandschinesen, Studenten aus Singapore. Wir streiten uns schon seit Jahren um die Frage, ob die Lehren des Konfuzius noch in unsere Zeit passen oder nicht. Dies ist unser Freund Sun Lo. Er versteht auch Deutsch. Er hat uns gestern abend übersetzt, was du mit deinem Vater im Speisewagen gesprochen hast. Du gehst deine eigenen Wege. Konfuzius aber hat gelehrt: ,Der Vater hat unbeschränkte Gewalt über seine Kinder. Ein Sohn lebt in erster Linie für seine Eltern und zeigt ihnen Ehrfurcht. Er darf nicht mit ihnen streiten. Selbst wenn die Eltern ihn schlecht behandeln, darf er nicht murren!" "Tom hat ja auch keine Melonen ohne Superoxyd gegessen", ruft Sun Lo dazwischen, "also hat er des Konfuzius Wort befolgt, daß die Söhne ihren Körper, den sie den Eltern verdanken, unversehrt halten sollen." - "Aber Konfuzius hat auch gesagt: ,Die Söhne sollen bei Lebzeiten ihrer Eltern keine weiten Reisen machen, außer wenn der Kaiser es befiehlt', und danach hat Tom sich nicht gerichtet!" schließt Kwok Song, der Älteste der Gruppe, die Unterhaltung. "Wir wollen uns erst mal auf den Weg machen und Tom bitten, uns zu begleiten." Nur Freddy, der Jüngste, fährt Sun Lo noch einmal an: "Wenn wir Jungen in China immer nur das tun, was die Alten wollen, wird China nie ein modernes Land werden. Ich hasse die 300 Hauptregeln und 3000 Nebenregeln der konfuzianischen Lehre." Küfu ist ein kleines ummauertes Landstädtchen in der Schantungprovinz. Es liegt zehn Kilometer vom Bahnhof entfernt.

 

Als deutsche Ingenieure um 1910 die Bahn bauten, durfte die Linie nicht bis an den heiligen Ort herangeführt werden. Die jungen Herren mieten sich zwei zweirädrige Maultierkarren und setzen sich mit hängenden Beinen auf die Deichsel. Nur Freddy muß unter dem engen Verdeck auf der ungefederten Achse sitzen. Denn Konfuzius hat auch gesagt, daß der jüngere Freund dem älteren Ehrerbietung schuldig ist. Der Fuhrmann geht auf dem staubigen, holperigen Landweg zu Fuß nebenher. Tom sitzt bei Sun Lo. Der nimmt das Gespräch vom Bahnhof wieder auf. "Wenn wir Chinesen uns nicht zwei Jahrtausende lang an die Lehren des Konfuzius gehalten hätten, dann wäre unser Reich ebenso wie die andern großen Reiche des Altertums untergegangen. China hat immer viele ehrfürchtige Söhne gehabt, die ihren Eltern und dem Reiche dienten. Jeder Junge, ob arm oder reich, konnte zu den höchsten Ämtern aufsteigen, wenn er die Lehren der Alten erlernte und befolgte und die Prüfungen bestand. Jeder Vater strebte danach, möglichst viele Söhne zu haben, denn nur männliche Nachkommen können die Ahnenopfer darbringen. So sagt Konfuzius: ,Solange die Eltern leben, müssen die Söhne ihnen nach der Sitte dienen. Wenn die Eltern gestorben sind, müssen die Söhne sie nach der Sitte begraben, 27 Monate um sie trauern und ihnen nach der Sitte opfern, solange sie leben." - "Bist du denn auch bereit, dir deine Frau von deinen Eltern aussuchen zu lassen?" fragt Tom. Darauf gibt Sun Lo keine Antwort mehr. Der Karren knarrt über eine Lotosbrücke in das Stadttor hinein. Konfuziustempel gibt es in mehr als 1500 chinesischen

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Städten, aber in dem Landstädtchen Küfu ist der größte und schönste. Mit seinen 16 Toren, 15 Höfen und 15 Hallen füllt er ein ganzes Drittel der Stadt aus. Der Duft von Weihrauch und Ochsenfettkerzen und das Gedröhn von Pauken, Gongs und kunstvoll gegossenen Bronzeglocken erfüllt die Luft. Vor den Gedächtnistafeln, Bildern und Statuen des Konfuzius verbeugen sich Freddy und Kwok Song ebenso ehrfurchtsvoll wie Sun Lo und die vielen ländlichen Pilger. Priester und Mönche, . Sonntage und Predigten, gibt es im Konfuziustempel nicht. Überwältigt stehen Tom und seine Freunde vor dem Tempel der Großen Vollendung. Sein mächtiges Doppeldach wird von marmornen Drachensäulen getragen. Zehnmal hat der Bildhauer dasselbe Motiv gestaltet: zwei Drachen, die nach einer Perle schnappen. Reich vergoldet ist der Altarschrein drinnen; darin sitzt hinter einem perlenbestickten Seidenvorhang der große Weise. Eine halbe Stunde später sind sie in der Residenz des lebenden Kungtsenachfolgers. Auf das Empfehlungsschreiben der Studenten wird auch Tom mit eingelassen. Eine Weile müssen sie in der Empfangshalle warten. "Ich bin neugierig, ob der Nachkomme nach 77 Generationen noch Ähnlichkeit mit seinem Urahnen hat", flüstert Freddy seinen Freunden zu. Dann öffnet sich die Tür, ein Pekinghündchen kommt hereinspaziert und hinter ihm im Ischang, mit einem Fächer in der Hand und freundlich lächelnd, der etwa dreißigjährige Herzog Kung. "Herzog, der die Weisheit vererbt", ist sein Ehrentitel. Selbst die chinesischen Studenten können sich nicht mit ihm unterhalten. Ihren Kantondialekt und ihr Englisch versteht der Herzog nicht. Von seinen Hauslehrern hat er nur den Pekinger Norddialekt gelernt. Er ist nie auf Reisen gewesen, trotzdem sein Vater schon vor seiner Geburt gestorben ist. Zur Erinnerung schenkt er jedem Jungen ein Kinderbildnis von sich. "Von ihm selbst entwickelt", sagt der Diener, "der Herzog ist ein eifriger Amateurphotograph." Das Grab des alten Weisen ist zwei Kilometer außerhalb des Nordtores der Stadt. Eine schattige Allee alter Zypressenbäume führt dahin. Tom erwartet etwas wie das Sun=Yatsen=Mausoleum in Nanking. Aber das Grab dieses großen Mannes, der, wie die Chinesen sagen, zehntausend Generationen gelehrt hat, ist ein einfacher, mit Gras und Gesträuch bewachsener vier Meter hoher Hügel. Davor steht ein mit Drachen geschmückter Gedenkstein mit der Inschrift "Grab des großen Vollendeten, höchst heiligen, Kultur verbreitenden Königs". "Ein König war er ja gar nicht!" meint Freddy, "er war ein Aufseher der Kornspeicher und später Minister im Schantunger Fürstentum Lu."

 

Auf dem heiligen Berg Taischan

Auf der Rückfahrt im Maultierkarren und im Zug nach Taian streiten sich die fünf um Kungtses Lehre. Sun Lo ist Konfuzianer , Fu Konfuzianer und Buddhist, Lao Taoist und Freddy christlich erzogen. "Es gibt leider nur drei Millionen Christen in China", sagt Freddy, " aber vierhundert Millionen Konfuzianer." Tschiangkaischek, hat eine Erneuerung der konfuzianischen Sitten versucht, aber Mao Tse=tung ist ein Gegner dieser Lehre. Vom Taischan schreibt Tom an Wang eine Postkarte.

Lieber Wang, ich habe mit fünf Studenten aus Singapore ein Wettrennen auf den Taischan gemacht. Vom Stadttempel in Taian bis zu dem Konfuziustempel auf dem Gipfel sind 5858 Stufen!! Wir haben sie nicht gezählt, aber fromme Pilger wußten die Zahl genau. Ich habe das Rennen über 40 Li gewonnen. In drei Stunden und 32 Minuten war ich oben. Der Reiseführer gibt die Aufstiegzeit mit sechs Stunden an! Wie ganz anders ist hier alles als auf dem Höngschan. Nackte, bizarre Gneisfelsen und wenig Grün. Nur einzelne, sturmzerzauste Kiefern bei den Wasserfällen, Brücken und Tempeln. Ströme von Schweiß haben wir auf den Felsentreppen vergossen. Oben hätten wir uns am liebsten wie die Pilger in Decken gewickelt. Vom 1545 m hohen Gipfel soll man an klaren Wintertagen bis zum Gelben Meer sehen können. Wir sahen nur das Silberband des Gelben Flusses. Von SO zogen Regenwolken auf, und abwärts sind wir noch schneller gerannt. Morgen mittag bin ich bei meinem Vater in Peking, Nordhotel. Bereite Dich darauf vor, daß wir die Jangtsefahrt bald machen. Treffpunkt Hankau. Ich schicke ein Telegramm. Viele Grüße an Euch alle.

Dein Tom.

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Das Geheimnis des Gelben Lama

Mitternachtsstunde. Der Bahnhof von Taian liegt ebenso wie die Stadt in tiefem Schlaf. Mit bleiernen Beinen sitzt Tom auf einer Bank des ländlichen Bahnsteigs und blinzelt den Mond an. Zweimal sind ihm die Augen schon zugefallen. Tom hat Angst, daß er einschläft und den Zug verpaßt. Außer ihm scheint zu dieser Stunde niemand mitfahren zu wollen. Doch da kommen schlürfende Schritte auf Tom zu. Ein Mann mit einer Papierlaterne. Sein gelbes Gewand leuchtet im Laternenschein golden wie der Mond. Ein Lama, ein buddhistischer Mönch aus Tibet? Er kommt so dicht an Tom heran, daß jeder den andern atmen hört. Maskenhaft wirkt das dunkelhäutige, zerfurchte Gesicht unter dem hohen gelben Hut. Tom will einen Schritt zurücktreten, aber er ist von dem Blick des Lamas wie hypnotisiert. Fest hält der Fremde seinen Arm. "Du, fremder Jüngling, sei ein Werkzeug des Erhabenen! Tibet, das Land der Gelbblüte, ist in Gefahr. Die neuen Herren Chinas wollen es verderben." Er läßt Tom los und zieht den gelben Hut von seinem glattrasierten Schädel. "Nimm diesen Hut! Trage ihn heimlich zum Yung Ho Kung, dem Tempel der Lamas in Peking! Der Lohn des Erhabenen wird dir gewiß sein, wenn du den Auftrag erfüllst. Doppeltes Unheil aber wird über dich kommen, wenn du nicht heimlich zu Werke gehst. Tsong Kha=pa wird dich verdammen, und die Häscher Mao Tse=tungs werden dich ins Gefängnis werfen. Dieses Amulett wird dich schützen." Seinem Ärmel entnimmt er eine kleine vergoldete Buddhafigur aus Ton und steckt sie in den Hut. "Hier hast du Papier, beides zu verbergen. Da braust der Zug heran. Der Lama hilft Tom auf das hohe Trittbrett eines Abteils. "Es ist in deine Hand gegeben, ob das Erbe Buddhas in Tibet verlorengeht oder nicht." Tom ist wie betäubt. Er verbirgt Hut und Papier in seiner Jacke, bevor der verschlafen dreinblickende Schlafwagenboy kommt und ihm sein Bett anweist. Im Nebenbett schnarcht einer. Tom steckt die Jacke mit ihrem Inhalt unter sein Kopfkissen. Trotz seiner Müdigkeit kann er lange nicht schlafen. Soll er den Hut kurzerhand aus dem Fenster werfen? Am besten gleich in den Hwangho, wenn der Zug über die 1300 Meter lange Brücke rollt? Er kommt zu keinem Entschluß. Erst hinter Tientsin erwacht er. Zweieinhalb Stunden später ist der Zug in Peking.

 

Peking

Die gewaltige Kaiserstadt des Nordens, jetzt Sitz der Regierung Mao Tse=tungs, hat mächtigere Mauern und Türme als Nanking. Der Kaiserpalast in der bis 1911 "verbotenen Stadt" ist gut erhalten. In Peking gibt es Seen und Pagoden und breite Straßen wie in Hangtschau, mehr Tempel und Theater als in Hongkong, Nanking und Sutschau zusammengenommen, enge Handwerkerstraßen wie in Kanton und einen Straßenverkehr mit Trägern und Rikschas, Einrad= Esel= und Maultierkarren, Autobussen, Straßenbahnen und Luxuslimousinen wie nur irgendwo in China. Über dem allen aber wölbt sich hier ein strahlend blauer Himmel, und die Kamelkarawanen der nördlichen Wüste Gobi ziehen durch die staubigen Straßen der Stadt dahin. Peking ist ein Abbild des ganzen, großen China und doch eine einzigartige Stadt, einzigartig in China und in der ganzen Welt. Die Bahn ist bis mitten in die Stadt hineingeführt. Toms erster Blick nach der Durchfahrt durch die Südmauer fällt auf das dreigestufte blauglänzende Dach des Himmelsaltars, der in jedem Erdkundebuch abgebildet ist. Doch von all den Palästen und Pagoden, Toren und Tempeln interessiert Tom jetzt nur eins: der Lamatempel im äußersten Nordosten der Stadt. Hat nicht der Polizist an der Sperre ihn mißtrauisch angesehen.

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Sehen nicht alle Polizisten an den Straßenkreuzungen ihn mit besonderen Augen an? Schon auf dem Wege zum Nordhotel, im Stadtteil der fremden Gesandschaften, kauft Tom sich einen Stadtplan. Sein Vater ist nicht im Hotel. Erst zum Abendessen wird er heimkommen. So hat Tom endlich Gelegenheit, sich hinter einer verschlossenen Tür das anzusehen, was der Gelbe Lama ihm gegeben hat. Das Einwickelpapier ist eine Pekinger Zeitung in englischer Sprache. Ein Artikel ist rot angestrichen. Die Überschrift heißt: Gelbe Lamas gegen eine Vereinigung von Tibet und China - Die Flucht eines Verschwörers. Tom sieht noch einmal nach, ob er den Zimmerschlüssel auch wirklich umgedreht hat. Wird er nicht selbst ein Verschwörer, wenn er den Hut in den Tempel bringt? Der Hut! Eigentlich ist es eine Mütze, eine ledergefütterte Wollmütze, die aber durch einen hochstehenden mähnenartigen Kamm hutartig wirkt. Das Lederfutter ist schmutzig und fettig. Tom wagt nicht, die Mütze aufzusetzen. Aber knistert nicht Papier darin? Sollte da eine Nachricht eingenäht sein? - Der Rand des Amuletts ist mit einer Perle und drei perlengroßen Edelsteinen besetzt: jadegrün, topasbraun und rubinrot. Ein Stein fehlt. Offensichtlich hat er sich aus dem Ton gelöst. Hat Tom ihn schon verloren? Eilig wickelt er alles wieder ein und verbirgt es in seinem Koffer. Seinem Vater will er nichts davon sagen. Abends freut dieser sich, daß Tom wieder da ist. Aber er ist wortkarg. Seine geschäftlichen Besprechungen sind noch nicht einmal in Gang gekommen.

 

Im Lamatempel

Das Nordhotel liegt an der breiten staubigen Hatamenstraße, die, fast sieben Kilometer lang, schnurgerade vom Himmelstempel in der Chinesenstadt bis zum Lamatempel an der Nordmauer der Tatarenstadt führt. Wenn man sie mit der Rikscha entlangfährt, sperren hölzerne Pailus (Ehrenbogen) die Sicht. Bei jedem Pailu und jeder Straßenkreuzung steht ein Polizist, der sich alle Passanten genau ansieht. Tom klopft das Herz. - Die "Lamaserei des ewigen Friedens", eine ehemalige kaiserliche Residenz, wurde von einem Mandschukaiser, der zum Lamaglauben

 

übertrat, den Lamas geschenkt. Sie besteht aus vielen Hallen und Pavillons. Gelb glasiert sind die Dächer der Hauptgebäude. Ein Tor steht weit auf, Lamas strömen herein. Auf einem weiten gepflasterten Hof warten Hunderte von Mönchen auf das Zeichen zur Morgenandacht. Kindliche Novizen spielen wie Jungen auf einem Schulhof herum. Nur ein kleiner Teil der Lamas trägt gelbe Gewänder, die meisten sind rotgelb oder ziegelrot gefärbt. Tom weiß nicht, an wen er sich wenden soll. Keiner der Lamas trägt die gelbe Mütze. - Da ertönt das Zeichen zur Andacht. Die Töne von Pauken, Becken und Seemuschelschalen mischen sich zu einer durchdringenden, überirdischen Harmonie. Die Lamas ordnen sich zu langen Reihen und schreiten in die Gebetshalle hinein. Sie knien nieder. Vor einer Buddhastatue mit gelber Mütze thront der Abt. Mit einem Pfauenwedel gibt er das Zeichen zum Gebet. In die lautlose Stille bricht von neuem der Ton der Becken und Muscheln. Dumpf dröhnt dazu der Chorgesang der Mönche. Ihre verzückten Gesten verraten, daß sie in eine andere Welt eingegangen sind. - Wieder Stille. Lautlos schreiten die Lamas hinaus. Tom tritt vor den Abt hin, der noch verzückt auf dem Thron sitzt. Er scheint Tom überhaupt nicht zu sehen. Da zieht Tom den gelben Hut unter seiner Jacke hervor. Wie elektrisiert springt der Abt auf. Er bedeutet Tom, ihm in die Haupthalle zu folgen. Niemand ist darin. Sorgfältig verriegelt der Abt von innen die Tür. Toms Augen müssen sich an das Halbdunkel gewöhnen. Nur oben fallen einige Lichtstrahlen ein. Die Mitte des Raumes ist über zwanzig Meter hoch. Fast bis unter das Dach ragt eine große stehende Buddhafigur durch mehrere Stockwerke von Galerien auf. Es ist nicht der dicke lächelnde Buddha. Ernst schauen seine Augen in die Welt. Der Abt kann seine Erregung kaum verbergen. Fast entreißt er Toms Händen den Hut. Mit einem Griff hat er das verborgene Papier in der Hand. Er überfliegt das Geschriebene. Dann ist er wieder der würdige Abt. Aus einem Geheimfach des hölzernen Riesenbuddha entnimmt er eine kleine tönerne Buddhafigur und überreicht sie Tom mit einer tiefen Verbeugung.

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Tom erschrickt. Die Figur gleicht seinem Amulett in allen Einzelheiten. Aber am Rand fehlt kein Stein. Zwischen dem jadegrünen und der Perle ist ein leuchtend gelber Topas. Der Abt ergreift Toms Arm und tippt auf die Zehn seiner Armbanduhr. "Men", sagt er, und deutet dabei in die Richtung des Tempeltores an der Straße. Tom nickt. Er versteht. "Um 10 Uhr am Straßentor." Er hat eine halbe Stunde Zeit, sich in der Lamaserei umzusehen. Im zweiten Hof ist auf einer Steintafel die Geschichte der Lamakirche in chinesischer, tibetanischer, mongolischer und mandschurischer Schrift eingehauen. Mönche und Besucher des Tempels drehen eifrig die im Freien aufgestellten Gebetsmühlen. Jede Umdrehung gilt für tausend Gebete. Zehnmal läßt auch Tom die Gebetstrommel kreisen. Punkt zehn Uhr ist er am Tor. Ein Lama mit gelbem Hut drückt ihm eine in Zeitungspapier eingewickelte Rolle in die Hand. "Can go Lhasa", flüstert er ihm freundlich lächelnd zu. Tom wagt es nicht, das Päckchen in der Rikscha zu öffnen. Das Einwickelpapier ist eine ganz neue Zeitung. Sofort fällt Toms Blick auf zwei dicke Druckzeilen:

REGIERUNGEN IN PEKING UND LHASA WOLLEN ÜBER EINEN ANSCHLUSS TIBETS AN CHINA VERHANDELN! DER ABT DES PEKINGER LAMA=KLOSTERS REIST NÄCHSTE WOCHE NACH LHASA, FLIEGT BIS BATANG.  

 

Im Hotelzimmer schließt Tom sich wieder ein. Die Rolle ist ein vier Meter langes, ellenbreites Seidenband, je ein Stück weißer und rot=, blau=, schwarz= und gelbgefärbter Seide. Auf jeder Farbe steht in einer anderen Schrift ein Text; unter jedem ist ein großes rotes Siegel. Ganz am Ende, um den Rollstab gewickelt, ist auf weißem Briefpapier eine Mitteilung in Englisch eingeheftet. "Tom Birkenfeldt, ein deutscher Junge, ist eingeladen, den Abt des Lamatempels in Peking auf seiner Reise nach Lhasa zu begleiten. Abflug vom Nan Yüan=Flugplatz. PS. Die genaue Zeit wird durch einen geheimen Boten mitgeteilt." Tom hüpft das Herz vor Freude. Seinem Vater will er nicht eher etwas sagen, als bis die Reise ganz sicher ist.

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An Wang schreibt er sogleich einen Brief, daß die Jangtsefahrt aus besonderen Gründen vorerst aufgeschoben werden muß. Dann eilt er in Cooks Reisebüro im Gesandtschaftsviertel und besorgt sich Prospekte der chinesischen Fluglinien und eine Karte von Tibet. Die Entfernung Peking-Lhasa beträgt fast 5000 km. Hui! Das ist nicht viel weniger als von Berlin nach New York! In Tibet scheint es noch keinen einzigen Flugplatz zu geben. Batang liegt 500 km westlich vom chinesischen Großflugplatz Tschengtu. Aber von Batang nach Lhasa sind es noch 800 km über Land... Soll er sich ohne Wang in ein solches Abenteuer einlassen? Tom hat nun Zeit, sich die Wunder Pekings anzusehen. Aber zum Mittag= und Abendessen ist er immer pünktlich im Hotel. Er will es dem Boten leicht machen, ihn zu finden. Sein Vater hat selbst an Sonntagen keine Zeit für gemeinsame Ausflüge. An einem Freitag, als Tom gerade zum Sommerpalast aufbrechen will, ist der Bote da. "Abflug Sonnabend, 8 Uhr, Nan Yüan=FlugpIatz." Vater Birkenfeldt gibt Tom nicht nur seine Einwilligung, er schenkt Tom sogar einen großen Pekinger Pelzmantel und Pelzmütze und Pelzstiefel dazu!

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Flug nach Tibet!

Zum Abflug des Abtes haben sich viele hohe Würdenträger auf dem Flugplatz eingefunden, Regierungsbeamte in Uniform und Lamas in gelben und roten Gewändern. Sogar Tschu Enlai, Mao Tsetungs Außenminister, ist da. Tom in Weiß, seinen frisch geweißten Tropenhelm auf dem Kopf, seine Pelzausrüstung über dem Arm. In die Maschine steigen außer dem Abt und Tom zwei Lamas und zwei Regierungsbeamte. Ein Lama spricht fließend Englisch, ein Regierungsbeamter auch Deutsch.

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Aber er sagt nicht viel. Er scheint nicht ganz damit einverstanden zu sein, daß Tom mitfliegt. Zehn Minuten später liegt Peking unter ihnen, die herrliche unvergleichliche Stadt. Dann geht es auf Kurs Südwest: zur Rechten die Berge der Schanghai=Provinz mit der großen Mauer, links die große nordchinesische Ebene, unter ihnen die Peking-Hankau-Bahn, mit der Tom eigentlich fahren wollte, zum Treffen mit Wang.

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Über den Lößgebieten

In Südschansi, im großen Knie des Gelben Flusses, haben die Berge ein ganz neues Gesicht. Auf ihren Hängen, manchmal auch über ihre Gipfel, hat sich Lößstaub abgelagert, der seit uralten Zeiten aus der Wüste Gobi hierher geweht worden ist. Die Lößdecke ist in Schansi und in Homan über hundert Meter dick. Tief haben sich Flüsse zwischen steile Lößwände eingenagt. So sehen die Lößgebiete zerrissen und zernarbt aus. Ihre Farbe ist gelblichbraun, wüstenhaft, aber Löß ist nicht unfruchtbar wie die Wüste. Lößboden kann außerordentlich fruchtbar sein, wenn er genügend bewässert wird. Überall sind terrassenartig angelegte grüne Felder. Für Tom ist es ein Rätsel, wie das Wasser auf die hohen Lößfelder kommt. Nach einer Stunde Fluges über die Lößgebiete hat er entdeckt, daß die Lößlandschaft zwei Gesichter hat. Schaut er senkrecht nach unten, so ist sie grün wie die Felder. Schaut er dagegen von der Seite gegen die steilen Terrassenhänge, so sieht er nur das gelbliche Braun. Dorrtsche, der Englisch sprechende Lama, freut sich, daß der Flug Tom ebensogut bekommt wie ihm selbst. Sie schauen zusammen aus dem Fenster. "Hier am Knie des Hwangho und seines Nebenflusses Weiho stand die Wiege der chinesischen Rasse. Hier im Löß haben schon vor 5000-6000 Jahren Chinesen gelebt und Ackerbau getrieben. Von hier haben sie sich über das ganze große Reich der Mitte ausgebreitet: bis in die Wüsten und Steppen im Norden und bis in den hinterindischen Dschungelwald im Süden. Nur die hohen Grenzberge Tibets im Westen haben den Chinesen Jahrtausende lang Halt geboten. Von daher kam der Buddhismus und Lamaismus zu ihnen."

 

Hwaschan, Sianfu, Szetschuan

Zu Ehren des Abtes, der hier zum erstenmal aus tiefer Versenkung erwacht, macht die Maschine eine Runde über dem 2200 Meter hohen Hwaschan, den dritten heiligen Berg der Buddhisten in China. Nun sind sie schon in der Provinz Schensi ("westlich vom Paß")! Wenige Minuten später heißt es Festhalten! Zwischenlandung in Sianfu! Daliegt sie schon unter ihnen, die Hauptstadt von Schensi, mitten in der großen Lößebene am Weifluß. "Sie war die Hauptstadt des ganzen Reiches von 200 vor bis 600 nach Christus." "Als die Kimbern und Teutonen gegen das Römische Reich vordrangen und die Hunnen in Europa einbrachen..." denkt Tom. Mauern und Türme von Sianfu sind gewaltiger als die von Peking. Aus der Höhe gesehen hat die ganze Stadt eine lößgelbe Farbe. - Auf dem Flugplatz wird die Maschine getankt. Während eines einfachen Reismahles im Flugplatzgebäude erzählt Dorrtsche, daß die Beamten des Kaisers früher .. . Tage gebrauchten, um mit einem Pekingkarren von Peking nach Sianfu zu reisen. Der Flug hat nur gut drei Stunden gedauert. In diesem Jahr soll auch die große Ostwestbahn fertiggestellt werden, die Sian mit Lantschau verbindet. Dann wird man von der Küste bis an den Oberlauf des Hwangho mit der Eisenbahn fahren können. 1700 Kilometer, und "nur" fünfzig Stunden Fahrzeit! Weiter nach Südwesten! Die Maschine geht auf 4000 Meter Höhe. Der Tsinlingschan, eine Bergkette, die sich von Tibet bis in die chinesische Ebene hineinzieht, muß überwunden werden. An ihren nördlichen alpinen Gebirgshängen zieht sich die Lößdecke noch hoch hinauf. Die Südhänge sind lößfrei und bewaldet. In großer Höhe überfliegen sie die Stadt Hantschung am Oberlauf des Hanflusses. "Die Dschunken da unten fahren nach Hankau", sagt Dorrtsche, "Han=kau heißt Mündung des Han in den Jangtse." Wieder muß Tom an Wang denken; wie gerne würde er dabeigewesen sein. Unten glitzern wieder Reisfelder.

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Noch einmal eine ziemlich kahle Berggegend an der Südgrenze von Schensi, dann sind sie über dem roten Becken von Szetschuan, aus dem alle Wasser nach dem oberen Jangtsekiang abfließen. "Szetschuan heißt ,Vier Flüsse', aber damit sind nur die vier größten gemeint. Tatsächlich hat das rote Becken wohl viermal hundert Flüsse. Szetschuan, die größte und reichste der 31 chinesischen Provinzen, ist so groß wie Deutschland und hat auch ebenso viele Einwohner." Dorrtsche weiß in der Erdkunde offenbar sehr gut Bescheid. An den Hügelhängen des Kialing=Flusses, über dem sie jetzt in geringerer Höhe dahinfliegen, ziehen sich Terrassenfelder mit Reis und Zuckerrohr, Orangen, Grapefruits und Tee, Tabak und Opium, Mais und Weizen hoch hin» auf. Manchmal bis an die Gipfel der Berge. In einem Gewirr von Flußarmen liegt Tschengtu, die Hauptstadt der Provinz. Sie ist wie Sianfu eine Halbmillionenstadt, aber hier erscheint alles viel freundlicher, grüner. "Die Stadt ist reich wie die Provinz. Die Salzquellen von Szetschuan versorgen fast ganz China mit Salz. Seine Fabriken liefern die beste chinesische Seide." Der Flugplatz ist groß und modern. Er ist während des letzten Krieges mit amerikanischer Hilfe ausgebaut worden. Bei brütender Hitze muß die Reisegesellschaft in .- eine kleinere Maschine umsteigen. Die Träger auf dem Flugplatz arbeiten mit nacktem Oberkörper. Unter ihren schulterbreiten Strohhüten haben sie ein Schweißtuch um die Stirn gewickelt. Tom fragt Dorrtsche, warum sie die Maschine wechseln. "Auf dem behelfsmäßigen Flugplatz von Batang kann eine große Maschine nicht landen. Selbst mit dieser ist es noch eine ziemlich gefährliche Angelegenheit. .." Nach dem Start geht es gleich in große Höhen. Über die Wolkendecke, die im Sommer fast immer über dem wasserreichen roten Becken lagert. Herrlich, so eine weiße Wolkendecke von oben anzusehen! Nur ein dunkel bewaldeter Gipfel steht in dem weißen Wolkenmeer. Das ist der Omeischan, Chinas vierter heiliger Berg. Dorrtsche wechselt einige Worte mit dem Piloten in der Führerkabine. Dann darf Tom hineinkommen und die Aussicht nach vorn genießen. Er ist sprachlos vor Staunen. Vor ihm liegen, über den Wolken, aber unter strahlend blauem Himmel, die Schneegipfel Tibets. Eine ganze Kette. Alle sind über 6000 Meter hoch, der Minya Congkar gar 7700 Meter! 

 

Nach Tibet hinein

Mit westlichem Kurs fliegen sie direkt in die Kette hinein! Nach einem Wortwechsel mit Herrn Wu, dem deutschsprechenden chinesischen Beamten, zieht Dorrtsche Tom wieder in den Passagierraum zurück. Sie haben jetzt auch aus den Seitenfenstern Sicht auf die Schneeberge. Dorrtsche erzählt: "An den Füßen dieser Gipfelriesen wohnen Tibetaner und Chinesen nebeneinander. Unten in dem Bergtor, in das wir hineinfliegen, liegt unter der Wolkendecke Tatsienlu, 2600 Meter über dem Meeresspiegel. Die Chinesen nennen die Grenzstadt Kangting, gesicherter 'Friede'. Vor zwei Jahrzehnten haben sie aus diesem Grenzgebiet eine neue chinesische Provinz gemacht, die sie Sikang, den 'westlich erhabenen Frieden' nennen. Wir Tibetaner nennen diese Gegend von alters her Kham, wie Tibet in unserer Sprache auch nicht Tibet, sondern Bö heißt. - In Tatienlu beginnt die große Pilger= und Handelsstraße nach Lhasa, auf der Tee, Reis und Baumwolle nach Tibet, und Wolle, Felle und Heilkräuter nach China getragen werden." - "Getragen?" fragt Tom erstaunt. - "Ja, getragen. Bis heute ist Tibet das Land ohne Räder." - "Wenn wir die Räder am Fahrgestell unserer Maschine nicht mitzählen", wirft Tom lachend ein. "Über die Hochgebirge und Hochsteppen Tibets wird bis heute alles getragen, auf den Rücken von Menschen und Eseln, Ponies und Maultieren, vor allem aber von unsern Bergochsen, den kräftigen Jaks. Als ich so alt war wie du, Tom, da habe ich die Pilgerreise von Batang nach Tatsienlu mit einer Jakkarawane gemacht. Bergauf und bergab, durch Schnee und Eis und Stürme. Das dauerte genau einen Monat. Jetzt fliegen wir in zwei Stunden darüber hin. Erst 1940 kamen die ersten Autos von Tschengtu nach Tatsienlu. Heute sind Tausende von Männern und Frauen, Bauern und Soldaten dabei, eine 1200 Kilometer lange Autostraße von

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Tatsienlu über Batang und Tschamdo nach Lhasa zu bauen. Wenn wir Glück haben, können wir von Batang noch ein Stück mit einem Auto weiterfahren." Der Minya Gongkar bleibt zur Linken noch lange sichtbar. Im Schein der Spätnachmittagssonne leuchten Firnschnee und Gletscher noch strahlender auf. Im Nordwesten hebt sich jetzt die gewaltige Bergkette des Schara vor anderen, fernen Ketten ab. In der Tiefe fließt der Jalungfluß smaragdgrün zwischen dunklen Waldflecken dahin. Über Litang erkennen sie selbst aus großer Höhe die vergoldeten Dächer einer Lamaserei. Das ortskundige Auge Dorrtsches hat sie erspäht. "In dieser Gegend wird viel Gold gewaschen", fügt er mit einem vieldeutigen Lächeln hinzu. Noch einmal ist eine Kette von Fünftausendern zu überqueren, dann geht es in großen Kurven hinab nach Batang, das, "nur" 2800 Meter hoch, in einem Seitental des oberen Jangtse liegt. Für tibetanische Verhältnisse ist dieser Ort mit 3000 Einwohnern eine"Großstadt". Auf dem Flugplatz, einem auffrisierten Jakweideplatz, sind erst wenige Maschinen gelandet. Wird die Landung jetzt ohne Bruch gelingen? Selbst dem Abt, der seit Tschengtu regungslos mit untergeschlagenen Beinen dagesessen hat, spürt man die Erregung an.

 

Batang - ohne Bruchlandung

Er lächelt Tom freundlich zu, als er als erster aus der Maschine steigt. Zahlreiche Lamas und Beamte sind zu ihrer Begrüßung auf dem Flugplatz erschienen. Chinesische Soldaten haben Mühe, die Menge der Neugierigen fernzuhalten. Die meisten haben so einen fremden "Vogel" noch nie aus der Nähe gesehen. Sie wollen ihn anfassen, fühlen, ob er auch Federn und ein schlagendes Herz hat wie die Adler und Lämmergeier, die tibetanische Jäger gelegentlich mit altertümlichen Vorderladern erlegen. Auf hartgesattelten Pferden reiten die Ankömmlinge in die graue Stadt hinein. Über ihre flachen Dächer ragen ein paar Apfel= und Birnbäume auf. Die Dunkelheit bricht schnell herein. Das Lamakloster ist zu ihrem Empfang mit Hunderten von kleinen Butterlämpchen illuminiert. Pauken dröhnen, aus meterlangen Tuben kommen Töne wie aus Schiffssirenen. Im Speisesaal des Klosters wird Tom das

selbe Essen serviert wie den chinesischen Beamten: Reissuppe mit Hühner= und Jakfleisch, Äpfel und Birnen zum Nachtisch. Er löscht seinen Durst mit einigen Schalen wohlschmeckender Jakmilch, während die Chinesen ungezählte Schälchen Reiswein trinken und immer lustiger und lauter werden. Der Abt und die Lamas essen Tsamba und Obst, sie trinken keinen Wein. Tsongkhapa, der Stifter der gelben Lamakirche, hat den Genuß von Alkohol verboten. "Den Tsamba, unser tibetanisches Nationalgericht, mußt du doch wenigstens probieren", sagt Dorrtsche zu Tom, der aufmerksam der Unterhaltung in chinesischer Sprache zugehört, aber nicht viel verstanden hat. Dorrtsche reicht ihm einen runden Holznapf, in dem etwas Tee, bräunliches Gerstenmehl und ranzige Jakbutter gemischt sind. "Knete es mit deinen Fingern gut durch und forme kleine Würstchen daraus! Du wirst dich wundern, wie gut das schmeckt." Tom tut, wie ihm geheißen und kostet ein wenig. Er hat eine feine Nase und eine Abneigung gegen Jakhaare. Höflicherweise läßt er sich nichts anmerken. Er lächelt und dankt. "Wenn ich nicht schon satt wäre, würde ich drei Schalen davon leer essen." Sie gehen bald zur Ruhe. Tom ist mit Dorrtsche zusammen in einer engen Lamazelle untergebracht. Er breitet seinen Pelzmantel über die Lehmbank und benutzt seine Pelzmütze als Kopfkissen. Morgen wollen sie früh aufbrechen. Eine Brücke über den Jangtse ist drei Stunden Ritts weiter nach Süden. Es ist noch die alte Karawanenbrücke, die nur für Tragtiere und nicht für Fahrzeuge gebaut wurde. Aber auf der anderen Seite soll ein Auto warten, das, in Teile zerlegt, dorthin getragen und wieder zusammengebaut worden ist. Und dieses Auto würde sie - so haben die chinesischen Beamten gesagt - in einem Tage bis nach Tschamdo bringen, 300 Kilometer! Dorrtsche scheint selbst nicht recht an diese Kunde zu glauben. "China schiebt sich immer tiefer nach Tibet hinein vor", sagt er mit einem tiefen Seufzer. Bald hört Tom sein unruhiges Schnarchen.

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Tibet

Ein Auto in Tibet?

Am Morgen werden sie von einer ganzen Kavalkade chinesischer und tibetanischer Reiter begleitet. An der Jangtsebrücke bei Drubanang steht eine chinesische Grenzburg. Sie war bis vor wenigen Monaten der äußerste Vorposten Chinas gegen Hsi=Tsang, den tibetanischen Teil von Tibet. Die eiserne Hängebrücke gerät in beängstigende Schwingungen, als die Kavalkade hinüberreitet. Tief darunter brausen und schäumen die Wasser des Flusses. Drüben steht tatsächlich ein Auto, ein offener 1,5=t=Lastwagen! Tschitschä, "Gaswagen", nennen die Chinesen das Auto; die Tibetaner haben kein eigenes Wort dafür. Der Abt und ein chinesischer Beamter nehmen neben dem russischen Fahrer Platz. Der Rest der Reisegesellschaft und zehn chinesische Soldaten mit MG.s und MP.s suchen sich hinten auf dem Gepäck einen Platz. In der Morgensonne wird es bald tropisch warm, obgleich die Straße Höhen von 3000 bis 4000 Meter erklimmt. Dorrtsche und Tom sitzen auf Säcken aus Jakhaut, in die gepreßter Tee eingenäht ist. Verglichen mit dem hölzernen Pferdesattel ist das ein angenehmer Sitz. Seine Tibetkarte in der Hand, versucht Tom die Reiseroute auszumachen. Aber Tibet ist groß und die Karte klein. Autostraßen sind überhaupt nicht eingezeichnet. Am Bumlapaß erreichen sie einen Punkt, wo drei Riesenflüsse Asiens sich so nahe kommen, daß man sie von einem Flugzeug in großer Höhe gleichzeitig sehen könnte. Durch die wildesten und tiefsten Schluchten der Erde fließen von hier aus der Salwin und der Mekong südwärts nach Burma und Siam, während sich der Jangtse ostwärts nach China wendet. Zwischen den Oberlaufen von Jangtse und Mekong folgt die neue Straße meist dem alten Karawanenweg: über Hochflächen hin, an Berghängen entlang und durch tiefe Schluchten von Nebenflüssen. In Haarnadelkurven windet sich die Straße hinab und hinauf. Aufwärts kocht das Kühlerwasser des Motors. Die geringste Unachtsamkeit des Fahrers bedeutet für ihn und alle Mitreisenden den sicheren Tod. Zur Linken haben sie fast den ganzen Tag Sicht auf eine Kette von Sechstausendern. Siebenmal geht es über Pässe von mehr als viertausend Meter Höhe. Jaktreiber und Teeträger, Lamas, Pilger und Hirten stehen mit weit geöffneten Mündern am Weg. Jaks, Ponnys und Schafe suchen vor dem brummenden Autoungetüm das Weite. Die Soldaten knallen mehrmals hinter einem Bären, einmal auch hinter einem Wolf her. Die gefürchteten Räuberstämme der Gegend scheinen zu wissen, daß dieser Wagen nicht nur unter dem Schutz chinesischer Soldaten steht, sondern auch den Segen des höchsten Lamas hat.

 

Zwei Großlamas - Jungen wie Tom

Zwischen Bergriesen und Schluchten, Brücken und Pässen, Sonnenhitze und eisigen Winden hört Tom aufmerksam zu, wie Dorrtsche die Geschichte der beiden Großlamas von Tibet erzählt. "Seitdem Tsongkhapa die Sekte der Gelben Lamas gründete, wird der Priesterstaat Tibet von zwei Großlamas regiert. Der erste, der Dalai Lama, leitet von Lhasa aus die weltlichen Regierungsgeschäfte. Der andere, der Pantschen Lama, ist das Oberhaupt der Kirche und zugleich Abt des Klosters Taschilumpo, das bei Schigatse, 200 Kilometer westlich von Lhasa, liegt. Nach diesem Kloster wird der Pantschen auch Taschi Lama genannt. Gegenwärtig sind beide Großlamas Jungen, ungefähr im selben Alter wie Tom. Der Dalai Lama ist gerade siebzehn, der Pantschen - Taschi - Lama nur vierzehn Jahre alt. Das Amt der Oberlamas wird nicht wie bei Königen vererbt, sie sind ja unverheiratet und haben keine Kinder. Aber sie werden auch nicht wie die römischen Päpste gewählt. Als Anhänger Buddhas glauben die Tibetaner an eine Seelenwanderung. Wenn ein Dalai oder Pantschen Lama stirbt, so fährt seine Seele in ein gerade geborenes Kind hinein. Dieses muß dann gesucht und gefunden werden. Das dauert oft jahrelang. Denn Tibet ist groß, fünfmal so groß wie Deutschland, und seine Wege sind weit und beschwerlich. Der XIII. Dalai Lama starb 1933 in Lhasa, sein jetziger Nachfolger wurde erst vier Jahre später in einem Bauernhaus am Kukunorsee in der Provinz Kham gefunden.

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Für den IX. Pantschen Lama, der 1937 in Jekundo am oberen Jangtse gestorben war, fand man einen Nachfolger drei Jahre später in der Nähe des Klosters Kumbum. Die Seele eines verstorbenen Großlamas mag sich ebensowohl im Körper eines Bauernsohnes wie in dem eines Adelskindes eine neue Wohnung suchen. Durch eine solche Inkarnation kann jeder tibetanische Junge, ob reich oder arm, zum Dalai oder Pantschen Lama aufsteigen.

EMPFEHLUNGSSCHREIBEN DES KAISERS

Jede Mutter, die beim Tode eines Großlamas gerade einen Sohn geboren hat, hofft und wünscht, daß ihr Sohn der Auserwählte sein möge. Darum müssen die Lamamönche, die ausgesandt werden, den Nachfolger zu finden, viele Jungen im Babyalter prüfen." den IX. Pantschen Lama, der 1937 in Jekundo am oberen Jangtse gestorben war, fand man einen Nachfolger drei Jahre später in der Nähe des Klosters Kumbum. Die Seele eines verstorbenen Großlamas mag sich ebensowohl im Körper eines Bauernsohnes wie in dem eines Adelskindes eine neue Wohnung suchen. Durch eine solche Inkarnation kann jeder tibetanische Junge, ob reich oder arm, zum Dalai oder Pantschen Lama aufsteigen. Jede Mutter, die beim Tode eines Großlamas gerade einen Sohn geboren hat, hofft und wünscht, daß ihr Sohn der Auserwählte sein möge. Darum müssen die Lamamönche, die ausgesandt werden, den Nachfolger zu finden, viele Jungen im Babyalter prüfen." "Aber Babies und Drei= oder Vierjährige können doch noch nicht lesen und schreiben", wendet Tom ein, der an seine Mittelschulprüfung denkt. Dorrtsche lächelt. "Die Prüfung des XIV. Dalai Lama ging so vor sich. Nachdem das Staatsorakel, ein weissagender Mann in Lhasa, in dem Wasserspiegel eines Sees das Bild eines Bauernhauses gesehen hatte, gingen die Mönche auf die Suche nach diesem Haus. Am Kukunorsee fanden sie eins, das dem beschriebenen genau glich. Dort wohnte ein Bauer mit vielen Kindern. Darunter war der vierjährige Kundün. Ihn prüften sie, weil seit dem Tode des Dalai gerade vier Jahre vergangen waren. Sie gaben ihm vier Trommeln zum Spielen. Eine davon war die Trommel des verstorbenen Dalai Lama gewesen, die anderen hatte man ihr möglichst genau nachgebildet. Kundün griff sofort nach der geheiligten Trommel und spielte damit. Dann legte man dem Kind vier Handstöcke hin, von denen einer dem Dalai Lama gedient hatte. Kundün wählte keinen der silberglänzenden neuen, sondern den verschrammten, gebrauchten. Als er unter atemloser Spannung der Prüfenden auch noch die dritte Probe bestand und von vier Gebetsketten diejenige erwählte, die von dem verstorbenen Dalai getragen worden war, da hatte Kundün die Prüfung bestanden. Er wurde nach Lhasa in die Potala, die Gottesburg, gebracht und dort von Lamas und Adeligen erzogen. Solange er unmündig war, führte ein Regent die Staatsgeschäfte für ihn. Mit sechzehn Jahren aber übernahm er selbst die Regierung. Zu seinen Freunden und Beratern gehörte auch ein deutscher Forscher, der mehrere Jahre in Lhasa lebte" - " ... und der das Land verließ, als die Truppen Mao Tse=tungs auf Lhasa marschierten", wirft Herr Wu ein. Wenigstens mit einem Ohr hört er immer auf die Gespräche, die Dorrtsche und Tom führen. Unbeirrt fährt Dorrtsche fort: "Der X. Pantschen Lama ist im Kloster Kumbum in der äußersten Nordostecke Tibets erzogen worden. Er hat trotz seiner Jugend schon weite Reisen gemacht. In diesem Frühjahr hat unser Abt ihn in Peking im Kaiserpalast gesehen. Dort saß er bei einem Festmahl zur Rechten von Mao Tse=tung. Der Pantschen wird uns bald auf dieser Straße folgen und nach Lhasa reisen. Er wird nicht nur sein Amt als Abt von Taschilumpo antreten, der Junge ist auch zum Leiter der Regierungsgeschäfte in der Provinz Tsang ernannt worden." Tom geht es wie den Pilgern, die nach dem heiligen Lhasa wallfahren. Je schlimmer die Strapazen der Reise werden, desto heißer wird der Wunsch, in die erhabene Stadt einzuziehen und im Anblick des Potala und unter den segnenden Händen des Dalai Lama alle Anstrengungen zu vergessen. Bis Tschamdo am Mekong geht die Autofahrt glatt vonstatten. Die Autostraße ist sogar noch ein Stück über diesen Ort hinaus fertiggestellt. Dann aber folgen tagelange Ritte im harten Ponysattel. Hitze und Staubstürme bei Tage und grimmige Kälte und eisige Winde am Abend und in der Nacht. Wenn die Reiterkarawane sich lang auseinanderzieht, weil die Tiere nicht ein gleiches Tempo einhalten können, dann drohen Überfälle von Räubern, Wölfen und Leoparden. Die Kunde, daß zwischen Chinesen und Tibetanern fortan Friede und Freundschaft herrschen soll, ist noch nicht bis zu allen Räuberstämmen vorgedrungen. Sie betrachten das Ausplündern der Karawanen reicher Kaufleute überdies als ihr angestammtes Recht. Wenn Toms Reisegesellschaft in einer großen Staubwolke dahinzieht, sehen die Räuber nur den starken Schutz der Soldaten und vermuten reiche Beute. Mehr als einmal kommt es zu mächtigen Feuergefechten. Sogar MG.s haben die Räuber, wohl von entlaufenen tibetanischen Soldaten gekauft. Tom hält sich immer möglichst dicht an Dorrtsche. Seine reichen Erfahrungen auf den Pilgerfahrten von Tibet sind ein besserer Schutz als die Waffen der Eskorte. Einmal kommt ein bewaffneter Räuber ganz nahe an Dorrtsche und Tom heran. Der Lama ruft dem verwegen aussehenden Mann einige Worte zu. Da geschieht etwas, was Tom hell auflachen läßt. Wie eine freche Berliner Range steckt der Räuber ihm seine Zunge aus, ganz tief. Das gilt in Tibet als ein Zeichen höchster Ehrerbietung. Dorrtsche hatte ihm zugerufen, daß Tom als Gast des Dalai Lama reise. Immer sind die Tempel und Klöster am Wege für den Empfang der Reisegesellschaft gerüstet. Sie bekommt das beste Essen, das ärmliche Dörfer oder reiche Klöster aufzubieten vermögen. Oft ist es nur Tsamba und Buttertee. Aber daran gewöhnt sich Tom ebenso schnell wie an das Ungeziefer in den Herbergen. In den meisten Klosterzellen wimmelt es von Wanzen und Läusen. Als die Reisegruppe bei Tschamdo den Mekong und zwei Tage später bei Schapje Sampa den Salwin überquert, hätte Tom am liebsten ein Bad genommen. Aber dafür ist weder Zeit, noch haben seine Mitreisenden Verständnis für einen solchen Wunsch. Das tägliche Waschen von Gesicht und Händen ist in Tibet nicht üblich, es gilt sogar als schädlich. Wenn nicht heiße Quellen besonders dazu einladen, wird ein gründliches Bad nur ein= oder zweimal im Jahre genommen. Statt dessen reiben die Tibetaner ihre Haut täglich mit Jakbutter ein. Das verhindert einen Sonnenbrand und mildert den Eishauch der Stürme. Vor Schopando ist wieder ein Teilstück der neuen Straße fertig, und der Abt und seine Gesellschaft können in einem Jeep in einigen Stunden die Strecke von zwei Tageritten hinter sich bringen. Dann aber geht es wieder in eine Kette von Gipfelriesen hinein, die alle über 6000 Meter hoch und mit ewigem Schnee und Eis bedeckt sind. Das sind die östlichen Ausläufer des Transhimalaja, über den Tom in Sven Hedins Büchern gelesen hat. Jetzt geht der Ritt über Pässe, die mehr als 5000 Meter hoch sind. Tom ist glücklich, daß er sich mit Pelzmantel und Pelzmütze vor dem Eiswind schützen kann. Ohne seine Pelzstiefel würden ihm die Füße in den Steigbügeln erfrieren. Dabei laufen Hirten, Lamas und Pilger in Pelzmänteln barfuß herum. In der warmen Sonne entblößen sie auch die eine oder andere Schulter. "Sie waschen sich in der Sonne", sagt Dorrtsche lächelnd zu Tom. Auf den Hochflächen finden die Hirten für ihre Lagerfeuer keinerlei Holz. Jakdung ist das einzige Brennmaterial. An seinen beißenden Rauch muß Tom sich erst gewöhnen. Sorgfältig trägt er in seine Tibetkarte jeden Morgen das Tagesdatum ein. So weiß er genau, daß er am 18. Tage nach der Fluglandung in Batang ist, als sie bei der Medukongkar den Kjitschufluß erreichen.

 

 

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An diesem Nebenfluß des Brahmaputra liegt die heilige Stadt Lhasa, nur noch zwei Tagesritte weiter nach Südwesten. Die Straße im Flußtal ist mit großen Felssteinen gepflastert. Neben reitenden und wandernden Pilgern gibt es auch viele Büßer, die jeden Kilometer des Weges mit ihrer Körperlänge ausmessen. Ihr Gesicht nach Lhasa gewandt, liegen sie für eine Gebetslänge mit dem Bauch auf der Erde, schreiten dann um eine Körperlänge vor und legen sich wieder hin: ungezählte Male. Jahrelang sind sie so unterwegs. Ihr einziges Gepäck ist ein Beutel mit Tsamba. Mitleidige Pilger geben ihnen Gerstenmehl und Butter als Almosen. Für Tom und seine Freunde ist die Her

berge in Medukongkar die letzte vor Lhasa. Frühmorgens besteigen sie ohne die Soldaten zwei Jakhautboote, die mit der starken Strömung des Flusses in sechs Stunden nach Lhasa hinabtreiben. Stellenweise ist das Flußtal breit, und die Ufer sind sandig. Hier gibt es Gerstenfelder und Bewässerungskanäle unter Pappeln und Weidenbäumen. Oft aber verengt sich das Tal. Die bläulichen Felsen treten unmittelbar an die Ufer des Kjitschu heran und verursachen gefährliche Wirbel und Strudel. Tom muß ganz still sitzen und sich ducken, um den steuernden Bootsmann nicht zu behindern. Auf ruhigerem Wasser singen die Bootsleute.

 

Sie haben wie die meisten Tibetaner ein offenes, fröhliches Wesen. Sie lachen gern. Als Herr Wu beim Einsteigen in das Boot ins Wasser kippte, wäre sein Bootsmann vor Lachen fast selbst hineingefallen. - Von den nahen oder fernen Randbergen des Tales leuchten weiße und rote Mauern und vergoldete Dächer zahlreicher Tempel und Klöster. In den blockförmigen Gebäuden sind oft drei und vier Reihen von Fenstern übereinander. 400 000 Mönche und 5000 Klöster sind über das weite Land Tibet verstreut. Nirgends aber häufen sie sich so wie im Bereiche der Hauptstadt. Um die Mittagsstunde liegt Lhasa vor den Reisenden im Boot. Breit und flach duckt sich die Stadt in die weite pappel=, wiesen= und lotosgrüne Talebene. Wie Kulissen rahmen bläulich=kahle Felsenberge die Mitte des Bildes ein: den Potala, die Burg des Dalai Lama, die sich auf einem Hügel über die Stadt erhebt. Blendend weiße und rote Mauern, zwölf Reihen von Fenstern übereinander. Darüber goldene Dächer unter einem strahlend blauen Himmel! Tom ist hingerissen von diesem Anblick. Dorrtsche und der Abt verneigen sich und murmeln ihr immer wiederkehrendes Gebet: Om mani padme hum. Om mani padne hum! Heil, du Juwel in der Lotosblüte! Die Stadt Lhasa hat keine Mauern. Flachgedeckte Häuserblocks ziehen sich bis an die grünen Ufer des Flusses hin. An der Anlegestelle für die Boote sind unter schattigen Weidenbäumen viele hohe Würdenträger versammelt, um die Ankommenden zu begrüßen, Äbte und Lamas in roten und gelben Gewändern, Chinesen in Ischangs und Uniform. Tiefe, immer wiederholte Verbeugungen zwischen jedem und jedem, aber kein Händedruck von Mann zu Mann. Herr Wu und der andere chinesische Beamte werden in das Haus der chinesischen Gesandtschaft geleitet. In einer Sänfte folgt Tom dem Abt und Dorrtsche in das Kloster der Gelben Lamas. In den engen Straßen drängen sich Tausende von Mönchen und Pilgern. Riesenlange, stimmgewaltige und mit Peitschen bewaffnete Klosterpolizisten schreiten den Sänften voran und bahnen ihnen einen Weg. Immer wieder rufen sie die Titel und Namen der hohen Gäste laut aus.

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Tausende verneigen sich oder gaffen mit geöffneten Mündern den Sänften nach. Tom fühlt, daß ein Weißer in dieser Stadt immer noch eine Seltenheit ist. In den Ladenstraßen des Basars müssen die Polizisten von ihren Peitschen Gebrauch machen; ihre Stimmen reichen nicht aus, das Menschengewimmel zu zerteilen. Mongolen und Nepalesen, Mandschus, Chinesen und Bhutanesen, Türkis aus Kansu und Sinkiang, Lolos aus Südwestchina und Tibetaner aus allen Teilen des Landes drängen sich hier um die Verkaufsstände. Im Kloster wird Tom wieder mit Dorrtsche zusammen untergebracht. Ihre saubere Zelle liegt im dritten Stock des Hauptgebäudes. Die Aussicht vom Fenster geht über die flachen Dächer der Nachbargebäude auf den Potala, der mit über hundert Meter Höhe und einer fast vierfachen Breite riesenhafter ist als irgendein Königspalast in Europa. Tom möchte jauchzen, so glücklich fühlt er sich, daß ihm ein solcher Anblick vergönnt ist. Aber Dorrtsche dämpft seine Freude schon im ersten Augenblick, indem er Tom geheimnisvoll zuflüstert: "Vielleicht müssen wir beide schon in wenigen Tagen den weiten, beschwerlichen Rückweg nach China antreten. Unser Abt hat wichtige Nachrichten an die Gelbmützen in China zu senden." So nutzt Tom jede Stunde, um das Leben in dieser unbekanntesten Hauptstadt der Welt kennenzulernen: die Straßen und die Basars, die Klöster und Mönchsschulen, die Paläste und Gärten tibetanischer Adeliger und die schaurige Leichenzerstückelung auf einem Berghang in der Nähe der Stadt. Die Tibetaner mit ihrem Glauben an eine Seelenwanderung fürchten den Tod nicht und werfen ihre Toten den Aasvögeln zum Fraß vor. Mittelalterlich muten Tom die Waffenübungen der tibetanischen Armee an. Mit Leopardenfellen angetan, mit Pfeil und Bogen oder mit Vorderladern bewaffnet, jagen sie auf ihren schnellen Ponies einzeln oder in Gruppen über den Kampfplatz und schießen nach aufgehängten Zielscheiben.

 

In Begleitung des Pekinger Abtes darf Tom die Höfe und Bauwerke des Potala besichtigen. Ganz unglaublich sind die Mengen von purem Gold, die zum Schmuck der Buddhafiguren, Grabmäler und Dächer verwendet worden sind. Das Grabmal des XII. Dalai Lama, das mehrere Stockwerke aufragt, ist von über tausend Kilogramm Gold bedeckt. Von Dorrtsche erfährt Tom, daß die Tibetaner bisher nur den Goldstaub ihres Landes gesammelt haben. Aus religiösen Gründen lasse man die Goldklumpen in den Flüssen und Seen unberührt liegen! "Aber im Kampf um die Erhaltung unserer Lamakirche werden wir die Goldklumpen doch angreifen", fügt Dorrtsche vielsagend hinzu. An einem durch das Horoskop bestimmten Tag wird Tom mit Dorrtsche zusammen vom jungen Dalai Lama selbst empfangen. Nicht in der Potala, sondern in der Sommerresidenz des Gottkönigs, im Juwelenpark. Dabei müssen sie die Vorschriften tibetanischer Höflichkeit genau beachten. Tom kommt es so vor, als sei die Zahl der Höflichkeitsregeln hier noch größer als in der Lehre des Konfuzius. Vor einer riesigen vergoldeten Buddhastatue sitzt der Dalai Lama mit untergeschlagenen Beinen auf dem Samtkissen des goldenen Thrones in der halbdunklen Thronhalle des Juwelengartens. Er trägt die gelbe Spitzmütze des Tsongkhapa und erteilt mit einem langen goldenen Zepter den Segen für Tausende von Pilgern und Mönchen, die in langer Prozession, tief gebeugt, verzückt oder zitternd, vor seinem Thron vorüberziehen. Ein jeder bringt dem Dalai Lama eine Gabe dar. Dorrtsche hat für Tom einen kostbaren weißen Seidenschal gekauft. Den breitet er nun über die Knie des Heiligen und legt Gerstenbrot und Butter hinein. Der Dalai nickt Tom freundlich zu und legt ihm eine Hand segnend auf das Haar. Auf diese Weise hat der Dalai Lama schon ein paar andere Europäer gesegnet, aber noch nie einen, der so jung war wie er selber. Tom fühlt die warme Hand, er sieht noch einmal in die freundlichen Augen des Gottkönigs, dann wird er weitergeschoben. Ein Thronbeamter legt als Gegengabe des Dalai einen purpurnen Seidenschal um Toms Hals. Gleich am nächsten Tage treten Dorrtsche und Tom die Rückreise nach China an. Der Pekinger Abt, der fast alle Tage zu geheimen Verhandlungen im Potala gewesen ist, schenkt Tom zum Abschied etwas ganz

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Besonderes, das gleichzeitig das Geheimnis der beiden gleichen Amulette enthüllt: eine vergoldete Gießform zur Herstellung jener tönernen Buddhafiguren, über deren Ähnlichkeit Tom sich so sehr wunderte, als er damals in Peking die zweite bekam. Dorrtsche hat auf dem Basar noch einige warme Kleidungsstücke eingekauft. Es ist Herbst geworden. Wenn die Sonne in windgeschützten Tälern auch immer noch warm scheint, so friert es doch in den Nächten, und bei dem Ritt über die hohen Pässe wird es bitterkalt. Sechs Wochen später sind Tom und Dorrtsche wieder auf dem Flugplatz in Tschengtu. Ihre Abschiedsstunde hat geschlagen. Bei dem gemeinsamen Ritt durch das gefahrenreiche, winterliche Osttibet sind enge Freundschaftsbände zwischen ihnen geknüpft worden. Dorrtsche hat Tom alle seine Geheimnisse anvertraut und ihm in der letzten Herberge einen Goldklumpen geschenkt, den Tom gerade in eine Hand einschließen kann. Schon aus Batang hat er ein Telegramm an die Familie Wang nach Schanghai geschickt:

RÜCKKOMME TSCHENGTU IN ETWA 14 TAGEN STOP IST VATER BIRKENFEHDT NOCH IN PEKING STOP ERWARTE ANTWORT FLUGPLATZ TSCHENGTU TOM

Eben hat Tom das Anworttelegramm geöffnet:

VATER IN SCHANGHAI GRÜSSE STOP ERWARTE DICH TSCHUNGKING JANGTSEHOTEL

WANG TSCHIPPING

 

So müssen sich Toms und Dorrtsches Wege nun trennen. Der Lama fliegt nach Peking zurück, und Tom fährt mit dem Fernautobus nach Tschungking und dann mit einem Jangtsedampfer nach Schanghai. Mit Wang zusammen! Also wird die früher geplante gemeinsame Jangtsefahrt doch noch Wirklichkeit. Die achtstündige Autobusfahrt durch den reichsten Teil des roten Beckens vergeht Tom wie im Fluge. Er brennt vor Erwartung. Ob sein Freund wirklich in Tschungking sein wird? Wang muß sofort nach Eintreffen des Telegramms von Schanghai abgefahren sein. Stromaufwärts benötigen die Dampfer 12 bis 14 Tage, um den 2300 Kilometer langen Wasserweg zurückzulegen. Wie der Ritt zurück durch Osttibet steht auch die Flußfahrt unter einem guten Stern. In Tschungking scheint die Sonne, trotzdem nach den Wetterregeln um diese Jahreszeit Nebel und Regen vorherrschen müßten, und Wang ist bereits den Tag vorher angekommen. Er hat die heilgebliebenen Sehenswürdigkeiten der Stadt, die von 1939 bis 1945 Kriegshauptstadt Chinas war und von japanischen Fliegerbomben schwer mitgenommen wurde, schon aufgesucht und kann Tom nun wieder ein Führer sein. Viel Zeit haben sie nicht, gleich am nächsten Morgen soll es weitergehen. Flußabwärts fahren Dampfer nur zweimal wöchentlich, und Tom möchte nicht noch eine halbe Woche warten, bevor er auf dem Dampfer ein gründliches Bad nehmen kann. Das Großartigste an Tschungking ist seine einzigartige Lage. Die "Metropole am oberen Jangtse", die während des Krieges eine Millionenstadt war, liegt auf einer hohen

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Felsenzunge zwischen dem Jangtse und einem seiner größten Nebenflüsse. Je nach der Jahreszeit steigt und fällt der Wasserspiegel um 20 bis 30 Meter. Alljährlich werden vom Hochwasser Hunderte von Holzhäusern, welche die breiten Felsentreppen der Ufer säumen, fortgeschwemmt, aber von den hartnäckigen Chinesen auch immer wieder neu gebaut. Der Handel am Fluß ist die Quelle des Lebens in Tschungking und wird es immer bleiben, wo hingegen die Regierungsviertel auf sicherer Höhe zum Teil verödet daliegen. Es ist gerade 50 Jahre her, seitdem es dem ersten Dampfschiff gelang, den 600 Kilometer langen, an Felsenschluchten | und Stromschnellen reichen Flußabschnitt unterhalb Tschungkings zu durchfahren. Vorher konnten die Waren der Küstengebiete nur in flachen Dschunken nach Szetschuan gebracht werden. Sechzig Treidelkulis waren nötig, um eine große, flache Dschunke stromauf zu ziehen, und die Fahrt durch die Schluchten dauerte etwa 30 Tage. An Felsenvorsprüngen der Ufer sieht man heute noch die tiefen Rillen, welche von den Bambusseilen der getreidelten Dschunken im Laufe von Jahrhunderten in den Sandstein gescheuert wurden. Seit 1904 sind in den Schluchten zwischen Itschang und Tschungking rund 400 Dampfschiffe gestrandet und mehrere Dutzend total verlorengegangen. Der Fluß ist so tief, daß keins der Wracks die Schiffahrt behindert hat. Noch immer ist die Fahrt ein gefährliches und entsprechend teures Abenteuer. Wang hat für seine Rückfahrkarte 250 Dollar bezahlt. Tom kostet die einfache Fahrt abwärts über 100 Dollar. Dafür haben sie aber auch alle Bequemlichkeiten der I. Klasse mit Liegestühlen auf einem besonderen Aussichtsdeck, das noch höher liegt als die Kommandobrücke des Kapitäns. Da das Schiff wegen der gefährlichen Strudel nachts vor Anker geht, entgeht den Jungen kein Abschnitt der Fahrt. Zwei Tage lang liegen sie in ihren Deckstühlen, lassen sich das beste europäische Essen servieren, und Tom erzählt und erzählt. In Itschang steigen sie in einen größeren Flußdampfer um.

Zwei Tage später sind sie in Hankau, dem "Chikago von China". Obgleich diese große Handels= und Industriestadt noch rund tausend Kilometer von der Küste entfernt ist, liegen hier doch schon Ozeandampfer bis zu 10 000 BRT auf dem Strom. Dieser macht in seinem Mittel und Unterlauf zahlreiche große Windungen. An beiden Ufern sind riesige Deiche, über die man zur Zeit des winterlichen Niedrigwassers nicht hinwegschauen kann. Tom und Wang spielen mit dem Kapitän und dem Zahlmeister Mah=Jongg. Der Kapitän behauptet, daß sein Schiff zu Zeiten sommerlicher Überschwemmungen quer über die Deiche gefahren wäre und die Flußschleifen abgeschnitten hätte. Aber Tom weiß nicht, ob das nicht ein Seemannsgarn ist. Er genießt das faule Leben an Bord. Nach den Anstrengungen des Rittes hat er Ruhe nötig. Von Deck gibt es außer Möwen, Dschunken und Dampfern nicht viel zu sehen. Nur zwischen Nanking und Pukau steht Tom vom Mah=Jongg=Tisch auf, und als der Flußdampfer tutend das Schanghaier Elektrizitätswerk passiert, steht er winkend neben Wang an der Reling.

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Ins "Land der Kirschenblüte"

Den Winter hat Tom in Schanghai verbracht. Seinem Vater war es endlich gelungen, nicht nur den Lieferungsauftrag für Nanking zu bekommen, sondern auch einen weiteren für Schanghai. Vater Birkenfeld hat sich einen eigenen Wagen angeschafft, und Tom ist sein Chauffeur gewesen, in Schanghai und in Nanking und auf der neuen Autostraße zwischen beiden Städten. Zu Weihnachten wären sie gerne bei der Mutter in Berlin gewesen. Im Hause Wang gab es keinen Tannenbaum. Das winterliche Fest des chinesischen Volkes - überhaupt seine einzige große Festzeit im ganzen Jahr - ist immer noch das Neujahrsfest. Dieses findet jedoch nicht in den ersten Januartagen unseres Kalenders statt; es wird nach dem chinesischen Mondkalender dann gefeiert, wenn die Natur wieder zu neuem Leben erwacht. Das geschieht auf dem 30. Breitengrad in der Zeit zwischen Ende Januar und Anfang März. Vierzehn Tage lang dauern dann die Festfreuden des ganzen chinesischen Volkes. Kein Reicher und kein Armer arbeitet während dieser Tage. Jung und Alt feiert, ißt, trinkt und macht Freudenlärm. Vierzehn Tage lang hält das knallen der Feuerwerkskörper an, und dabei wird nicht weniger laut geknallt als in Berlin in der Silvesternacht. Mit der Natur ist auch Toms Reiselust neu erwacht. Auf Wunsch seiner Firma soll der Vater im Mai nach Tokio, der Hauptstadt Japans, fahren, und dort die Leitung einer Filiale der Elektrofabrik übernehmen. Wenn er in Tokio eine Familienwohnung findet, will auch die Mutter aus Berlin dahin übersiedeln. Tom möchte nun nach Japan vorausfahren. Der Goldklumpen von Dorrtsche hat ihn zu einem "reichen Mann" gemacht. Nach seinen Erfahrungen in Nanking, Peking und Tibet läßt Vater Birkenfeldt seinen Jungen ohne Bedenken allein fahren. Außerdem hat Herr Birkenfeldt an einen japanischen Freund geschrieben, mit dem er während seiner Studienjahre in Berlin eng verbunden war. Herr Nakamura, oder, wie es japanisch heißt, Nakamura=san, lebt jetzt in Unzen in der Nähe von Nagasaki. Er hat sofort geantwortet, daß er gerne bereit sei, Tom für einige Wochen in sein Haus aufzunehmen. Ende März, an einem warmen Frühlingsmorgen, geht Tom in Schanghai an Bord der "Sakura Maru", um in das Land der Kirschenblüte zu fahren. Schon der Name des Schiffes ist von glücklicher Vorbedeutung für seine Reise. Maru, ein japanisches Wort, das in den

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Namen aller japanischer Handelsschiffe vorkommt, bedeutet nicht nur Schiff. Es hat ebenso wie viele chinesische Wörter mehrere Bedeutungen, z. B. Sonnenball, Vollkommenheit und tapferer Junge. Sakura aber ist der Name für den blühenden Kirschbaum, der seiner Blüten wegen überall in Japan angepflanzt und verehrt wird. Wallfahrten zu den Kirschblütenhainen sind in diesem Land ein Volksfest wie das Neujahrsfest in China, Am Mast der "Sakura Maru" weht der Hino Maru, die Japanische Flagge mit dem roten Sonnenball im weißen Feld. Nach dem grauen Schanghaier Winter scheint die Sonne wieder vom blauen Himmel. Die See ist ruhig. Klein sind die weißen Wogenkämme des grünlichblauen Wasser. Die Zeit der Taifune ist vorbei. "Japan liegt vor den Toren von China", hat Tom einst in der Schule gelernt, aber es dauert immerhin 30 Stunden, bis die "Sakura Maru" mit ihrem 15=Knoten=Tempo das Ostchinesische Meer überquert hat. Erst am Mittag des nächsten Tages taucht die Felsenküste der großen japanischen Südinsel Kiuschiu am östlichen Horizont auf. Der freundlich Englisch sprechende Kapitän macht Tom auf einige Punkte der Küste aufmerksam. "Der höchste Berg, etwas zur rechten Hand, ist der Unzendake, 1360 Meter hoch. An seinem Abhang liegt das Schwefelbad Unzen, wo euer Freund Nakamura wohnt. Der weiße Dunst über dem Berg ist keine Wolke, das sind die Schwefeldämpfe von Unzen. Kiuschiu hat neben Schwefelquellen auch heiße Quellen und tätige Vulkane. Laß dir auf keinen Fall eine Besteigung des immer rauchenden und manchmal auch spuckenden Aso=Vulkanes in Zentral=Kiuschiu entgehen, Von dem bißchen Aschenregen hat ein Junge wie du ebensowenig Angst wie ein Seemann vor einem Taifun."

 

Auf den Spuren eines deutschen Japanforschers

Der Hafen von Nagasaki liegt am Ende einer tiefen Bucht, die durch hohe Berge und vorgelagerte Inseln gegen alle Stürme und Meereswogen geschützt ist. Tom hat sich vorgenommen, in Nagasaki zwei Dingen nachzugehen: den Spuren der amerikanischen Atombombe, die am 9. August 1945 einen großen Teil der Stadt zerstörte und mit der japanischen Kapitulation das Ende des 2. Weltkrieges herbeiführte; dann aber auch den Spuren eines deutschen Mannes, der als einer der ersten das damals noch mittelalterliche Japan bereist und geschildert hat. Engelbert Kämpfer, ein Westfale aus Lemgo, lebte von 1690 bis 1692 in Nagasaki auf der Hafeninsel Deschima und machte von hier aus eine Reise nach Tokio, genau das also, was Tom jetzt vorhat. Aber welcher Unterschied zwischen damals und heute! 1690 war Japan für die Weißen ein verbotenes Land wie es Tibet bis in das 20. Jahrhundert hinein gewesen ist. Rund 200 Jahre lang, von 1637 bis 1854 hatten die Schogune, die damaligen Herren des Landes, jede Berührung der Japaner mit der Außenwelt verboten. Kein fremdes Schiff durfte einen japanischen Hafen anlaufen, und kein japanischer Dschunkenführer bekam die Erlaubnis, nach einem fremden Hafen auszulaufen. Nur in Nagasaki ließen die Schogune eine Ausnahme zu. Hier durfte jedes Jahr ein einziges holländisches Schiff an der Insel Deschima landen, holländisches Tuch, indische Webwaren und Gewürze von den Molukken ausladen und für die Rückreise Gold, Silber und Kupfer, Tee, Lackwaren und Porzellan eintauschen. Als Schiffsarzt auf einem holländischen Ostindienfahrer kam Engelbert Kämpfer nach Nagasaki. Mit der holländischen Gesandtschaft, die dem Schogun alljährlich einen Tribut zu überbringen hatte, durfte er nach Tokio reisen. Dabei hat der deutsche Arzt und Naturforscher das Land und seine Bewohner so gründlich studiert, daß er als erster Europäer ein fast 800 Seiten starkes Reisebuch über Japan schreiben konnte. Die "Sakura Maru" legt an einem Pier in Deschima an. Heute ist die frühere Insel ein Stadtteil von Nagasaki und durch mehrere Brücken mit der übrigen Stadt verbunden. Ganz in der Nähe des Piers findet

 

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Tom in einem kleinen Gedenkpark tatsächlich den Erinnerungsstein für Engelbert Kämpfer. Das Explosionszentrum der Atombombe liegt dreieinhalb Kilometer vom Hafen entfernt in einem Seitental des Urakamiflusses. Pulsendes Leben erfüllt auch diesen Stadtteil wieder. Nagasaki hat seine frühere Einwohnerzahl von 250 000 fast wieder erreicht, obgleich die Atombombe 73 000 Todesopfer forderte und viele Überlebende zunächst das Weite gesucht hatten. Als Bewohner eines oft von Erdbeben heimgesuchten Landes haben die Japaner uralte Erfahrungen darin, zerstörte Städte aus Asche und Trümmern neu erstehen zu lassen. Ihre Häuser werden vornehmlich aus Holz gebaut, fast die Hälfte des bergigen Landes ist mit nutzbarem Wald bedeckt. An der Stelle, wo die Atombombe in einer Höhe von 450 Metern über den Häusern explodierte, steht jetzt ein Denkmal. Daneben sind Läden, in denen Atombombenerinnerungen verkauft werden, vor allem Ziegelsteine, die bei der Explosion verglast sind.

 

Wo kann man bequemer und billiger reisen ?

Eine Stunde, nachdem Tom seinen Fuß zum erstenmal auf japanischen Boden gesetzt hat, ist ihm bereits aufgegangen, daß Japan ein ideales Reiseland ist. Die Japaner sind freundlich und zuvorkommend, viele sprechen Englisch, und die Verkehrsmittel sind zahlreich und modern wie in den meisten westeuropäischen Ländern. Gleich am Pier liegt ein Bahnhof. Dort sind auch Haltestellen für Straßenbahn=, Autobus= und Motorbootlinien. An großen, sauberen Anschlagtafeln sind nicht nur die Fahrpläne und Fahrpreise aufgemalt, sondern auch bunte Landkarten von seltener Übersichtlichkeit. Noch in keinem der vielen Häfen, die Tom auf seiner Weltreise besuchte, hat er solche Reiseerleichterungen gefunden. Von Nagasaki nach Obama, dem Städtchen am Fuße des Uzendake, gibt es nicht weniger als drei Reisemöglichkeiten: mit dem Zug, mit einem Autobus oder mit einem Motorschiff. Die zweistündige Zugfahrt kostet 216 Yen (etwa 2,40 DM), die Autobusfahrt von zweieinhalb Stunden 306 Yen (etwa 3,40 DM) und die dreistündige Fahrt mit dem Motorschiff 540 Yen (rund 6 DM). Tom wählt die Autobusfahrt. Aus der Übersichtskarte ersieht er, daß die Autostraße fast immer an der Küste der Tschijiwabucht entlangläuft. Da gibt es am meisten zu sehen. Die Küstensäume sind die Lebenslinie des japanischen Volkes. Auf den Reisfeldern wächst ihr tägliches "Brot", und das Meer gibt ihnen die Zukost. Fisch ist die wichtigste tierische Nahrung der Japaner, und das "Grünzeug" des Meeres, Seetang und Seealgen, ersetzt vielfach das Gemüse.

 

Ein Kimono ist kein Ischang

In dem Autobus Richtung Obama ist der Platz ganz vorne, neben dem Chauffeur, glücklicherweise noch frei. Mit schneeweißen Handschuhen angetan, steuert der Japaner den alten Fordwagen sicher über die kurven= und tunnelreiche Küstenstraße. Die junge Schaffnerin trägt ein blaues Uniformkleid mit weißem Kragen und auf ihrem pechschwarzen Haar eine rote Kappe. Noch nie ist Tom einer so freundlichen und hilfsbereiten Schaffnerin begegnet. Bei jeder Haltestelle springt sie heraus und hilft den Fahrgästen beim Aus= und Einsteigen. Die meisten Männer, Frauen und Kinder tragen einen Kimono, das japanische Nationalgewand. Es hat keinen Kragen wie der chinesische Ischang, sondern läßt den Hals bis unter die Kehle frei. Die Ärmel der Kimonos sind bei Männern und Frauen viel weiter als die des Ischang. Bei den Frauenkimonos weiten sie sich zu tief herabhängenden Ärmeltaschen, in denen Geldbörse, Fächer und Einkaufstuch verborgen werden können. Taschentücher kennen die Japaner nicht. Sie halten es für sehr unappetitlich, die Aussonderungen der Nase mit sich herumzutragen. Zum Naseputzen gebrauchen sie kleine Stückchen von Seidenpapier, die nach einmaliger Benutzung fortgeworfen werden. Keinen einzigen Knopf gibt es an den Kimonos. Die Männer halten ihn mit einer Art Schal zusammen, der in Hüfthöhe um den Leib gewunden ist. Die Frauen tragen über dem Kimono ein breites Mieder, den sogenannten Obi. Das ist ein farbenprächtiges, etwa vier Meter langes Tuch aus fester Seide, das auf dem Rücken oft zu einer kunstvollen Schleife geformt wird. Obi und Schleife werden von einem weiteren, fingerbreiten Obiband festgehalten. Da der enggeschürzte und bis auf die Enkel herabreichende Frauenkimono die Bewegungen der Beine stark behindert, nahmen die meisten ein= und aussteigenden Frauen die Hilfe der Schaffnerin in Anspruch. Höflich verbeugen sich Fahrgäste und Schaffnerin voreinander. Höflichkeit ist in jedem Falle ein höheres Gebot als Geschwindigkeit. Das gilt auch für die Fahrer. Wenn die Straße für eine Begegnung von zwei Fahrzeugen zu eng ist, steigen beide Fahrer aus und verabreden unter vielen Verbeugungen, welcher Wagen bis zu einer Ausweichstelle zurückfahren soll. An den Füßen tragen die meisten Japaner Getas, Holzsandalen, die mit y=förmigen Bändern an den Füßen festgehalten werden. Da das Band zwischen der großen und zweiten Zehe hindurchläuft, muß auch der japanische "Strumpf" einen Einschnitt haben. Er ist eine Art "Fausthandschuh", meist aus weißem Leinen geschneidert. Auf schmutzigen Straßen gehen Männer, Frauen und Kinder barfuß auf besonderen Regen=Getas, die unterwärts zwei hölzerne Querleisten haben. Im Bus hocken die älteren Männer und Frauen im Schneidersitz auf ihren Plätzen. Die Getas bleiben dabei natürlich auf dem Fußboden. An der Küstenstraße reiht sich ein Reisbauern= und Fischerort an den anderen. Zur Ebbezeit liegen viele Fischerboote auf dem trockenen Strand, auf dem das Meer Haufen mit rötlich=braunem Tang angeschwemmt hat. Netze und Wäsche sind dort zum Trocknen aufgehängt. Die hölzernen, mit Ziegeln oder Blech gedeckten Häuser sind oft zweistöckig. Über die Dächer hinaus ragen sturmzerzauste Kiefern und - weniger schön - die hohen Masten der Telefon= und Lichtleitungen. Jedes Dorf und jedes Haus hat Anschluß an ein Elektrizitätswerk. "Wieviel anders als in China", denkt Tom, "in China müßte Vater noch Hunderte von Turbinen verkaufen, bevor alle chinesischen Bauern und Fischer elektrisches Licht haben können." Japan mit seinen vielen Bergen und Wasserfällen ist das einzige Land Asiens, das elektrischen Strom auch in die kleinste Bauernhütte liefert. Den Bauern und Fischern scheint es nicht schlecht zu gehen. Vor jedem größeren Ort steigen zahlreiche Landleute ein, um in die Stadt zu fahren. Aus jedem Städtchen fahren sie hinaus aufs Dorf zurück. Die Märzsonne ist schon so warm, daß einige Frauen ihre bunten Fächer entfaltet haben.

 

Das Wunder der Kirschblüte

Wie ein Ort an der Riviera liegt das Fischerstädchen Tschijiwa am Südhang einer Bergkette, die jeden kalten Nordwind abhält. Hier erlebte Tom zum erstenmal das Wunder der japanischen Kirschblüte. Seewärts, unter alten, dunklen Kiefern und vor einem blendenden

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Strandstreifen leuchten weiße Fischersegel auf dem dunkelblauen Meer. Landwärts aber ist ein Meer von blaßroten Blüten. Über alle Gärten und Hänge flutet die rosa Pracht. Noch hat das Grün der Blätter sich nicht entfaltet, fahl sind die Berghänge, aber die Zweige der Sakura strotzen vor üppigen Blüten. Alle Gesichter der Mitreisenden sind von einem Glanz erfüllt. Sie nicken Tom freundlich zu: "Kannst du, fremder Jüngling, auch dieses Wunder begreifen?" Jung und alt verneigen sich vor der Blütenpracht, und Tom tut ein gleiches. In Obama liegt über dem Blütenmeer und den geschwungenen Dächern eines mächtigen Tempels der Dunst, der von heißen Quellen aufsteigt. An der großen Autobusstation warten Hunderte von Menschen in hellen Badekimonos auf eine Rückfahrgelegenheit. "Ende Station", sagt die freundliche Schaffnerin in gebrochenem Englisch zu Tom, der als einziger noch auf seinem Platz sitzt. Sie reicht Tom eine Hand, um auch ihm aus dem Bus zu helfen. Tom verneigt sich, so schnell hat auch er das Gebaren japanischer Höflichkeit gelernt. "Du mußt umsteigen", sagt sie in ihrem stockenden Englisch und deutet auf einen anderen, zur Abfahrt bereitstehenden Omnibus. "Bist du Tom Birkenfeldt?", ruft plötzlich eine Männerstimme dazwischen. Ein europäisch gekleideter Herr steht vor Tom. "Ich bin Nakamura=san, der Freund deines Vaters. Die fürsorgliche japanische Polizei hat schon heute morgen aus Nagasaki bei mir angerufen und deine Ankunft angekündigt. Willkommen! Wir fahren zusammen nach Unzen hinauf." Herr Nakamura schüttelt Tom die Hand. Dieser bedankt sich mit tiefen Verbeugungen. Eine so aufmerksame Polizei hat er bisher in keinem Lande kennengelernt. Von der Bergstraße zeigt Nakamura=san noch einmal zurück auf das Blütenmeer von Obama. "Eine bessere Zeit hättest du, Tom, dir für deine Ankunft nicht aussuchen können. In diesen Tagen der Kirschblüte wird jeder Japaner ein Dichter. Auch unser Kaiser Hirohito hat gestern ein Gedicht auf die Kirschblüte gemacht. Es stand heute morgen in allen japanischen Zeitungen, und ich habe es dir zu Ehren übersetzt, so gut ich kann.

"Seh ich in der Ferne unten auf der Erde Wolken ziehn? Blütenwolken sind's des Kirschbaums, zwischen Kiefern dort sie blühn."

Ein richtiges japanisches Tanka oder Kurzgedicht ist ohne Reim; es muß genau 31 Silben haben. In meiner Übersetzung sind es nur 30, sonst kam es mit dem deutschen Rhythmus und Reim nicht aus. Auf einer breiten, hervorragend geplanten und gut unterhaltenen Bergstraße geht es in 40 Minuten auf 800 Meter Höhe hinauf, durch Reisfelder und dichte Kiefernwälder. Nach Osten zu ist über der inselreichen Schimabarabucht für einen Augenblick die 180 km entfernte Rauchfahne des Aso=Vulkans zu sehen. Noch ein dunkler Kiefernwald, dann liegt Unzen, das Schwefelbad, vor ihnen: hölzerne Familienhäuschen mit Blechdächern, mehrstöckige in Holz und Stein gebaute Hotels, Badehäuser, Tempel. Vor dem Hintergrund noch kahler, höherer Berge steigen wohl ein Dutzend weißer Rauchfahnen von den Schwefelquellen auf. Tom schaut aus seine Armbanduhr und kriegt einen Schreck. Der Silberrand der Uhr ist ganz schwarz geworden. "Die Schwefelluft macht das Silber schwarz", lächelt

 

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Nakamura=san. "Das ist ein kleines Übel unseres wohltätigen Bades. Das Silber kann unten wieder blankgeputzt werden, aber die Rheumaschmerzen, die wir hier kurieren, kehren nicht wieder." Von der Busstation haben sie nur einen kurzen Weg zu Herrn Nakamuras Haus. Es ist mitsamt dem dazugehörigen Garten von einem übermannshohen Holzzaun umgeben; er hat nie einen Farbanstrich getragen, man sieht deutlich die Maserung der sonnengebleichten Kiefernbretter. Das Haus dahinter ist nicht viel höher als der Zaun; sein flaches Dach ragt nach allen Seiten weit über die hölzernen Wände hinaus. Ein paar Schritte durch den mit sauberen Felssteinen und bizarren Zwergtannen geschmückten Vorgarten, dann stehen sie vor der Haustür, die ebenso wie das Gartentor weder Schloß noch Griff hat. Nakamura=san klatscht in die Hände, dann wird die Schiebetür zur Seite geschoben. Das Hausmädchen hat geöffnet. Frau Nakamura kniet im Vorraum des Hauses vor einer weiteren Schiebetür auf einer kniehohen, glänzend polierten Stufe und verbeugt sich vor ihrem Mann und seinem Gast. Die Herren verbeugen sich gleichfalls. Hände werden nicht geschüttelt. Vor der hölzernen Stufe ist der Vorraum betoniert, hier stehen wohl ein Dutzend Paare Getas und Schuhe. Die Magd, die beim Türöffnen in ihre Getas geschlüpft war, stellt diese wieder zu den übrigen Paaren und kniet, sich verbeugend, nun neben der Hausfrau. "Mein lieber Tom!" sagt Nakamura=san, "ich will dich gleich richtig in die Sitten eines japanischen Hauses einführen. Bis auf wenige Mietskasernen in den Großstädten sind alle japanischen Wohnungen fast gleicherweise eingerichtet, und was du hier lernst, wird dir in ganz Japan von Nutzen sein. - Stell, bitte, deinen Koffer auf den Steinfußboden, bis das Mädchen ihn vom Reisestaub gereinigt hat. Dann setze dich wie ich auf die Stufe und zieh deine Schuhe aus. Die erhöhte Stufe und die Mattenfußböden des Hauses dürfen unter keinen Umständen mit Straßenschuhen betreten werden. So! Und nun komm herein!" Die Magd schiebt die innere Schiebetür wieder zu, und Tom befindet sich mit dem Ehepaar in einem großen, das ganze restliche Haus einnehmenden Raum, der auf zwei Seiten von feingegliedertem Holzgitterwerk umgeben ist. Der glänzend saubere Fußboden ist in gleich große, etwa zwei Quadratmeter messende Mattenrechtecke aufgeteilt. Die wohl drei Meter hohe, ungestrichene Holzdecke besteht aus spiegelglatt gehobelten, schöngemaserten Brettern. Außer einem nur fünfzig Zentimeter hohen Tisch befindet sich kein einziges Möbelstück in diesem Raum. Durch das Seidenpapier, welches über das Holzgitterwerk der Außenwände geklebt ist, fallen die letzten Sonnenstrahlen ein. Rundum ist Garten: Kiefern rauschen, und ein Brunnen plätschert. Durch die auch verschiebbaren Außenwände kann man auf die Veranda und in den Garten hinuntergehen. Auch dort stehen Gartengetas auf den Stufen bereit. Der große Innenraum läßt sich durch Schiebetüren in vier Zimmer unterteilen. Leicht und fast geräuschlos geht das vor sich. Als Tom und der Hausherr von der Veranda zurückkehren, sind bereits zwei Zimmer abgeteilt. Für jeden Herrn liegt ein Hauskimono zum Umkleiden bereit. "Mach dich für das Bad fertig", bittet Nakamura=san, "die heißen Qellen Unzens versorgen uns zu jeder Tages= und Nachtzeit kostenlos mit heißem Badewasser." Im Kimono gehen sie in den Baderaum, der sich ebenso wie die Küche in einem Nebengebäude befindet. In dem gekachelten Becken hätten wohl zehn Männer Platz. "Erst säubern, dann einsteigen!" sagt Nakamura=san. Holzkübel, Seife und Bürsten stehen zum Abschrubben bereit. "Jede japanische Familie hat eine Badegelegenheit, und sei es nur ein großer Holzkübel. - Vorsicht beim Einsteigen! Das Wasser hat eine Temperatur von ungefähr 40 Grad!" Tom hätte seine Füße auch ohne Warnung wieder zurückgezogen. So weit er im Wasser war, läuft die Haut krebsrot an. Ganz langsam muß sich der Körper an solche Hitze gewöhnen. Toms Herz klopft gewaltig. Eine Minute ist für das erstemal genug. Nakamura=san bleibt wohl zehn Minuten im Becken und gießt sich hinterher viele Kübel eiskalten Wassers über den Körper. Als Tom in das für ihn bereitete Zimmer zurückkehrt, ist sein Bett schon gemacht. Unmittelbar auf dem Mattenboden liegt eine Steppdecke als Lager, eine zweite ist zum Zudecken darübergebreitet. Das Mädchen bittet Tom zum Abendessen. Herr und Frau Nakamura sitzen schon mit untergeschlagenen Beinen auf dem Fußboden am niedrigen Eßtisch. Als guter Turner kann auch Tom so sitzen, aber bald schmerzen seine Knie dabei. Nakamura=san schiebt ihm ein dickes Kissen unter. Auf dem schwarzen Lackholztisch steht vor jedem Esser ein schwarzes Lackholztablett mit je sieben gefüllten Schüsseln und einer Teetasse. Neue hölzerne Eßstäbchen und ein Porzellanlöffel liegen daneben. "Das Essen mit den Stäbchen hast du in China gelernt, aber an unsere andersartigen Gerichte wirst du dich erst gewöhnen müssen. Guten Appetit! Zuerst kommt die Suppe in der Lackholzschüssel." Die Suppe ist so klar, daß die elektrische Zimmerlampe sich in dem Lackboden der vollen Schale spiegelt. Nur ein kleines grünes Blatt und ein Fettauge schwimmen oben darauf. Die Flüssigkeit hat fast keinen Geschmack, aber sie erfrischt merkbar. In den sechs Porzellanschalen sind je drei Bissen roher Fisch, gekochter Fisch, gebratener Fisch, rohes Rettichgemüse, Eierkuchen und Reis. Tom ißt wie der Hausherr alle Schüsseln leer, jedoch bereitet ihm der rohe Fisch einige Schwierigkeiten. Er ist froh, daß er sich mit einem Schälchen Sakeh (Reiswein), das der Hausherr ihm anbietet, den Geschmack von der Zunge spülen kann. Nach dem Essen erzählt Tom stundenlang von seinen Eltern, von Berlin und seinen Reisen. Nakamura=san wird nicht müde, zuzuhören und immer neue Fragen zu stellen. Seine Frau, die keine fremde Sprache versteht, hört bis zum Ende geduldig zu. Nur hin und wieder verdolmetscht Nakamura=san ihr einen Satz. - "O=hayo, Tomsan!" (Guten Morgen, Herr Tom!"). Sumiko=san, die Magd steht vor seinem Lager und zeigt auf ihre Armbanduhr. Es ist schon nach zehn! Hurtig springt Tom auf und läuft im Schlafkimono in das Badehaus zum Waschen. Wunderbar hat er geschlafen in dieser kühlen Höhenluft. In den Gärten von Unzen ist noch keine Blüte aufgesprungen. Herr Nakamura hat das Haus schon um sieben Uhr früh verlassen. Vor dem Dienst pflegt er eine Runde Golf zu spielen. Für Tom hat er eine Mitteilung hinterlassen, er möge sich heute in Unzen umsehen, bei den Schwefelquellen, im Zen=Tempel und in der Schule. Herr Tanaka, der Rektor, sei bereit, Tom beim Unterricht zuhören zu lassen. In der Sportstunde könne er auch selbst mitmachen. Frau Nakamura ist auf den Markt einkaufen gegangen. Toms Frühstück steht auf dem Lackholztisch: Reis, Sojatunke, Sojamehlsuppe und eine eingemachte Pflaume. Diese ist so sauer, daß Tom beim Essen das Gesicht verzieht. Aber die Magd sagt "Yoroschi!" ("Gut!") und klopft dabei auf ihren Leib. Tom versteht richtig, daß die sauer eingemachte Pflaume gut für die Verdauung ist.

 

Aso - größter Vulkankrater der Erde

Zum Wochenende macht Tom mit dem Ehepaar Nakamura und ihrer einzigen Tochter Sumiko einen Ausflug zum Aso=Vulkan.

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Sumiko besucht in Kumamoto, der größten Stadt auf der Südinsel Kiuschiu, eine Heimschule. Früh um sechs Uhr ist der Autobus nach Schimabara, der Hafenstadt an der Ostseite der Unzenhalbinsel, schon vollbesetzt. Bis auf wenige Männer tragen alle Fahrgäste einen Festtagskimono. Auf unerhört steiler und kurvenreicher Straße geht es in einstündiger Fahrt zum Hafen hinab. Auch hier stehen die Kirschbäume in voller Blüte. Zwischen zahlreichen, kiefernbewachsenen Felseninseln der Bucht leuchten unzählige weiße Segel von Fischerfahrzeugen auf. Welch ein liebliches und friedliches Bild! Und doch ist es erst 160 Jahre her, daß sich hier eine furchtbare Erdbebenkatastrophe ereignete. 1792 versackte ein Teil eines Berges in der Tiefe, der Hafen Misumi bildete sich, und die vielen kleinen Inseln tauchten aus dem Meer auf. Der schmucke kleine Dampfer, der sie in eineinhalbstündiger Fahrt über die Bucht nach Misumi bringen soll, ist beängstigend voll von Ausflüglern. Ganze Familien - und das heißt in Japan bis zu zehn Köpfe -, ganze dörfliche und städtische Wohngemeinschaften sind auf der Reise, um irgendwo eine besonders schöne Kirschblütenschau zu erleben. In Misumi ragt aus der Kirschblütenpracht ein hohes Schloß auf. Es wurde im 16. Jahrhundert von dem christlichen japanischen General Yukinaga erbaut. Yukinaga drang 1592 im ersten koreanischen Feldzug der Japaner bis nach Keijo vor, der Stadt, die heute unter dem Namen Seoul in der ganzen Welt bekannt ist. Für eine Besichtigung des Schlosses ist heute keine Zeit. Auf dem Bahnhof steht der Zug bereit, der sie in weiteren zweieinhalb Stunden Fahrt über Kumamoto an den Fluß des Aso bringt. Auch Kumamoto, die Großstadt, wird von den Resten einer mittelalterlichen Burg überragt. Sie wurde in den Kämpfen zwischen Kaiser= und Schogunatsanhängern 1877 teilweise zerstört. Bei dem Gedränge auf dem Bahnhof haben die Nakamuras einige Mühe, ihre Tochter Sumiko zu finden. Sie hat sich Tom zu Ehren ein Kleid nach europäischer Art angezogen. Sumiko=san ist ein fröhliches Mädchen mit zwei langen schwarzen Zöpfen. Sie spricht gut Englisch. Tom versteht sich mit ihr von Anfang an ebensogut wie mit Wang. Lachend erzählt sie von harmlosen "Dummheiten", wie sie Mädchen im Pensionat zu machen pflegen. Sie weiß aber auch über ihr Land und seine Geschichte gut Bescheid.

 

Am Bahnhof von Botschu füllen sich vier große, stromlinienförmige Autobusse mit Ausflüglern, die alle die Rundfahrt zum Aso=Vulkan machen wollen. Neben Tom sind zwei junge amerikanische Soldaten die einzigen Nicht=Japaner. Der 1592 Meter hohe Aso=san soll von allen Vulkankratern der Welt den größten Umfang haben. Das gilt nicht für den gegenwärtig tätigen Nakadakekrater, sondern für ein urzeitliches Kraterloch von138 Kilometer Umfang, in dem die Lavamassen vor Jahrtausenden eine große Ebene bildeten. Auf dieser liegen heute drei Städte und elf Dörfer mit 70 000 Einwohnern. Mitten auf der Ebene haben sich fünf jüngere Vulkangipfel gebildet, von denen der Nakadake bis heute tätig ist. Seine Rauchwolke steht wie der "Pilz" einer Atomexplosion vor ihnen. Schon rieselt Asche durch das geöffnete Dach des Autobusses auf ihre Köpfe. Die Frauen spannen ihre Regenschirme aus Ölpapier auf, um ihr Haar zu schützen. Bis auf zwei Kilometer fahren die Autobusse an den Kraterand heran. Dort steht neben einem Opferschrein ein aus Steinen erbautes Rasthaus. Die meisten Besucher gehen zu Fuß so weit an den Kraterrand heran, wie ihr Mut es zuläßt. Dann kehren sie mit den Bussen nach der Bahnstation zurück. Herr Nakamura hat einen anderen Plan: Er will mit Tom einen günstigen

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Augenblick abwarten, um bis an den Rand des Kraters vorzudringen. Dann wollen sie in dem Rasthaus die Nacht verbringen, um auch einen nächtlichen Ausbruch mitzuerleben. Bei einer Tasse Tee beobachten sie mehrere Stunden den "Atem" des Vulkans. Alle halbe Stunde erhebt sich ein gewaltiges unterirdisches Donnern und Brodeln, einige Zeit darauf pufft eine dunkle Wolke empor, die mit blendend weißem Wasserdampf und giftig gelben Schwefeldämpfen vermischt ist. Etwa dreißig Sekunden später setzt dann der Aschenregen ein. Bald wissen sie, wie sie ihre Zeit einteilen müssen, um in "Atempause" bis an den Rand vorzudringen. Auch Sumiko=san, die sich ein Tuch um den Kopf gewickelt hat, schließt sich den Männern an. Der rissige Lavaboden nimmt das Schuhzeug arg mit. Er scheint unter ihren Füßen zu beben. Sumiko=san bleibt zehn Meter vom Rand entfernt zurück. Die Männer aber gehen bis hart an die Abbruchkante vor und blicken hinab in die brodelnde Tiefe. Seitwärts sind viele Schichten ausgebrannter Lavamassen zu erkennen, helle und dunklere, rötliche und schwärzliche. Unheimlich ist die augenblickliche Stille, fürchterlich die Hitze. Der Schwefeldampf beißt in die Nase und verschlägt Tom fast den Atem. Bei einem plötzlichen heftigen Grollen geht er unwillkürlich einen Schritt zurück. Später wagt er es, auch bei einem Auspuff unmittelbar am Rand stehenzubleiben. Dabei kann er weder Herrn Nakamura noch Sumiko=san sehen. - Überwältigend ist der Anblick eines Ausbruches bei Nacht. Die feurigen Gluten in der Tiefe lassen die Dampfwolke hell aufleuchten; der Widerschein der Wolke aber erhellt das riesige Gestein am Kraterrand. - Trotz des immer wiederkehrenden donnerartigen Grollens und Aufblitzens und ungeachtet des Aschenregens auf dem Blechdach des Rasthauses sind die Nakamuras und Tom frisch und ausgeschlafen, als sie vor Tagesanbruch geweckt werden, um das Schauspiel eines Sonnenaufganges zu erleben. Wie der rote Ball in der japanischen Flagge erhebt sich die Sonne aus dem weißen Nebelmeer. Nach zweistündiger Wanderung bergab sind sie zum Frühstück in Toschita, einem einzigartigen Badeort am westlichen Fuß des Aso-Massivs. Unter dem rauschenden Bambusdickicht eines Berghanges plätschert ein kühler Wasserfall in ein großes Freischwimmbecken, das jahraus, jahrein mit dem Wasser heißer Quellen gefüllt ist. Sogar eine Wasserrutschbahn gibt es in dem Becken. Bald nach Mittag müssen sie aufbrechen - leider! - der weite Weg zurück nach Unzen mit Eisenbahn, Schiff und Autobus läßt sich sonst bis zum Abend nicht mehr schaffen. Herr Nakamura muß morgen früh wieder im Dienst, Sumiko=san in Kumamoto in der Schule sein. Auch von ihr trennt Tom sich ungern. Sie war ihm ein guter Kamerad. - Zwei Wochen später kommt sie zum Wochenende nach Hause. Nun ist Tom kein Fremder mehr in Unzen und seiner Umgebung. Er hat die Hochzeit der Kirschblüte auf den malerischen Amakusa=Inseln erlebt und eine Fahrt nach dem Kirischima=Berg in Südkuischiu gemacht. Die Kraterlöcher dieses erloschenen Vulkans und ihre kahle Umgebung kommen ihm wie eine Nordlandschaft vor. In ihrer Nähe ist der Geburtsplatz des Jimmu=Tenno, des ersten japanischen Kaisers, den das Volk als Urenkel der Sonnengöttin Amateratsu verehrt. Von ihr überkamen ihm Spiegel, Schwert und Juwelen als die drei Kleinodien des Reiches, die sich bis heute auf die Nachfolger vererbt haben. Jimmu=Tenno bestieg im Jahre 660 v. Chr. den Thron; der gegenwärtige Kaiser Hirohito gilt als sein 124. direkter Nachkomme. Im Jahre 1940 feierten die Japaner die 26oojährige Wiederkehr ihrer Reichsgründüng. Dabei wurde Hirohito noch als Gott=Kaiser verehrt. Nach der Niederlage Japans 1945 aber erklärte Hirohito in einer Rundfunkanspräche an das japanische Volk, daß er seiner Göttlichkeit entsage. Das Volk möge den Kaiser fortan als einen Menschen seinesgleichen ansehen und nicht mit abgewendetem Blick in tiefer Verbeugung verharren, wenn der Kaiser durch die Straßen fahre oder reite. Am Schrein des Jimmu=Tenno in Kirischima aber verbeugen sich die Japaner auch heute noch in der Verehrung eines Gottes. Nach dieser Reise drängt es Tom, nach Tokio zu kommen, um dort den Kaiserpalast und, wenn möglich, den entgotteten Kaiser selbst zu sehen. Bald danach ist ein Brief von seinem Vater aus Tokio da. Vater Birkenfeldt hat seine neue Stellung als Leiter der Elektrofirma angetreten und auch eine Familienwohnung gefunden. Die Mutter ist schon an Bord eines Dampfers nach Japan. Ende Mai wird die ganze Familie in einem Haus in Schibuya, einem Vorort von Tokio, vereinigt sein. Nach der Beschreibung des Vaters muß das Haus dem Nakamuroschen in Unzen recht ähnlich sein. Zwei Tage später fährt Tom nach Unzen ab. Der Expreßzug legt heute in 29 Stunden die Strecke von Nagasaki nach Tokio zurück, für die Engelbert Kämpfer 1691 zu Pferde, mit der Sänfte und im Schiff genau einen Monat gebrauchte. Tom hat eine Schulausgabe von Kämpfers Reiseabenteuern in der Tasche; er hat sie mehrmals mit großem Interesse gelesen. Wie anders aber sieht das moderne Japan aus. In Nord=Kiuschiu fährt Tom fast eine Stunde lang durch das japanische "Ruhrgebiet": Zechen, Hochöfen, Eisen=, Stahl= und Walzwerke. Die vier Kilometer breite Wasserstraße zwischen Kiuschiu und der Hauptinsel Hondo, die Straße von Schimonoseki, ist seit einigen Jahren untertunnelt. Reisende von Nagasaki nach Tokio können die über 1300 km lange Strecke durchfahren, ohne auf eine Fähre umzusteigen. Zwischen Schimonoseki und dem großen, durch Bomben schwer mitgenommenen Hafen Kobe folgt die Bahnlinie meist am Südufer von Hondo. Herrlich sind die Ausblicke auf die Inselwelt der Inlandsee. Immer wieder geht die Fahrt durch Tunnels. Bei Mijajima steht ein großer rotlackierter Torbogen (Tori) im Wasser. Hiroschima ist wie Nagasaki schon weitgehend wiederaufgebaut. In den Millionenstädten Osaka und Nagoja ragen Wolkenkratzer und mittelalterliche Burgen über die im ganzen flach gebauten Städte hinaus. Hinter Nagoja zwingt der Bergriegel der japanischen Alpen die Bahnlinie scharf an das Südufer von Hondo. Hier verliert sich der Blick nach Süden auf die unendliche Weite des Großen Ozeans. Der schneebedeckte Gipfel des Fudschijama, des höchsten und heiligsten Berges Japans, taucht schon auf, als der Zug noch hundert Kilometer von seinem Fuß entfernt ist. Der Fudschi hat sich seit Kämpfers Zeiten nicht verändert. " ... 3800 Meter erhebt sich sein Gipfel. Die um ihn liegenden Gebirge scheinen nur niedrige Hügel zu sein. Seine Hänge steigen so gleichmäßig an, daß man ihn für den schönsten Berg der Welt ausgeben kann, obwohl er ohne Pflanzendecke und die meiste Zeit des Jahres fast völlig mit einem weißen Schneemantel bedeckt ist. Die Sommerhitze nimmt zwar vieles von dem Schnee hinweg, aber die oberste Spitze bleibt beständig weiß." Nachdem der acht Kilometer lange Tannatunnel und fünfzehn weitere kleine Tunnels durchfahren sind, tritt die Bahn bei Odawara in die einzige größere japanische Ebene ein. An der Bucht von Tokio liegen Japans wichtigster

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Hafen Jokohama - und fast damit zusammengewachsen - die Reichshauptstadt Tokio. Der Hauptbahnhof der Sechsmillionenstadt ist einer der verkehrsreichsten Punkte der Welt, Hier läuft zu jeder Minute des Tages mindestens ein Zug ein oder aus. Auf dem Bahnsteig hat Tom seinen Vater schon erkannt, bevor der Zug hält. Sie sind froh, wieder vereint zu sein und bald auch die Mutter bei sich zu haben. Bevor sie mit der elektrischen Vorortbahn nach Schibuya weiterfahren, werfen sie einen kurzen Blick auf den Platz vor dem Hauptbahnhof. Hier liegen das Geschäftszentrum Marano=utschi und der weite Park des kaiserlichen Palastes unmittelbar nebeneinander. Achtstöckige Betonblocks der Banken, Hotels, Verkehrsunternehmungen und Besatzungsmacht überragen den von Gräbern und Mauern eingehegten einstöckigen Kaiserpalast im altjapanischen Stil. Das Gebiet von Tokio, welches man auch die Stadt der hundert Dörfer genannt hat, zieht sich über eine Fläche hin, die fast dreimal so groß ist wie die von Berlin. Die neue Wohnung der Birkenfeldts in Schibuya liegt ungefähr sechs Kilometer vom Zentrum entfernt am südwestlichen Rande der Stadt. - Wochen vergehen, bis Vater Birkenfeldt mit Toms tatkräftiger Hilfe die Wohnung so eingerichtet hat, daß auch die Mutter sich darin wohl fühlen wird. Vielleicht ist ihr der Sommer in Tokio zu heiß und feucht. Dann mag sie, wie viele andere europäische Einwohner Tokios, in die kühlere Bergwelt von Karuizawa übersiedeln. Tom ist nach seinen Reisen in China an das feuchtheiße Klima gewöhnt. Noch vor der Ankunft der Mutter wird ihm eine Stellung angeboten, wie er sie sich besser nicht hätte träumen können. Ohne Zögern nimmt er sie an. Als Reporter einer namhaften europäischen Nachrichtenagentur kann er an allen wichtigen Begebenheiten der Weltstadt teilnehmen. Das erste ganz große Ereignis seiner Reporterlaufbahn ist die Feier zur Mündigkeitserklärung des achtzehnjährigen japanischen Kronprinzen Akihito und seine feierliche Investitur (Einsegnung) als Thronfolger. Sei 2600 Jahren haben solche Feiern immer nur im engsten Rahmen der kaiserlichen Familie stattgefunden, nur die allerhöchsten Hof= und Regierungsbeamten durften daran teilnehmen. Nun sind erstmalig 322 Gäste zu der feierlichen Zeremonie in den Kaiserpalast eingeladen: japanische Regierungs= und Volksvertreter, fremde Diplomaten und Männer der in= und ausländischen Presse. Einer von ihnen ist Tom. Der mit ihm im gleichen Alter stehende Prinz Akihito wurde im Kaiserpalast in der Nähe des Hauptbahnhofes geboren, aber nach alt japanischer Sitte schon nach seinem 3. Geburtstag von seinen Eltern getrennt und in einem eigenen Palast erzogen. Zu seinem Hofstaat im Prinzenpalast in Schibuya gehörten ein Oberhofmeister, vier Hofmeister, drei Ärzte, drei Leibdiener, elf Mann Leibwache und eine Anzahl von Haus= und Küchenangestellten. Nur einmal jede Woche durfte er seine Eltern im Kaiserpalast besuchen und mit seinem jüngeren Bruder, Prinz Joschi, und seinen Schwestern spielen. Abgesehen von den Hausmädchen gab es in seinem Hofstaat kein weibliches Wesen; keine Frau hatte Einfluß auf seine Erziehung. Alle seine Privatlehrer waren Männer. Der Umsturz in Japan 1945 brachte auch eine Veränderung in sein einsames Leben. Amerikanische Erzieherinnen übernahmen seine Ausbildung in der englischen Sprache, und an je drei Tagen der Woche nimmt er seitdem am Unterricht in einer Abendschule in Tokio teil. In dieser Heimschule teilt er den Schlafraum mit sechzehn anderen Schülern. Er darf sich seine eigenen Freunde wählen und mit ihnen seine Freizeit verbringen. Seine Lieblingsbeschäftigungen sind Reiten, Tennis= und Pingpongspielen, Schwimmen und Schilaufen. Als er zu der Feier der Mündigkeitserklärung vom Prinzenpalast in Schibuya in den Kaiserpalast fährt, in einer schwarzlackierten, mit der goldenen Chrysantheme geschmückten Staatsdroschke, stehen die Einwohner in zehn bis fünfzehn Reihen hintereinander an den Straßen und jubeln ihm lachend und winkend zu. Im Thronsaal, in dem die festlich gekleideten Gäste Aufstellung genommen haben, erscheint zunächst Prinz Akihito in seinem prinzlichen Knabengewand mit der Knabenkrone auf dem Haupt und nimmt auf einem goldgeschmückten Schwarzlackstuhle Platz. Dann treten Kaiser Hirohito und Kaiserin Nagako in ihren Jahrhunderte alten Zeremonialgewändern ein.

Der Kaiser nimmt die Knabenkrone von Akihitos Haupt und setzt ihm die Krone des manngewordenen Prinzen auf. Darauf zieht Akihito sich einige Minuten in einem Umkleideraum zurück und nimmt in den Gewändern eines erwachsenen Prinzen wieder auf dem Stuhle Platz. In das weite Seidengewand, das tief herabhängende Kimonoärmel hat, sind goldene Chrysanthemen eingewebt. Die "Krone" ist eine schwarzseidene Kappe mit einem weit nach hinten gebogenen steifen Seidenbandkamm", die von einem "Kinnband", einer weißen Seidenschnur, gehalten wird. Nun tritt der Kaiser von neuem vor den Kronprinzen hin und überreicht ihm das Schwert des Kronprinzen, das ihn zum Projektor (Beschützer) des Reiches macht. Damit ist er feierlich zum Thronfolger des Reiches bestimmt. Als solcher zeigt er sich auf dem flachen Dach des Palastes dem Volk, das gegen alle Jahrhunderte alte Regeln der Zeremonie in den Palastgarten eingedrungen ist, um ihm zu huldigen. Nicht nur die Einwohner Tokios, das ganze japanische Volk wartet jetzt auf das nächste wichtige Ereignis in Akihitos Leben, seine Vermählung. Wird der Hofrat ihm nach alter Sitte eine Frau bestimmen oder wird er sie sich selbst erwählen? Tom ist der Meinung, Akihito solle sich seine Frau selbst erwählen. Er denkt an die chinesischen Studenten und an ihren Streit um die Lehre des Konfuzius. In wenigen Tagen wird Tom mit Vater und Mutter zusammen wieder in einem Haus wohnen. Er ist glücklich darüber. Denn seine Eltern haben ihm vertrauensvoll immer seine Freiheit gelassen. Und er glaubt, er hat die Freiheit gut genutzt.

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