Sanella-Album Mittel und Südamerika

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Von Hamburg nach Westindien

Conny geht in Hamburg an Bord

Lieber Jupp! Hurra, es ist so weit! Übermorgen geht das Schiff in Hamburg ab. Ich bin schon ganz wirbelig im Kopf. Kofferpacken, Abschiedsbesuche, Reisepaß, Untersuchung auf Tropentauglichkeit, neuen Anzug kaufen, in der Schule abmelden.... Ja mit der Schule ist's nun zunächst aus. Mutter und der Lehrer machen bedenkliche Gesichter. Aber sag selbst: Ein Schuljahr oder eine Amerikareise, kann da noch einer lange überlegen?! Bei meinen Klassenkameraden bin ich der Held des Tages. Sie nennen mich ,,Conquistadore" - So hießen die spanischen Eroberer, die im 16. Jahrhundert nach Mittel- und Südamerika kamen. Von Hamburg bis Lissabon fahre ich allein. Onkel Karl in Mexiko hat die Schiffskarten geschickt. Prima was? Er muß schwer reich sein, hat eine Farm drüben. Der älteste Sohn von ihm, mein Vetter Ferdinand - mit dem treffe ich mich in Lissabon, wo wir uns zusammen nach Mexiko einschiffen. Ferdinand ist Ingenieur, hat früher in Deutschland studiert und ist jetzt geschäftlich in Portugal. Den werde ich unterwegs schon ordentlich ausfragen, damit ich drüben nicht dastehe wie die Kuh vorm neuen Tor. Und nochmals, Jupp, Du erhältst regelmäßig Reiseberichte von mir, Du und meine Mutter. Wenn du schon nicht mitkannst, sollst du's doch nachlesen können. Und nun auf nach Mexiko! Übermorgen beginnt die Überfahrt. Leb wohl, lieber Jupp, und halte mir beide Daumen.

Auf großer Fahrt wie einst Kolumbus

Lieber Jupp, ich kann's gar nicht fassen: Wir sind auf hoher See, mitten im Atlantik. Vetter Ferdinand ist ein prima Kerl, wir haben uns schon richtig angefreundet. Mittelgroß, schwarzhaarig - ein bißchen fremd sieht er aus. Seine Mutter ist Mexikanerin. Ich bin gespannt auf die neue Tante - ach Du, und auf das Land und die Indianer, und richtigen Urwald soll es da auch noch geben! Und Berge, viel höher als die Zugspitze! Wie ich gestern faul im Liegestuhl auf Deck lag, fiel mir ein, daß ich ungefähr auf dem selben Kurs fahre wie einst Kolumbus, nur ein bißchen bequemer. Ferdinand hat mir noch einmal alles erzählt von Kolumbus und seinen verschiedenen Fahrten.

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Der Mann hat bis zum Ende seines Lebens geglaubt, den direkten Seeweg nach Indien gefunden zu haben. Deshalb heißen die vielen Inseln vor dem mittelamerikanischen Festland noch heute Westindien und die Ureinwohner Indianer oder in Südamerika Indios. Mit drei Schiffen ist Kolumbus losgefahren, über 2 Monate hat er gebraucht, bis er Land entdeckte. Am 12. Oktober 1492 ist das gewesen. Nachts bei Mondschein sahen sie endlich Land. Vor Freude wurde ein Kanonenschuß abgefeuert. Rums! Der kündigte an , daß Amerika entdeckt war. Aber es war nur eine kleine Insel. San Salvador hat sie Kolumbus genannt und gemeint, er hätte endlich die indischen Gewürzinseln erreicht, zu denen man damals den kürzesten Seeweg suchte. Indische Gewürze gehörten zu jener Zeit in Europa zu den größten Kostbarkeiten, Das ist ein tolles Wettrennen zwischen Spaniern und Portugiesen gewesen. Alle wollten sie am schnellsten nach Indien kommen. Bisher hatte man die Gewürze und andere Schätze über Land bis ins Mittelmeer und dann nach Europa transportiert. Jetzt versuchten die Portugiesen , Afrika zu umfahren. Kolumbus aber hatte eine bessere Idee. Er wollte im Auftrag des spanischen Königs nach Westen segeln, weil man ja doch inzwischen gemerkt hatte, daß die Erde eine Kugel ist.

Der große Mann wurde bitter enttäuscht: Man glaubte Ihm nicht, daß er den Seeweg nach Indien gefunden hatte. Viermal ist er drüben gewesen, einmal haben ihn seine Gegner sogar in Ketten nach Hause geschickt. Für das neue Land hatte noch keiner richtiges Interesse. Indien, Indien war damals die große Mode. Kolumbus ist arm und Verlassen gestorben. Erst nach ihm hat man gemerkt, Daß man einen neuen Erdteil entdeckt hat. Ja, und jetzt ist Conny Pünneberg auf große Fahrt und entdeckt Amerika noch einmal.. Unser Überseedampfer nähert sich der Insel Kuba. Es ist schon bannig warm. Ferdinand sagt, wir fahren eben in das ,,Quellgebiet des Golfstroms" ein. Er drückt sich manchmal so ein bißchen gelehrt aus. Kennst de Golfstrom noch von der Schule her? Ein komische Sache ist das? Eine warme Meeresströmung, die sich zwischen der Insel Kuba und der Halbinsel Florida hindurch in den Atlantik bewegt. Man kann ihn übrigens sehen, den Golfstrom. Sein Wasser ist klar und blau und strömt durch den Ozean bis in die Nordsee. Europa müßte ihm eigentlich ein Denkmal setzen, sagt Ferdinand, weil er unser Klima mild macht und ein wahrer Segen für uns ist. Das mit dem Denkmal, Jupp, kannst Du ja mal anregen! Aber jetzt Schluß! Dicht vor uns Havanna, Hauptstadt und Hafen von Kuba. Es grüßt Dich dein Conny.

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Ankunft in Veracruz 

Lieber Jupp, ich bin nun schon über sechs Wochen in Mexiko und habe Dir noch nicht geschrieben. Der Conny hält sein Wort schlecht, wirst du denken. Aber es gab so viel zu sehen und zu erleben, daß ich gar nicht zum Schreiben kam. In Veracruz, im mexikanischen Golf, sind wir gelandet. Ich war sehr gespannt, als wir in den Hafen einfuhren. Veracruz - das klingt so altertümlich und fremd. Aber es ist eine ganz moderne Hafenstadt. An der Küste wird überall Erdöl gebohrt und Kraftwerke werden errichtet. Besonders schön und romantisch ist es dort gar nicht. Aber das Schönste war: Onkel Karl holte Ferdinand und mich am Hafen ab. Carlo nennt man ihm in Mexiko. Ich erkannte Ihn gleich, weil er meiner Mutter sehr ähnlich sieht. Onkel Carlo schwenkt seinen großen Hut. ,,Willkommen in Mexiko! Aber Conny, du machst ja ein ganz enttäuschtes Gesicht?" Ferdinand lachte und sagte: ,,Er hat einen richtigen Indianerhäuptling zu Pferde erwartet. Im Hafen und in der Stadt fielen mir die vielen großen Vögel auf. Es sind Geier. ,,Unsere Gesundheitspolizei!" sagte Onkel Carlo. ,,Die findest du überall in Mittel- und Südamerika - sie vertilgen alles, was irgendwie verdaulich ist. Abfälle und verendete Tiere! Stell dir vor, wenn das alles liegenbliebe in der Hitze!" Die häßlichen Vögel hocken Träge auf den Dächern der Lagerschuppen im Hafen. Als wir durch die Stadt fuhren, liefen aber auch Geier auf der Straße umher, um nach Abfällen zu suchen.

 

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Willst du einen Stierkampf sehen

Wir sind dann mit der Bahn und mit Onkel Carlos Auto ins Hochland gefahren! Eine herrliche Fahrt. In einer Kleinen Stadt machten wir Rast. Da fragt Onkel Carlo plötzlich: ,,Willst du einen Stierkampf sehen ?" Na ,und ob ich wollte! Es war ein buntes Gewimmel auf dem Platz. Wir drängten uns durch die Menge, bezahlten unser Eintrittsgeld und setzten uns auf die wackelige Holztribüne. Die Kämpfe waren schon in vollem Gange. Die Sonne brannte, Staub wirbelte auf. Die Menschen schrien auf, klatschten Beifall oder pfiffen auch, wenn ihnen irgend etwas am Kampf nicht gefiel. Auf dem mit Holzplanken umsäumten Platz waren mehrere - und der Stier. Eben stach der Picador, der Lanzenstecher, mit einer langen Lanze leicht in den Nacken. Der Stier fuhr wütend herum. Da ritt ein zweiter Reiter, der Banderillo, auf ihn zu, wich ihm geschickt aus und spießte ihm zwei Banderillas, kurze Stäbe, in den Nacken. Der Stier fuhr wütend herum. Da ritt ein zweiter Reiter, der Banderillo, auf ihn zu, wich ihm geschickt aus und spießte ihm zwei Banderillas , kurze Stäbe, in den Nacken. Tosender Beifall! Der Stier raste auf den Banderillo los. Der Reiter wich aus, aber sein Pferd war nicht schnell genug . Ein Stoß mit dem linken Horn, und der Stier schlitzte dem Pferd den Bauch auf. Das bäumte sich auf und brach zusammen. Der Reiter konnte sich nicht schnell genug befreien, lag halb unter dem Pferd, schon raste der Stier vom neuen heran! Da erschien im letzten Augenblick der Espada, der eigentliche Stierkämpfer, schwenkte ein rotes Tuch, der Stier fuhr herum, der Stierkämpfer sprang gewandt zur Seite und Stieß blitzartig mit seinem Degen zu. Der Stier schwankte einen Augenblick, brach dann in die Knie und fiel tot auf die Seite. Die Zuschauer rasten vor Begeisterung, aber mir war doch übel zumute. Ein seltsames Volksfest! Es soll allerdings nicht immer so blutig dabei zugehen. - ,,Das ist ein Stück Spanien in Mexiko!" sagte Onkel Carlo, als wir nach der großen Plaza in der Stadt zurückgingen. ,,Die spanischen Eroberer und Siedler haben damals erst Pferde und Rinder mit nach Amerika gebracht!" ,,Und das da drüben auch!" Ferdinand zeigte auf die große, prächtige Kirche vor uns, die den Platz und die ganze Stadt überragt.

 

Maiskuchen und Agavenbier

Es war großer Markttag. Ein farbenprächtiges Bild. Die Männer mit ihren großen Hüten, die Frauen mit eine bunten Decke um die Hüfte und dem alten Huipil", dem Ärmelhemd, angetan. Ochsenkarren holperten und knarrten vorbei. Indianische Händler schleppten auf turmhohen Traggestellen ihre Waren in die Stadt. Dann hockten sie auf der Straße und boten Töpfe, Matten, Gemüse und Früchte an. Ein Bauer ließ uns nicht vorbei: ,, Tortilla, Senores - Tortilla!" Er bot die begehrten Maiskuchen an und ließ nicht locker, bis wir kauften und kosteten. Sogar das alte indianische ,,Bier" haben wir getrunken, das aus gegorenem Agavensaft hergestellt wird. Onkel Carlo hat mir auch noch einen richtigen mexikanischen Hut gekauft. ,,Damit du nicht aussiehst wie ein Gringo", meint er. ,,So heißen hierzulande die Neulinge."

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Auf der Hacienda

Zum umfallen müde war ich, als wir endlich auf Onkel Carlos Farm, der Hacienda, ankamen. Größer als ein Rittergut ist sie und liegt über zweitausend Meter hoch. Hier werden vor allem Weizen und Gerste und Mais angebaut. Das mexikanische Hochland ist die Heimat des Mais. Von hier ist es über Spanien nach Europa gekommen. Mir war schon in der Bahn und im Auto aufgefallen, wie die Landschaft wechselte. Unten an der Küste ist das ,,warme Land", dann geht´s in die Berge, durch üppige Wälder. Da habe ich auch zum erstenmal Bananenplantagen gesehen. Die Hochebene nennen die Mexikaner das ,,kalte Land". Und dann geht´s noch höher in die Berge, die ich bisher nur von ferne gesehen habe, schneebedeckte Riesen. ,,Es sind sämtlich Vulkane", sagt Vetter Fernandez, wie er sich auf spanisch nennt. Mexiko ist von einem mächtigen Gebirge durchzogen, das nach Westen zum stillen Ozean steil abfällt. Es ist der südlichste Teil der nordamerikanischen Gebirgszüge und Hochflächen. Du mußt dir das mal auf der Karte ansehen, lieber Jupp! Onkel Carlos Frau heißt Desena. Und so fremd wie der Name klingt, sieht sie auch aus, dunkelhaarig und schön. Überhaupt haben die viele komische Namen hier. Über den berühmten Berg Popocatepetl habe ich mich in der Schule schon immer gefreut. Es gibt aber auch noch einen, der heißt Iztaccihuatl. Und ein alter Kriegsgott hieß Huitzilopochtli, ein berühmter Geschichtsschreiber Ixtlilxochitls. Wer die Namen aussprechen kann, ohne sich die Zunge zu verrenken, kriegt einen Taler. Und so fremd wie der Name klingt, sieht sie auch aus, dunkelhaarig und schön. Überhaupt haben die viele komische Namen hier. Über den berühmten Berg Popocatepetl habe ich mich in der Schule schon immer gefreut. Es gibt aber auch noch einen, der heißt Iztaccihuatl. Und ein alter Kriegsgott hieß Huitzilopochtli, ein berühmter Geschichtsschreiber Ixtlilxochitls. Wer die Namen aussprechen kann, ohne sich die Zunge zu verrenken, kriegt einen Taler.

 

Ein mexikanisches Reiterfest

Vorgestern waren wir in Mexiko-City. Das ist die Hauptstadt. Großartig sag´ ich Dir! Sie liegt über zweitausend Meter hoch. Wir kamen gerade zurecht, um uns das berühmte ,,Charrofest anzusehen. ,,Charro" heißen die Nachkommen der spanischen Eroberer. Es ist ein großes Reiterfest. Die Männer in buntbestickten Westen und Hosen, mit Filzhüten und silbernen Revolvern. Und die edelsten Pferde konnte man sehen. Die schwarzhaarigen Frauen ebenfalls in Kostbaren Gewändern. Alles im hellsten Sonnenschein! Reiten können die Mexikaner - da kann man nur staunen! Wenn Du aber meinst, Mexiko-City wäre noch eine altspanische Stadt aus verklungener Zeit, dann irrst du dich gewaltig. Das ist eine ganz moderne Großstadt mit breiten Straßen und Wolkenkratzern. Sie ist allerdings auf einem Sumpfgebiet erbaut und sinkt Jahr für Jahr tiefer ein. Eine große Sorge für die Einwohner und die Stadtverwaltung. Zwischen den Geschäftshäusern und Hotels sieht manchmal noch Überreste von alten Bauwerken. Fernandez hat mir erzählt, das Mexiko-City teilweise auf einer uralten Azteken-Stadt erbaut ist, die hieß Tenochtitlan. Er hat mir versprochen, daß wir noch zu den berühmten Bauwerken der Azteken fahren. ,,Wir machen einen Besuch beim letzten Herrscher der Azteken. Da wirst du staunen, Caballero!" Caballero ist hier eine höfliche Anrede, noch von den altspanischen Edelleuten.

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Auf den Spuren der Azteken

Wahrhaftig, Jupp, wir haben einen Ausflug zurück in ferne Jahrhunderte unternommen und waren im Reich der Tolteken und Azteken. Nicht weit von der Hauptstadt Mexiko-City entfernt stehen zwei gewaltige Pyramiden. Wir haben die größte, die Sonnenpyramide, erstiegen, sie ist gar nicht viel kleiner als die Cheopspyeamide in Ägypten. Jahrhunderte vor den Azteken haben hier die Tolteken ihre gewaltigen Heiligtümer errichtet. Herrliche Bauten in großer Zahl. Während der Zeit des Mittelalters in Europa wurden die Tolteken von den Azteken unterworfen die nun ein großes Reich gründeten. In der gewaltigen Hauptstadt gab es Tempel und Paläste, Straßen und Plätze. Wie haben lange auf der Treppe eines ehemaligen Herrscherpalastes gesessen. Der Tag war heiß, und ich habe mich in die ferne Zeit zurückgeträumt: Von einem Aztekenfürsten eingeladen, betreten wir seinen Palast. Du mußt die Augen verschließen, so blendet Dich die Pracht. Die Wände sind Metallplatten geschmückt, herrlich bunte Wandmalereien und Verzierungen überall. Kostbare Teppiche hängen herab. Der Fürst tritt Dir goldgeschmückt und hoheitsvoll entgegen. Nach der Audienz gehen wir über prächtige Treppen in die Stadt zurück. Rings ist sie von Wasser umgeben, in einem See auf Inselchen Und Pfahlrosten erbaut. Große Dämme führen an Land. 

 

Das Ende eines gewaltigen Reiches

Auf schiffen und über diese Dämme drangen die Spanier 1521 unter ihrem Führer Ferdinand Cortez in die Aztekenhauptstadt ein und forderten Guatemotzin, den Herrscher der Azteken, zur Übergabe auf. Aber der wich auch den spanischen Feuerwaffen nicht. Erst als Berge von Toten in den Straßen und im Wasser lagen, erschien er vor Cortez und gab sich gefangen. Die Spanier staunten über Pracht und Reichtum der Stadt und rafften an Gold und Schätzen zusammen, was sie fortschleppen konnten. Die Schiffe fuhren schwer beladen nach Spanien. Gier nach Gold und Reichtum trieb immer mehr Abenteurer in die neue Welt. Aber das Reich der Azteken war zu Ende. Die Paläste verfielen, auf ihren Grundmauern wurden spanische Kirchen erbaut. Andere Bauten deckte der Wind mit Sand zu, und der Urwald wuchs über sie hin. Als ich am Abend mit Fernandez nach Mexiko-City zurück fuhr, konnte ich mich gar nicht in die Wirklichkeit zurückfinden. Vor tausend Jahren und länger waren hier schon einmal reiches Leben und eine Kultur gewesen, von der ich bisher überhaupt nichts geahnt hatte. Plötzlich kamen mir die modernen Wolkenkratzer gar nicht mehr so großartig vor.

 

Eine tolle Überraschung

Hör zu, Caballero! Heute muß ich dir eine tolle Neuigkeit erzählen. Als wir von unserem Besuch bei den Azteken auf die Haicienda zurückkehren, war Besuch da. Ein Freund von Fernandez, Nordamerikaner, Mister Tom Smith. Er ist Vertreter einer großen Maschinenfabrik in den Vereinigten Staaten. Ein langer, blonder Kerl mit gutmütigen Gesicht. Mir schwante aber nichts Gutes, als er Fernandez auf die Seite nahm. Nach einer Stunde wußte ich Bescheid. Mister Smith hat Fernandez eingeladen, mit ihm als Generalvertreter nordamerikanischer Firmen eine große Südamerikareise zu machen. Mit dem Flugzeug! ,,Oh, a very fine job1" Aber ich sitze nun allein, ohne Fernandez, mit dem ich mich angefreundet hatte, auf der Hacienda. Traurig ging ich zu Bett. Am nächsten Morgen platzte die Bombe. Ich sah gerade den Peonen, den Gastarbeitern zu, wie sie Maissäcke schleppten, als mir plötzlich Fernandez auf die Schulter klopfte: ,,Hör mal, Caballero, Mister Smith fragt, ob du mit nach Südamerika kommen willst. Als unser Boy sozusagen." Mir blieb der Mund offen stehen. Ich brachte kein Wort heraus, mußte nur heftig schlucken. Fernandez lachte und ging weg.

 

Im Flugzeug über dem Popocatepetl

Dann wurde Familienrat gehalten. Onkel Carlo hatte Bedenken. Er hat an meine Mutter telegrafiert, um ihr Einverständnis zu holen. Aber gestern durfte ich schon einen Probeflug mitmachen. ,,Wollen sehen, ob der Caballero nicht seekrank wird!?" - Nein, er wurde nicht seekrank. Jupp, es war unbeschreiblich. Wir starten auf dem Flughafen von Mexiko-City. Zuerst nordwärts. Mister Smith drückte die Maschine herab. Ich konnte deutlich die Steppengebiete auf der Hochfläche im Norden sehen, wo riesige Baum- und Kandelaberkakteen wachsen. Die Gehöfte sind hier oft von undurchdringlichen Kakteenzäunen umgeben. Eine ganz fremdartige Landschaft. Dann ging Mister Smith in die Kurve, riß die Maschine hoch und nahm südlichen Kurs. Rechter Hand war im Dunst die Küste des Stillen Ozeans zu sehen. Nicht lange, und vor uns tauchten Berge auf. Sie wurden schnell größer.

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Das Flugzeug stieg höher, und ehe ich mich versah, waren wir über den gewaltigen Krater des Popocatepetl. Man konnte richtig in den Höllenschlund des Berges hineinsehen, der von Eis und Schnee umgeben ist. Ein unvergeßlicher Anblick! Aber Unheimlich! Ich mußte unwillkürlich denken: Wenn der jetzt plötzlich zu spucken anfängt! Aber er blieb ruhig. Aber nur eine Wolke zog um den Krater. Mister Smith drückte die Maschine herab. Vor uns lag wieder der Flugplatz.- Lieber Jupp, halte mir den Daumen, daß ich mit nach Südamerika darf. Schreib meiner Mutter und rede Ihr gut zu! Du brauchst aber nicht sagen, daß wir fliegen und wie groß Südamerika ist, und daß es dort noch menschenfressende Indianer geben soll. Sonst sorgt sie sich zu sehr um mich. Es grüßt Dich dein getreuer Conny.

 

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Von Mexiko nach Brasilien

 

Hoch über der Karibischen See

Lieber Jupp! An Bord unseres Flugzeuges ,,Tornado" - Wirbelsturm! Ist das nicht ein verheißungsvoller Name? Es ist ein Viersitzer. Mister Smith steuert, Fernandez sitzt neben ihm, mit der Karte in der Hand. Ich sitze hinten neben dem Gepäck und soll Bordtagebuch führen. Noch ist alles wie ein Traum. Soeben Zwischenlandung in Tapachula, an der Mexikanischen Grenze. Weiterflug nach Guatemala. Rechts der Fuego, rauchender Vulkan. Früchte. "Sieht unheimlich aus. Unter uns Urwald, Plantagen, kleinere Berge.

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Motorengeräusch so laut, daß wir uns nur auf dem Schreibblock verständigen können. Fernandez schreibt auf: ,,Viele Kaffeeplantagen dort unten und Heimat des Kakaobaumes. Hat große, goldgelbe Mister Smith zeigt nach vorn. Oh, das sieht böse aus! Eine dunkle Wolkenwand, die schnell näher kommt. Unter ihr die Landschaft noch im Sonnenlicht. Über uns blauer Himmel mit treibendem Gewölk, aber in der Gewitterwand vor uns zucken schon die Blitze. Unser Flugzeug weicht aus, Mister Smith drückt die Maschine tiefer. Da- unter uns der Flugplatz von Guatemala- City. Wir setzen zur Landung an. Im letzten Augenblick können wir uns in Sicherheit bringen. Da bricht auch schon das Unwetter herein. Blitze und Donnerschläge, daß uns Hören und Sehen vergeht Es braust und gurgelt und rauscht. Eine wahre Sintflut! Aber nach einer halben Stunde ist alles vorüber.! Dann braust der Regen mit solcher Wucht herab, daß du denkst, die Fluten schwemmen alles mit sich fort. Bald wird es wieder hell, und wir können weiter fliegen. - An Bord des ,,Tornados", Haben eben Honduras überflogen. Zwischen gelandet Nicaragua. Mister Smith hält etwas östlich Kurs auf die Karibische See hinaus. Fernandez zeigt aufs Meer hinab, schreibt auf: ,,Robinson." Ich schreibe zurück: ,,Kann keinen sehen." Darauf Fernandez: ,, Ich meine nicht den Mann, du Schafskopf, sondern die Insel,wo er gelebt hat." Muß Fernandez noch genauer danach fragen bei nächster Zwischenlandung. Ja, stimmt also, auf einer kleinen Insel im Karibischen Meerbusen soll der Matrose gehaust haben, nach dem Defoe das Buch von Robinson geschrieben hat.

 

Andere vermuten eine Insel weiter ostwärts. Kann auch sein, das die Erlebnisse eines Steuermannes, der auf eine Insel im Stillen Ozean ausgesetzt wurde, von Daniel Defoe mit verwendet worden sind. Die Gelehrten streiten sich noch. Weiterflug nach Colon am Panamakanal. Unter uns ein amerikanisches Kriegsschiff, scheint ein Schlachtschiff zu sein. Und Frachter- da drüben ein ganz weißer. ,,Bananenschiffe der nordamerikanischen United Fruit Company", erklärte Fernandez auf dem Schreibblock. ,,USA. Haben hier Bananenanbau und =trannsport großzügig organisiert. Die Kompanie hat eine eigene Flotte, Häfen und Eisenbahnen." "Gehört das alles einer Gesellschaft?" ,,Ja, eines der größten Wirtschaftsunternehmen der Welt." ,,Viele Ammis in den Plantagen?" ,,Nein, vor allem Neger. Vertragen das Klima am besten." Da, der Panamakanal! Kann deutlich mehrere große Schiffe sehen. Die berühmte Seeverbindung zwischen dem Atlantischen und dem Stillen Ozean! Auch die riesigen Schleusen sind auszumachen. Mister Smith setzt zur Landung auf dem Flugplatz von Cristobal- Colon an. Auf dem Platz Flaggen der Vereinigten Staaten. Wir sind in der Kanalzone. Man hört mehr Englisch als Spanisch. Ich möchte so gerne den Kanal genauer sehen.

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Aber Mister Smith sagt: ,,No" - Keine Zeit jetzt. Auf dem Rückweg wollen wir zu Schiff durch den Kanal fahren ,,Okay", sage ich, und wir klettern wieder in unsere Maschine. Nonstopflug über den Golf von Darien nach Baranquilla in Kolumbien. Der ,,Tornado" fliegt tief. Man kann die Schaumkämme auf den Wellen sehen. Fernandez schreibt auf: ,,Dort unten wimmelt es von Haifischen!" Ich zurück: ,,Wo? Kann keine sehen." ,,die haben Angst vor dem Flugzeug, lassen sich deshalb nicht blicken." Ich weiß nicht, ob mich Fernandez nur aufzieht. Landung auf dem Flugplatz der kolumbianischen Hafenstadt Barranquilla. Während Smith sich nach den Wetterverhältnissen für den Weiterflug erkundigt, erzählt mir Fernandez, wie der Spanier Balbao den stillen Ozean entdeckte. Er zog mit einer kleinen Kriegerschar, von Indianern geführt, über die Landenge nach Westen. Kleider und Schuhe lösten sich auf in der Gluthitze des Urwalds. In der feuchten Luft rosteten Rüstungen und Schwerter. Die Spanier schwitzten furchtbar unter ihren Stahlpanzern. Giftschlangen lagen im Weg. Riesige Kaimane, südamerikanische Krokodile, in den Wassertümpeln erschreckten die erschöpften Krieger bei Tage, große Fledermäuse und Vampire bei Nacht! Es war ein Marsch voller Qualen und Strapazen, bis die kleine Schar im August 1513 den Stillen Ozean sah, den Balbao die ,,Südsee" nannte. Die ersten Europäer hatten den Pazifik über Land erreicht! - Mister Smith will weiter. Also schnell tanken, Papiere überprüfen lassen, und schon wird der brave Motor wieder angeworfen.

 

Im Lande des Petroleums

Lieber Jupp, endlich kann ich Dir wieder einen ordentlichen Brief schreiben. Wir haben in Caracas, der Hauptstadt von Venezuela, zwei Rasttage eingelegt. Mister Smith - oder Onkel Tom, wie wir ihn jetzt immer nennen - will noch einige Firmen besuchen. Venezuela - das ist ein interessantes Land. Und reich ist es auch. 1885 hat hier ein französischer Arzt die reichste Goldmine der Welt entdeckt. Gold für 200000 Dollar im Monat hat man dort jahrelang abgebaut. Aber der größte Reichtum des Landes ist das ,,schwarze Gold" - Erdöl. Gleich als wir in Maracaibo an einem großen Meerbusen landeten, sahen wir Bohrtürme, Ölleitungen und große Raffinerien, wo das Petroleum gereinigt wird. Es stank überall nach Gas und Öl. Keine feine Gegend: heiß und ungesund! Ein Ingenieur erzählte uns, daß Riesige Ölfelder noch unerschlossen sind. Auch große Erzlager hat man gefunden. In der Bucht von Maracaibo habe ich zum erstenmal die merkwürdigen Mangrovenwälder gesehen, die es in Südamerika häufig geben soll. Wir sind ein paarmal mit dem Auto durchs Land gefahren. Überall wird gebaut und gesiedelt, Straßen entstehen, und Land wird kultiviert.

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Du kannst Dir nicht vorstellen, wie unterschiedlich die Landschaften hier sind - wie übrigens überall in Südamerika. Wir sind z.B. von Caracas mit dem Auto zum Haupthafen, nach La Guaira, gefahren. Du denkst, Du kommst in eine andere Welt. Eine richtig trostlose Gegend: nackte, kahle Felsen, Dornbüsche und Kakteen. ,,El Inferno" - die Hölle, nennen es die Venezolaner. Weiter landein, vor allem in den Tiefebenen des Orinocostromes, kommt man in die Lianos, unendliche Flächen mit mannshohem Gras, Palmen und Baumgruppen. Auf den Ebenen weiden riesige Viehherden. Als wir hinkamen, war gerade Trockenzeit. Aber die indianischen Viehhirten erzählten uns, daß sie, wenn die Regenzeit kommt, mit ihren Herden meilenweit wandern müssen, weil dann ungeheure Flächen überschwemmt werden. Diese Hirten sind noch halbwilde Indianer. Einer führte uns zu seinem ,,Haus" und bot uns einen Trunk aus vergorenen Palmensaft an. Ein Bauernhaus ist das nicht, eigentlich nur ein Strohdach auf einem Gitterwerk von Pfählen. Bloß an der Seite, von wo der Wind am stärksten bläst, sind sie mit Lehm verschmiert.. Hängematten sind drinnen aufgespannt. Eine Vorratstruhe, ein Mahlstein, ein paar Töpfe - das ist alles. Die ,,Küche" ist draußen unterm Schattenbaum. Dort brennt ein offenes Feuer. Ein Paar Hühner, Enten, Hunde und Schweine laufen umher, alle mager und dürftig - und ringsum meilenweite Einsamkeit. Das ist das andere, das noch menschenleere Venezuela. Jetzt verstehe ich auch, warum die Regierung in Caracas Siedler aus Europa ins Land holen will. Die letzten noch ganz wilden Indianer sollen in den südlichen Bergen Leben. Sie haben sich vor langer Zeit schon zurückgezogen. In Venezuela hat es nämlich einen schwunghaften Sklavenhandel mit Indianern gegeben. Und leider waren daran auch Deutsche beteiligt. Du kennst doch aus der Geschichtsstunde die berühmten Handelshäuser der Fugger und Welser in Augsburg. Die Welser hatten dem König von Spanien und deutschen Kaiser, Karl V., Geld geliehen. Der verpfändete ihnen dafür das Land von Venezuela. Die Kaufherren rüsteten kleine Expeditionskorps unter Führung von Deutschen aus, um ins Innere des Landes vorzudringen und die sagenhaften Goldschätze zu finden. Aber die Unternehmungen scheiterten fast alle. Man fand keine Schätze. Dafür brachte der Handel mit Indianersklaven guten Gewinn.

 

Zu je 50 Dukaten wurden die gefangenen Indianer verkauft. Außerdem hatten sich die Welser verpflichten müssen, auch noch viertausend Negersklaven aus Afrika einzuführen. Aber all die Sklavenjagden reichten nicht aus, um genügend Arbeitskräfte zu bekommen. Nach 28 Jahren war die Herrschaft der deutschen Kaufleute zu Ende. - Lieber Jupp! Fällt Dir an dem Namen des Landes etwas auf? Venezuela! Das heißt "Klein=Venedig". Als die ersten Europäer an die Küste kamen, sahen sie dort die Hütten der Indianer auf Pfahlrosten errichtet, ähnlich wie die Paläste in der italienischen Lagunenstadt. Daher der Name. Eben kommt Onkel Tom aus der Stadt ins Hotel zurück - wir wohnen in einem richtigen Hochhaus=Luxushotel. Welch ein Gegensatz zu den primitiven Indianerhütten! Morgen wollen wir nach Brasilien starten. "Und zum Strom aller Ströme", fügt Fernandez hinzu, ,,zum Amazonas." ,,Wieso Strom der Ströme?" ,,Na, du wirst ihn ja sehen!" meinte Ferdinand. ,,Gegen den ist die Weser ein winziges Rinnsal." ,,Dringen wir da auch mal richtig in den Urwald vor - auf Jaguarjagd?" fragte ich Onkel Tom. Der nickt und kaut seinen Kaugummi weiter: ,,That's okay!" Jupp, wenn ich einen Jaguar erlege, kriegst Du das Fell!

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Über das Bergland von Guayana

An Bord des "Tornado". Fliegen in östlicher Richtung. Soeben das Mündungsgebiet des Orinoco überquert. Riesiges Delta, das der Strom weit ins Meer hinausschiebt. "So groß wie Baden und Württemberg zusammen", schreibt mir Fernandez auf den Block. Überall Mangrovenwälder. Onkel Tom kurvt plötzlich nordwärts. Eine Insel kommt in Sicht. Ich frage auf dem Schreibblock: "Wie heißt die?" "Trinidad! Ist britisch!" Wir umfliegen einen Krater." Merkwürdig, sein Inneres sieht aus wie ein finsterer See. "Der Pechsee! Ein alter Schlammvulkan. Aus ihm wird Teer und Asphalt gewonnen", erklärt mir Fernandez. Unterdessen geht Onkel Tom schon auf Südkurs. In der Ferne kommt ein gewaltiger Tafelberg in Sicht. Wieder wandert der Schreibblock nach vorn. "Es ist der Roraima. Berühmter Götterberg der Indianer. So wie der Olymp in Griechenland." Endlose Grasflächen unter uns. Nur in den Tälern Wälder. Nach Süden zu Bergland. "Tornado" geht tiefer. Der Schatten des Flugzeugs rast über die Steppe. Das Motorengeräusch scheucht dunkle Punkte am Boden auf, die vor dem Flugzeugschatten in wilder Flucht davon rasen. Es scheinen große Laufvögel zu sein. "Nandus - die südamerikanischen Strauße", schreibt Fernandez auf. Da stehen aber noch dunkle Kegel im Grase. "Termitenhügel!" Zwischenlandung in Georgetown, Hauptstadt von Britisch Guayana; dann in Paramaribo. Das ist die Haupt = und Hafenstadt von Surinam, dem holländischen Teil von Guayana. In den Küstenstädten ein tolles Völkergemisch: Indianer, Inder, Europäer, Neger, Chinesen, Araber, Türken, Senegalesen. Alle ganz unterschiedlich in Sitten und Trachten. (Anmerkung: Habe ich Dir eigentlich schon erklärt, wie man die Mischlinge in Süd und Mittelamerika nennt? Mestizen, das sind Mischlinge zwischen Weißen und Indianern. Mulatten sind Negermischlinge und Kreolen in Mittel und Südamerika geborene Nachkommen europäischer Eltern. Übrigens: Indianer oder Indios das ist dasselbe.) Wir fliegen weiter nach Cayenne. Dort war früher die ehemalige französische Strafkolonie: das berüchtigte Land, "wo der Pfeffer wächst". Kein schöner Aufenthalt. Heiß und trocken. Und immer muß man an die Tausende von Strafgefangenen denken, die in der Verbrecherkolonie schwer arbeiten mußten und meist elend zugrunde gingen. Bin froh, daß wir weiterfliegen, südwärts, der brasilianischen Grenze zu. Ist verdammt heiß im Flugzeug. Sind schon ganz dicht am Äquator. Sonne steht senkrecht über uns. Bin braungebrannt.

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Ist der Amazonas wirklich ein Strom?

Wahrhaftig, Jupp, wir sind in Brasilien! Jetzt verstehe ich auch, warum Südamerika der ,,grüne Erdteil" genannt wird. Wälder, Wälder - ein unendliches grünes Meer. Wo der Urwald aufhört, oft noch grüne Grasflächen. Und dabei ist Brasilien ziemlich genau so groß wie ganz Australien. Fernandez ärgert Onkel Tom und sagt: ,,Südamerika ist das Land der Superlative - hier ist alles am größten - nicht bei euch in Nordamerika". Onkel Tom zieht verächtlich die Mundwinkel herunter, aber Fernandez läßt nicht locker: ,,Südamerika hat den größten Wald der Welt, den wasserreichsten Strom, das längste Kettengebirge, den höchsten Vulkan ..." Onkel Tom grinst: ,,And so on - and so on..." Und so weiter, und so weiter! - Aber nun muß ich der Reihe nach erzählen. Es ist wieder herrlich, daß wir fliegen. Man bekommt da zunächst einen großen Überblick wie auf der Landkarte. Nur an der Mündung des Amazonas - da hatte ich zunächst gar nicht gemerkt, daß wir uns über einem Strom befanden. Kein Wunder! ,,Rio Mar" - fließendes Meer, nennen sie die Brasilianer. Man kann von einem Ufer aus nicht das andere sehen, so breit ist der Strom hier; 200 Kilometer an der Mündung. Wir flöge auch stromauf immer wieder über Nebenflüsse, die viel größer sind als der Rhein. Im Unterlauf war plötzlich eine riesenhafte Wassermauer zu sehen, ja, buchstäblich eine Mauer aus Wasser, die sich vier bis fünf Meter hoch stromaufwärts wälzte. Ich zeigte aufgeregt nach unten. Fernandez erklärte: ,,Das Hochwasser des Atlantik. Die Flut kommt. Schade, daß wir bei dem Motorenlärm das Donnergetöse nicht hören, mit dem sich die

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Flutwelle fortbewegt." - Kein Schiff war mehr zu sehen. In abgelegenen Buchten und Nebenflüssen hatten sie sich rechtzeitig in Sicherheit gebracht. Als die Wassermassen sich verlaufen hatten, schwammen her ausgerissene Bäume im Strom, an einer Stelle war ein Stück Ufer weggeschwemmt worden. Es trieb wie eine Insel stromab. Bäume und Buschwerk standen noch aufrecht in dem schwimmenden Erdreich.

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Eine Großstadt mitten im Urwald

Wir sind in Etappen stromauf geflogen bis Manaos. Eine Großstadt mitten im Urwald! Da steht zum Beispiel ein Opernhaus, eins der größten der Welt. Aber nie ist darin wirklich Theater gespielt worden. Man hat es gebaut, als in Manaos alle Leute dem Goldrausch verfallen waren. Händeweise wurde das Gold ausgegeben. Tausende von Abenteurern kamen herbei. Aber eines Tages war die Herrlichkeit zu Ende. Dicht am Stadtrand beginnt der Urwald, aber das Holz wird durch Kohlenbrenner ausgebeutet. Sie verwüsten den Wald. Man muß tiefer ins Land vordringen, um in die "grüne Hölle" zu kommen. "Ja, es ist eine Hölle", sagte ein alter, heruntergekommener Italiener, mit dem wir abends in einem Gasthaus zusammensaßen. Auch er war einst Gold und Diamantensucher gewesen. "Schwer, schwer ist das Leben der Diamantensucher. Auch ich habe es versucht, weitab von hier, dort, wo das Land bergig ist. Nicht jeder hält es aus. Drei oder vier Leute arbeiten zusammen, ein Junge hilft und versorgt die Küche. Aber was für eine Küche! Drei Steine und ein Topf darauf - das ist alles. Ein paar Pflöcke, an denen die Habseligkeiten hängen, Schilf am Boden als Bett.

 

Das wichtigste sind die Arbeitsgeräte. Die Wäscher stehen bis zu den Hüften im Wasser. Auf der Waschmulde werden die leichteren Teile herausgeschwemmt. 400 bis 500 Waschmulden am Tag! Stellen Sie sich vor, Senores", fuhr der Italiener fort, "halb im Wasser und von oben die erbarmungslose Sonne! Es gibt da auch noch Leute, die nach Diamanten tauchen. Ein Baumstamm wird übers Wasser gelegt, ein Balken mit Leitersprossen ins Wasser gestellt. An dem Stamm hängt ein Seil mit einem Korb. Der Taucher holt tief Luft, stürzt sich mit dem Korb ins Wasser, scharrt unter Wasser Geröll in den Korb, soviel er erraffen kann. Der Korb wird hochgezogen. Erschöpft klettert der Taucher an den Sprossen aus dem Wasser. - Carajo! Eine mörderische Arbeit! Am besten halten sie noch die Neger aus." - 

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Bei den Gummizapfern in der Fieberhölle

Onkel Tom will noch tiefer in den Urwald hinein. Wir fahren mit einem Heckraddampfer einen Nebenfluß des Amazonas stromauf. Rechts und links undurchdringlicher Urwald. Geschrei von Affen und Papageien. Die Kapitäne müssen höllisch aufpassen Häufig haben sich Baumstämme in dem Flußgrund festgespießt. Sie schwingen im Strom auf und ab und beschädigen die Dampfer. Eine schwere, schwüle, giftige Luft. Die Regenzeit war vorüber. Bis vor kurzem hatte der Urwald unter Wasser gestanden. Jetzt war das Wasser gefallen. Nun faulten die überschwemmten Pflanzen in der Tropenhitze. Flußufer geschafft werden. Auf Flußdampfern und Ruderbooten wird der Rohkautschuk zu den Stapelplätzen am Amazonas gefahren. Aber es ist ein mörderisches Klima hier. Die Männer sehen elend aus. Wir legten in der Nähe einiger Baracken an. Hier wird Wildgummi gewonnen. Gummi bedeutete lange Zeit den besonderen Reichtum Brasiliens, bis man in anderen Ländern der Welt Kautschukplantagen anlegte, die Brasilien schwere Konkurrenz machten. Das Leben der Gummizapfer ist schwer. Gar mancher geht zugrunde in dem mörderischen Sumpfklima. Um den Hals tragen die abenteuerlichen Kerle einen Beutel mit Munition für das Gewehr, Tabak und Zigarettenpapier. In einem Gummisack auf dem Rücken stecken die Habseligkeiten. Die Gummibäume stehen einzeln zwischen den Urwaldbäumen. Wir sahen den Männern bei der Arbeit zu. Mit der "Machete", dem Haumesser, wird das Buschwerk weggeschlagen, um an die Stämme heranzukommen. Dann beginnt die eigentliche Arbeit. Die Rinde des Kautschukbaumes wird mit einem kleinen Beil angekerbt, ein Blechbecher wird befestigt, um den milchweißen Gummisaft aufzufangen. Im Rauch eines Feuers drehen andere Arbeiter eine Holzkelle, auf die sie immer neuen Gummisaft schütten, der über dem Feuer hart wird. So entstehen Klumpen, die in die Baracken am Flußufer geschafft werden. Auf Flußdampfern und Ruderbooten wird der Rohkautschuk zu den Stapelplätzen am Amazonas gefahren. Aber es ist ein mörderisches Klima hier. Die Männer sehen Elend aus.

 

Nein, Gummizapfer möchte ich wirklich nicht sein! Lange aushalten konnte ich es nicht in dieser Fieberhitze. Mir war matt und hundeelend zumute. Alle drei waren wir froh, als wir nach Manaos in unser Hotel zurückkamen. "Hoffentlich haben wir uns keine Malaria geholt", sagte Fernandez. "Wieviel dieser armen Kerle in den Gummibaracken gehen daran elend zugrunde!" -

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Krokodile und Piranhafische

Aber von der Flußfahrt muß ich Dir noch etwas erzählen. Überall waren Krokodile zu sehen. Sie lagen träge im Wasser oder im Uferschlamm. Vom Dampfer aufgescheucht, tauchten sie weg. Aber seltsam, hier fürchtet man sie auch unter den Eingeborenen weniger als einen Fisch, den be= rühmten Piranha. Nur etwa zwanzig Zentimeter soll er lang sein, aber ein ganz gefährlicher Bursche. Es werden schauerliche Geschichten von diesen Raub* fischen erzählt. Sie sind lüstern nach Blut. Gerät ein verwundetes, blutendes Tier ins Wasser, gleich stürzen sich Schwärme von Piranhas auf das Opfer und reißen ihm buchstäblich das Fleisch vom Leibe, bis nur noch das Knochengerüst übrigbleibt. Verwundeten Menschen soll ähnlich gehen. Es soll aber auch Indianer geben, die regelmäßig in den Flüssen baden, ohne von den Raubfischen angegriffen zu werden. 

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Hirten, die mit ihren Rinderherden die Flüsse überqueren müssen, rechnen jedoch immer damit, daß ihnen ein paar Tiere verlorengehen - Opfer der Piranhas, die nur die Knochen übriglassen. Als wir ein Stück in einem Ruderboot fuhren, hielt ich achtlos die Hand ins Wasser. Ein indianischer Ruderer riß sie zurück - "Piranha - Piranha!" Er zeigte seinen rechten Zeigefinger, dem ein Glied fehlte, und erklärte uns, daß es einer dieser Raubfische, den er von der Angel lösen wollte, glatt abgebissen hatte. Wir zweifelten noch an der Erzählung. Da nahm der Indianer einen alten Lappen und bestrich ihn mit dem Blut eben geschlachteter Hühner, die den Gummiarbeitern als Frischfleisch gebracht wer den sollten. Kaum war der blutige Lappen ins Wasser geworfen, als ein wildes Ziehen und Zerren begann. Flossen tauchten auf, das Wasser spritzte. Piranhas rissen den Fetzen vor unseren Augen gierig in Stücke. - In Manaos angekommen, haben wir Kriegsrat gehalten. Onkel Tom will noch ein paar Flugplätze im Inneren des Landes anfliegen, und dann soll die Rückreise beginnen. Rio de Janeiro, die brasilianische Hauptstadt, ist das Ziel. Fernandez meint: "Eigentlich haben wir nun genug von der grünen Hölle. Ein Glück, daß wir das Urwaldmeer überfliegen können! - Stellt Euch einen Fußmarsch vor! Nein, unsere Buschmesser und Gewehre wollen wir lieber nicht brauchen." Onkel Tom hatte nämlich in Manaos vorgesorgt und unsere Tropenausrüstung ergänzt, als ob wir eine Urwaldexpedition vorhätten. "Besser ist besser!" hatte er dazu gesagt. Wir lachten ihn aus, haben aber doch alles neben meinem Sitz im Flugzeug verstaut.

 

Bruchlandung auf einer Urwaldlichtung

Tatsächlich, Jupp, ich lebe noch!--Wochen ist es her, seitdem ich Dir das letztemal schrieb. Conny Pünneberg war verschollen, wirklich und wahrhaftig. Ich habe nicht mehr geglaubt, daß wir heil aus dem Urwald herauskommen. Wir steckten nämlich mitten drin. Wer hätte das gedacht, als wir zum Flug nach Rio starteten. Fernandez hatte sich genau nach den Zwischenstationen und Landeplätzen erkundigt, die wie winzige, einsame Inseln in dem unendlichen grünen Meer liegen. Unser Vogel flog ruhig wie immer, Onkel Tom steuerte ihn sicher in geringer Höhe über die Urwälder dahin. Ab und zu eine Lichtung, eine Ortschaft mit Maisstrohdächern und dort ein großes Rechteck - der Flugplatz. Wir landen, tanken und fliegen weiter. Onkel Tom weicht den Tropenregen aus, die aus Gewitterwolken herabrauschen - wie dunkle Säulen sieht das aus. Dort drüben ein leuchtender Regenbogen! - Aber hör, was ist mit dem Motor? Der setzt plötzlich aus, läuft unregelmäßig klopfend weiter, stockt wieder - wir blicken Onkel Tom erschrocken an. Der behält seine Ruhe, blickt aber angespannt nach unten. Unter uns nur der unendliche Wald. Will Onkel Tom etwa landen? Mein Gott, mitten im Urwald!? "Festschnallen!" ruft Fernandez. Unser "Tornado" verliert rasch an Höhe. Schon jagen wir dicht über den Baumwipfeln dahin. In der nächsten Sekunde können wir im Geäst eines Baumriesen hängen. Da - Fernandez zeigt nach vom - eine Lichtung, am Boden nur Gestrüpp und junges Gehölz. Eine verlassene Indianersiedlung? Es bleibt keine Wahl. Onkel Tom hält darauf zu. Erzittern, ein dumpfer Schlag - die Nase unseres Flugzeuges scheint in den Boden zu fahren. Noch ein Ruck - dann ist Stille. Das erste, was ich höre, ist Onkel Toms Stimme: "Damned!" sagt er unerschütterlich. "Alles heil?" fragt Ferdinand. "Alles heil!" - "That's okay", fügt Onkel Tom hinzu und versucht, die Kabine zu öffnen. Sie klemmt, aber dann kommen wir doch hinaus. Und sehen die Bescherung. Unser guter, braver Vogel ist hin, und wir stehen in einer Urwaldlichtung. Drüben am Waldrand schreien Papageien und schimpft das Affenvolk. Denen haben wir eben einen mächtigen Schrecken eingejagt. Sonst ist nichts als eine endlose grüne Einsamkeit um uns. Mitleidlos strahlt die Tropensonne vom Himmel.

 

Werden die Waldindianer uns angreifen?

Was tun? Eins war klar: Auf Hilfe warten konnten wir hier nicht. Es blieb nichts übrig, als zu versuchen, uns durch den Urwald zu schlagen, bis wir zu einer Indianersiedlung kamen. Aber was waren das für Stämme der Waldindianer in dieser Gegend? Gastfreie und hilfsbereite oder einer jener Stämme, die die Fremden hassen, alles morden, was ihnen in den Weg kommt und die Köpfe der getöteten Feinde kunstvoll präparieren, um sie bei den Festen zur Schau zu stellen? Ich muß sagen, mir war nicht wohl zumute. Onkel Tom fand als erster seinen trockenen Humor wieder: "Let's go!" Auf, laßt uns gehen! Aber ehe wir aufbrachen, haben wir uns so gut wie möglich tropenmäßig ausgerüstet. Welch ein Glück, daß Onkel Tom in Manaos so gut vorgesorgt hatte. Von den Stiefeln bis zur Machete - jetzt war alles zu brauchen. Die beiden Männer trugen jeder ein Gewehr und reichlich Munition. Fernandez rettete seine kostbare Kamera. Wir kramten eben noch in der Flugzeugkabine, als ich zufällig drüben am Wald sich etwas bewegen sah. Was war das? Affen? - Ich stieß Onkel Tom am Arm.

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Da waren sie deutlich zu sehen: mehrere ganz nackte Waldindianer. Als wir uns ihnen zukehrten, verschwanden sie lautlos im Dunkel des Urwalds. Das schien uns nicht recht geheuer. Hatten sie Angst oder wollten sie uns auflauern? Aber vielleicht fanden wir in der Richtung, in der die nackten Gestalten eben verschwunden waren, einen Indianerpfad, der uns zu einer menschlichen Siedlung führte. Noch einen letzten wehmütigen Blick auf unseren braven Vogel und dann vorsichtig sichernd dem Waldrand zu. Richtig, hier mündete ein Pfad. Noch ein paar Schritte - und die grüne Dämmerung nahm uns auf. Von den Waldindianern war nichts zu sehen. Wohl knackte es hier und da im Unterholz. Aber sie blieben verschwunden. Lauerten sie uns in einem Hinterhalt auf? 

 

Marsch durch den Urwald

Draußen war brütende Sonnenglut, hier drinnen drückende Schwüle. Im Nu waren wir schweißgebadet. Kein Lüftchen regte sich unter dem gewaltigen grünen Dach. Und was war das für eine seltsam fremdartige Welt ringsumher! Nicht wie in unseren deutschen Wäldern. Ober dem schmalen Pfad lagen gestürzte Baumriesen. Aus ihren faulenden Stämmen wuchsen neue Pflanzen. Überall wucherte und grünte es wild durcheinander. Die herrlichsten bunten Blüten. Und dort - ja, flogen dort Blüten durch die Luft? Nein, es sind winzige Vogel - Kolibris in zauberhaften Farben. Blitzschnell erscheinen die Tierchen, schweben vor einer Blüte mit surrenden Flügeln - und sind wieder verschwunden. "Blumenküsser" nennen sie die Brasilianer. Hoch in den Baumkronen krächzten Papageien, schimpften und lärmten Affen. Plötzlich gab es ein ohrenbetäubendes Gezeter. Eine Herde von Brüllaffen mit schwarzem, zottigem Fell bellte heiser auf uns herab. Sie waren offensichtlich mit unserem Vordringen in den Urwald nicht einverstanden. Jetzt knackte und schnaufte es im Dickicht. Der Lärm der Affen hatte einen Tapir aufgescheucht, der unseren Pfad kreuzte und wieder im Dickicht verschwand. Onkel Tom, der voranschritt - ich ging zwischen ihm und Fernandez -, zeigte nach oben. Dort hingen seltsame Gestalten, unbeweglich und träge: Faultiere. Das eine wandte den Kopf im Zeitlupentempo. Auch in der Nähe kreischende Papageien konnten es nicht aus der Ruhe bringen. Ich war stehengeblieben. Seitlich fiel ein Sonnenstrahl durchs Geäst. Auf dem Boden schien ein leuchtender Teppich ausgebreitet. Als ich einen Schritt darauf zu machte, schwebte eine märchenhaft bunte Wolke auf. Hunderte herrlichster Schmetterlinge. Onkel Tom und Fernandez waren schon ein Stück voraus. Ich schaue noch den Schmetterlingen nach, da fällt mein Blick auf einen Farbfleck dicht über mir an einem Ast, Seltsam, was es hier für Äste und Baumrinden gibt! Aber da stockt mir der Atem: Das ist kein Baumast - das ist eine Riesenschlange. Dort ist der Kopf. Er hebt sich langsam. Ich stehe einen Augenblick wie versteinert - und dann laufe ich, so schnell ich kann, hinter den andern her. Die lachen, als ich mein Abenteuer erzähle. Riesenschlangen sind angeblich gar nicht so gefährlich. "Die hat vielleicht gerade ein fettes Wildschweinferkel verdaut - und giftig ist sie sicher auch nicht gewesen", meint Fernandez. Aber Jupp, sag selbst, kann das einer vorher wissen? - Der Pfad führt endlos weiter. "Ein Glück", sagt Fernandez, "daß der Boden einigermaßen trocken ist und daß wir nicht in eine Gegend geraten sind, wo der Wald immer unter Wasser steht." Es gibt unzählige Insekten hier; irgendwo sticht und beißt es immer. Und dazu die Hitze! Ich bin zum Umfallen müde. Sind die Waldindianer noch in der Nähe? Werden sie uns skalpieren?

 

Die gastfreien Indios

Da, was ist das? Der Wald lichtet sich. Grelles Sonnenlicht fällt herein. Und sind das nicht menschliche Stimmen? Wir treten auf eine große Lichtung. Dort drüben stehen mit Maisstroh gedeckte Hütten, davor hocken Indios - Frauen und Kinder. Hier sind auch Felder... Wir haben eine Indianersiedlung erreicht. Zwei Männer kamen auf uns zu und begrüßten uns. Einer konnte etwas Portugiesisch, die Landessprache Brasiliens. Woher wir kämen? Mit dem Flugzeug abgestürzt, mitten im Urwald? Heilige Mutter Gottes! Wir fragten, wie weit es zur nächsten Flugstation wäre. Oh, sehr weit, zwei Tagemärsche oder drei. Über Nacht sollten wir bei ihnen bleiben. Und schon wurden wir zum Essen eingeladen. Vor einer Stunde waren die Männer von der Jagd heimgekehrt mit einem Jaguar als Beute. Nun gab es heute ein Festessen. Tatsächlich waren die Frauen schon dabei, die Bestie zu zerlegen und zuzubereiten. Der Indio erzählte uns von der Jagd. - Sie waren schon auf dem Heimweg gewesen, als sie plötzliches Gezeter der Affen auf das Raubtier aufmerksam gemacht hatte. Es gilt zwar als nicht sehr angriffslustig, aber es ohne Gewehr zu erlegen, ist doch eine besondere Kunst, wobei es nicht immer gut abgeht. Es gäbe übrigens noch andere Räuber hier im Urwald. Zum Beispiel das Beuteltier! Er zeigte uns ein totes Tier, das hinter der Hütte lag. Das war letzte Nacht in den Hühnerstall eingebrochen. Er hatte es noch rechtzeitig erwischt und erschlagen. Hühner im Urwald?

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Ja, das war sein ganzer Stolz. Das hatte er sich von weit her mitgebracht, von der Plantage, wo er kurze Zeit als Arbeiter war. Wie wir noch standen und das kleine Raubtier besahen, kam ein komischer 'Vierbeiner mit langem Rüssel, buschigem Schwanz und langen Krallen an den Vordertatzen schnüffelnd um die Ecke. Ein Ameisenbär! Er war ganz zahm. Die Indianerfrauen warfen ihm rohe Fleischstückchen zu. Das schienen Leckerbissen für den Burschen zu sein, der hier als Haustier gehalten wurde, um das viele Ungeziefer, vor allem aber die Termiten zu vertilgen, die alles zerstören, was nicht niet und nagelfest ist. Termitenbär müßte er eigentlich heißen. - Plötzlich brach die Nacht herein. Das geht in den Tropen ganz schnell. Es wurde pechschwarz um uns. Nur vor den Hütten brannten die Herdfeuer. Der Jaguarbraten war fertig! Trotz unseres Hungers hatten wir keinen rechten Appetit darauf. Aber schon hielten wir jeder ein kräftiges Stück in der Hand, nahmen unser Messer und begannen zu essen - und es schmeckte! Die Indianer vertilgten schmatzend gewaltige Mengen Fleisch. 

 

Die tausend Stimmen der Urwaldnacht

Die Herdfeuer glühten noch. Es war tiefe Dunkelheit um uns. Aber ringsum waren Leuchtkäfer, Glühwürmchen und unzählige andere Leuchtinsekten zu sehen. Alles schien lebendig von tanzenden, funkelnden Lichtern. Drüben aus dem Urwald kamen tausend Stimmen. Es raschelte und brummte, scharrte und knackte. Schlichen Jaguare um die Lichtung? Der Schein des niederbrennenden Feuers warf gespenstische Schatten. Schwarz standen die Baumriesen des Urwalds. Drüben im Wald schrie ein Tier auf - sicher saß ihm ein Jaguar im Genick.

 

Jaguarjagd und Flußüberquerung

Am nächsten Morgen brachen wir auf. Zwei Indianer gingen als Führer mit. Bald waren wir wieder im tiefsten Urwald. Wir mochten Stunden marschiert sein, als der vorangehende Indianer plötzlich anhielt, Onkel Tom am Arm faßte und nach oben zeigte. Ein Jaguar - oben lag er in einer Astgabel und blickte mit bösen Augen auf uns herab. Onkel Tom und Fernandez rissen die Gewehre von der Schulter. "Nicht schießen, nicht schießen!" baten die Indianer. Wollten sie ihn selbst erledigen? Aber schon krachte ein Schuß. Onkel Tom hatte geschossen, das Raubtier aber nur verwundet. Der Jaguar brüllte auf, rasend vor Schmerz und Wut, und sprang - sprang auf den vorderen Indianer herab. Es ging alles in Sekundenschnelle, weder Onkel Tom noch Fernandez kamen noch einmal zum Schuß. Aber der Indianer stieß der Bestie im Sprung sein langes Messer in die Kehle, ein fürchterliches, gurgelndes Aufbrüllen, der Mann stürzte zu Boden, der Jaguar über ihn -dann rollte der Tierleib zur Seite. Ein letztes Zucken, tot! - Der Indianer hatte nur eine tiefe Kratzwunde am Arm. Das furchtbare Gebiß des Raubtiers hatte ihn nicht mehr erreicht. Er war um den Bruchteil einer Sekunde schneller gewesen. Das war ein Meisterstück! Ich hätte keinen Pfifferling mehr für den Mann gegeben. Stolz stand er auf und zog sein Messer aus der Kehle des Raubtiers. Schade, daß wir das Tier nicht mitnehmen konnten! Aber der Weg war zu weit. Vielleicht wollten die Indios auch die Jagdbeute auf dem Rückweg mit ins Heimatdorf nehmen.

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Wir marschierten weiter. Nicht lange, und wir standen am Ufer eines Flusses. Was nun? Aber die Indianer wußten Rat. Sie zogen ihre spärliche Bekleidung aus - es war nicht viel, bündelten sie zusammen und zogen unter dem Gebüsch einen zurechtgestutzten Baumstamm hervor. Schon schwamm er auf dem Wasser, sie klammerten sich mit einer Hand an, hielten mit der anderen ihre Habseligkeiten hoch und ruderten mit den Beinen. Schräg zur Strömung gewannen sie das andere Ufer. Wir standen verdutzt. Unsere beiden Führer winkten von drüben und zeigten auf die Uferböschung. Dort lagen noch mehr solche Stämme. Was blieb uns übrig, als das gleiche zu tun, obwohl wir viel mehr Gepäck hatten. Es war die abenteuerlichste Flußfahrt meines Lebens. Ich hatte Angst, richtige Angst und dachte abwechselnd an die Piranhas und die Krokodile. Gab es hier zufällig keine? Oder hatten wir nur Glück? Auf jeden Fall kamen wir heil hinüber. Drüben ging es eine Zeitlang am Ufer entlang. Plötzlich sahen wir fast nackte Gestalten am Ufer: Waldindianer, die nur einen Lendenschurz und einen Kopfschmuck trugen. Aber was taten die denn? Sie standen aufrecht mit gespannten, großen Bogen und zielten mit langen Pfeilen aufs Wasser. Sie schössen Fische - eine besondere Kunst. Unsere beiden Indianerführer sahen geringschätzig zu ihnen hin. Was galt ihnen diese Fischjagd gegen einen Zweikampf mit dem Jaguar! Die Waldindianer blickten mißtrauisch herüber, ihre Bogen und Pfeile noch immer erhoben. Wir zogen weiter, um einen Zusammenstoß zwischen den Angehörigen so verschiedener Stämme zu vermeiden.

 

Der grünen Hölle entronnen!

Ja, das ist ein langer Brief geworden, lieber Jupp, und ich habe Dir noch gar nicht gesagt, wo ich ihn schreibe. Zwei Tage nach der Flußüberquerung hatten wir es geschafft. Der Wald wurde lichter, das Land stieg an. Die Indianer hatten uns noch die Richtung gewiesen und waren umgekehrt. Nicht lange mehr, und wir standen auf einer breiten Lichtung und vor dem Bretterbau eines Siedlers. "Ein Weißer!" rufe ich, als ein Mann aus der Tür tritt. "Grüß Gott, meine Herren!" Stell Dir unsere Überraschung vor: Es war ein Deutscher, seit Jahren schon im Lande, einst vom Goldfieber gepackt, während des letzten Krieges hatte er sein Vermögen verloren, nun wollte er mit zwei Kameraden von vorn anfangen. Es war eine sehr herzliche Begrüßung. Die Siedler boten uns Mate Tee als Willkommenstrunk an. Das ist eine Art Nationalgetränk in Südamerika. Prrr - schmeckte der erste Schluck bitter! Aber man gewöhnt sich dran. Und er stillt wunderbar den Durst und erfrischt auch die müdesten Urwaldgänger. Nun sitze ich vor dem einfachen Holzhaus, ein Brett auf den Knien, und schreibe an Dich. Du kannst Dir nicht vorstellen, wie hart und entbehrungsreich ein solches Siedlerleben ist, stunden und tageweit von einem Verkehrsweg entfernt. Herr Schmidt, unser Gastgeber, hat sich hier niedergelassen, weil es nach brasilianischen Entfernungen nicht allzu weit zur nächsten Flugstation ist, der einzigen Verbindung zur übrigen Welt, und weil das Land hier gut ist und für den Anbau geeignet. Aber ob es ihm gelingt, eine Hacienda zu errichten, eine wirkliche Farm? Wir fragten, wann das nächste Flugzeug käme. "Geduld, Geduld, nicht morgen, nicht übermorgen - erst in vier Tagen!" Aber dann soll es auf die Minute pünktlich kommen. Wir ruhen uns aus. Unter Moskitonetzen können wir auch nachts wieder schlafen, obgleich man oft plötzlich aufwacht, weil es im Zimmer raschelt und knackt. Große Käfer und Spinnen kommen ins Zimmer. Machst Du plötzlich Licht, kriechen Schlangen schnell ins Dunkel unters Bett, leuchtest Du auf die Wand, sitzen dort Eidechsen, die auf Insektenjagd gehen. Es sind komische, kleine Burschen. Geckos heißen sie. Sie können sogar an der Decke mit dem Rücken nach unten laufen. Du richtest Dich auf - und schwupp sind sie in einem Spalt zwischen zwei Brettern verschwunden. Einmal nachts bin ich aber auch furchtbar erschrocken.! Ein Glück, daß wir unter Moskitonetzen schliefen! Sitzt da, ich aufwache, eine große Fledermaus auf meinem Netz. Das war wie ein Alptraum. Am Abend hatte Herr Schmidt von diesen Blutsaugern erzählt, den Vampiren, die Menschen und Tieren Blut abzapfen. Jetzt saß das Tier dicht vor mir, konnte mich aber durch das Netz nicht erreichen. Am Morgen sahen wir, daß solch ein Vampir das Pferd von Herrn Schmidt angefallen hatte. Es waren deutliche Bißwunden zu sehen. - Oberhaupt die Fledermäuse! Lautlos kommen sie nachts ins Zimmer, fliegen an den Wänden! Auf und ab, um Schaben und allerhand Insekten zu fangen. Und; Frösche gibt es hier! Brasilien ist das Land der Frösche. Die machen ein Konzert, das man kaum beschreiben kann. In der Regenzeit ist es am tollsten. Bei uns in Deutschland quaken doch die Frösche, nicht wahr? Aber hier in Südamerika brüllen sie und grunzen, hämmern und trillern, knarren und pfeifen. Es ist das reinste moderne Orchesterkonzert. Abends, wenn es dämmert, hört man ein dumpfes Glucksen. Das klingt, als käme es aus! Einem tiefen Keller. Es stammt von der Riesenkröte, einem Tier,| das gut 30 Zentimeter lang wird! - Genug für heute! In wenigen Tagen geht's zum Flugplatz und! Dann mit der Verkehrsmaschine nach Rio.

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In der Weltstadt Rio de Janeiro

Ob Du es glaubst oder nicht, Jupp: Ich bin in der schönsten Stadt der Welt. Schade, daß wir nicht zu Schiff in den Hafen eingefahren sind. Wir kamen aber von der anderen Seite über das brasilianische Bergland. Brasilien hat nämlich nicht nur das tief liegende, ungeheure Amazonasbecken, dessen Urwäldern wir eben entronnen sind, sondern an der Ostküste auch ein riesiges Bergland. Das heißt: Es ist teilweise ein mächtiges Gebirge, mit Bergen, so hoch wie unsere Zugspitze. "Ein ganz altes Gebirge", hat mir Fernandez erklärt, "viel älter als die Kordilleren." Ich kann das nicht recht verstehen, da die Kordilleren oder Anden an der Westküste Südamerikas doch viel hoher sind. "Das ist es ja gerade", sagt Fernandez, "in Jahrmillionen ist es schon teilweise wieder abgetragen worden. Es ist nur noch der Sockel eines uralten Faltengebirges." Jupp, Du nimmst jetzt am besten erst wieder einmal Deinen Schulatlas zur Hand. Siehst Du, wie weit sich das Bergland nach Osten in den Atlantischen Ozean vorschiebt? Blättere schnell einmal weiter bis zur Karte vom Atlantischen Ozean! Siehst Du, dort, wo die brasilianische Küste fast einen rechten Winkel bildet, ist die Stelle, wo Südamerika dem Erdteil Afrika am nächsten kommt. "Für den Verkehr Brasiliens mit der Welt ist das sehr günstig", sagen Onkel Tom und Fernandez.

 

Hafenrundfahrt und Zuckerhut

Aber ich wollte Dir ja gar keinen Erdkundeunterricht geben, sondern von Rio erzählen. Nachdem wir einen Tag ordentlich ausgeschlafen hatten, haben wir eine Hafenrundfahrt gemacht. Einen so schönen Hafen gibt's bestimmt nur einmal. Sogar Onkel Tom sagt: "Very nice, indeed!" - Sehr schön, wahrhaftig! Eine Weltstadt von fast drei Millionen Einwohnern - und doch wie eine Märchenstadt, wenn man in die Bucht einfährt. Tiefblauer Ozean, urwaldbedeckte Berge und davor die Stadt mit weißen Palästen und Hochhäusern in strahlender Sonne, mit Villen und einem herrlichen Badestrand. Auf einer Bergkuppe über der Stadt steht eine große, weiße Christusfigur mit ausgebreiteten Armen, als segne sie die Stadt und die Bucht. Im Süden steigt der berühmte "Zuckerhut" unmittelbar aus dem Meer, ein steiler Felsen, auf den wir mit der Schwebebahn hinaufgefahren sind. Wir haben oben gesessen, ganz benommen von dem herrlichen Rundblick. Abends blinkten Tausende von Lichtern auf. Die Lichter der großen Avenuen zogen sich wie leuchtende Perlenketten am Ufer entlang. Straßen gibt es in der Stadt - wahre Prachtstraßen, an denen herrliche Königspalmen stehen. Ein ganz moderner Flugplatz liegt mitten in der Stadt. Die Brasilianer haben gewaltige Granitfelsen weggesprengt, um den nötigen Raum zu gewinnen. Hier wird überhaupt gebaut und geplant, wie wir uns das aus Deutschland kaum vorstellen können. Es leben übrigens viele Deutsche in der Stadt. Aber heiß ist es hier, unsagbar heiß, vor allem über Mittag, wir sind fast zerflossen. Nachdem wir uns neu eingekleidet hatten - der Rest unseres Gepäcks verfault und verdirbt wohl inzwischen in den Flugzeugtrümmern im Urwald, wenn ihn nicht Indianer gefunden haben, ehe die Termiten ihr Zerstörungswerk beginnen -, als wir uns also richtig "stadtfein" gemacht hatten, fuhren wir nach Petropolis hinaus. Das ist die ehemalige Residenz der brasilianischen Kaiser - heute ist Brasilien ja Republik. Der Ort liegt in den Randbergen nahe der Stadt. Hier ist die Luft frischer und kühler. Onkel Tom wollte einen Geschäftsfreund besuchen, der dort eine Villa hat, prächtig wie ein Märchenschloß, mit herrlichen Gärten und Springbrunnen drin. Gleich hinter den Gärten beginnt der Urwald.

 

Auf dem Gipfel des Itatiaya

Wir haben einen Ausflug ins Gebirge gemacht. Zuerst mußten wir uns mit der "Machete" einen schmalen Pfad durch die Schlinggewächse und Dornen schlagen. Es war eine anstrengende Sache, denn die Tropensonne brannte herab. Je höher wir kamen, desto lichter wurde der Wald. Überall wuchsen Riesenfarne. Wir kamen in eine immer wildere Berglandschaft. "Jetzt wird nicht umgekehrt", meinte Fernandez, "wir wollen nun auch bis auf den Gipfel des Itatiaya." Dieser Berg, mußt Du wissen, ist der höchste in Brasilien, fast 3000 Meter hoch. "Wir können doch hinauffahren", schlug der dicke Paulo vor, der Sohn unseres Gastgebers, der an der Bergtour teilnahm. "That's okay", sagte Onkel Tom, der auch das Klettern satt hatte. Wir sind also mit einem Auto hinaufgefahren. Oben bot sich uns ein herrlicher Rundblick. Wilde Felstürme des Orgelgebirges, im Osten, von der Abendsonne beschienen, der Atlantische Ozean - und als es dämmerte, unter uns das Lichtermeer von Rio. Nach Westen blickte man über die Berge dorthin, wo die unendlichen Urwälder des Amazonas beginnen. Dort lag die grüne Hölle, der wir entkommen waren, mit ihrer mörderischen, feuchten Hitze. Hier oben dagegen war es so luftig und kühl, daß wir fröstelten. Am dunklen Himmel leuchteten viele unbekannte Sternbilder auf. Und der große, gelbe Halbmond steht hier nicht aufrecht, sondern sieht aus wie eine flache, goldene Schale.

 

 

 

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Alle 25 Minuten Richtfest in Säo Paulo!

Sei mir gegrüßt, Caballero! Zum erstenmal bin ich in Südamerika mit der Eisenbahn gefahren. Von Rio de Janeiro nach Säo Paulo. Onkel Tom sagt zwar, in Südamerika werde das Flugzeug immer mehr zum wichtigsten Verkehrsmittel. Nur das Flugzeug könne die ungeheueren Entfernungen überwinden. Aber ganz ohne Eisenbahnen geht es doch nicht. Man hat viele neue Strecken gebaut. Ein besonderes Vergnügen soll so eine Eisenbahnfahrt allerdings nicht immer sein. "Wenn Sie wissen wollen, wie es in der Hölle ist", sagte uns ein Deutscher in Rio, "dann müssen Sie einmal mit der Eisenbahn so vierzig, sechzig Stunden ins Innere unseres Landes fahren. Das sind zum Teil Privatbahnen. Im 15=Kilometer=Tempo geht es durchs Land. Und der Staub, der schreckliche rote Staub dringt durch alle Ritzen und verklebt die schweißgebadete Haut. Nirgends ein Glas frisches Wasser! Dann muß wieder Holz als Brennstoff geladen werden. Das dauert ewig. Schließlich muß die Dampfpfeife ein dutzendmal tuten, bis die schwarzen Lokführer ankommen. Nun fährt der Zug weiter, denken Sie? Weit gefehlt!

 

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Jetzt rauchen die Neger erst noch gemütlich eine Maisstrohzigarette! - Dann - endlich rüttelt und schüttelt der Zug bis zur nächsten Station. Kein Vergnügen, meine Herren, kein Vergnügen!" - Unsere Fahrt nach Säo Paulo war keine solche Höllenfahrt. Mehr als 1000 Meter muß die Bahn steigen, um von der Küste auf das Hochland zu kommen. Von den vielen Brücken und Kurven gab es herrliche Aussichten. Jetzt sind wir in Säo Paulo. Das ist wieder eine ganz moderne Riesenstadt mit gewaltigen, neuen Industrieanlagen. Man nennt sie das Chikago des Südens. Alle 25 Minuten wird ein Haus fertig, sagen die Leute, und jede Woche zwei bis drei Wolkenkratzer. Hier gibt es Verkehrsstraßen mit sechs Fahrbahnen. Zum Hafen von Santos führt eine breite Autobahn. Wir sind sie hinuntergefahren, um den Hafen zu besichtigen. Dort lagen Ozeandampfer, die gerade Maschinen und anderes Material aus Nordamerika und Europa löschten. Brasilien will sich eine große eigene Industrie aufbauen. In der Stadt ist ein Betrieb, Du kannst es Dir nicht vorstellen. Allein die Autos! Jede Menge und modernste Marken! - Mir ist aufgefallen, daß es hier mehr Weiße gibt als in Rio. Man sieht hier kaum einen richtigen Neger, aber sehr viel Europäer, auch Japaner, Inder und Mulatten. Es ist, wie in allen Großstädten an der Ostküste Südamerikas, ein wirkliches Völkergemisch. Wir sind auch in die Vorstädte hinausgefahren. Hier gibt es große Arbeiterviertel und Siedlungen. Die Paulolaner lieben ihr Häuschen im Grünen. Elendsviertel wie in Rio gibt es aber fast nicht, sagen die Einheimischen, obgleich man auch hier die großen Unterschiede zwischen reich und arm - wie überall in Südamerika - feststellen kann. Wir sind jetzt sogar einmal ins Kino gegangen, in so einen richtigen, modernen Kinopalast und nachher - ja, Jupp, das gibt's auch! in ein großes Bierlokal mit Weißwürsten und Brezeln. Es gehört einem Deutschen. Man konnte meinen, man wäre in München im Hofbräuhaus.

 

Auf einer Kaffeeplantage

Ich habe eben schon den Hafen Santos erwähnt. Denkst Du da nicht gleich an den guten brasilianischen Kaffee, der hier nach Europa verladen wird? Wußtest Du, daß es im Gebiete von Säo Paulo die größten Kaffeeplantagen der Welt gibt? Wir sind mit der Eisenbahn ein Stück ins Land gefahren, um eine solche Plantage zu besichtigen. Von einer kleinen Station ging es mit dem Auto des Plantagenbesitzers weiter. In dem Bergland sind alle Wälder abgeholzt. Es gibt nur noch staubiges Ödland und Grasflächen. Unsere weißen Hemden wurden unterwegs ganz rot von dem Staub, der alles überdeckt und von der sehr fruchtbaren "Terra roxa" stammt. Und dann, so weit das Auge reicht, von einem Hügel zum andern, endlos bis zum Horizont - die Kaffeepflanzungen. In kilometerlangen Reihen stehen unzählige Kaffeebüsche gut ausgerichtet nebeneinander. Zwischen dem grünen Laub sind die reifen, roten Kaffeekirschen zu sehen. Die Kaffeebohnen sind nämlich immer zu zweit von einem süß schmeckenden Fruchtfleisch umgeben. Daher der Name Kirsche. Nach der Ernte werden die Bohnen von dem Fruchtfleisch befreit. "Es erfordert dann noch viel sorgfältige Arbeit, bis die Bohnen wohlsortiert Versandfertig sind", erzählte uns der Plantagenbesitzer, mit dem wir ein Stück in die Pflanzungen hineingegangen waren, um den Arbeitern bei der Ernte zuzusehen.

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- Onkel Tom, Fernandez der Plantagenbesitzer haben sich dann noch lange über Anbau und Ausfuhr des Kaffees unterhalten. "'O cafe da para tudo' - der Kaffee muß für alles herhalten", sagte der Brasilianer. Er bedeutete, nachdem der Gold und Diamantenrausch zu Ende war, den größten Reichtum des Landes. Aber eines Tages war es aus mit dem Wohlstand. Auch in anderen Ländern wurde Kaffee angebaut. Die Preise sanken. Brasilien hatte sich allzu einseitig auf die Kaffeeausfuhr verlassen. Was tun? Der Staat kaufte Millionen Sack Kaffee auf, um sie zu verbrennen oder ins Meer zu werfen, damit das Angebot verringert wurde. "Wir haben daraus gelernt", fuhr der Brasilianer fort. "Jetzt wird bei uns nicht mehr soviel Kaffee gebaut, die Preise sind wieder gestiegen. Dafür legen wir Baumwollpflanzungen an. - Ja, und zum Kaffee gehört der Zucker, nicht wahr, meine Herren. Auch den gewinnen wir in großen Mengen im Lande. Im Norden Brasiliens wird nämlich Zuckerrohr angebaut. Wie große Schilfwälder sehen die Pflanzungen aus. "Aber hat der Zucker Ihrem Land nicht auch schon einmal einen bösen Streich gespielt?" fragte Fernandez." "Gewiß, gewiß. Das war im 19. Jahrhundert, als vor allem in Europa zur Zeit der sogenannten Kontinentalsperre billiger Zucker aus der Zuckerrübe gewonnen wurde.

 

Vorher hatte alle Welt den teueren brasilianischen Rohrzucker bezogen." "Der war aber so teuer, daß er z. B. in Deutschland in verschließbaren Zuckerdosen aufbewahrt wurde", sagte Fernandez. Ja, das weiß ich auch", warf ich ein, "meine Großmutter hat noch so eine Silberdose mit einem kleinen Verschluß gehabt." "Die europäische Zuckerrübe hat unser Land damals in große Not gebracht", fuhr der Brasilianer fort. "Wir wurden unseren teuren Rohrzucker nicht mehr los. Und wer, glauben Sie, hat uns gerettet? Der hier!" Er schüttelte den Zweig eines Kaffeestrauchs. "Der Kaffee wurde damals zum Retter Brasiliens. Seitdem baute Brasilien die gewaltigen Mengen Kaffee an. Wir haben aber, wie gesagt, inzwischen gelernt, daß es besser ist, sich nicht einseitig nur auf Kaffeeanbau oder Zuckerpflanzungen oder Goldfunde zu verlassen, sondern vielerlei anzubauen und auch eine eigene Industrie zu schaffen." 

 

In einem deutschen Dorf in Brasilien

Denk Dir, lieber Jupp! Du kannst in Brasilien Angehörige fast aller Rassen und Volker der Welt treffen. Es gibt z. B. auch japanische Siedlungen. Aber was sagst Du dazu, daß ich Dir jetzt aus einem richtigen deutschen Dorf schreibe? Onkel Tom und Paulo sind noch einmal nach Säo Paulo zurückgefahren. Fernandez und ich haben einen Abstecher nach Süden gemacht. "Damit Du Deinen Landsleuten guten Tag sagen kannst", meinte Fernandez. - Hier im Süden ist ein angenehmes Klima.

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In einem deutschen Dorf in Brasilien

Denk Dir, lieber Jupp! Du kannst in Brasilien Angehörige fast aller Rassen und Völker der Welt treffen. Es gibt z. B. auch japanische Siedlungen. Aber was sagst Du dazu, daß ich Dir jetzt aus einem richtigen deutschen Dorf schreibe? Onkel Tom und Paulo sind noch einmal nach Säo Paulo zurückgefahren. Fernandez und ich haben einen Abstecher nach Süden gemacht. "Damit Du Deinen Landsleuten guten Tag sagen kannst", meinte Fernandez. - Hier im Süden ist ein angenehmes Klima. Erinnerst Du Dich aus dem Erdkundeunterricht in der Schule noch an den Ort Blumenau? In dieser Gegend sind wir jetzt. Denk Dir, in diesem Dorf stehen richtige, behäbige deutsche Bauernhöfe! An den Häusermauern stehen zwar Araukarien (das sind Nadelbäume, so wie ähnlich wie unsere Zimmertannen, nur viel größer und Palmen und in den Gärten Apfelsinenbäume mit glänzend grünen Laub und leuchtenden Früchten. Aber sonst sieht das alles heimatlich aus.

Wir wurden gleich zum Mittagessen auf der Veranda eines Bauernhauses eingeladen. Ich mußte viel aus Deutschland erzählen. Der Bauer zeigte uns die alte Bretterbude, mit der er einst angefangen hatte; jetzt dient sie als Schuppen zum Stapeln der Maiskolben. Drüben steht auch der Backofen. Pferde, Mulas und Milchkühe weiden auf dem eingezäunten Weideplatz; im Garten wachsen Gemüse und Blumen; hinter dem Hof beginnen die Pflanzungen. Wenn es nicht soviel fremdartige Pflanzen gäbe, könnte man wahrhaftig meinen, in einem Dorf irgendwo in Deutschland zu sein. - Wir fahren nun weiter nach Süden bis Porto Alegre. Dort sollen wir auf Onkel Tom und Paulo warten. Jetzt sind wir also bald im südlichsten Zipfel des Bundesstaates Brasilien angelangt. Was für ein Land - dieses Brasilien! Fernandez sagt, daß es auch noch unermeßliche Erzlager hat, die man erst auszubeuten beginnt. Wir trafen in Säo Paulo einen Ingenieur, der eben aus einer Goldgräberstadt im Staate Minas Geraes kam. Neben Gold soll es dort gewaltige Eisenerzlager geben. Das Eisen liegt offen zutage. Er sei mit seinem Pferd lange über eine

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Von Brasilien bis nach Feuerland

 

Cornedbeef und Fleischextrakt

Es ist schlimm, bester Jupp! Ich bin heute eigentlich zu faul zum Briefschreiben. Wir haben ein paar Erholungstage eingelegt und aalen uns am Strande von Montevideo, der Hauptstadt von Uruguay. Das ist - nebenbei gesagt - der kleinste Staat von Südamerika. Aber er hat den herrlichsten Badestrand. So richtig etwas für müde "Geschäftsreisende", die aus dem brasilianischen Urwald kommen! Jupp, ich mache Dir folgendes Angebot: Wie wäre es an Stelle eines Briefes mit einer Büchse Cornedbeef oder Fleischextrakt? O weh, wirst Du sagen, Freund Pünneberg ist übergeschnappt! Dem ist die Tropensonne schlecht bekommen. Aber das war eben ein ganz ernsthaftes Angebot. Du bekämst die Konserven hier aus der besten Quelle. Das geht nämlich folgendermaßen zu: In Uruguay gibt es das schönste Weideland der Welt. Auf den endlosen Grasflächen weiden riesige Rinderherden. Aber mit dem geruhsamen Leben der armen Wiederkäuer nimmt es ein trauriges Ende. Sie gelangen alle in die Fleischfabriken des Landes, um zu Konserven, Fleischextrakt und Gefrierfleisch verarbeitet zu werden. Wir haben eine solche Fleischfabrik besichtigt. Du, da sind unsere Schlachthöfe nichts dagegen. Mach den Mund auf und staune: In Uruguay sollen so an die zwei Millionen Stück Vieh jährlich geschlachtet werden! Der Fleischextrakt wird übrigens nach einem Verfahren des berühmten deutschen Chemikers Justus von Liebig hergestellt. Von dem hast Du doch sicher schon gehört.

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Der lebmfarbene Silberstrom

"Silberstrom" heißt die große Flußmündung, an der wir jetzt im Sande liegen: Rio de la Plata. Aber das Wasser ist gar nicht silbern, sondern lehmbraun, weil es kürzlich tief drinnen im Lande große Regenfälle gegeben hat. Die Zuflüsse des Silber* Stroms kommen weit aus dem Innern des Kontinents. "Zum Teil sogar aus Brasilien", stellt Paulo mit Genugtuung fest. Jupp, schau Dir das mal auf der Karte an! "Der Name hat auch gar nichts mit der Farbe des Wassers zu tun", erklärt Fernandez. "Die ersten europäischen Entdecker nannten die Strommündung so nach dem reichen Silberschmuck der Indianer, auf die sie hier trafen/' Onkel Tom liegt auf dem Rücken und raucht seine kurze Pfeife. Paulo und ich haben eben eine gewaltige Sandburg gebaut. Fernandez hat Langeweile und beginnt, Onkel Tom aufzuziehen. "Wieviel große Flußsysteme hat eigentlich Südamerika?" fragt er auf Englisch. "Drei", antwortet Paulo stolz. "Orinoco, Amazonas und Paranä, an dessen Mündung wir uns jetzt befinden." "Und Nordamerika?" "Eigentlich nur eins", sage ich etwas unsicher, "Missouri - Mississippi." "Na, sagen wir zwei", meint Fernandez, "nehmen wir den Lorenzstrom hinzu." Onkel Tom pafft unerschütterlich seine Pfeife und tut, als ob er nichts gehört hat.

 

"Und wie ist es denn mit den Indianern in Nordamerika?" fährt Fernandez fort. "Soviel ich gelesen habe, sind sie dort fast verschwunden. Der Rest lebt in sogenannten Reservaten. Das sind Schutzgebiete." "Und im Süden?" Paulo wirft sich in die Brust: "Bei uns hat man die Indios nicht ausgerottet. Im Gegenteil. Sie spielen gegenwärtig eine immer größere Rolle, auch im Staate." "Und trotzdem ist Südamerika noch ein menschenarmer Kontinent", erklärt Fernandez, "meist sind nur die Küstengebiete wirklich besiedelt. Es ist der Erdteil der Zukunft, er könnte noch Millionen Menschen aufnehmen. - Weißt du übrigens", wendet er sich an mich, "daß die Südamerikaner vorwiegend Katholiken sind?

 

Der Kontinent ist von Spanien und Portugal aus kolonisiert worden, daher auch die Namen Ibero=Amerika oder Latein=Amerika, wobei man an die romanischen Sprachen denkt. Außer dem Portugiesischen in Brasilien wird ja fast durchweg Spanisch gesprochen. Neuerdings setzen sich allerdings auch Mischsprachen aus Spanisch und der einheimischen Landessprache immer mehr durch. Man nennt sie auch kreolische Sprachen." Als Fernandez noch weiter fragen will, wird es Onkel Tom schließlich langweilig. "Come on, Boys! Let's go!" "Warum denn?" fragen wir drei und räkeln uns faul in der Spätnachmittagssonne. Ach so, in einer halben Stunde geht das Fährschiff nach Buenos Aires. Dort wollen wir heute noch hin. Onkel Tom trabt schon mißmutig davon, und wir schlendern lachend hinterdrein. - Auf dem Schiff sind viele Badegäste aus der argentinischen Hauptstadt. Tjüs, Jupp! Es grüßt Dich Dein getreuer Freund Pünneberg.

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In der Stadt der schönen Lüfte

Jupp, mein Guter! Merkst Du was? Wir sind richtige, feine Großstadtmenschen geworden. Rio, Säo Paulo - und jetzt die dritte Weltstadt im Bunde: Buenos Aires. "Gute Lüfte"- heißt das. Aber so besonders riecht's hier gar nicht. Im Gegenteil! es ist eine drückend schwere Luft. Grauer Dunst liegt über der Riesenstadt. Und die herrliche Umgebung und der natürliche Hafen wie in Rio fehlen ganz. Aber ein Leben ist das hier wieder! Buenos Aires ist die drittgrößte Stadt von ganz Amerika - nach New York und Chikago Hast du schon einmal an einer Großstadt gestanden die 120 Meter breit ist? Die gibts hier. Junge, da kann man nur staunen! Ausgedehnte unterirdische Parkplätze haben die hier und eine U=Bahn, die sich Wir sind schon mehrmals durch die Stadt gefahren. Selbst Onkel Tom mußte zugeben: "Bald soviel Betrieb wie auf dem Broadway in New York!", als wir durch die Calle Lavalle Gingen, wo sich ein Theater an das andere reiht und Luxusgeschäfte, sehen lassen kann. Das Tollste haben wir aber gestern gesehen. Über eine Superautobahn sind wir nach dem Flughafen Ezeiza gebraust, vielleicht dem modernsten Flughafen, der heute in Betrieb ist. Da ist rings herum ein richtiger Kurort entstanden.

Allein drei Schwimmbäder gibt es dort. Und an der Autobahn reiht sich eine moderne Fabrik an die andere. Aber die Hitze, die Hitze in der Stadt im Dezember, also mitten in unserem Winter, ist es hier am heißesten. Gestern sind wir dann noch um Mitternacht in ein Restaurant gegangen. nämlich eine komische Sitte: In Buenos Aires gibt es Punkt 24 Uhr wird der "Puchero" serviert, das argentinische Nationalessen: mit Maiskolben, Kohl und Kartoffeln zusammen; gekochtes Rindfleisch. Toll, was für Fleischportionen hier verdrückt werden! Brathähnchen am Spieß und Riesenkoteletts auf dem Rost. Du kannst aber auch am Spieß gebratenes Gürteltier oder gebackenes Meerschweinchen essen. Als wir spät nachts ins Hotel gingen, war noch großer Betrieb auf den Straßen. "Das geht hier bis morgens früh, bis die Menschen in die Fabriken und in die Büros hasten", sagte Fernandez. Ich war todmüde und bin wie ein Stein ins Bett gefallen.

Heuschrecken, Staubsturm und Gewitter in der Pampa

So geht's, lieber Jupp, wir wollten der Hitze in Buenos Aires entfliehen und sind vom Regen in die Traufe gekommen. Onkel Tom und Fernandez wollten ins Landesinnere, um Geschäftsaufträge zu erledigen. Paulo hatte keine große Lust mitzukommen. Er wollte lieber wieder an den Badestrand nach Montevideo. Aber es half nichts. Eine amerikanische Firma hat Onkel Tom ein Flugzeug zur Verfügung gestellt, und los ging's. Im Blitzflug in die Pampa! Im Nu lag die Großstadt hinter uns, und eine unermeßliche Ebene breitete sich aus.

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Graugrün und staubig lag das weite Land unter uns. Wir flogen über die argentinische Pampa. Riesige Rinderherden um einen runden Brunnen geschart, und weidende Pferde. Sie galoppierten davon, als Onkel Tom im Tiefflug über sie wegbraust. Lange bleibt eine Staubwolke in der Luft stehen. Hier und da eine Farm mit Windrad und Brunnen, dazwischen Ländereien, so groß wie eine ganze Provinz in Europa. Estancia nennt man die großen Besitzungen hier. Dazwischen taucht auch einmal eine kleine Siedlerstelle auf. Ob hier ein Auswanderer aus Europa mühsam versucht, sein Glück zu machen? Wasser - Seen oder Flüsse sind nicht vorhanden. Die Luft flimmert vor Hitze. Kein Berg, kein Wald in der unendlichen Weite. - Plötzlich ein dunstiger, undurchsichtiger Schleier vor uns, der immer bräunlicher wird und die Aussicht verhängt wie ein dunkles Tuch. Onkel Tom zieht die Maschine hoch. Aber noch in zweitausend Meter Höhe dieselbe braune Mehlsuppe! Ich blicke gespannt auf den Höhenmesser. Wir gehen in rasendem Tempo wieder steil nach unten. Was ist das nur, diese unheimliche Dunkelheit?" Ein Staubsturm", erklärt Fernandez, "der berüchtigte Pampero!" "Madre dios, madre dios!" stöhnt der dicke Paulo neben mir. Wenn Onkel Tom bloß die Maschine noch rechtzeitig abfängt, geht es mir durch den Kopf, als wir immer tiefer stürzen. Da - unten wird es heller. Der staubige, gelbliche Boden der Pampa! Wir sind dem Pampero entronnen und jagen dicht über Getreidefelder dahin.

Onkel Tom dreht sich um und lacht. Wir lachen alle. Nur Paulo sieht ein bißchen grün und gelb im Gesicht aus, und ich habe auch noch ein schwaches Gefühl im Magen. Wir landen mitten in der Pampa, nicht weit von einer Farm. Da kommt auch schon in einer gewaltigen Staubwolke das Auto des Estanciero, des Farmbesitzers, auf uns zu. Sie haben von der Farm aus unsere Landung beobachtet. Als wir im Wagen zum Wohnhaus fahren, knackt und prasselt es plötzlich an der Windschutzscheibe und der Kühlerhaube. Tausende von Heuschrecken hüpfen und springen am Boden. Als wir aussteigen, liegen die fingerlangen Tiere pfundweise auf den Trittbrettern. "Die hüpfenden sind die weniger gefährlichen. Nur die fliegenden fressen alles kahl", erklärte man uns. "Kommen Sie, kommen Sie", sagte unser Gastgeber und zeigte in die Ferne. Ein Gewitter zog auf! Wir hatten kaum Platz genommen im Hause, dessen Fenster und Türen gegen die Hitze dicht verschlossen gehalten werden, da brach das Unwetter los. Es goß wie aus Kübeln. Bläulich blendende Blitze erhellten fast pausenlos das verdunkelte Land. Aber in kurzer Zeit war das Unwetter vorüber. Die Landschaft leuchtete in frischen Farben. Der Staub war verschwunden. "Das war höchste Zeit", sagte der Estanciero, "solch ein Regen ist hier in der Pampa Gold wert. Wenn er zu lange ausbleibt, kann die Dürre Vieh und Ernten vernichten."

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Erdeulen und Stinktiere

Unser Gastgeber und seine Frau wollen uns nicht wieder fortlassen. Besuch ist selten in der Pampa. Also bleiben wir noch zwei Tage und besichtigen die riesigen Ländereien. Unglaublich fruchtbar ist das Land, Wo es genügend Regen gibt, wird Getreide gebaut. Während der Erntezeit kamen früher Tausende von ausländischen Arbeitern ins Land, schufteten einige Wochen schwer, hausten in schlechten Unterkünften, aber bekamen gut zu essen: Es gab viel Fleisch und den schweren, dunklen Mendozawein. Am Ende der Ernte wurde entlohnt, und die Arbeiter zogen ab. Viele Italiener waren darunter, die wieder heimfuhren. Jetzt wird das Getreide mit riesigen modernen Maschinen gemäht, gedroschen, gereinigt und in Säcke gefüllt. Wir haben zugesehen. Da sind nur noch wenig Arbeiter nötig. Onkel Tom verhandelt übrigens wegen neuer amerikanischer Traktoren mit dem Farmer.

Ein Teil dieses Großgrundbesitzes ist weniger fruchtbar. Es wächst aber immer noch genügend Gras, um Viehzucht zu treiben. Die Tiere - auf der Farm unseres Gastgebers sind es vor allem Pferde und Kühe - weiden ohne besondere Aufsicht das ganze Jahr hindurch im Freien Uns war unterwegs schon aufgefallen, daß man kaum kleinere Bauernhöfe sieht, wie es sie bei uns zahlreich gibt. Jetzt erfuhren wir die Erklärung dafür: Die Großfarmer verpachten Landstücke für ein paar Jahre an kleinere Landwirte. Die bauen meist Weizen an. Wenn der Pachtvertrag abläuft, muß aber zuletzt Luzerne als Kraftfutter fürs Vieh ausgesät werden. Der Acker bleibt dann für zehn Jahre nahrhafte Weide, und der Pächter muß weiterziehen. Selbst seine ärmliche Behausung hat er wieder abreißen müssen. Zu Wohlstand und Seßhaftigkeit kann er so nicht kommen. Wir sind einen ganzen Tag über die unendlichen Viehweiden gestreift. Zu Fuß geht das natürlich nicht. Der Estanciero fährt zumeist mit dem Auto durch seinen Besitz, der so groß wie ein kleines Fürstentum ist. Außer den Viehherden haben wir wenig Getier in der stein und fast baumlosen Grasebene gesehen. Auf den Pfosten der Gatter sitzt ab und zu eine Erdeule. Das Gerippe eines gefallenen Rindes liegt verblichen am Boden; die Geier haben den Kadaver längst vertilgt. Die Hunde unseres Gastgebers brachten unterwegs mehrmals ein Gürteltier angeschleppt. Wir ließen die komischen kleinen Vierbeiner wieder laufen, und sie wackelten eilig davon Abends, nahe der Farm, hätte ich beinahe noch Pech gehabt. Kroch da ein Tier mit schwarzweißem Fell und buschigem Schwanz durch das Gebüsch nahe am Haus und schien gar nicht scheu. Ich wollte es mir näher betrachten. Paulo riß mich zurück. Ein Stinktier! Wenn es erschreckt wird, spritzt es eine stinkende Flüssigkeit zur Verteidigung aus. Da war das Unglück aber auch schon geschehen. Die Ladung konnte mich zwar nicht erreichen. Aber ringsum stank es unbeschreiblich.

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Selbst die Hunde machten einen großen Bogen um den Attentäter, der sich gemächlich von dannen trollte, als wüßte er genau, daß er sich jeden Feind vom Halse halten konnte. Kein Kunststück, wenn man eine so hinterhältige "Waffe" hat!

Die Gauchos führen ihre Künste vor

Wir mußten noch einen Tag zugeben. "Wir müssen weiter, Senor, time is money!" drängte Onkel Tom. - "Oh, Geduld, Geduld - manjana, manjana!" Morgen, morgen - das ist ein geflügeltes Wort im Inneren Südamerikas. Nur nichts über eilen! Heute haben die Gauchos uns zu Ehren Reiterspiele vorgeführt. Von diesen verwegenen Gesellen hast Du doch sicher auch schon gelesen. Es sind die Viehhirten auf den südamerikanischen Weideplätzen. Cowboys heißen sie in Nordamerika. Sie tragen wie alle einheimischen Arbeiter den "Poncho". Das ist ein buntgewebtes, farbenfreudiges Tuch mit einem runden Loch in der Mitte, durch das man den Kopf hindurch steckt. Bei Tag dient der Poncho als Umhang und nachts zum Zudecken Unterwegs wird er zu einem Bündel zusammengerollt, in dem der arme Peon (der Landarbeiter) seine wenigen Habseligkeiten verstaut. Aber so wie in den Wildwestfilmen ist das Leben der Gauchos heute längst nicht mehr. Es sind arme Hirten und Landarbeiter, zwar kräftige, verwegene Gestalten, aber mit dem freien Leben in den Steppen ist es vorbei. Nur noch zu festlichen Anlässen führen sie ihre Reit und Lassokünste vor. Bis zu zwanzig Meter ist solch ein Lasso lang. Wir sahen zu, wie sie damit Rinder einfingen. Einer zeigte uns ein besonderes Kunststück: Er jagte zu Pferde mit gellenden Rufen hinter einem Rind her und schwang die Bola über dem Kopf. Das sind kleine Eisenkugeln, die durch Lederriemen miteinander verbunden sind. Ein wilder Schrei!

Die Bola fährt pfeifend durch die Luft. Der Reiter hat um eine halbe Pferdelänge Vorsprung bekommen. Mit Blitzesschnelle schlägt er dem Rind die Eisenkugeln zwischen die Beine, daß es stolpert und stürzt. Wir klatschen Beifall. Der Gaucho lüftet mit Grandezza seinen Hut Ich kann mir gut vorstellen, wie das früher gewesen ist, als Gauchos noch den riesigen, halbwilden Herden folgten, selbst wild, freiheitliebend und immer zu derben Spaßen aufgelegt. Ein hartes, zähes Leben im Sattel! Um das Jahr 18oo sollen sich an die achtzigtausend dieser verwegenen Burschen in den argentinischen Pampas umhergetrieben haben. - Einer von den Viehhirten hat mir zum Abschied eine echte, alte Bola als Andenken geschenkt.

Paulo reitet in die Pampa

Zum Schluß hat uns unser Gastgeber aufgefordert, selbst einmal zu reiten. Die Knechte führten Pferde vor. "Die sanftesten, die wir haben!" versicherte der Estanciero. Onkel Tom und Fernandez bestanden die Probe gut. Ich habe mich auf meinem Gaul mit den Beinen festgeklemmt und immer nur gedacht:

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"Bloß nicht runterfallen!" Also Wie es Paulo erging, habe ich gar nicht gesehen. Ich hatte genug war mit mir selbst zu tun, weil mein Pferd bockte und dann plötzlich losraste wie von der Tarantel gestochen. Am nächsten Morgen wollten wir endlich zum Weiterflug starten. "Wie wär's zum Abschied noch mit einem kleinen Ritt in die Pampa?" fragte unser Gastgeber. Gesagt - getan! Kaum sitzen wir alle auf den Pferden, passiert schon das Unglück. Wir reiten los. Paulo rutscht auf seinem Schlachtroß hin und her wie ein Achtel Schmalz auf einer heißen Kartoffel. Da steigt der Gaul auch schon vorne hoch, kerzengerade, dann läßt er sich wieder auf alle viere fallen und - rast davon. Wer Wir schreien noch: "Festhalten, festhalten!" Aber dann sind kein Paulo und kein Pferd mehr zu sehen, nur noch eine Staubwolke. Fernandez gibt mit der Hand ein Zeichen. Und wir brausen hinterher wie die wilde Jagd. Brauchten gar nicht lange zu suchen. saß da mutterseelenallein in der weiten Pampa und rieb sich den Kopf? Unser dicker Paulo! Wie wir bei ihm haltmachen, bleibt er sitzen und blickt düster vor sich hin. Paulo, was ist?" "Nichts!" "Wo ist der Gaul?" Achselzucken.

Wir schauten uns um. In der flimmerigen Luft ist weit und breit kein Pferd zu entdecken. "Dein Hut?" "Weg -futsch!" sagt Paulo finster und reibt sich unablässig den Kopf. Pause. Wir steigen vom Pferd und stehen um ihn herum, bis Fernandez laut loslacht. Wir lachen mit, daß es über die Pampa schallt. Paulo blickt eingeschnappt vor sich hin. Als wir endlich Ruhe geben, sagt er verächtlich: "Lacht doch nicht so dumm - madre dios! Was wollen wir überhaupt hier in der Pampa? Im brasilianischen Urwald ist's viel schöner! "Aber als wir uns den Schaden besehen, hat Paulo doch einen Schlüsselbeinbruch. Wir haben ihn schnell ins Flugzeug gepackt und sind zu viert nach Mendoza geflogen.

Andenflug oder Feuerland

Mendoza, am Fuße der Anden. - Lieber Jupp, jetzt ist guter Rat teuer. Es hat nämlich eben einen kleinen Krach gegeben. Onkel Tom will noch kurz nordwärts nach Paraguay fliegen und dann mit einer Verkehrsmaschine die Anden überqueren. Fernandez aber möchte einen Abstecher nach Patagonien machen und gern auch noch Feuerland besuchen. Paulo und ich - wir sollen uns entscheiden. Ich möchte natürlich fürs Leben gern mit über die Anden fliegen, die schon zum Greifen nahe vor uns liegen. Paulo aber will nun gern schnell nach Chile, sobald sein Schlüsselbeinbruch in einem hiesigen Krankenhaus ausgeheilt ist. Unser Dicker hat genug von seinem Ritt in der Pampa. Und auf Feuerland ist es ihm viel zu kalt, werde ich wohl auf den Flug verzichten müssen. Onkel Tom ärgerlich, daß wir uns nicht gleich einigen konnten, und ist heute allein nach Paraguay geflogen.

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Bei uns drei "Hinterbliebenen" hat sich inzwischen der umwölkte Himmel wieder aufgeheitert. Das scheint mit an der schönen Gegend zu liegen. Mendoza liegt nämlich in einer herrlichen Weinbauprovinz, die aber auch wegen häufiger Erdbeben berüchtigt ist. Mehrmals wurde die Stadt schon zerstört. Wir sind heute in einem "Weinberg" gewesen. Das sind hier künstlich bewässerte Felder, mit weitverzweigten Drahtnetzen überspannt Jedes Feld bildet so eine riesengroße Laube, in deren Schatten die Trauben ausreifen. In Mendoza beginnt übrigens die Bahnlinie nach Chile ins Hochgebirge zu klettern.

Paraguay - einst ein Ordensstaat

Ich habe Fernandez eben gefragt, wohin Onkel Tom eigentlich fliegt. "Na, der fliegt zu nächst über die Sierra Cördoba, ein Bergland noch in Argentinien, das den Anden von hier aus nördlich vorgelagert ist Dann muß er den berühmten Gran Chaco überqueren. Chaco heißen die Urwälder und Savannen im Norden Argentiniens. Ein düsteres, einsames Waldgebiet, wohin sich die letzten Indianerstämme zurückgezogen haben, die einst auch die weiten Pampas durchstreiften. Wilde Gestalten sollen das sein, mit blauschwarzem Haar und giftgrünen Augen." Das Land dort ist nur dünn besiedelt. In den wenigen kleinen Pueblos gibt es überall Sägemühlen, die das besonders harte Quebrachoholz verarbeiten, das in den Wäldern geschlagen wird. Der Name Quebracho bedeutet "Axtbrecher" - so hart ist das Holz! "Der Chaco", fährt Fernandez fort, "zieht sich bis nach Paraguay hinein. Das ist neben Bolivien das einzige südamerikanische Land ohne unmittelbaren Zugang zum Meer. Guarani-Indianer bilden dort die ursprüngliche Bevölkerung. In ihrem Gebiet, das früher weit bis nach Brasilien und Argentinien reichte, haben im 17. und 18. Jahrhundert die Jesuiten einen eigenen Staat gegründet und große Missions- und Kulturarbeit geleistet Aber das Land hat viel Unglück gehabt. Als der Jesuitenorden aufgelöst wurde, kamen Plünderer und Sklavenjäger ins Land.

Später hat es einen jahrelangen, verzweifelten Krieg gegen Brasilien, Argentinien und Uruguay geführt Ein großer Teil der männlichen Bevölkerung kam dabei um. Seither heißt Paraguay auch Land der Frauen. Den letzten schweren Kampf hat Paraguay mit Bolivien um den Chaco und die dortigen Petroleumquellen bestanden. Nun braucht es Ruhe und siedelnde Bauern, die das fruchtbare Land östlich des Paraguay=Flusses bebauen, der in den Parana mündet. Mit diesem zusammen bildet er das zweitgrößte Stromgebiet des grünen Kontinents. "Die Mündung des Stromes kennen wir ja schon", schloß Fernandez seine Erdkunde- und Geschichtsstunde. "Du meinst den La Plata", sagte ich, "an dessen Ufer wir in Uruguay lagen."

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Wir saßen in Paulos Krankenzimmer und rechneten aus, daß Onkel Tom inzwischen wohl glücklich in Asunción, der Hauptstadt von Paraguay, gelandet ist. Hoffentlich läßt er uns hier in Mendoza nicht zu lange warten!

Onkel Tom ist ausgesöhnt

Lieber Jupp, es ist entschieden! Onkel Tom hat telegrafiert, daß er in drei Tagen nach Mendoza zurückkommt. Wir haben telegrafisch geantwortet, daß er dann dort warten soll, bis Paulo wieder reisefähig ist. Unser gestürzter Pampasreiter hat Glück: Er fliegt über die Anden nach Santiago. Aber als Entschädigung fahre ich mit Fernandez mit dem Auto und der Bahn in den argentinischen Nationalpark und dann an die Küste, wo wir uns einschiffen wollen. (Ich nehme den Brief mit und schreibe ihn unterwegs weiter.) Zwei Tage später. Wir sind schon auf der Achse und machen eben eine kleine Rast in einer ländlichen Gastwirtschaft, einer "Fonda", wie sie hierzulande heißen. In der Ferne nach Westen ist der eisgepanzerte Gipfel des Vulkans Lanin zu sehen.

Im argentinischen Naturschutzpark "Nahuel Huapi"

Eine herrliche Landschaft. Hier darf kein Baum gefällt und kein Tier erlegt werden. Es soll alles ganz urtümlich bleiben. Herrliche Seen, gewaltige Wälder, hohe Berggipfel ringsum. Hier wird einem ganz feierlich zumute. Übrigens ist es von hier gar nicht mehr weit bis zur chilenischen Grenze. Die verläuft hoch im Gebirge. Wir haben eine Weile überlegt, ob wir nicht westwärts weiterfahren sollten, um schneller in Chile zu sein als Onkel Tom und Paulo. Aber Fernandez meint, jetzt sollten wir doch noch bis zur Südspitze des grünen Kontinents fahren. "Damit du deinem Freund Jupp schreiben kannst, du wärst fast in der Antarktis gewesen!" Nun, ich bin dabei! Wir müssen uns nur noch dicke Pullover kaufen, weil es da unten schon ordentlich kalt sein soll.

Auf der schiefen Ebene von Patagonien

Die Rückfahrt geht also durch Patagonien an die Ostküste des Atlantik. Eine rauhe, öde, unfruchtbare Ebene mit Steingeröll, die sich nach Osten hin senkt. Ständig wehen trockene Westwinde über das Land. 15 bis 17 Millionen Schafe werden hier gehalten, die bei jeder Schur etwa 60 000 Tonnen Wolle liefern. Von weitem war erst gar nicht zu erkennen, was das für große, helle Flecken waren, die ein paar Reiter umritten. Aus der Nähe war es ein Gewoge und Gewimmel, unzählige Schafrücken, dicht gedrängt. Große, bösartige Hunde umkreisten die Herden, die langsam über die mageren Grasflächen zogen In den weiten Einöden hausen die Reste alter Indianerstämme in Fellzelten, die vor der Winterkälte schützen müssen.

Sie glauben noch an böse und gute Naturgeister und üben ihre uralten Zauberbräuche aus. Patagonische Viehhirten haben uns auch vom Puma oder Silberlöwen, dem zweitgrößten Raubtier neben dem Jaguar, erzählt. Bis hoch ins Gebirge hinauf streift er umher. Neben den Geiern ist er hier die "Gesundheitspolizei". Als wir heute in den Hafen von Bahia Bianca kamen, wurde gerade ein Fangkäfig mit zwei Pumas auf ein Schiff nach Europa verladen. Die "Tiere knurrten und fauchten und sprangen zähnefletschend gegen die Gitterstäbe, sobald man sich ihnen näherte. Da standen aber noch eine ganze Menge anderer Käfige und Kisten am Kai. Stell Dir vor: Hier wurde eben ein großer Tiertransport für Hagenbeck verladen! Wenn Du mal wieder in den Hamburger Tierpark Stellingen kommst, sieh Dir auf jeden Fall die beiden Pumas an! Die können Dir von Patagonien und Deinem Freund Pünneberg Grüße bestellen.

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Der erste Walfisch

Buenos dias, lieber Jupp! Das letzte Mal habe ich Dir aus Bahia Bianca geschrieben, und jetzt bin ich schon auf See. Fernandez und ich, wir haben uns auf der "Santiago" eingeschifft, einem chilenischen Dampfer, und nun gondeln wir langsam Richtung Südspitze von Amerika. Feine Sache ist das! Die See ist ganz ruhig und die Luft frisch und kühl. Stell Dir vor, es ist noch nicht lange her, da waren wir mitten in der argentinischen Pampa. Wenn ich an die Hitze und den Staub denke, muß ich mir jetzt noch die Jacke aufknöpfen. Dagegen wird es hier unten immer kühler. Hier gibt's keinen warmen Golfstrom, und wenn wir immer weiter südwärts fahren würden, kämen wir an den Falklandinseln vorbei in die Antarktis. Die Falklandinseln, rauhes, menschenleeres Weideland, sind in britischem Besitz und haben in Kriegszeiten als Stützpunkt besondere Bedeutung. Vorgestern habe ich auch zum erstenmal Delphine gesehen. Das sind Säugetiere wie die Wale. Ganze Scharen umspielten unser Schiff. Drollige Kerle! Die reinen Clowns! Sie machen die komischsten Sprünge über Wasser, als wüßten sie nicht wohin mit ihrer guten Laune. Ein bis zwei Meter lang sind sie, der Rücken grünbraunschwarz, der Bauch gelb oder weißlich. Sie haben unsern Dampfer förmlich umzingelt und schießen wie Torpedos durchs Wasser. Am nächsten Tag kam aber noch etwas Besseres. Wir hatten eine steife, südliche Brise. Ich schaue aufs Meer hinaus und sehe auf einmal. .. Jupp, nun rat mal! Ich sehe plötzlich einen mehrere Meter hohen Wasserstrahl, der vom Wind zerstäubt wird. Komisch! Ich renne unter Deck und hol' mein Fernglas. Da, wieder ein Wasserstrahl, gar nicht weit entfernt, und dann etwas Langes, Dunkles dicht an der Oberfläche, eine ganze Weile sichtbar. Ich hatte meinen ersten Walfisch gesehen.

 

Kap des Kummers und der Stürme

Zwei Tage später. Wir fahren eben in die berühmte Magellanstraße ein. Ja, mein lieber Jupp, damit bin ich so ungefähr an der Südspitze des amerikanischen Kontinents angelangt. Ungefähr nur; denn die südlichste Spitze ist Kap Horn. Unser Käptn heißt auch Hoorn und ist sehr stolz auf die Namensgleichheit. Er ist Holländer, kann aber auch ganz gut Deutsch. Wir sind dicke Freunde, Käptn Hoorn und ich. "Morning, Pünneberg, come on, old chap!" Und dann nimmt er mich mit auf die Brücke. Käptn Hoorn hat mir von Kap Horn erzählt. Er hat es mehrmals mit einem Segler umfahren. Jupp, nimm jetzt am besten erst einmal Deinen Atlas zur Hand! Sieh Dir an, wie sich Amerika an seiner südlichen Spitze in viele Inseln auflöst.

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Dort liegt Feuerland. Und im äußersten Süden, sagt der Käptn, erhebt sich ein kahles Felseneiland, die Insel Horn mit dem berühmten Kap. Von dort nach Süden sind es gut 450 Seemeilen, bis man in der Antarktis wieder auf Land stößt, also 830 Kilometer, ein riesenhaftes Tor, durch das man vom Atlantischen Ozean in den Pazifik gelangt. Holländer haben das Kap zuerst umfahren, von Osten her, Anfang des 17. Jahrhunderts, und dem Kap den Namen gegeben. Das war damals die ersehnte Passage zu den Gewürzinseln im Pazifik, nach der man schon lange gesucht hatte. "Kap Horn ist eine ganz gefährliche Ecke!" sagt mein Freund, der Käptn. Gewaltige Stürme und eine ewig nach Osten drängende, kalte Strömung. Er hat mir auch erklärt, warum das so ist. Aber das ist eine zu lange Geschichte. Die Segler haben oft wochenlang kämpfen müssen, bis ihnen die Umseglung gelang. Und mancher Matrose ist dabei über Bord gegangen, einfach weggefegt vom Orkan. Mit zerfetzten Segeln kämpften sich die Schiffe mühsam weiter. Kap Horn hat so manchen Schiffsuntergang gesehen. Die gewaltigen Wogen warfen die Wracks an die Felsen der Küste, und nur zu oft kam nicht einer der Seeleute mit dem Leben davon. Wie hätte er sich auf dem öden Felseneiland auch am Leben halten können? Dagegen ist unsere Fahrt mit dem Dampfer heute ein reines Vergnügen.

 

Inzwischen sind wir schon ein Stück in die Magellanstraße eingefahren. Zwei Leuchttürme markieren hier die chilenisch=argentinische Grenze. Eine kahle, sandige Küste, düster und einsam. Weiter südlich gibt es Gebirge mit ewigem Schnee und gewaltigen Gletschern. - Einen Tag später. Unser Schiff ging heute an der Küste vor Anker. Wir lagen noch gar nicht lange, da kamen drei Kanus mit richtigen Indianern -Feuerlandindianern auf uns zu. Sie waren nur mit Fellen oder Kleiderfetzen angetan. Und das bei höchstens 4 Grad plus!

 

Du hättest sie vor Begeisterung schreien hören sollen, als wir ihnen ein paar alte Kleidungsstücke zuwarfen. Ein richtiges Indianergeheul! Einer führte vor Freude einen wilden Tanz auf, daß er in dem schmalen Kanu beinahe über Bord gegangen wäre. Fernandez sagt, diese Indianer sind die letzten Nachkommen einer primitiven Urrasse. Sie hausen noch an vereinzelten Stellen in Wäldern und Felsenhöhlen an der Küste, fischen und erlegen Wild mit Pfeil und Bogen. Weil sie nicht genügend Kleider haben, reiben sie sich gegen die Kälte mit Fischöl ein. Wie Parfüm wird das bestimmt nicht riechen! Das eine Kanu war schwarz bemalt mit roten Verzierungen. Prima sah das aus. Es mochte wohl das Häuptlingsboot sein.

 

Warum die berühmte Durchfahrt Magellanstraße heißt

Bald hätte ich die Hauptsache vergessen. Weißt Du eigentlich, warum die Durchfahrt Magellanstraße heißt? Kanns Du mir die Geschichte von dem portugiesischen Ritter und Seefahrer Fernao de Magalhaes erzählen? Ich kann's; denn gestern abend haben wir bei Käptn Hoorn gesessen. Es gab einen steifen Grog, weil es draußen so bannig kalt war.

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Und da hat Käptn Hoorn wieder mal ein kilometerlanges Seemannsgarn gesponnen: "Also, that was long ago - so um 1500 herum, da stand ein junger portugiesischer Ritter namens Magellan vor dem spanischen König Karl V. ,Majestät, Kolumbus hat Indien nicht gefunden. Ich aber werde es erreichen. 'Ihr wollt also auf der Westfahrt nach Indien kommen?' Jawohl, Euer Majestät, ich will so lange suchen, bis ich die Meeresstraße gefunden habe, die in den unbekannten Ozean führt. Ich werde neue Länder erobern und Schätze mit nach Hause bringen. Gebt mir Schiffe und das nötige Geld!' Anderthalb Jahre später begann Magellan mit einer kleinen Flotte die erste Weltumseglung. Sie fuhr an der südamerikanischen Küste entlang, immer nach Süden, um die Durchfahrt zu suchen. Aber die Buchten, in die man hineinsegelte, waren Flußmündungen und keine Meeresstraßen. In der Bucht von Rio ist Magellan gewesen und auch am La Plata. Aber die Besatzungen der Schiffe waren enttäuscht. Auf dem zweitgrößten Schiff brach sogar eine Meuterei aus. Andere Mannschaften schlössen sich an. Der Kommandant ist mit dem Teufel im Bunde! Er führt uns ins Verderben! Seit einem halben Jahr suchen wir nach der verdammten Meeresstraße. Schlagt ihn tot, den Portugiesen!' Ein Boot mit den Meuterern fährt auf das Flaggschiff zu. ,Kommt herunter, Kommandant! Wir wollen mit

 

Euch reden!' Aber Magellan geht nicht in die Falle. Er bleibt hart und schlägt den Aufruhr nieder. Einer der meuternden Kapitäne wird enthauptet. Die Fahrt geht weiter. Nach furchtbaren Stürmen findet Magellan endlich die Einfahrt in die Meeresstraße, die später seinen Namen führt. Es war ein waghalsiges Unternehmen, zwischen den öden Küsten hindurchzufahren. Nirgends war Leben zu entdecken. Nur nachts flammten im Süden manchmal Feuer auf. Daher der Name ,Feuerland'. - Magellan schaffte es. Aber die Matrosen blickten düster drein, als sie wieder das offene Meer erreichten. Denn ein graues Gespenst ging auf den Schiffen um, kroch in alle

 

Kojen, packte manch einen und warf ihn nieder: der Hunger. Gestern haben wir den neunzehnten Toten über Bord geworfen!' Die Nahrung ging zu Ende. Sie kochten Lederzeug in Seewasser, rösteten es in glühender Asche und würgten es hinunter. Vierzig Tage sah man nur Wasser und Himmel. Aber die Schiffe machten gute Fahrt, und Magellan nannte das neue Meer, froh, daß es ohne Stürme war, den ,Stillen Ozean'. Magellan landete schließlich auf den Philippinen, wo er von Eingeborenen im Kampf erschlagen wurde. Aber trotzdem war Kolumbus' Traum in Erfüllung gegangen: Indien war tatsächlich auf dem Westweg zu erreichen, denn die Begleiter Magellans segelten weiter nach Westen, bis sie nach Indien kamen."

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Von Chile ins alte Inkareich

 

Das kalte Wasser des Humboldtstroms

Auf dem Dampfer "Santiago" an der chilenischen Küste. - Jupp! Entsinnst Du Dich noch, daß ich Dir während der fahrt von Hamburg nach Mexiko von dem warmen Golfstrom schrieb? Hier unten gibt es auch eine Meeresströmung. Das ist der Humboldtstrom, der ist aber kalt. "Paß auf, Pünneberg", erklärt mir Käptn Hoorn und zeichnet mit ein paar Strichen die Meeresströmung auf ein Stück Papier. Der Humboldtstrom kommt aus der Antarktis und bringt kaltes Wasser mit - in Richtung Äquator bis über Peru hinaus. Dann wendet er sich nach Westen. Da strömen also beständig große Wassermassen ab, und die müssen doch irgendwie ersetzt werden. Aber woher nehmen? Tja, woher denn anders als aus den Tiefen des Ozeans! "Auftriebwasser" nennt man das. Und das ist man nun auch reichlich kühl, wenn es an die Küste kommt. Und die Luft da drüber, die wird dadurch auch abgekühlt. Kommt sie übers warme Land, erwärmt sie sich und wird trocken. Tja, und davon sind nun manche Strecken an der Westküste Südamerikas regenarme oder fast regenlose Wüsten geworden. Tja, so ist das mit dem Humboldtstrom. Das kältere

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Wasser aus der Tiefe ist von grünlicher Farbe, während weiter westlich die Wasser des Humboldtstromes tiefblau dahinfluten. In dem kühlen Wasser gibt es Unmengen von Fischen, die zahllose Seevögel anlocken, die an der Küste und auf den Inseln nisten und brüten. "Und Humboldt? Warum hat wohl die Meeresströmung diesen Namen?" fragte mich Fernandez. Das habe ich nicht gewußt. Jupp, weißt Du es? - Alexander von Humboldt war ein berühmter deutscher Naturforscher, der Anfang des vorigen Jahrhunderts in Südamerika gereist ist und auch die Meeresströmung beobachtet und beschrieben hat.

 

Am Fuße der Kordilleren entlang

Ehe wir in wenigen Stunden in Valdivia an Land gehen, will ich noch meinen Brief zu Ende schreiben. Auf der langen Seefahrt von Feuerland bis hier herauf habe ich erst so richtig gesehen, was für ein gewaltiges Kettengebirge die Anden sind. Wie eine riesige Mauer ragen sie aus der Tiefebene an der Küste auf und steigen, je weiter wir nach Norden kommen, immer höher an. Schneebedeckte Dreitausender und noch höhere Berge sind darunter. Allmählich nimmt auch der Wald wieder zu, aber noch ist es ein kalter, feuchter Nebelwald. Sturmvögel, die Albatrosse, kreuzen unseren Weg, Möwen begleiten unser Schiff. Am Strand der vielen Inseln sind mit dem Fernglas Pinguine und Seelöwen zu erkennen. Die südlichste Küstenlandschaft Chiles erinnert an die norwegischen Fjorde, meint Käptn Hoorn, der schon in jedem Winkel der Welt gewesen ist. Eben fragte mich Käptn Hoorn, wie tief ich das Meer hier wohl schätzte. Ich habe ein paar hundert Meter geraten. Aber Käptn Hoorn schüttelt geringschätzig den Kopf: "Nein, nein - so hoch wie die Berge in der Ferne sind, so tief ist es auch." Ganz rasch sinkt der Meeresboden von der Küste bis auf 4000 und 6000 m Tiefe ab. "Die Erdrinde ist hier ordentlich verbogen", meint Fernandez. "Kein Wunder, daß es öfter Erdbeben und noch viele tätige Vulkane gibt!" - Da kommt der Hafen von Valdivia in Sicht! Tjüs, bester Jupp, ich gebe den Brief, wenn wir an Land gehen, gleich zur Post.

 

"Im letzten Winkel der Welt"

Ich muß nun wieder anfangen, so eine Art Tagebuchbrief zu schreiben. Wann er zur Post gelangt, weiß ich noch nicht. Wir sind ziemlich weit von einer Poststation entfernt. "El ultimo rincon del mundo" - den letzten Winkel der Welt nannten die Spanier einst das südliche Chile. Von Valdivia aus haben wir nach Santiago telegrafiert, ob Onkel Tom und Paulo schon eingetroffen sind. Sie sind noch nicht da. "Dann machen wir eine Bergtour in die chilenische Schweiz", schlug Fernandez vor, "ein so passendes Klima für Dich Mitteleuropäer, lieber Conny,

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"Im letzten Winkel der Welt"

Ich muß nun wieder anfangen, so eine Art Tagebuchbrief zu schreiben. Wann er zur Post gelangt, weiß ich noch nicht. Wir sind ziemlich weit von einer Poststation entfernt. "El ultimo rincon del mundo" - den letzten Winkel der Welt nannten die Spanier einst das südliche Chile. Von Valdivia aus haben wir nach Santiago telegrafiert, ob Onkel Tom und Paulo schon eingetroffen sind. Sie sind noch nicht da. "Dann machen wir eine Bergtour in die chilenische Schweiz", schlug Fernandez vor, "ein so passendes Klima für Dich Mitteleuropäer, lieber Conny,

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wie hier in diesem herrlichsten Winkel auf Gottes Erdboden gibt es in Südamerika kaum noch einmal!" Als wir von Valdivia ins Land hineinfuhren, gab es eine Überraschung: Die Holzhäuser der Siedlungen mit ihren Blumentöpfen an den Fenstern und Vorgärten an den Häusern sahen wie deutsche Bauernhäuser aus. "Richtig geraten!" sagte Fernandez. Hier wohnen tatsächlich viele Deutsche. Und die Kühe auf den Bergweiden sehen wie unsere friesischen aus. Das Vieh wird von den Hirten bis hoch in die Berge getrieben. Land und Leute machen einen fast europäischen Eindruck. Neger und Asiaten gibt es fast überhaupt nicht in Chile. Aber, lieber Jupp, das schönste ist hier doch die großartige Landschaft. Ich schreibe Dir das jetzt während einer Rast hoch im Gebirge, am Ufer eines tiefblauen Bergsees. Wir sind heute früh noch vor Sonnenaufgang aufgebrochen, Fernandez, ein chilenischer Führer und ich. Zuerst hoben sich die gewaltigen Silhouetten der Berge vom heller werdenden Himmel ab, an dem die letzten Sterne verblaßten. Dann wurde der Himmel gelblich, bis die hinter den Bergen emporsteigende Sonne alles mit strahlendem Licht übergoß. Vor uns liegt der Orsono, ein gewaltiger Vulkan. Sein Krater ist erloschen und vollständig vergletschert. Wie ein Edelstein leuchtet die Eiskuppe auf dem Blau des Himmels. Mächtige Wälder steigen an den Hängen empor. In der Ferne braust der Wasserfall eines Gebirgsflusses. Die Täler sind steil und eng.

 

Erdbeben und Vulkanausbruch

"Da drüben", zeigt uns der chilenische Führer, "das ist der Calbuco, ein noch tätiger Vulkan. Vor 35 Jahren, Sefiores, da hat er seinen letzten Ausbruch gehabt. Caracho, beängstigend ist es gewesen, aber auch schaurig schön. Besonders nachts. Das Flammenmeer über dem Gipfel hat eine unglaubliche Helle verbreitet. Aber 1939/ das große Erdbeben in Mittelchile. Madre dios! Ich habe es miterlebt. Beim ersten Stoß sind wir ins Freie gerannt. Oh, schrecklich, furchtbar ist es gewesen! Als wir uns umdrehten, war die Hütte verschwunden, vom Erdboden verschluckt. Gelaufen sind wir - in Todesangst, die Erde schwankte unter unseren Füßen. Glauben Sie mir, Senores, das war wie ein Weltuntergang. Das ganze, weite Land ist verwüstet worden. Kein Baum und kein Strauch mehr, so weit man sehen konnte."

 

Der Inquilino lief davon

Unser chilenischer Führer erzählt aus seinem Leben. Er hat einmal eine große Dummheit begangen, ist seinem Patron, dem Besitzer einer Hacienda, davongelaufen. Kein anderer Hacendado hat ihm daraufhin wieder Arbeit gegeben. Warum denn nicht? Oh, das ist ungeschriebenes Gesetz hierzulande. Der Inquilino ist ein seßhafter Arbeiter auf der Hacienda. Ein Stückchen Land überläßt ihm der Patron zum Bebauen. Das reicht gerade für ein paar

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Hühner, eine Ziege, ein Schwein - eine Hütte aus Astwerk,

mit Lehm beworfen. Drinnen kärglichster Hausrat und eine mit Kuhhaut, auf Holzleisten gespannt, als Bett. Knapper Tagelohn, eine Handvoll gesalzenes Trockenfleisch und ein Topf voll Mais - gerade soviel, um nicht zu verhungern. "Das ging so jahraus, jahrein, seit Generationen", fuhr der arme Peon fort. "Als Zahltag war, hab' ich eins über den Durst getrunken, Pisco, eine Art Weinbrand, den man an der ganzen Westküste entlang trinkt. Warum immer nur armer Inquilino sein wie Vater und Großvater? Also, noch einen Pisco! Und dann hatte ich plötzlich Mut und bin auf und davon. Ich war zwar kein Inquilino mehr, aber ein besseres Leben hab' ich auch nicht gefunden."

 

Onkel Tom schickt ein Telegramm

Wieder in Valdivia. Von Onkel Tom lagen zwei Telegramme für uns auf der Post. Wir sollten endlich nach der Hauptstadt Santiago kommen. Am nächsten Tag. Wir sitzen im Zug und fahren nordwärts nach Santiago. , Unendlich langgestreckt ist dieses Land. Eigentlich nur ein Küstenstreifen oder besser ein großes Längstal zwischen einer niedrigen Küstenkordillere und der gewaltigen Hochgebirgskette, die nach Norden zu immer höher ansteigt. Fernandez meint, die durchschnittliche Breite des Landes entspricht vergleichsweise etwa nur der Entfernung Berlin-Hannover. Seine Länge aber - Jupp, schlag den Atlas auf, sieh nach und staune! - einer Strecke von Kopenhagen bis zum Tschad=See. Nein, Jupp, das ist kein Witz: wirklich bis zum Tschad=See mitten in Afrika.

 

Paulo berichtet vom Andenflug

Große Wiedersehensfeier in Santiago! Onkel Tom und Paulo holen uns ab. Es gibt viel zu erzählen. Aber alles, was wir auf unserer Schiffsreise erlebt haben, verblaßt vor dem Andenflug, den die beiden hinter sich haben. Der dicke Paulo wollte anfangs lieber mit der Eisenbahn fahren. Aber Onkel Tom verachtet doch die Eisenbahn als unmodern, und so ging es also im Flugzeug über die Anden. - "It was wonderful!" bestätigt Onkel Tom und schiebt die Pfeife in den Mundwinkel. "Wir haben dem Aconcagua persönlich guten Tag gesagt." "Wem?" "Oh, look, there!" Er zeigt in die Ferne. Von dort grüßt der majestätische Schneegipfel des höchsten Berges von Chile herüber. Paulo muß erzählen. "Auf dem Flugplatz in Mendoza haben uns die Leute gesagt, die Anden seien das gefährlichste und heimtückischste Gebirge der Welt", beginnt er gewichtig. "Auf und Abwinde gibt es an den Hängen, ich kann euch sagen! Und plötzliche Wetterwechsel, die wie aus heiterem Himmel kommen! Aber trotzdem wird die Strecke Buenos Aires-Mendoza-Santiago regelmäßig von Verkehrsflugzeugen beflogen. Besonders die Chilenen sind hervorragende Flieger.

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Anfangs war es ganz gemütlich. In bunten Farben lag die vulkanische Bergwelt unter uns, zur Seite die Schneegipfel gegen den azurblauen Himmel. Plötzlich begann das Flugzeug rasend schnell zu fallen. Ein Abwind hatte es erfaßt. Die Felsen und Berge kamen näher - in Sekundenschnelle. Vor uns nur Felsen, nichts als Felsen. Und wir fielen noch immer. Hatte der Flugzeugführer völlig die Gewalt über die Maschine verloren? - Glaubt mir, in den paar Sekunden hat jeder schnell ein Vaterunser gebetet! - Und es hat geholfen! - Plötzlich hörte der teuflische Wind auf. Die Maschine verlor nicht mehr an Höhe. In 5000 Meter etwa überflogen wir den Paß, auf dem sich eine steinerne Christusfigur und eine Funkstation befinden." Paulo schnaufte vor Aufregung. Er gab zu, dann nicht mehr viel gesehen zu haben. Er hatte plötzlich eine Tüte benützen müssen, weil er "seekrank" geworden war. Als er unten im Dunst des Tieflands Santiago auftauchen sah, hatte er dankbar aufgeatmet. "Großartig, wirklich großartig", schloß er seinen Bericht. "Aber ich fahr' doch lieber mit der Eisenbahn." - Morgen Abschiedsfeier mit Paulo. Er bleibt bei Verwandten hier in Santiago.

 

Vogelmist, der Reichtum brachte

Bald hätte ich vergessen, noch ein besonderes Erlebnis aufzuschreiben. Jupp, Hand aufs Herz, wenn Du Dich von der Schule her an Chile erinnerst, kommt Dir ein bestimmtes Wort in den Sinn. "Eine Quelle des Reichtums für dieses Land", pflegte unser Erdkundelehrer zu sagen. - Richtig, der Guano! - Also Du, was die zahllosen Vögel hier seit Jahrhunderten produziert haben . . . Junge, Junge, da kann man nur staunen und sich die Nase zuhalten. Meterdick liegt der Vogelmist und stinkt kilometerweit gegen den Wind. Man gräbt ihn einfach ab. Das soll allerdings nicht zu den appetitlichen Beschäftigungen gehören. Wir sind auf einem Vogelfelsen herumgeklettert. Kommst Du näher, fliegen riesige Scharen von Möwen auf. Wie weiße Wolken sieht das aus. Bei jedem Schritt mußt Du aufpassen, nicht auf Eier oder Jungvögel zu treten. Auf Klippen und in den Schrunden brüten die Alten in ungezählten Scharen. Kormorane, Tölpel und wie sie alle heißen. Wie wir näher kamen, liefen sie oft nur unbeholfen ein paar Schritte beiseite und blickten uns mißtrauisch nach, um dann zu ihrem Nistplatz zurückzuwatscheln. Am komischsten benahmen sich die jungen Möwen. Wenn wir auf sie zukamen, steckten sie einfach den Kopf in den nächsten Felsspalt, wohl in der Meinung, wir sähen sie dann nicht. Sie waren jetzt leicht zu greifen. Aber da schössen auch schon mit gellenden Schreien die Alten auf uns herab und pfeilschnell an unsern Köpfen vorbei. Wir duckten uns unwillkürlich, ließen das Möwenjunge los und machten uns aus dem Staube, weil die Angriffe immer heftiger wurden. Es war ohnehin eine ziemlich gewagte Kletterpartie. Noch lange hatten wir das gellende Geschrei vom Vogelfelsen in den Ohren.

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Quer durch die Salpeterwüste

Mein Tagebuch bleibt lückenhaft, ich weiß. Jetzt sind wir schon hoch im Norden des Landes: in der Wüste Atacama. Onkel Tom, der schon viel in der Welt herumgekommen ist, sagt, das sei mit die ödeste, trostloseste Gegend der Welt. Ich will es gern glauben. Nicht ein grünes Hälmchen wächst hier. Jahrzehntelang fällt kein Tropfen Regen. Über Tag erhitzt die glühende Sonne das Land. In den eiskalten Nächten springen und splittern die Felsen. Alles ist mit schwarzgrauem und graugelbem Staub überzogen. Wellblechbaracken und rauchende Schlote, grell bemalte Kinos und Kantinen - das sind die einzigen Abwechslungen in der wasserlosen Staubhölle. - Wir hatten hier ein seltsames Erlebnis. Als ich mir mit dem Kamm durch die Haare fuhr, gaben sie winzige Funken. Als ich mir ein frisches Hemd anzog, knisterte es vernehmlich. Alles scheint elektrisch geladen. Das soll an der trockenen Luft liegen, sagen die Leute, die das täglich erleben. Mitten in dieser Einöde stehen riesige Salpeterwerke. Man räumt den Gesteinsschutt weg, und dann tritt der weißliche Salpeter zutage, in der Sonne glitzernd, einst kostbarstes Düngemittel neben dem Guano. "Heute ist seine Bedeutung für mancherlei Zwecke zurückgegangen, seitdem man synthetischen Stickstoff aus der Luft herstellen kann", sagt Fernandez. "Aber immer noch wichtig und kostbar", meint Onkel Tom, der hier Nordamerikaner besucht, die Leiter der Gesellschaft, die den Abbau des Salpeters betreibt.

 

Mäuse, Ratten und Chinchillas

Seltsam, in dieser entsetzlichen Öde gibt es doch Tiere. Mir fiel gleich ein merkwürdiger Geruch auf, weißt Du, so wie in einem Keller, wo Ratten hausen. Tatsächlich sieht man die Biester hier häufig, auch Mäuse und Eidechsen. Wovon sie eigentlich leben, ist mir schleierhaft. Das merkwürdigste Tier aber, das es auch hier in der Salpeterwüste gibt, ist das Chinchilla. Du mußt Dir ein Wesen halb Maus, halb Eidechse vorstellen. Dem seidenweichen, glänzenden Fell nach ist es eine Maus. Es kann sich aber wie eine Eidechse stundenlang an einer glatten Wand festhalten, oft in der glühenden Mittagshitze. Ein Arbeiter zeigte uns ein solches Tierchen in einem Käfig in der Baracke. Es war ganz zahm und zutraulich. Es gibt aber auch Chinchilleros", Chinchillajäger, die mit Hunden richtige Treibjagden auf die Tiere veranstalten, ihrer kostbaren Fellchen wegen.

 

Die größte Kupfermine der Welt

Onkel Tom hat uns mit zur Kupfermine Chuquicamata genommen. Sie gilt als die größte der Welt, ist auch in nordamerikanischen Händen, 3000 Meter hoch gelegen, mitten in der Bergwüste. Ein trostloser Ort, wo einige

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Amerikaner und ein paar hundert Indios wohnen, die das Kupfer abbauen. Ganze Höhenzüge bestehen hier aus kupferhaltigem Erz. Wir kamen gerade zu einer gewaltigen Sprengung zurecht, mit der Gesteinsmassen gelöst wurden. An den Berghängen sind große Terrassen eingesprengt. Elektrische Großbagger fressen sich in den Hang und verladen das erzhaltige Gestein in Waggons, in denen es zur Aufbereitung gefahren wird. Staub, Hitze und Einöde hatten uns ganz krank gemacht. Welch ein Anblick, als wir beim Hafen Antofagasta endlich die weißen Schaumkämme des Meeres wiedersahen! Aber Regen oder Luftfeuchtigkeit gibt es auch hier nicht. - Lieber Jupp, jetzt muß ich meinen Bericht aus Chile endlich schließen und den dicken Brief zur Post geben. In einer Stunde fahren wir mit einem Omnibus los - Richtung Bolivien.

 

Hochgebirgsfahrt mit Ohrensausen und Nasenbluten

La Paz, Bolivien, 3700 Meter hoch. - Lieber Jupp, ich kriege keinen ordentlichen Brief zustände. Dauernd muß ich gähnen, mein Puls jagt, und der Kopf tut | weh. Ich kann auch gar keinen rechten Gedanken fassen. Es ging schon unterwegs los, als wir erst mit dem Auto, j dann mit der Bahn, ins bolivianische Hochland fuhren. In endlosen Windungen keuchte der Zug bergauf. Abi und zu eine Station - eine kleine Bude aus Holz und Wellblech. Und weiter! geht es, immer höher hinauf. "Die Zugspitze läge jetzt schon unter uns", sagt Fernandez. Lange waren tief unter uns noch das blaue Meer und der silberweiße Brandungsstreifen zu erkennen. Der Zug klettert weiter. In den Schläfen beginnt es zu klopfen. Wir sind die Höhe noch nicht gewöhnt. Die meisten Fahrgäste im Zug nicken ein. Ich bekomme plötzlich heftiges Nasenbluten und Ohrensausen. Und immer steiler geht es hinauf, durch wildes Gestein, an düsteren Schluchten vorbei. Der Fels leuchtet rötlich gegen den dunkelblauen Himmel. Endlich haben wir die Hochfläche erreicht -weithin ist nichts als gelbliches Gras zu sehen. Dort drüben eine Indianerhütte. Der Zug hält wieder. Neben dem kümmerlichen Stationsgebäude hocken Indianerweiber, eine ganze Reihe, und bieten uns Eier gebratene Hühner zum Kauf an. Dann keucht der Zug weiter auf La Paz, die bolivianische Hauptstadt, zu.

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In der höchstgelegenen Großstadt der Welt

La Paz ist die höchstgelegene Großstadt der Welt. Auf das bunte | Gewimmel in den Straßen zwischen modernsten Hochhäusern aus Beton und Stahl schauen die Bergriesen aus ihrer unnahbaren Einsamkeit herab. An der Prachtstraße, dem Prado, große, reichgeschmückte Kathedralen. Die Straßenbahnen sind überfüllt. Autos jagen vorbei. Aber uns fällt auch hier das Atmen schwer. Die Höhenluft ist zu dünn, obgleich in Bolivien gut 3000 Meter noch als keine besondere Höhe gelten. Seitab in den älteren Stadtvierteln, mit steilen Gassen und holperigem Pflaster, herrscht ein buntes Durcheinander von Mestizen und Indios. Wie wir in eine Straße einbogen, bin ich mit offenem Mund stehengeblieben. Saßen da am Rande des Bürgersteigs Indianer mit ihren Frauen, die ihnen die Läuse aus dem Nacken aufsammelten - und aufaßen. Die Indios müssen zumeist schwer schuften, auf den Farmen des "Altiplano", der Hochebene.

Lieber steigen sie aber noch höher in die Berge, um in 5000 Meter Höhe Schwerarbeit in den Zinnminen zu leisten, weil sie dort von den Nordamerikanern und Europäern, die die Betriebe leiten, besser behandelt und bezahlt werden. Lieber Jupp, kannst Du Dir das vorstellen: Eine richtige Industriestadt - so hoch gelegen wie der Gipfel des Montblanc - mit modernsten Wohnungen und elektrischen Anlagen! Auf die Dauer können es hier zwar meist nur die Indios aushalten. Ihnen macht die Höhe nicht viel aus. Die Weißen müssen meist nach wenigen Monaten das Klima wechseln. Denn wenn man länger dort bleibt, hat man angeblich unter Schlaflosigkeit zu leiden und kann keine geistige Arbeit mehr leisten.

 

Auf dem Markt von La Paz

Man merkt es den armen Quetchua-Indianern Boliviens kaum noch an, daß sie die Nachkommen des ältesten und höchsten Kulturvolkes in Südamerika sind. Fernandez sagt, Bolivien sei geradezu die Wiege südamerikanischer Kulturvölker. Auf den Hochflächen des Gebirges, von gewaltigen Bergriesen eingeschlossen, waren hier schon Kulturen mit mächtigen Bauwerken entstanden, lange vor der Zeit des europäischen Altertums und auch lange vor der Herrschaft der Inkas und Azteken. Die gewaltigen Ruinen von Tiahunanaco gelten als die ältesten der Welt. Die heute lebenden Indios haben kaum noch etwas von der einstigen Kulturhöhe bewahrt. Aber es ist ein buntes, malerisches Volk. Wir sind auf den alten Markt von La Paz hinuntergegangen. Phantastische Gestalten! Die Männer in grellbunten Ponchos und halblangen Hosen, die Füße nackt oder in Holzpantinen. Kupferbraune Gesichter, kohlschwarze Haare und bunte, gestrickte Mützen, auf denen manchmal auch noch ein heller Filzhut sitzt; denn auf der Hochebene ist es kalt! Die Frauen der Indios hocken auf dem Markt wie riesige Farbkleckse, oft ein Baby auf dem Rücken, vor sich Obst und Gemüse, das sie feilbieten. Die Frauen tragen meist eine Unzahl Röcke. Sie ziehen angeblich nie einen aus. Ist der oberste abgetragen, wird ein neuer, handgewebter darübergezogen. Na ja, hygienisch ist das gerade nicht. Aber es hält schön warm.

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Knallfrösche und Feuerräder

Und auf den ländlichen Straßen ist ein Betrieb! In gelbe Staubwolken eingehüllt, ziehen Lama Karawanen, oft Hunderte von Lasttieren. Hinter ihnen zwei, drei indianische Treiber auf Maultieren, den bunten Poncho über der Schulter, und die Satteltasche mit geröstetem Mais als Reiseproviant gefüllt. Verwegene, verwitterte Gestalten sind diese Karawanenführer -echte Caballeros der einsamen Landstraßen! Allein begegnen möchte ich ihnen nicht. Die sehen aus, als ob sie mit einem Gringo nicht viel Federlesens machen. Mir genügte schon ihr halb lauernder, halb geringschätziger Blick, als sie mit ihren Tieren an uns vorbeizogen. Maultiere gelten als Luxus; Lamas sind billiger und genügsamer. Denen genügen noch ein paar bittere Gräser am Wege; und wenn es sein muß, so hungern sie auch ein paar Tage. Aber störrisch und bissig sind diese Biester. Ist ihnen die Last zu schwer, legen sie sich einfach hin. Spucken können sie auch. Deswegen habe ich früher im Zoo schon immer einen großen Bogen um sie gemacht. Lamas siehst Du übrigens auch mitten im tollsten Verkehr der Städte. Oder sie stehen wartend in den Höfen und gucken mit etwas dummstolzem Blick hochmütig in die Gegend.

 

So unerschütterlich standen sie auch im dicksten Gedränge, als wir gegen Abend auf die Plaza einer kleinen Stadt kamen. Dort war ein buntes Volksfest im Gange. Die Indios hatten sich ihren Festtagsstaat angezogen: Das war aber nicht mehr die bunte Volkstracht, sondern billigste europäische Kleidung, diel ihnen irgendein Händler für teueres Geld aufgeschwatzt haben mochte. Eine Musikkapelle spielte. Als die Nacht hereinbrach, wurde ein Feuerwerk abgebrannt. Frösche knallten, und Feuerräder schwirrten durch die Luft. Dunkle Gestalten sprangen I durch die Flammen; blutrot lag I der Schein des Feuers auf den Gesichtern, lauter Jubel und der Lärm der Tingeltangelmusik über dem nächtlichen Platz.

 

Treibjagd auf eine Vogelspinne

Wir hatten uns verspätet und mußten in einem ländlichen Gasthaus übernachten. Elektrisches Licht gab es nicht. Wir steckten eine Kerze auf einen Flaschenhals. Caracho - was für geheuer kroch da eilig über die Wand! Eine faustgroße Spinne! Mit behaarten Beinen und zwei langen krummen Zähnen am glatten Bauch. Jeder von uns griff sich irgendein Wurfgeschoß, um die Vögelspinne zu erlegen, deren Biß für kleinere Tiere absolut tödlich ist. Es begann eine wilde Jagd mit Gepolter und Fluchen, bis sie Onkel Tom mit einem wohlgezielten Wurf seines Stiefels zur Strecke brachte. Ich konnte lange nicht einschlafen. Im ersten Traum kroch plötzlich ein großes Spinnenungeheuer mit unzähligen behaarten Beinen auf mich zu. - So, jetzt werde ich aber endlich meinen Brief schließen und absenden, sonst mußt Du allzulange auf Nachricht warten. Leb wohl, Jupp, und schreib mir doch auch mal wieder! Am besten postlagernd nach Lima (Peru) oder Quito in Ecuador.

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Im Auto hinter Vicunjas her

Beilage zum letzten Brief. Das Postflugzeug kommt erst übermorgen. Also kann ich Dir noch einen Kurzbericht geben. Onkel Tom hat sich bei einer nordamerikanischen Firma in La Paz einen Wagen geliehen. Wir wollen ostwärts nach Santa Cruz fahren, wo das Land niedriger wird, bis es allmählich in Tiefland übergeht. Onkel Tom wollte aber erst einmal den Wagen ausprobieren. Deshalb haben wir gestern eine kürzere Tour in die Berge unternommen. So ungefähr bis in Montblanc=Höhe sind wir gefahren. Man merkte es dem Wagen an, daß ihm auch bald die Puste ausging - wie uns. Es war eine verwegene Fahrt. Ringsum Felseneinöde, aber in leuchtenden Farben strahlend, je höher wir kamen. Ein schneidender Wind fegte uns entgegen. Trotz dicker Wollsachen froren wir wie die Schneider. Menschen wohnen in diesen Höhen nicht mehr. Einmal stand eine verlassene Steinhütte am Weg, wohl von indianischen Hirten oder Karawanenführern erbaut. Auf der Hochfläche, die man hier Puna nennt, gelbliche Grasflächen und weit hinten eine Herde äsender Vicunjas. Das sind die wild lebenden Verwandten der Lamas, gelblichbraun bis kupferrot, so daß man sie ohne Glas kaum von der Landschaft unterscheiden konnte. Wir fuhren vorsichtig näher, zeitweise durch Felsen gedeckt. Aber als wir auf die freie Fläche hinauskamen, stob die Herde davon. Unser Wagen konnte das Tempo nicht durchhalten. Der Abstand wurde schnell größer. Schon waren sie in einer Schlucht verschwunden.

Gefährliche nächtliche Abenteuer

Unsere Autofahrt ins bolivianische Tiefland wäre fast schiefgegangen. Wir hatten einen landeskundigen, bolivianischen Fahrer gemietet, der uns in La Paz empfohlen worden war. Ein Mestize. Sehr vertrauenerweckend sah der Mann zwar nicht aus. Mir fiel gleich sein falscher, verschlagener Blick auf. Aber Auto fahren konnte er. Wie die Feuerwehr! Es ging in einem unvorstellbaren Tempo bergab. Der Kerl nahm die engen Steilkurven der Bergstraße, daß einem Hören und Sehen verging. Schon waren wir in die Waldregion hinabgekommen. Es war Nachmittag geworden. Das Land wurde hügelig. Da stoppte der Fahrer plötzlich, stieg aus und guckte in den Benzintank. Aha, das Benzin ging zu Ende. Aber wir hatten ja einen Reservekanister mit, der hinten aufgeschnallt war. Wir stiegen auch aus. Aber was war das? Der Kanister war leer...! - Der Fahrer stieß einen unverständlichen Fluch aus, dann zuckte er die Achseln und sah uns mit verkniffenen Lippen an. Was sollte das heißen? Hatte der Kerl einen leeren Kanister mitgenommen oder ihn unterwegs auslaufen lassen? Was beabsichtigte er damit - hier in der völlig unbekannten Gegend?

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In einer berüchtigten Indianerkneipe

Wir hielten Kriegsrat. Plötzlich erbot sich der Fahrer, uns zu einer Herberge zu führen. "Gar nicht weit, Senores!" Und der Wagen mit dem Gepäck? Der kann hierbleiben, gewiß! Hier findet ihn keiner. "Glauben Sie mir, Senores!" Unser Mißtrauen wuchs. Irgendwo schien eine Falle zu lauern. Also schnell Beschluß gefaßt: Onkel Tom blieb mit dem Fahrer beim Wagen. Fernandez und ich sollten losgehen und noch vor Einbruch der Nacht eine Siedlung erreichen, um Benzin zu beschaffen. Wir zwei marschierten los. Stunden vergingen, ohne daß wir einen Menschen trafen. Ab und zu führte ein Fußpfad vom Hauptwege ab. Ob wir in ihn einbiegen sollten? Auf Fernandez' Karte war keiner verzeichnet. Der Wald lichtete sich. Aber die Schatten wurden immer länger. Plötzlich brach die Nacht herein. Es wurde stockdunkel. Wir liefen weiter. Irgendwo vor uns schlugen Hunde an. Das Gebell wurde immer wütender, je näher wir kamen. Ein Lichtschein! - Wir atmeten auf. Rauher Gesang und Stimmengewirr. Irgendwo in der Nähe bellten die Hunde. Als wir in die Tür traten, saßen wilde, verwegene Gestalten um einen großen Topf, aus dem es scharf säuerlich roch. Unter den großen, hohen Sombreros waren die Gesichter kaum zu erkennen. "Buenos noches, Senores!" Sie blickten auf, erwiderten den Gruß. Wüste, betrunkene Gesichter. Lamatreiber vermutlich. Der große Topf war noch halb gefüllt. Sie tranken Chicha, das Nationalgetränk, das hier aus Mais gebraut wird und abscheulich schmeckt. Aus einem Nebengemach kam eine dicke, schmuddelige Indianerin, barfuß und mit langen schwarzen Zöpfen. "Können wir hier übernachten?" "Si, si, Senores!" Die Alte deutete auf zwei freie Plätze auf einer Bank dicht an der Tür. Die übrigen Gäste musterten uns und stießen sich gegenseitig an. Viel Gutes mochten sie mit dem Gringo und seinem vornehmen Begleiter nicht im Sinne haben. Das Gelage ging weiter. Wir saßen und warteten. Mir fielen die Augen zu. Sollten wir mit diesen Caballeros zusammen übernachten?

 

In dem Raum gab es außer den Bänken nur den gestampften Lehmfußboden. Der Alkohol begann zu wirken. Es war ein wilder Lärm in dem dunstigen Raum. Da - drei der Männer steckten die Köpfe zusammen, deuteten auf uns und verschwanden im Nebenraum. Was hatten sie vor? Mir schlug das Herz bis zum Halse! Da gab mir Fernandez auch schon einen Wink. Wir drückten uns aus der Tür und liefen die nachtdunkle Straße entlang. Die Hunde schlugen an. Aber niemand schien uns zu folgen. - "Wir müssen weiter!" flüsterte Fernandez. "Die Kerle sind mir nicht geheuer!" Die Nacht war lau. Der Wind rauschte leise in den Bäumen. Gegen Osten wetterleuchteten brasilianische Tropengewitter. Ich will kurz zu Ende erzählen. Wir kamen noch in ein kleines! Dorf und klopften todmüde den Bürgermeister heraus.

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Der war über die nächtlichen Gäste nicht schlecht erstaunt, hatte aber gute Nachrichten für uns. Morgen kam ein Lastwagen aus der Stadt. Der hatte gewiß etwas Benzin übrig. Der Bürgermeister wollte uns einen zuverlässigen Führer mitgeben und Maultiere zum reiten.

 

Zweikampf auf Leben und Tod

Am andern Tag brachen wir auf, erfrischt und wohlversehen mit Führer, Maultieren und Benzin. Es ging auf kürzerem Wege zurück zu dem Platz, wo Onkel Tom und der Fahrer auf uns warteten. Noch eine Wegbiegung. Ja, dort stand der Wagen. Onkel Tom kletterte heraus, kam uns entgegen, einen Arm dick verbunden. Begrüßung und Fragen. "Come and see!" Wir gingen zum Wagen. Im hinteren Teil lag der Fahrer, an Händen und Füßen gefesselt. Nanu, was sollte denn das bedeuten? Nun, Onkel Tom hatte vorn im Wagen gesessen, die entsicherte Pistole in der Tasche, der Fahrer hatte sich hinten in den Wagen gelegt. Nach kurzer Zeit schnarchte er laut. Auch Onkel Tom nickte ein. Es war stockdunkel geworden. Plötzlich fährt er wieder hoch. Was klapperte da eben hinter ihm? Wie er sich umdreht, sieht er, wie sich der Fahrer an unserem Gepäck zu schaffen macht. Onkel Tom springt hoch, der Fahrer versucht zu flüchten. Tom Smith erwischt ihn am Arm. Da zieht der Bursche blitzschnell sein Messer und sticht zu. Aber Onkel Tom versetzt ihm einen Faustschlag ins Gesicht, daß er zusammensackt. Es hat alles nur Sekunden gedauert im nächtlichen Dunkel. Tom fesselt den Kerl dann und schleppt das ohnmächtige Bündel in den Wagen und bindet ihn dort fest. Dann macht er sich einen Notverband am Arm. Die Verletzung scheint nicht schlimm zu sein. Es beginnt zu dämmern. Onkel Tom steckt sich eine Pfeife an, setzt sich vorn in den Wagen und wartet auf uns. "Yes, that' sall!"- Wir fuhren los. Fernandez saß am Steuer. In der nächsten Stadt lieferten wir den gefesselten Fahrer, der inzwischen wieder zu sich gekommen war und uns heimtückisch anblinzelte, im Polizeigefängnis ab. Hoffentlich wird er dort eine Zeit eingelocht. Der Polizeidirektor hat es versprochen: "Ganz gewiß, Sefiores!"

 

Im Binsenboot auf dem Titicaca-See

Lieber Jupp, wir haben unsere Autoreise nach Santa Cruz aufgegeben. Onkel Toms Arm ist zwar ausgeheilt. Aber nach der "Autopanne" will er nichts mehr von Bolivien wissen. Wir sind deshalb von Cochabamba aus nordwestlich gefahren - zum Titicaca-See, der zum größeren Teil schon zu Peru gehört. Und nun muß ich schon wieder eine echt amerikanische Angabe machen: Dieser See ist der höchstgelegene der Erde. Er liegt ungefähr gleich hoch wie La Paz. Der Dampfer, mit dem wir über den See wollten, ging erst nachts. So blieb genug Zeit, die seltsamen Fahrzeuge der Indianer zu besichtigen. Wir sind sogar mit einem solchen Binsenboot ein Stück auf den See hinauszufahren.

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Totora nennen es die Indios. Holz gibt es hier oben nicht. Also helfen sich die Indios mit Schilfbündeln, die zu einem plumpen Gefährt ohne Bug und Heck zusammengefügt werden. Auch das Segel ist aus Schilf. Deshalb entwickeln die Boote nur ein Schneckentempo. Aber sie sind "seetüchtig" und können nicht kentern. In ihnen verfrachtet der Indio seine ganze Habe samt Frau und Kindern, ein paar Hühnern und einem mageren Lama, Es gibt freilich auch kleinere Boote, schmaler und schlanker, die1 von ferne ein wenig an venezianische Gondeln erinnern. Kalt war's auf dem Wasser. Unablässig pfiff der Wind. Wir froren wie die Schneider. Und dabei waren wir doch dem Äquator schon wieder ein gutes Stück näher, als in Rio oder gar in Buenos Aires!

Nächtliche Seefahrt im Schneesturm

Wir waren deshalb froh, als nach Einbruch der Dämmerung der Dampfer abfuhr. Der nächtliche Anblick des Sees lockte aber bald wieder auf Deck. Wie ein silberner Strom glitzerte das Mondlicht auf den dunklen Fluten. In der Ferne ahnte man die gewaltigen Umrisse der Hochanden. Der Wind wurde heftiger. Wir traten zähneklappernd von einem Bein aufs andere. Plötzlich fegte ein Schneesturm übers Deck, der uns in die Kajüte zurücktrieb. Als wir im Morgengrauen wieder nach oben kamen, lag noch dicker Schnee auf dem Schiff, den die Sonne aber schnell wegfraß. Ja, die Sonne! Unbeschreiblich der Augenblick, wenn sie feurig heraufsteigt hinter den Schneebergen im Osten. Die Wellen glänzten. Dort drüben liegt noch dampfender Nebel übe den Wassern .An den Küsten tauchen die Felder der Indianer auf; vor den Hütten brennender Herdfeuer.

Wir kommen ins Reich der Inkas

Während der Bahnfahrt nach Cuzco, der alten Hauptstadt des Inkareiches, hat Fernandez mir von der Eroberung dieses Landes durch die Spanier erzählt. Die Macht des indianischen Herrschervolks reichte weit über die heutigen Grenzen von Peru hinaus. Aber hier im Hochland war ihr Mittelpunkt. Schon lange hatten die Spanier, die an den Küsten der Karibischen See Fuß gefaßt hatten, von einem Reich gehört, in dem es sagenhafte Schätze geben sollte. Dann hatte Cortez Mexiko erobert. Da hielt es einen anderen Conquistadore, Pizarro, nicht länger. Mit einer kleinen Schar brach er von Panama aus auf, von Abenteuerlust und unersättlicher Goldgier getrieben.

 

Pizarro schickt eine Gesandtschaft zum Inkaherrscher

Fernandez meint, Pizarro sei zwar ein schrecklich grausamer Mann gewesen, aber was er mit einer Handvoll Spanier auf dem Marsch | vollbracht habe, das könne man doch nur mit Hannibals Alpenübergang vergleichen. Unmittelbar nach der Landung an der unwirtlichen Westküste begannen die Spanier den Andenaufstieg, j Wie geblendet sahen sie endlich von der erreichten Höhe herab auf eine Stadt der Inkas

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Da war ein großer, viereckiger Platz mit Palast, Säulenhallen und Sonnentempel. Ringsum verstreut die Häuser der Landbewohner, Terrassen und Kanäle, wohlbebautes Ackerland bis hoch in die Berge hinauf. Aber was war das? Hinter der Stadt lagerte ein gewalliges Heer. Pizarro überlegte nicht lange. Hier halfen nur Mut und List. Er sandte eine kleine Gesandtschaft zum Herrscher der Inkas in die Ebene hinab. Verwundert empfing Atahualpa die seltsamen Wesen, die sich ihm da in, schimmernder Rüstung und auf nie gesehenen Vierbeinern näherten. Die Indianer kannten noch keine Pferde. Der Inkaherrscher bot den Spaniern seine Residenz gastfreundlich als Wohnung an. Die Spanier besetzten die Plätze und Paläste. Pizarro überlegte, wie er mit der gewaltigen Übermacht fertig werden sollte. Auf einen Kampf durfte er es nicht ankommen lassen. Hier half nur ein tollkühner Überrumpelungsversuch. Atahualpa kam zum Gegenbesuch. Sorgfältig hatte Pizarro seine Leute verteilt, der Platz vorm Palast war umstellt. Hinter dem goldenen und edelsteingeschmückten Tragsessel des Inkaherrschers schritten sechstausend festlich geschmückte Krieger. Im Hintergrund lagerten noch weitere fünfundzwanzigtausend. Vor Sonnenuntergang langte der Inka auf dem Platz an. Aber zur Begrüßung trat ihm nur ein Mönch entgegen, der ihn in glühender Rede, vom indianischen Dolmetscher übersetzt, aufforderte, den christlichen Glauben anzunehmen und Freund des fernen spanischen Königs zu werden. Atahualpa ließ zurückfragen, woher der Mönch denn die Kunde von jenem neuen Glauben habe. Man übergab ihm die Bibel. Noch nie hatte der Inka ein Buch gesehen; in seinem Reiche gab es keine Schrift. Er blätterte darin; die seltsamen schwarzen Zeichen waren ihm unverständlich. Dann ließ er das Buch verächtlich zu Boden fallen. Das war das Zeichen! Der Inka halte Gottes Wort mißachtet. Mit Donnergetöse brach der Angriff herein. Die Geschütze dröhnten, die Hakenbüchsen krachten. Die Inkakrieger packte Entsetzen. Sie flohen, und so fiel ihr Herrscher lebend in die Hände der Spanier.

 

Als Lösegeld ein Raum voll Gold

Mit einem Handstreich war das Reich der Inkas erobert. Atahualpa wurde von Pizarro gefangengesetzt. Er hatte längst gemerkt, was die Feinde lockte. Darum bot er Pizarro als Lösegeld einen ganzen Raum voll Gold. Sieben Meter war das Zimmer lang und sechs Meter breit. So hoch, wie der längste seiner Männer reichen konnte, sollten die Schätze aufgeschichtet werden. Pizarro willigte ein und versprach, Atahualpa freizulassen, sobald er sein Versprechen erfüllt hätte. Nun schleppten die Inkakrieger unermeßliche Schätze heran. Täglich trafen Lasten reinen Goldes aus allen Teilen des Reiches ein. Aber der grausame Pizarro blieb argwöhnisch. Was würde Atahualpa tun, wenn er die Freiheit wiedererlangte? Inzwischen häuften sich noch immer die Schätze. Noch nie hatte man vorher eine solche Beute gemacht.

Atahualpa besteigt den Scheiterhaufen

Die Spanier hatten inzwischen auch im Lande überreichlich gefunden, was sie suchten. Man brauchte den Inka deshalb nicht mehr als Pfand. Ließ man ihn frei, konnte er ein Heer sammeln und den noch immer zahlenmäßig unterlegenen Eroberern gefährlich werden. Also wurde ihm der Prozeß gemacht. Das Urteil lautete: Tod auf dem Scheiterhaufen. "Was habe ich denn getan, daß mich ein solches Schicksal trifft?" fragte der Inka erschrocken. Pizarro antwortete nicht, sondern ließ ihn gefesselt abführen. Als Atahualpa schon auf dem Scheiterhaufen stand, erklärte er sich bereit, Christ zu werden, in der Hoffnung, dann dem Flammentode zu entgehen. Man erfüllte seinen Wunsch, Der Unglückliche wurde getauft, konnte dadurch aber nicht dem Tode entgehen. So starb der letzte Herrscher der Inkas.

 

Die Inka-Götter rächen sich nicht

Neben Glücksrittern kamen Verbrecher und Abenteurer aus Europa in das Überfallene Land. Unter ihren Plünderungen und Schandtaten ging das Inkareich zugrunde. Die Reste der Indianer zogen sich in die unzugänglichen Bergfestungen zurück und warteten, ob ihre Götter nicht eingriffen gegen den Frevel der weißen Eroberer. Aber nichts geschah. Unaufhörlich wurden die Schätze nach Europa geschafft. Pizarro herrschte in der neuen Hauptstadt Lima - einst ein einfacher Soldat, der nicht lesen und schreiben konnte, jetzt der Herr eines gewaltigen Reiches. Aber 1541 wurde er in Lima von den Anhängern einer Gegenpartei ermordet. Seine Gewalttaten hatten ihm kein dauerndes Glück gebracht.

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In Cuzco, der alten Hauptstadt des Reiches

Wir hatten Glück. Fernandez traf in Cuzco einen Studienfreund aus Deutschland, der hier Ausgrabungen leitet. Er hat uns zu einzelnen Inka=Bauwerken geführt. Etwas Gewaltigeres läßt sich kaum vorstellen. Auch die Erdbeben haben den alten Mauern nichts anhaben können. Es ist alles wie für die Ewigkeit gebaut. In der Stadt sieht man überall noch die alten Fundamente. Die Spanier haben einfach auf die Ruinen gebaut. Wo jetzt eine moderne Plaza liegt, befand sich einst der Festplatz der Inkas, auf dem die großen Feiern und Feste stattfanden. Auf den Mauern des einstigen Sonnentempels ruhen heute die Bauten eines Klosters.

Die Inkas binden die Sonne fest

Sonne und Mond wurden als Götter verehrt. Unten an der Küste erschien den Bewohnern die silberne Scheibe des Mondes als gutes, wohltätiges Wesen. In nächtlicher Kühle spendete sie Regen und Fruchtbarkeit und kämpfte erbittert gegen die Sonne, deren Strahlen alles versengten und verzehrten. Als dann aber die Inkas die kleineren Volker siegreich unterworfen hatten, errichteten sie auch große Sonnentempel; stufenförmige, riesige Pyramiden. Die Peruaner hatten Sorge, die Sonne könnte, wenn sie im dortigen Winter immer weiter nach Norden wich, verschwinden und nie wiederkehren. Auf dem Felshügel über dem Tempelplatz, dort, wo der in Fels gehauene Thron der Götter steht, ist noch ein Steinpfeiler zu sehen. An diesen banden die Inkapriester in feierlicher Handlung die Sonne fest, damit sie nicht aus ihrem Reich entfliehen konnte. Das war natürlich nur eine sinnbildliche Handlung. Aber die Indios glaubten fest daran.

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Auf der Burg Sacsayhuaman

So, wie die Inkas gebaut haben, erzählt uns Fernandez' Freund, wie sie die Steine bearbeiteten, konnten es in der Burg Sacsayhuaman im Tal von Cuzco gesehen. Da stehen noch heute Mauern aus Blöcken, die fünf Meter hoch und drei Meter breit sind. Wir haben , verschiedenen Stellen gemessen. Und was meinst Du, wie die zusammengehalten werden? Da gibt es keinen Mörtel und keine Kupferklammern. Nein, die Felsblöcke sind in den

 

Fugen so genau ineinandergepaßt und lagern durch ihr Eigengewicht so fest, daß man noch heute kein Blatt Papier dazwischenschieben kann. Unerschütterlich stehen die Titanenmauern. Kein Mensch kann sich heute recht vorstellen, wie diese Steine nur mit Menschenkraft bewegt und gehoben worden sind. Wenn man vor diesen Bau werken steht, erfaßt man erst ganz, was das für ein Reich, was das für gewaltige Herrscher gewesen sein müssen. So hat sich damals Burg an Burg gereiht zum Schutz der Grenzen, denn, von Osten drohte Gefahr. Von dort versuchten wilde Stämme hineinzubrechen, bis dann das große Unglück doch von Westen aus kam, als Pizarro, der Spanier erschien.

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Auf einer Landstraße quer durch Peru

Also Jupp, nun paß einmal gut auf! Jetzt erlebst Du vom Auto aus einen Kulturfilm "Quer durch Peru". Am Osthang der Anden, dort, wo genügend Regen fällt und die Flüsse alle zum Amazonas fließen, werden in modernsten Plantagen Tee und Apfelsinen, Tropenweizen und Tomaten, Ölpalmen und Reis angebaut. Weiter nach Westen kommen wir durch ein Gebiet, wo man vor Jahrzehnten Erdöl gebohrt hat. Wir überqueren dann einen tief in eine Felsschlucht eingeschnittenen Paß. Dort drüben wird Chinchona angebaut, aus dessen Rinde das für die Heilkunde wichtige Chinin gewonnen wird. Auf dem sehr fruchtbaren Schwemmland einer alten Hacienda sind Kulturen von Orangen und Kakao, Kaffee und Zuckerrohr zu sehen. Jetzt klettert die Straße steil in die Berge. Auf etwa 100 Kilometer müssen 2600 Meter Steigung überwunden werden. Schafe in dickem Wollpelz weiden auf den mageren Hochebenen. Schon wieder geht es in ein Längstal hinab. Im Talkessel liegt ein großes Hüttenwerk, noch immer über 3000 Meter hoch. Die dünne Luft ist so durch Abgase vergiftet, daß die Menschen Tücher vorm Mund tragen müssen. Wieder geht es bergauf. Da drüben liegen Erzbergwerke. Am Straßenrand ziehen Quetschua=Indianer in ihrer bunten Kleidung an uns vorbei. Jetzt senkt sich die Straße über die Küstenberge dem Stillen Ozean zu. Nur die feuchten Nebel im Winter lassen hier einen kargen Pflanzenwuchs sprießen. Unter uns dehnt sich die regenlose Wüste. Seltsam, hat dort drüben der Sturm die Dächer von den Indianerhäusern weggetragen? Nein, die haben gar keine. Wozu auch, wenn seit Menschengedenken kein Regen mehr gefallen ist! Da drüben die Küste! Weiter draußen die Brandung mit weißem Gischt. Eine öde Felsenküste ohne Baum und Strauch. Nur wieder unzählige Vögel und - durchs Glas deutlich zu erkennen - Mengen von Seelöwen, die träge in der Sonne liegen. Noch eine kurze Strecke - und wir sind in Lima, der Hauptstadt von Peru.

Schrumpfköpfe als Reiseandenken

Lima ist eine schöne Stadt, die mitten in einer öden Gegend liegt, an der Steilküste des Ozeans mit Gärten und Anlagen, altspanischen Palästen und modernen Geschäftsstraßen. Ja, Jupp, und jetzt kommt wieder etwas, wovon Du sicher annimmst, das hätte ich mir nur ausgedacht. Aber ich hab' ihn wirklich gesehen: einen echten Indianerschrumpfkopf nämlich, so groß wie eine Faust; es sind besonders präparierte Menschenköpfe, die dadurch so klein werden. Wir sahen einen im Museum. Möchtest Du gern einen als Schreibtischschmuck haben? Na, lieber nicht! Ich habe mich schrecklich geekelt. Von nahebei sehen diese Köpfe wirklich gespenstisch aus.

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Haifische und Pelikane

Erinnerst Du Dich, Jupp? Ich habe Dir schon einmal Grüße vom Äquator gesandt. Das war, als wir über die Amazonasmündung flogen und dann über das grüne Meer, den brasilianischen Urwald. Inzwischen hast Du auch eine Postkarte aus der antarktischen Landschaft auf Feuerland erhalten. Und jetzt sind wir wieder nahe am Äquator. Aber wie ganz anders sieht hier die Welt aus als an der Ostküste Brasiliens! - Onkel Tom hat keine rechte Ruhe mehr. Also nahmen wir wieder einmal Flugkarten, flogen über die peruanische Grenze nordwärts an der Küste entlang nach dem bedeutendsten Hafen von Ekuador: Guayaquil. Ganz ( nebenbei: Äquator-Ekuador! Kannst Du Dir denken, warum | das Land so heißt? Der Flug war prima! Die Anden zeitweise von Wolken verhangen. Unter uns die gewaltige Brandung an der einsamen Küste. Wir flogen anfangs hoch. Was waren das für seltsame dunkle Flecken auf dem Wasser? Ich konnte mir lange nicht erklären, was das sein mochte. Da hoben sich die Flecken plötzlich wie Wolken in die Luft. Es waren große Vogelschwärme. Unser Flugzeug wich ihnen aus. Bei der Geschwindigkeit ist ein Zusammenstoß auch für das Flugzeug verdammt gefährlich, und wenn es auch nur eine kleine Möwe wäre, die in den Propeller geriete. Zu Tausenden flogen die verschiedensten Seevögel aufgeregt umher. Darunter auch die großen Pelikane, denen unser dahinrasender Vogel offenbar einen besonderen Schrecken ein» jagte. Sie stürzten sich vor lauter Angst kopfüber ins Wasser, um nach Sekunden wieder aufzutauchen und uns mit langen Hälsen nachzuschauen. Die Maschine geht tiefer. Da unten im Meer ist noch mehr zu sehen. Schlank dahinschißende dunkle Striche. "Das sind Haie", erklärt Fernandez, "vermutlich die großen Hammerhaie." Lieber Jupp, da habe ich einen Augenblick daran gedacht, was wohl passierte, wenn unser Vogel da plötzlich notlanden müßte, so in nächster Nachbarschaft dieser wie Pfeile durchs Wasser flitzenden Burschen. Ein dummer Gedanke! Aber mir lief doch eine Gänsehaut über den Rücken.

 

 

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Guayaquil, die Stadt mit den Säulengängen

Die Küste Ekuadors ist regenreich; es gibt große Plantagen im Tiefland, und Guayaquil ist die Haupthafenstadt. Hier wimmelt es wieder von Negern und Mulatten, Indianern und Mestizen. Jeder Wagen hat einen eigenen Namen. Dort drüben hält "Pizarro"; hier fährt eben "Columbus" vorüber. Oh, aber die Sonne brennt hier furchtbar. Und die Moskitos sind auch keine schöne Zugabe. Die Häuser haben alle über« deckte Lauben« und Säulengänge. Das sieht sehr schön und malerisch aus, hat aber auch einen ganz praktischen Zweck: Die Laubengänge sollen vor der glühenden Äquatorsonne Schatten bieten und vor den Wasserfluten schützen, wenn die Regenzeit kommt.

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Kakaobohnen werden auf der Straße getrocknet

Wie in allen größeren Städten Südamerikas ist auch hier ein toller Verkehr auf den Straßen. Aber in Guayaquil wird nur die eine Fahrbahn benutzt. Auf der anderen hockten Neger und trockneten riesige Mengen von Kakaobohnen, mitten auf der Straße. Kakao bedeutete einstmals den Reichtum des Landes und seine hauptsächliche Ausfuhr. Dann ist ein großes Unglück über das kleine Land gekommen. Im Jahre 1930 hat plötzlich ein Pilz die Plantagen befallen, der schon die unreifen Früchte faulen ließ. In Windeseile breitete sich die Krankheit aus. Ausreißen mußte man die baumartigen Kakaosträucher und verbrennen. Die Haupteinnahmequelle des Landes war da» hin. Andere Länder nützten die Gelegenheit und legten schnell neue Plantagen an. Dann hat man Mittel gegen den gefährlichen Pilz gefunden. Heute scheint Ekuador wieder viel Kakao anzubauen. Die Mengen, die hier auf der Straße lagen und in denen die Neger herumwühlten -na, die konnte einer allein bestimmt nicht verbrauchen.

Ekuador - die Heimat der Panamahüte

Weißt Du auch, Jupp, daß die Panamahüte gar nicht aus Panama stammen? Von dort werden sie nur in alle Welt verfrachtet. Hergestellt werden sie hier in Ekuador auf dem Lande. Die Indianerfrauen bleichen und spalten das haarfeine Palmstroh und verfertigen die kostbaren Kopfbedeckungen. Man sieht sie hier überall. Wir haben uns auch jeder einen zugelegt und sind "stolz wie die Spanier" mit ihnen durch die Straßen von Quito gegangen. Das ist die Hauptstadt des Landes.

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Gletscher unter der Äquatorsonne

Lieber Jupp, ich habe Dir nun schon viel von den Anden erzählt, aber so großartig, so wild und merkwürdig wie in Ekuador war das Kordillerengebirge noch nirgends. Hier ist das Land der Vulkane. An die dreißig sind heute noch tätig. Dort drüben, das ist der Cotopaxi, der höchste erloschene Krater der Welt.

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Aus einem anderen steigen ständig Dampfsäulen hoch, oft stößt er auch gewaltige Flammen aus. Über 6000 Meter steigt der berühmte Chimborasso auf, der höchste Berg des Landes. Kilometerlang hängen riesige Gletscher herab. Die glühende Aquatorsonne kann ihnen nichts anhaben. - Wir haben eine Bergtour von der Hochebene auf einen der kleineren Gipfel gemacht. Es war wohl mit das unvergeßlichste Erlebnis unserer ganzen Südamerikafahrt: genau unter dem Äquator am Rande des ewigen Eises! Man muß freilich höllisch aufpassen. Unser Führer warnte uns vor einem Betreten des Gletschers und der Schneehänge. In der schmelzenden Sonnenglut ist die Lawinengefahr besonders groß. So haben wir das ewige Eis nur aus der Nähe gesehen und sind vorsichtig wieder abgestiegen.

Auf den Spuren der letzten Erdbebenkatastrophe

Ekuador - Land der Vulkane, Land der Erdbeben. An denen sind aber nicht immer die Vulkane schuld. Das Erdinnere des Andengebietes ist noch nicht zur Ruhe gekommen. Da stürzen plötzlich unvorstellbar große, unterirdische Hohlräume zusammen, und die Erdoberfläche wird wellenförmig bewegt. Gähnende Spalten reißen auf, in denen ganze Dörfer und Städte verschwinden. Oder eine Ortschaft wird kilometerweit verschoben. Weite Landstriche liegen in Trümmern. Kein Haus ist stehengeblieben, als vor wenigen Jahren eine solche Katastrophe hereinbrach. Wir haben jetzt noch die Trümmer gesehen. Eisenbahnen und Straßen waren unterbrochen, Brücken vom Erdboden verschwunden. Die Farmer fanden die früheren Grenzen ihrer Plantagengebiete nicht wieder. Die Erde hatte sich buchstäblich verschoben.

Tausende von Toten hat es gegeben. Uns wurde z. B. ein Platz gezeigt, wo vor Jahren ein Dorf gestanden hatte. Bei einem Erdbeben war es buchstäblich verschwunden, mit allem, was dazugehörte. Nur ein paar Grundmauern ragten noch aus dem Boden. Ich blickte unwillkürlich etwas mißtrauisch und beklommen zu den rauchenden Kratern auf. Noch sah alles ganz friedlich aus. Wer weiß aber, wann plötzlich wieder ein verheeren» der Aschenregen und Lavaströme die blühende, grünende Landschaft vernichten, während das Land rund um den Vulkan in kurzen, heftigen Stößen erbebt. Man hat aus der dauernden Gefahr aber auch manche Lehre gezogen. So fiel uns auf, daß in verschiedenen Orten die große» ren Häuser und die Kirchen aus Bimsstein erbaut sind. Ich konnte mir das zunächst nicht erklären. "Ganz einfach", sagte Onkel Tom, der sich für alles Technische besonders interessiert. "Bimsstein ist leichter als Wasser. Wenn Dir bei einem Erdbeben eine solche Mauer auf den Kopf fällt, ist es gar nicht so schlimm."

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Ein Fische speiender Krater

Jedesmal, wenn der Vulkan Cotopaxi ausbrach, lagen hinterher in Mengen faulende Fische in seiner Umgebung.

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Niemand konnte sich erklären, wie das zuging. Der Krater mußte sie ausgespuckt haben. Inzwischen hat man aber, wie uns in Quito erzählt wurde, des Rätsels Lösung gefunden. Sie ist seltsam genug. Der Gipfel des Berges ist von Eisschichten bedeckt. An deren unterem Ende entspringen viele fischreiche Bäche. Wenn nun die Rammen aus dem Krater schlugen, schmolzen in der Gluthitze Eis und Schnee an den Hängen. Die Bache wurden zu verschlammten, reißenden Strömen, in denen Fische scharenweise umkamen. Wenn die Wasser sich in den Tälern wieder verlaufen hatten, fanden die erstaunten Indios zahlreiche tote Fische.

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Steinmännchen und Kreuze am Weg

Wir haben auf einem Paß, hoch oben im rauhen Gebirge, etwas Seltsames gesehen. Dort haben vorüberwandernde Indios Figuren, sogenannte Steinmännchen, errichtet. Jeder, der vorbeikommt, legt einen kleinen Stein hinzu. Das muß eine uralte Sitte sein, die zu dem indianischen Götterglauben gehört. - Etwas weiter des Weges, und im Lehm stecken kleine Kreuze die wohl einem katholischen Heiligen geweiht sind. Der Indio bringt beiden Göttern eine Gabe dar. Er weiß vielleicht nicht mehr recht, welcher der stärkere und mächtigere ist, und möchte beide sich gnädig stimmen. -

 

Abschied von Ekuador

Wir haben soeben den Äquator überschritten. Vor uns liegt die Grenze von Kolumbien. Das letzte südamerikanische Land ruft. Fernandez und Onkel Tom haben dort noch mehrere geschäftliche Aufträge zu erledigen. Mir ist es recht. Gerade Kolumbien soll sehr interessant sein. Dein Freund Pünneberg wird getreulich berichten - trotz der Hitze.

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"Der liebe Gott ist Kolumbianer"

Weißt Du was, Jupp, Du solltest mal die Karte von Südamerika nehmen und sie genau auf ein Blatt Papier ab» pausen. Willst Du? - Dann nimm einen Rotstift und zeichne unsere Reiseroute ein: von Mexiko bis - ja, bis Kolumbien. 5ieh Dir den Maßstab der Karte an und miß die ungefähre Kilometerzahl! Du, ich glaube, da kommt eine Strecke zusammen, die sich sehen lassen kann. Versuch es mal! Natürlich denkst Du jetzt: Aha, Freund Pünneberg will renommieren. Er gibt ohnehin schon reichlich mit seinen Erlebnissen an. Aber Jupp, glaub mir: das Merkwürdigste ist, daß man hier immer wieder etwas Neues erlebt. Da ist kein Urwald wie der andere. Selbst die winzigen Kolibris, von denen es zahllose Arten gibt, sehen überall anders aus. Wie mit den Kolibris, so ist's mit den Menschen. Und erst das Gebirge - da kann man nur immer von neuem staunen. - Wir sind in Chile, Bolivien, Peru, Ekuador gewesen - was sollte da Kolumbien noch Neues bieten? Aber höre und staune! Zuvor muß ich Dir gestehen, daß mir ein bißchen wehmütig - ums Herz ist: das letzte Land auf unserer Reise! Bald wird sich der Ring Schließen, und wir sind wider am Panamakanal.

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Kolumbien macht uns den Abschied von Südamerika schwer Zwar ist es wieder ordentlich warm hier. Aber das Land ist unglaublich fruchtbar und reich an Bodenschätzen. Und die Kolumbianer sind ein fleißiges und lebhaftes Volk. "Der liebe Gott ist Kolumbianer", ist hier ein oft gebrauchtes Sprichwort. Und das soll doch wohl heißen, daß sie mit ihm in bestem Einvernehmen leben und annehmen, daß er es auch gut mit ihnen meint.

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Woher die Schokolade ihren Namen hat

Kein Wunder, wenn die Kolumbianer mit dem lieben Gott auf gutem Fuß stehen, war Kolumbien doch einstmals das reichste Goldland der Welt. Die kolumbianischen Indianer machten es den ersten Eroberern und Entdeckern wahrhaftig nicht leicht, an die sagenhaften Schätze heranzukommen. Mit Giftpfeilen und Blasrohren haben sie die schwer zugängliche Küste verteidigt. Da mußten es die Eroberer von der anderen Seite, vom Stillen Ozean aus, versuchen. Kolumbien ist nämlich das einzige Land Südamerikas, das Küsten an beiden Ozeanen hat. - Nur ganz nebenbei: Weißt Du, woher die Schokolade ihren Namen hat? Komisch, was? Mitten in Kolumbien auf so eine Frage zu kommen! Aber paß auf: Im Norden des Landes gibt es ein Tal, das "El Chocö" heißt. Dort soll die engere Heimat des Kakaobaumes gewesen sein. Und vom Chocö hat die Schokolade ihren Namen. Merk es Dir, Jupp! Vielleicht kommt die Frage mal in einem Preisausschreiben vor! Und auch sonst kann man ja immer noch etwas für seine Allgemeinbildung tun.

 

Mit einem Arriero durchs Gebirge

Wir haben ein paar anstrengende Tage hinter uns. Es ist aber auch richtig romantisch gewesen. Fernandez und Onkel Tom wollten in ein noch ziemlich unerschlossenes Gebiet, wohin von Süden aus, woher wir kamen, noch keine Straßen oder Fluglinien führen. Oft gibt es da nur Saumpfade. Allein, zu Fuß wäre das kein besonderes Vergnügen. Wir haben uns des» halb einer Partida, einer Maultierkarawane, angeschlossen. Der Transportführer, den man hier Arriero nennt, war gleich einverstanden. Wir schienen ihm als Begleiter seiner Karawane ganz willkommen zu sein. Sonst muß er für die zwanzig, dreißig Maultiere, die oft kostbare Lasten tragen, ein paar Gehilfen anwerben, die Lohn verlangen. Ein scharfgezeichnetes Gesicht hatte der Mann, die Haut von Wind und Wetter gegerbt. Hose und Hemd, ein Panamahut, der Poncho, der hier in Kolumbien Ruana heißt, und Alpargas an den Füßen, Sandalen mit dicken Hanfsohlen - so zieht er wochenlang mit seinem Transport durchs Gebirge. Aber bald hätte ich das Wichtigste vergessen: das Haumesser, die Machete, die er im Gürtel trägt. Sie ist Waffe und Werkzeug zugleich und unterwegs für alles zu brauchen. - Mindestens fünfzig Kilometer haben wir am Tag geschafft.

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Der Arriero ging die ganze Strecke zu Fuß. Einmal mußten wir alle zupacken: Zwei Maultiere machten schlapp und wollten nicht mehr weiter. Die Lasten wurden umgepackt und die Tiere mit Zureden und Gewalt wieder auf die Beine gebracht. Abends hielten wir bei einer Posada an. So heißen hier die einfachen "Gasthäuser", wo man übernachten kann. Ich habe mich gleich langgelegt. So müde war ich."

 

Überfall auf den Goldtransport

Ich war gerade eingeschlafen, als draußen wilder Lärm entstand. Wir fuhren hoch. Der Arriero zog die Machete. Im Schein eines kleinen Lämpchens, das den Raum nur mattbeleuchtete, sahen wir drei finstere Gestalten an der Tür. "Was wollt ihr?" fuhr sie unser Arriero an. "Habt ihr Pferde?" Die drei Kerle kamen näher. -Wozu braucht ihr Pferde, mitten in der Nacht?" fragte der Arriero. "Frag nicht lang, carajo! Los, komm mit auf die Weide, zeig uns deine Pferde. Es können auch Mulas sein. Los, auf die Weide!" In diesem Augenblick traten Fernandez und Onkel Tom vor, beide mit entsichertem Revolver. In der Dunkelheit des Raumes mochten die drei Räuber sie vorher gar nicht bemerkt haben. Einen Augenblick stutzten sie. "Carajo!" murmelte der eine zwischen den Zähnen - und schon waren alle drei wieder aus der Tür. Wir hinterher! Die Kerle suchten jetzt bestimmt nach den Mulas. Aber still, was ist das? - Pferdegetrappel, das schnell näher kommt. Jetzt kann es ernst werden, wenn die Banditen durch ihre Kumpane Verstärkung erhalten. Wir verdrücken uns in den dunklen Hausschatten. Die Straße ist vom Mond beleuchtet. Da, der erste Reiter, zwei weitere folgen. Der vorderste pariert sein Pferd. Soldaten! Gott sei Dank! - Kurze Begrüßung und

 

Fragen. "Sind hier drei ,Caballeros' vorbeigekommen?" "Ja, dort hinauf sind sie!" Aber die Dunkelheit hatte sie längst verschlungen. Und auf der Straße blieben die bestimmt nicht. - Die Soldaten erzählten. Sie hatten zu fünft einen Goldtransport begleitet, als Bewachung. Während einer Rast hatten sie den Arriero mit den Mulas allein gelassen, um ein bißchen auf die Jagd zu gehen. Caramba, wer konnte ahnen, daß der Arriero inzwischen überfallen wurde. Wie sie zurückkamen, lag der Transportführer gefesselt am Boden. Drei Mulas fehlten samt ihren Traglasten. Nun, das weitere konnten wir selbst erraten. Zwei Soldaten waren beim Transport geblieben, die anderen hatten die Verfolgung aufgenommen. Zu Pferde waren sie schneller als die Räuber. Die hatten, als die Verfolger nahten, die Mulas stehengelassen und sich seitwärts in die Büsche geschlagen. Ja, vermutlich waren sie ihnen endgültig entwischt. Aber wer weiß, morgen früh sollte die Verfolgung fortgesetzt werden.

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Schade, daß ich nicht teilnehmen kann! Die Kerle würde ich gern mit dingfest machen. Das müßte eine tolle Jagd werden.

 

Tapirbraten um Mitternacht

Der Arriero forderte mich auf, mit ihm nach den Mulas zu sehen. Auf der mondbeschienenen Weide war keins mehr zu erblicken. Aber dort drüben im Dunkel unter den Bäumen - dort grasten sie vollzählig. Ein Glück! Als wir zur Posada zurück» kamen, war ein Soldat dabei, im Freien ein mächtiges Feuer zu machen. Die anderen beiden waren zurückgeritten, um ihre Jagdbeute zu holen. Sie hatten einen Bergtapir erlegt. Mehrere Zentner schwer war das Tier. Sie säbelten deshalb nur einen Schinken und ein paar handfeste Koteletts ab und kamen bald mit den gewaltigen Fleischportionen zurück. Es wurde noch ein zünftiges Festessen in dieser Nacht. Das Feuer prasselte. Das Fett tropfte in die Flammen. Uns lief das Wasser im Munde zusammen. Als der Braten fertig war, haben wir alle kräftig 'reingehauen. Dann machte eine Chichaflasche die Runde. Die Nacht war warm. Der Mond goß sein silbernes Licht über die schlafende Landschaft. Der Schrei eines Nachtvogels - sonst Stille ringsum. Von der Chicha leicht benebelt, gingen wir schlafen, der Arriero und wir schliefen in Hängematten. Die Soldaten hatten sich auf den Lehmboden gelegt und schnarchten, daß die Bretterwand der Posada wackelte.

 

 

Degenschlucker und Schlangenbeschwörer

Wenn ich an unser Abenteuer mit dem braven Arriero zurückdenke, kommt mir's doch seltsam vor, daß wir heute in einem der vielen Cafes in Bogota sitzen. Was für Gegensätze in diesem Kontinent! Obgleich es schon auf Mitternacht geht, laufen draußen auf der Straße immer noch Indianer mit schweren Lasten vorbei. Morgen ist Markttag; sie wollen zeitig da sein. Was schwankt denn da drüben eben vorbei? Ein richtiger Turmbau auf zwei Beinen: ein Indianer mit großen, übereinandergestellten Körben auf dem Rücken. Die Körbe stecken voller Federvieh, das schläfrig hin und her nickt. Im Cafe ist eben ein Schlangenbeschwörer erschienen. Er öffnet den Deckel eines Kastens, aus dem die Schlange hervorzüngelt. Vor einer halben Stunde war ein Degenschlucker da und führte seine Künste vor. Onkel Tom bemüht sich, eine Zigeunerfrau wieder loszuwerden, die sich an unseren Tisch gedrängt hat und ihm aus der Hand wahrsagen will. Wir müssen lachen: ausgerechnet dem guten Onkel Tom, der an so etwas bestimmt nicht glaubt!

 

Indianer halten Winterschlaf

Von einem seltsamen Indianerstamm ist uns heute in der Stadt erzählt worden. Im Nordosten des Landes soll er hausen.

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Ich kann das Erzählte noch nicht recht glauben, es soll aber tatsächlich wahr sein. Da gibt es also Indianer, die einen richtigen Winterschlaf halten. Wenn die Trockenzeit kommt, schlagen sie sich den Bauch voll blauer Tonerde, die sie an den Wasserläufen entlang aufkratzen. Dann kriechen sie mit schwerem Magen in ihre Hütten, verrammeln von innen die Tür und schlafen wie die Murmeltiere. Angeblich 60 bis 90 Tage lang! Wenn die Regenzeit beginnt, kriechen sie wieder aus ihrem Bau, kauen eine Brechwurzel und speien das komische Schlafmittel wieder aus. Lieber Jupp, soll ich Dir mal ein Päckchen blauen Ton schicken? Willst Du's auch mal probieren?

 

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In der Felsschlucht des Rio Chicamocha

Du hast doch bestimmt schon von dem berühmten Grand Canon in Nordamerika gelesen und Bilder gesehen von dieser ungeheueren Felsschlucht des Colorado=River. Was sagst Du dazu, daß ich jetzt am oberen Rande eines kolumbianischen Canons sitze, dessen Felswände noch tiefer und steiler sein sollen als die im Norden? Junge, Junge, war das ein Gekraxel! Vom Boden der Fels» Schlucht aus blickst Du an senkrecht aufsteigenden Wänden empor. Oben ein dunkelblauer Streifen, der Himmel. Dann geht's auf Saumpfaden im Zickzack aufwärts. Ein Glück, daß ich schwindelfrei bin! Aber ein bißchen schwummerig war mir trotzdem zumute. Nun sitzen wir ziemlich erschöpft am Rande der Schlucht und blicken in die Tiefe. Der Wasserlauf des Flusses wirkt von hier oben nur wie ein dünner Faden. Aber hinter uns tut sich eine Märchenwelt auf. Zwischen den Sandsteinfelsen blühen große Orchideen. Ein rosaroter Teppich mitten in der Wüste. Man traut seinen eigenen Augen nicht.

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Wir dampfen den Magdalenenstrom abwärts

Unser guter Onkel Tom ist manchmal ein etwas schwieriger Herr. Ich schrieb Dir doch schon, daß er öfter zum Aufbruch drängt, wenn Fernandez und ich gern noch bleiben und Landschaft, Men« sehen und Bauten näher kennenlernen möchten. Onkel Tom würde am liebsten mit dem Flugzeug von City zu City rasen und seine Geschäftsbesuche erledigen. So« bald es aber etwas interessantes Technisches zu sehen gibt, ist er bereit, wochenlang dauernde Umwege zu machen. Und wir müssen dann mit, ob wir wollen oder nicht. So hatte er vor einigen Tagen durchgesetzt, daß wir zu Schiff den Magdalenenstrom hinab« fahren, obwohl wir bei den guten und zahlreichen Flugverbindungen in Kolumbien in wenigen Stunden nach Norden gelangt wären. Aber was hilft's: Tom "Dickkopf", wie ihn Fernandez nennt, hat seinen Willen durchgesetzt. Auf dem Oberlauf des Stroms sieht man nur große, flache und recht plump wirkende Kähne, die vollbeladen stromabwärts gleiten. Stromauf ist das übrigens eine mühselige Sache.

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Da müssen Indianer die Kähne mit Seilen vom Ufer aus ziehen Eine verdammt schwere Arbeit in der Hitze! Weiter talwärts sind wir mit einem Flußdampfer stromab gefahren. Seltsame Fahrzeuge sind das. So flach, daß Kessel und Maschinen auf Deck stehen müssen. Am Heck ist ein gewaltiges Schaufelrad angebracht. Der Kapitän muß trotzdem noch höllisch aufpassen. Wenn nicht gerade Regenzeit ist, gibt es überall sehr gefürchtete Untiefen mit Sandbänken, auf denen schon mancher Magdalenendampfer festgefahren ist. Die Schiffe sehen ziemlich vorsintflutlich aus. Kabinen und Promenadendeck befinden sich auf einem Aufbau, Gott sei Dank eine etwas luftige Angelegenheit. Wir fahren piekfein erster Klasse. Ich muß meine Kabine aber immer nach wenigen Minuten wieder fluchtartig verlassen. Du kannst es drinnen einfach vor Hitze nicht aushalten. Nachts haben wir draußen auf dem Oberdeck Hängematten aufgespannt und unter Moskitonetzen ganz gut gepennt. Am liebsten halte ich mich aber auf dem unteren Deck auf. Du kannst es zwar auch hier vor Hitze kaum aushalten, aber es gibt immer was zu sehen. Da liegen und hocken die Eingeborenen in buntem Durcheinander zwischen Kisten und Fässern und Kaffeesäcken.

 

Vorhin habe ich etwas Merkwürdiges erlebt. Es war Mittagszeit. Wir hatten oben im "Salon" schon vornehm gespeist. Fernandez und Onkel Tom hielten in der Hängematte Siesta. Ich stromerte auf dem Unterdeck umher. Schleppen da zwei Kerle von der Schiffsmannschaft mehrere Schüsseln - wahre Waschkessel - auf Deck. Hast Du nicht gesehen, hocken Passagiere und Schiffsmannschaften um die dampfenden Schüsseln wie die Hühner um den Körnernapf und langen mit bloßen, nicht gerade mustergültig sauberen Händen ungeniert zu. Es war das reinste Wettangeln, wer die fettesten Bissen erwischte. Ich hab' mir auch den Speisezettel für die Massenabfütterung angesehen: gekochte Bananen, Süßkartoffeln, Fleisch und Fisch. Das gibt es etwas eintönig dreimal am Tage. Das Erscheinen der bis zum Rand gefüllten Blechschüsseln an Deck ist die einzige Sensation in dem täglichen Einerlei an Bord. -Aber heute passierte doch noch etwas. Wir kamen mit unserem talwärts fahrenden Dampfer gerade zurecht, als ein stromauf ziehendes Schiff von einem unter Wasser in der Strömung schwingenden Baumstamm gerammt wurde. Solche heimtückischen Rammböcke sind neben den Sandbänken hier die größte Gefahr. Der Dampfer bekam am Bug, dicht unter der Wasserlinie, ein Loch und sackte im Handumdrehen bedenklich weg. Auf dem Deck entstand ein wildes Durcheinander. Weiber kreischten, die Mannschaften bemühten sich, die Ladung, die ins Rutschen gekommen war, zu retten. Wir gingen längsseits und nahmen die Passagiere über. Mehr Raum war nicht zur Verfügung. Mannschaft und Ladung. Inzwischen saß der havarierte Dampfer auf Grund, und die Mannschaft hoffte auf einen Hilfsdampfer, den wir vom nächsten Hafen aus heraufschicken sollten.

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Klein -Venedig auf Pfählen

Nahe der Mündung des Magdalenenstroms haben wir uns von Indianern in ein Pfahldorf rudern lassen. Das sind zum Teil uralte Siedlungen, die schon die ersten spanischen Eroberer gesehen haben. Das Dorf ist weit ins Wasser hinausgebaut, weil es da draußen keine Moskitos gibt. Wir fuhren im Boot die "Dorfstraße" entlang. Hier soll es Indios geben, die ihr Leben lang nie auf festem Land gestanden haben. Sie leben auf Pfählen oder im Boot und mit ihnen auch das Hausgetier. Da gackern Hühner auf einem kleinen Hof; dort wühlen Schweine in den Abfällen an den Hütten. Unter ihnen gluckert das Wasser. Der besondere Stolz der "Wasserdörfler" sind aber ihre kleinen Gärten auf Pfählen. Man hat da Erdreich aufgehäuft, und es wächst und grünt, obwohl die ganze Sache eigentlich buchstäblich "in der Luft hängt".-Aus jeder Hütte gucken neugierige Gesichter!

 

Unsere Fahrt durchs Dorf wurde die Sensation des Tages. Wie anderswo auf dem Land die Kinder hinter den Fremden herlaufen und Männer und Frauen auf der Plaza zusammen» kommen, um die seltsamen fremden Gäste eingehend zu mustern, so fuhr hier bald eine Menge Boote mit Dorfbewohnern neben und hinter uns, um die vornehmen Besucher gebührend zu bestaunen. Von den Pfahlrosten bellten die schmutzigen Dorfköter hinter uns her.

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Der Freiheitsheld Simon Bolivar

Schon in Caracas, der Hauptstadt von Venezuela, war uns in einem Park das Denkmal eines Mannes aufgefallen, von dem es auch in kolumbianischen Städten Standbilder gibt. Es ist der in ganz Südamerika verehrte Freiheitskämpfer Simon Bolivar. Südamerika ist doch jahrhundertelang Kolonialland gewesen. Nur in Paraguay hatten die Jesuiten einen fast selbständigen Staat gegründet, der sich aber nicht lange halten konnte. Ich habe Dir in einem früheren Brief schon davon geschrieben. Es hat viele Jahre gedauert, bis sich die südamerikanischen Länder von der spanischen Herrschaft freikämpfen konnten. Dabei hat sich Simon Bolivar besonders ausgezeichnet. Er wurde in Caracas als Sohn spanischer Eltern geboren und verbrachte seine Jugend in England und Frankreich. Dort gab es ja so um 1800 allerhand zu sehen und zu erleben. Damals redeten die Menschen in Europa besonders viel von Freiheit und Gleichheit. Dann kam Napoleon und krempelte ganz Europa um. Simon Bolivar sah sich die Kaiserkrönung Napoleons in Paris an. Na, und als er sich in Europa ordentlich umgeschaut hatte, fuhr er nach Venezuela zurück und dachte sich: Wenn man in Europa so frei und in eigenen Staaten leben kann, warum sollte denn das hier bei uns in Südamerika nicht auch möglich sein? Warum sollen unsere Leute denn nur immer für andere schuften? Wir könnten doch ein eigener, selbständiger Staat werden.

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 Dann hat er mit anderen zusammen die Sache in die Hand genommen. Einfach war es nicht, da gab es feindliche Parteien und Streit im eigenen Lande. Da mußten blutige Schlachten geschlagen werden. Aber Bolivar hat es geschafft, wenn er auch später in der Verbannung gestorben ist. Weißt Du, Undank ist überall der Welt Lohn. Und aus Bolivars Lieblingsidee, aus Venezuela, Kolumbien und Ekuador einen Staat "La Gran Colombia" zu machen, ist nichts geworden.

 

Alle vier Wochen Revolution

Wie sie nun plötzlich frei und die spanische Herrschaft los waren, haben sich die südamerikanischen Länder erst mal richtig zusammenrappeln müssen. Da gab's noch Grenzstreitigkeiten und Parteien und die Großgrundbesitzer und die armen Peonen und das Militär. Die wollten nicht immer alle in derselben Richtung marschieren. Und die Indios interessierten sich überhaupt kaum für die neuen Staaten und Länder. Sie durchstreiften den Urwald, die Pampas und die Kordilleren genau so wie früher und kümmerten sich den Deibel um die neuen Staatsgrenzen. Richtig zur Ruhe gekommen sind die neuen Staaten bis heute noch nicht. So brave Staatsbürger wie bei uns gibt's hier drüben nur wenige. In dem heißen Klima und bei dem hitzigen Temperament, das die Südamerikaner von den Spaniern geerbt haben, entstehen hier schnell Aufstände und Revolutionen von Leuten, die mit der bestehenden Regierung nicht einverstanden sind. Da jagt eine neue Partei die Regierung der anderen zum Teufel.

 

Der Präsident dankt ab oder geht außer Landes. Ein paar Schüsse fallen, eine Menschen» menge zieht mit Fahnen und Rufen durch die Straßen, es gibt ' auch ein paar Tote - aber so schlimm, wie es aussieht, ist das alles nicht. Für kurze Zeit hat die andere Partei gesiegt. Viel« leicht wird sie übermorgen schon wieder gestürzt.

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Abschied von Südamerika

Mein lieber Jupp! Jetzt kommt ein feierlicher Augenblick. Dein Freund Pünneberg ist drauf und dran, Südamerika zu verlassen und durch den Panamakanal nach Mexiko zurückzukehren. Er beschließt hiermit seinen südamerikanischen Reisebericht. Morgen starten wir von Barranquilla nach Panama. Zu Lande gibt es nämlich von Kolumbien nach Panama immer noch keine bequeme Verbindung. Es sind noch weithin dieselben unzugänglichen Gebiete, wie sie einstmals schon den Conquistadoren zu schaffen machten. Südamerika hat nur eine ganz schmale Landverbindung nach Norden.

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Fahrt durch den Panamakanal

Sind soeben in der Stadt Panama angekommen. Der Flug war wieder sehr interessant. Im Staate Panama noch ganz unberührte Urwaldgebiete. Großer Gegensatz zur Kanalzone. Dort ist alles ganz modern und nordamerikanisch. Auf den Dienstgebäuden weht das Sternenbanner, die Flagge der Vereinigten Staaten. Schiffe aller Nationen warten auf Durchfahrt. Keine Zeit mehr für ausführlichen Brief. Gehen in wenigen Minuten an Bord. Schreibe unterwegs weiter. - Soeben erste große Schleuse passiert. Gewaltige Anlagen. Mehrere Schleusentreppen soll es geben, bis man den Atlantischen Ozean erreicht. Die Schiffe müssen also regel= recht von einem Meeresspiegel zum anderen klettern und dabei um z6 Meter gehoben und wieder gesenkt werden. Der Kanal ist über 90 Meter breit. Erfahre eben, daß die etwa 80 Kilometer lange Fahrt gut sieben Stunden dauert, habe also Zeit, etwas ausführlicher zu erzählen.

 

Ein Wunderwerk der Menschheit

Vom Schiff aus kann man sich deutlich vorstellen, welche Schwierigkeiten der Bau des Kanals gemacht haben muß. Der Plan, an dieser Stelle die Landenge zu durchstechen, hatte übrigens schon lange bestanden. Aber erst im vorigen Jahrhundert ging man wirklich daran, den Bau durchzuführen. Du weißt doch, lieber Jupp, daß damals in den sechziger Jahren der Suezkanal fertig geworden ist, der den Seeweg nach Indien durchs Mitelmeer öffnete. Der Erbauer, der Franzose Ferdinand Lesseps, ging nun an die zweite Aufgabe seines Lebens: den Bau des Kanals in Panama. Das wurde aber ein unglückliches Unternehmen mit unsäglichen Schwierigkeiten. Da mußte z. B. erst ein wilder Fluß gebändigt werden, der in der Regenzeit binnen zwölf Stunden bis sechs Meter anstieg. In einem See wollte man die Wassermassen aufstauen. Tausende von Arbeitern gingen an tropischen Krankheiten zugrunde. Riesensummen wurden in das Unternehmen hinein gesteckt. Aber immer wieder rutschten die Uferböschungen ab. Das große Werk wollte und wollte nicht gelingen. Da erschienen die Nordamerikaner auf dem Plan. Sie hatten an dem neuen Kanal verständlicherweise das meiste Interesse. Wenn sie z. B. von New York zu Schiff nach San Francisco fahren wollten, war das bisher nur um Südamerika herum durch die Magellanstraße möglich. Der neue Weg durch den Kanal aber würde weit um die Hälfte kürzer sein! - Also wurden nun zunächst erst mal die Moskitos vernichtet, die die gefährlichen Krankheiten übertrugen. Man trocknete alle Wasserflächen in der Nähe aus oder goß Petroleum darauf, um die gefährlichen Biester zu beseitigen. Dann mußte man einen 150 Meter hohen Hügel durch« stechen. Das war die schwierigste Arbeit, weil das brüchige Gestein immer wieder nachrutschte. Ja, und schließlich mußte der berüchtigte Chagrinfluß zu einem See angestaut werden.

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Im August 1914 war das mühselige Werk endlich vollendet. Inzwischen brach der Erste Weltkrieg aus, und die amerikanischen Kriegsschiffe konnten schon auf dem neuen, kurzen Weg in den Pazifik fahren.

 

Die Amerikaner planen einen neuen Kanal

Jupp, überleg Dir mal, was der Kanal für den Weltverkehr bedeutet. Man kann das ganz einfach von der Karte ablesen. Ich stelle mir z. B. vor, unser Onkel Tom hätte zu Schiff von Valparaiso nach New York fahren wollen. Früher wäre das eine umständliche Sache gewesen: südwärts um den ganzen Südamerikanischen Kontinent herum. Jetzt führt der Seeweg fast geradewegs nach Norden und ist beinahe nur noch halb so lang. Die ganze Welt hatte eine neue Verkehrsstraße erhalten. Kein Wunder, daß der Kanal heute kaum noch ausreicht! Es ist ein tolles Gedränge in den Häfen an den Kanalausgängen. Und die größten Schiffe kommen man eben knapp noch durch. Onkel Tom erzählt uns gerade, daß die Vereinigten Staaten schon seit längerer Zeit an einem neuen Kanalprojekt arbeiten, weiter nördlich in Nikaragua, um den Panamakanal zu entlasten. Wie weit der Bau schon gediehen ist, weiß er aber auch nicht genau. - Eben wieder eine Schleuse passiert. Wurden um 10 Meter gesenkt. Haben jetzt wohl ungefähr Meeresspiegelhöhe des Atlantik erreicht. Es wirkt fast spukhaft, wie lautlos das Durchschleusen vor sich geht.

 

Abschied von Onkel Tom

Onkel Tom hat in Colon ein Telegramm seiner Firma vorgefunden. Soll auf schnellstem Wege mit dem Flugzeug nach New York zurückkommen, da man ihn als Generalvertreter für Australien und die Südsee ausersehen hat. Also wird heute abend Abschied gefeiert. Selbst der unerschütterliche Onkel Tom ist ein bißchen gerührt, daß wir uns nun trennen müssen. Er klopft mir väterlich auf die Schulter und fragt so nebenbei: "Wie wäre es, Mister Conny, wenn du mit nach Australien kämst?" - Du lieber Himmel, was soll man da sagen! Was für ein Angebot! Jupp, stell Dir vor: nach Australien und in die Südsee! Der genaue Termin und alles Drum und Dran stehen zwar noch nicht fest. Aber Dein Freund Pünneberg hat doch vorsorglich ja gesagt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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